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Full text of "Die Schriften des Uriel da Costa"

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Ú 


BIBLIOTHECA  SPINOZANA 
CURIS  SOCIETATIS  SPINOZANA: 

TOMUS  II. 


KURT    L.  SCHWARZ 

b  □  □  ks  eller 
Beverly  Hills,  California 


DIE  SCHRIFTEN  DES 

URIELdaCOSTA 

MIT  EINLEITUNG  /  ÜBERTRAGUNG  UND 
REGESTEN  HERAUSGEGEBEN  VON 

CARL  GEBHARDT 


MCMXXII 

CURIS  SOCIETATIS  SPINOZAN/E 

AMSTERDAM:  MENNO  HERTZBERGER  /  SINGEL  155 
HEIDELBERG:  CARL  WINTERS  UNIVERSITÄTSBUCHHANDLUNG 
LONDON:  OXFORD  UNIVERS  ITY  PRESS /AMEN  CORNER 


EINLEITUNG:  DA  COSTA  UND 
DAS    M A R R A N E N P R O B L E M 


Alç  Tw  auTto  7toTa(i(j)oux  eoTiv  e(i.ß7)vat.  Herakleitos. 


Einleitung  VII 


Als  ein  düftrer  Schatten  geht  Uriel  da  Cofta  durch  die 
neuere  Geiftesgefchichte .  Dichter  haben  ihn  zum  Helden 
ihrer  Schöpfungen  gemacht  und  fein  Gefchick  ift  bekannt 
wie  kaum  das  eines  andren  Denkers.  Aber  noch  hat  die 

5  Wiffenfchaft  die  Frage  kaum  aufgeworfen,  gefchweige 
denn  beantwortet:  welches  war  der  Sinn  diefes  Schick- 
fals?  Als  individuelles  Erlebnis  böte  es  kaum  mehr  als 
anekdotifches  Intereffe.  Bedeutung  kann  es  nur  dadurch 
erhalten,  daß  fich  in  ihm  das  'Gefchick  eines  Volkes  voll- 

io  zieht,  und  daß  fein  Weg  zu  einem  Ziele  führt.  Diefes  Volk 
find  die  Marranen,  das  Ziel  die  Philofophie  Spinozas. 


VIII 


Einleitung 


DIE  GRÜNDUNG  DER 
SEPHARDISCHEN  GEMEINDE  IN  AMSTERDAM 

Das  Gefchick  da  Coitas  verkörpert  die  Problematik 
jener  Gemeinde,  die  portugiefifche  Juden,  dem  Chriften- 
tum  und  den  Nachftellungen  der  Inquifition  entfliehend,  5 
neue  Heimat  und  Sicherheit  der  Religionsübung  fuchend, 
in  Amfterdam  gegründet. 

Zwei  urkundliche  Zeugniffe  vermitteln  von  der  Grün- 
dung diefer  Gemeinde  Kenntnis. 

Das  erfte  Zeugnis  ift  eine  Erzählung,  die  der  Dichter-  10 
Chronift  Daniel  Levi  de  Barrios  in  feiner  Caja  de  Jacob 
(Amfterdam  1684,  S.  8  f.)  aus  alter  Tradition  weitergibt 
und  die  folgenden  Wortlaut  hat: 

Alle,  die  den  Namen  des  Herrn  anrufen,  werden 
gerettet  werden,  verkündet  der  Prophet  Joel.  Unter  dem  T5 
Schrecken  der  grau/amen  Inquifition  rief  ihn  Mayor  Rodri- 
gues an,  um  gerettet  zu  werden  mit  ihrem  Gemahl  Gafpar 
Lopez  Homem,  ihren  Söhnen  Manuel  und  Antonio  Lopez 
Pereyra  und  ihren  Töchtern  Maria  Nunez  und  Jufta  Pe- 
reyra. Manuel  und  Maria  fchifften  fich  nach  Holland  ein  20 
zufammen  mit  ihrem  Oheim  Miguel  Lopez  im  Jahre  jüdi- 
fcher  Zeitrechnung  5353,  das  dem  Jahre  1593  chriftlicher 
Zeitrechnung  entfpricht.  Die  Engländer,  die  Krieg  gegen 
Spanien  führten,  nahmen  jene  Seefahrer  gefangen,  und  ein 
englifcher  Herzog,  verliebt  in  die  feltene  Schönheit  der  2  5 
Maria  Nunez,  warb  um  fie  mit  folchem  Liebesübermaß,  daß 
die  Königin  Elifabeth  von  England,  von  feiner  Liebe  unter- 
richtet, befahl,  fie  zu  ihr  zu  bringen.  Sie  bewunderte  ihre 
Schönheit  und  ihre  Befcheidenheit  und,  indem  fie  das  Schiff 
mit  Rückficht  auf  fie  mit  freundlichen  Verfprechen  freigab,  3° 
fetzte  fie  fie  in  ihren  Wagen,  um  den  Londonern  das  Wunder 
einer  Schönheit  zu  zeigen,  die  fich  nicht  den  Liebesfchwüren 
und  den  ehrenvollen  und  vorteilhaften  Anerbieten  ergab, 
fondern  alle   Pracht  Englands  für  das  Judentum  ver- 


Einleitung 


IX 


fchmähte,  das  fie  in  Am  fiter  dam  beobachtete.  Im  Jahre  1598, 
als  ihre  Mutter  Mayor  Rodriguez  mit  ihren  Kindern  An- 
tonio Lopez  Pereyra  und  der  berühmten  Jufla  Pereyra  von 
Portugal  kamen,  wurde  die  Ehe  gefchlo/fen  zwifchen  Manuel 
5  Lopez  Homem  und  der  heldenhaften  Maria  Nunez,  und 
zwifchen  Jufla  Pereyra  und  ihrem  Vetter  Francisco  Nunez 
Pereyra.  Auf  ihrer  Hochzeit  waren  vierundzwanzig  Ge- 
fchwifterkinder  der  Brautleute,  J amtliche  erwachfen,  und 
feierten  fie  mit  Tänzen,  mit  Mufik  und  verfchiedenen  Spie- 

10  len.  Antonio  Lopez  Pereyra  wurde  nachher  Groß zahlmeifter 
des  Königs  von  Spanien  und  Vogt  des  Herzog-Grafen.  Die 
berühmte  Jufla  Pereyra,  im  Schmerz  über  den  Tod  zweier 
Söhne,  den  fie  der  Verzögerung  in  der  Befchneidung  ihres 
Gatten  zufchrieb,  trennte  /ich  von  ihm,  bis  er  fich  durch  die 

15  Hand  des  Uri  Levi  befchneiden  ließ.  Er  nannte  fich  in  der 
Befchneidung  David  Abendana,  und  fein  Weib  Jußa  Abi- 
gail, und  aus  diefer  heiligen  Ehe  ging  der  Rabbiner  Ma- 
nuel Abendana  hervor. 

Die  hiftorifche  Glaubwürdigkeit  diefer  Erzählung  findet 

20  ihre  Stütze  in  einem  Document  der  Zeit,  von  der  der  Bericht 
geht.  In  den  Amfterdamer  Trauungsbüchern  heißt  es : 

Am  25.  Auguß  1598  erfchienen  vor  Lauris  Jacobfz  und 
Herrn  Pieter  Schaep  Duarte  Serayva  aus  Amarante  in 
Portugal,  26  Jahre  alt,  in  Lißabon  wohnhaft,  Wittwer  von 

25  Brüte  Rodriguez,  einer feits,  und  Maria  Nunez  aus  Saa  do 
Porto  in  Portugal,  19  Jahre  alt,  begleitet  von  Herrn  Pedro 
Homem,  ihrem  Vater,  und  Branca  Nunnez,  ihrer  Mutter, 
andrer  feits,  und  gaben  an,  daß  fie  einander  verlobt  und  in 
Treue  verbunden  feien,  indem  fie  um  ihr  dreimaliges  fonn- 

30  tägliches  Aufgebot  nachfuchten,  um  danach  die  vorge- 
fchriebene  Trauung  zu  feiern  und  alles  zu  vollziehen,  fofern 
kein  anderweitiges  Hindernis  entgegenftehe,  und  nachdem 
fie  auf  alles  gehörig  geantwortet  hatten,  wurden  ihnen  ihre 
Gefuche  bewilligt.  Gez.  Maria  Nunez.  Gez.  Duarte  Sarajua. 


X 


Einleitung 


Am  28.  November  1598  er  Schienen  vor  Herrn  Jacob/z 
Rofencranz  und  Herrn  Pieter  Schaep  Manuel  Lopes  Home 
aus  Porto  in  Portugal,  2j  Jahre  alt,  wohnhaft  auf  dem 
Oudezijdsvoorburghwal,  begleitet  von  Herrn  Pero  Home, 
feinem  Vater  und  Maria  Nunnez,  feiner  Mutter  und  Miguel  5 
Lopes  Home  feinem  Oheim  einerfeits,  und  Maria  Nunez 
aus  LiJJabon,  23  Jahre  alt,  wohnhaft  wie  oben,  begleitet  von 
Herrn  Duarte  Fernandez,  der  erklärte,  in  Liffabon  zugegen 
gewefen  zu  fein,  daß  der  Vater  in  die  Heirat  einwilligte,  und 
von  Manoel  Lopez  Pereira,  ihren  Bruder,  andrerfeits  und  10 
gaben  an  ufw.  Gez.  Manuel  Lopez  Home.  Gez.  Maria  Nunez. 

Die  Bedeutung  der  Erzählung  Daniels  de  Barrios  liegt 
darin,  daß  fie  das  doppelte  Motiv  klarlegt,  das  die  iberi- 
fchen  Neuchriften  aus  ihrer  Heimat  trieb,  nachdem  fie  in 
einem  Jahrtaufend  wechfel voller  Gefchichte  dem  Juden-  15 
tum  dort  eine  neue  Cultur  geformt  und  nachdem  man  zu- 
letzt ein  Jahrhundert  hindurch  verfucht,  fie  dem  in  Sym- 
biofe  ihnen  verbundenen,  aber  durch  Religion,  Sprache, 
Denken,  Sitte  und  Tradition,  kurz  in  allen  organifchen 
Formen  des  Lebens  von  ihnen  gefchiedenen  Volke  mecha-  20 
nifch-gewaltfam  anzugleichen.  Das  Motiv  war  auf  der 
einen  Seite  die  Furcht  vor  der  Inquifition,  die  fich  nicht 
mit  der  äußerlichen  Übernahme  der  chriftlichen  Formen 
begnügte,  fondern  auch  die  innerliche  Reception  des  Chri- 
ftentums  mit  Gewaltmaßnahmen  erzwingen  wollte  und  25 
dem  leifeften  Verdacht  eines  inneren  Fefthaltens  an  der 
Religion  der  Väter  mit  Folter,  Kerker  und  Scheiterhaufen 
begegnete.  Das  andere  Motiv  war  die  Sehnfucht  zum 
Judentum,  der  die  Sicherheit  des  Lebens  nicht  genügte, 
fondern  die  jener  vom  Gefetz  umhegten  geiftigen  Heimat  30 
zuftrebte.  England  kannte  keine  Inquifition,  aber  es 
verbot  aus  mittelalterlichen  Zeiten  her  bekenntnistreuen 
Juden  die  Niederlaffung.  Darum  fuchte  der  Wille  zum 
Judentum  neue  Küfte,  und  Holland  wurde  fein  Afyl. 


Einleitung 


XI 


Das  zweite  Zeugnis,  das  die  Gründung  der  Gemeinde 
darftellt,  ift  eine  kleine  Druckschrift,  die  1 710  in  Amfter- 
dam  erfchien  und  folgenden  Wortlaut  hat : 

Denkfchrift  für  die  künftigen  Jahrhunderte.  Die  berühmten 
5  Rabbinen  der  feiige  R.  Mofe  Uri  Levi  und  fein  Sohn  Aaron 
Uri  ha-Levi,  mein  Vater  und  Herr  waren  Einwohner  von  Em- 
den in  der  Provinz  Oftfriesland.  Sie  hatten  über  die  Türe  ihres 
Haufes  gefchrieben:  D^JMl  örtffl  fiBK  d.h.  Wahrheit  und 
Friede  ift  die  Grundlage  der  Welt,  und  darunter  die  lateinifche 
10  Überfetzung.  Nun  gefchah  es,  daß  im  Jahre  1604  zwei  Schiffe 


XII 


Einleitung 


in  diefer  Stadt  anlangten,  die  von  Spanien  kamen  und  zehn 
fpani/che  Juden  mitführten,  nämlich  Verbannte  und  vier 
Kinder,  mit  Kaufmannsgut  beladen  und  mit  dem  Mobiliar 
und  Hausgerät,  das  fie  mit  fich  führten,  /teilte  es  ein  großes 
Capital  dar.  Einige  diefer  Juden  oder  Schiff spaff agiere ,  5 
die  an  Land  kamen  und  durch  die  Stadt  gingen,  fahen  eine 
gefchlachtete  Gans  in  das  Haus  meines  Großvaters  tragen 
und  wurden  aufmerkfam  auf  die  Devife,  die  in  hebräifcher 
Schrift  war,  und  die  fie  nicht  lefen  konnten.  In  ihrer  Her- 
berge angekommen  jagten  fie  dem  Wirt,  Jie  möchten  an  Jo 
die  fem  Tage  zum  Mittageffen  eine  Gans.  Der  Wirt  ging, 
eine  zu  kaufen,  und  indem  er  in  das  Haus  meines  Groß- 
vaters trat,  fah  er  eine  fehr  fette  gefchlachtete  Gans  auf  dem 
Tifch.  Er  f uchte  die  Gans  zu  kaufen,  indem  er  fagte,  es 
feien  einige  reiche  Kaufleute  aus  Spanien  hergekommen,  lS 
die  große  Luft  hätten,  eine  fette  Gans  zu  effen.  Mein  Groß- 
vater entfchuldigte  fich,  indem  er  fagte,  diefe  hätte  er  für  fich 
felbft  beftellt.  Der  Wirt  drang  aber  fehr  in  ihn,  fie  ihm  zu 
verkaufen,  und  fchließlich  gab  er  ihm  die  Gans  unter  der 
Bedingung,  daß  er  ihm  eine  andere  lebende  Gans  von  20 
gleicher  Befchaffenheit  wie  diefe  gäbe.  Der  Goi  begab  fich 
fehr  zufrieden  mit  der  Gans  nach  Haufe  und  als  er  fie 
feinen  jüdifchen  Gäften  vorwies,  fagten  diefe,  die  fei  fo  fett, 
daß  fie  fie  gar  nicht  effen  könnten,  und  als  fie  ihn  f rügen, 
von  wo  er  fie  gekauft  hätte,  entgegnete  er:  von  dem  Juden.  2  5 
Da  fagten  die  Verbannten  wie  verwundert:  wie  denn,  gibt 
es  hier  Juden?  Der  Goi  erwiderte:  ja,  und  zwar  habe  er 
über  feiner  Türe  eine  Devife  auf  Hebräifch.  Zwei  von 
den  Paff  agieren  begaben  fich  am  folgenden  Tag  zu  dem 
Haus  meines  feiigen  Großvaters.  Als  fie  ihn  auf  Spanifch  3° 
anredeten,  konnte  er  fie  nicht  verfiehen  und  rief  feinen  Sohn 
Aaron,  meinen  feiigen  Vater,  daß  er  mit  ihnen  fpräche. 
Sie  fagten  ihm,  fie  möchten  mit  ihm  insgeheim  fprechen 
und  nachdem  fie  alle  in  ein  Zimmer  getreten  waren,  offen- 


Einleitung 


XIII 


harten  fie  fich  meinem  Vater:  fie  feien  hierher  mit  zwei 
Schiffen  aus  Spanien  gekommen,  insgefamt  zehn  Kauf- 
leute und  vier  Kinder,  und  fie  wünfchten  [ich  befchneiden 
zu  laffen,  weil  fie  Söhne  Ifraels  wären.  Darauf  erwiderte 
5  ihnen  mein  Vater,  das  laffe  fich  in  diefer  Stadt  nicht  aus- 
führen,  weil  alle  Lutheraner  feien,  die  der  Religion  Luthers 
folgten.  Er  zeigte  ihnen  aber  ein  Gemälde,  das  er  im  Haufe 
hatte  und  auf  dem  die  Stadt  Amfterdam  gemalt  war,  und  er 
zeigte  ihnen  auf  die  fem  Bild  einen  Turm  namens  Monkel- 

io  baens-Turm,  und  wenn  fixe  nach  diefer  Stadt  gekommen 
feien,  möchten  fie  ein  Haus  in  der  Junkerfiraße,  dem  Turm 
gegenüber  weiter  oben  mieten  und  ein  Zeichen  anbringen, 
damit  das  Haus  zu  finden  wäre;  denn  in  Zeit  von  zwei 
oder  drei  Wochen  wäre  er  gleichfalls  dort.   Demgemäß  be- 

!5  gaben  fixe  fich  nach  Amfterdam  und  nahmen  ein  Haus,  wo 
er  ihnen  gefagt,  gegenüber  dem  Turm,  den  die  Portugiefen 
danach  den  Aaronsturm  nennen,  und  fo  begab  fich  mein 
feiiger  Großvater  und  Vater  nach  Amfterdam,  um  jene 
Herren  aufzufuchen,  und  fanden  fie  in  der  Straße  an  dem 

20  Zeichen,  wie  fie  ihnen  gefagt  hatten,  und  als  fie  kamen, 
freuten  diefe  fich  fehr,  und  fie  befchnitten  fie  alle,  zehn 
Männer  und  vier  Kinder,  und  nahmen  ein  Zimmer,  in 
dem  fie  alle  Tage  mit  großer  Andacht  ihr  Gebet  verrich- 
teten. 

25  Einige  Wochen  darauf  er fiatteten  die  in  der  Nähe  wohnen- 
den Flamländer  dem  Gerichte  Bericht,  daß  fich  hier  Leute  auf- 
hielten, die  von  Spanien  kämen  und  fich  von  zwei  auswärtigen 
Juden  befchneiden  ließen  und  die  Tag  für  Tag  ihr  Gebet  in 
einem  befonderen Zimmer  verrichteten.  Als  die HerrenBürger- 

30  meifter  das  hörten,  gaben  fie  Befehl,  meinen  Großvater  und 
meinen  Vater  gefangen  zu  nehmen,  wie  denn  auch  gefchah. 
Als  fie  einige  Tage  gefangen  waren,  brachte  man  fie  vor 
die  Herren  Bürgermeifter  und  frug  fie,  wer  ihnen  die  Er- 
mächtigung dazu  gebe,  hier  eine  neue  Judenreligion  ins 


XIV 


Einleitung 


Leben  zu  rufen  und  diefe  Leute,  die  von  Spanien  kommen, 
zu  befchneiden;  ihr  feid  Menfchen,  die  den  Tod  verdienen. 
Mein  Großvater  und  Vater  entgegneten  den  Herren  Bürger- 
meißern:  In  Wahrheit  tun  wir  es  zum  Nutzen  und  Vorteil 
diefer  Stadt  Amßerdam,  um  ße  zu  großem  Handel  gelangen  5 
zu  laßen.  Wir  hätten  es  wohl  an  anderen  Orten  tun  können, 
die  uns  jede  Freiheit  gewähren  wollten,  aber  wir  haben  es 
getan,  um  diefe  Stadt  zu  großem  Seehandel  gelangen  zu 
laßen.  Denn  diefe  Leute  aus  Spanien  brächten  große  Capi- 
talien  und  Reichtum  mit  fich;  falls  die  Herren  bereit  wären,  10 
diefen  Leuten  aus  Spanien  freie  Aufenthaltsbefugnis  am 
Orte  zu  geben,  fo  ver  fichem  wir  den  Herren  Bürgermeiftern, 
daß  fie  binnen  Jahresfrift  hier  mehr  als  fünfzig  Häufer 
von  diefer  Nation  aus  Spanien  und  Portugal  mit  großen 
Capitalien  haben  werden  und  daß  fie  die  Stadt  Amfterdam  15 
an  die  Spitze  aller  europäifchen  Handelsplätze  /teilen  wer- 
den, weil  zuvor  Amfterdam  wenig  Handel  hatte.  Als  die 
Herren  Bürgermeißer  das  von  meinem  Großvater  und 
meinem  Vater  hörten,  frugen  ße,  wo  diefe  Leute  ßch  auf- 
hielten. Sie  erwiderten:  In  dem  Haufe,  in  dem  die  Herren  20 
uns  gefangen  nehmen  ließen.  Gleich  ließ  man  ße  vor  die 
Herren  Bürgermeißer  rufen,  aber  als  die  Leute  aus  Spanien 
vor  die  Herren  kamen,  ver  fanden  ße  nur  Spanifch  und 
Lateinifch  zu  fprechen  und  daher  begannen  die  Herren 
lateinifch  mit  ihnen  zu  fprechen  und  examinierten  ße,  25 
fanden  aber  alles  wahrheitsgemäß,  wie  es  ihnen  mein  Groß- 
vater und  Vater  gefagt,  und  da  ße  ihnen  in  Bälde  diefe 
Freiheit  gaben,  kamen  viele  höchst  angefehene  Häufer  von 
Spanien  und  Portugal  mit  großen  Capitalien  herüber.  Als 
die  Herren  das  hörten,  waren  ße  fehr  befriedigt  und  ließen  30 
uns  nach  Haufe.  Später  ließen  die  Herren  meinen  feiigen 
Großvater  und  Vater  rufen  und  jagten:  Eure  Worte  über 
die  Leute  von  Spanien  haben  ßch  erfüllt;  es  iß  gut  fo; 
wir  befchließen,  ihnen  alle  Freiheit  der  Welt  zu  geben,  um 


Einleitung 


XV 


fich  hier  aufzuhalten  und  euer  Gefetz  und  eure  Religion  frei 
zu  beobachten,  und  ein  Haus,  um  euer  Gebet  zu  verrichten. 
Als  fie  das  hörten,  dankten  mein  Großvater  und  Vater  den 
Herren  Bürger meiftern  fehr  und  begaben  fich  in  großer 
5  Freude  nach  Haufe  und  brachten  den  fpanifchen  Juden 
diefe  Neuigkeit,  die  fie  umarmten  und  vor  Freude 
Tränen  vergo  ff en  und  Gott  priefen  für  die  Gnade,  die 
er  an  ihnen  getan.  Sie  fchrieben  dementfprechend  nach 
Spanien  und  Portugal  von  der  Freiheit,  die  ihnen  die 
■  io  Herren  Bürgermeifter  verliehen,  und  nach  dem  kamen  viele 
Häufer  von  Spanien  und  Portugal,  um  fich  hier  in  diefer 
Stadt  niederzulaffen,  und  mein  Großvater  war  ihr  Rabbiner 
und  mein  Vater  ihr  Vorbeter,  und  fie  befchnitten  fie  und 
wurden  die  Urheber  diefer  hl.  Gemeinde,  und  er  fchrieb 

15  ihnen  die  Ordnungen  und  Regeln  vor,  wie  fie  ihre  Verwal- 
tung nach  göttlicher  Obfervanz  einrichten  follten,  die  Gott 
gedeihen  laffe  für  immer,  Amen.  Wie  die  deutfchen  und 
polnifchen  Juden  hörten,  daß  hier  fpanifche  und  portu- 
giefifche  Juden  wohnten,  kamen  fie  gleichfalls  hier  zu 

20  wohnen,  und  nahmen  fich  jede  Ermächtigung  bis  auf  diefen 
Tag.  Der  Herr  fei  gelobt  für  die  große  Gnade,  die  er  an 
uns  getan  und  er  laffe  kommen  unfer  Gut  mit  der  Ankunft 
unfres  Meffias.  Amen. 

Amfterdam,  am  2.  Dezember  ij  10. 

25  Uri,  Sohn  des  Aron  ha-Levi,  Sohn  des  Rabbiners  R.  Mos- 
feh  Uri  Levi,  Gründer  diefer  hl.  Gemeinde,  die  Gott  gedeihen 
laffe  durch  viele  Jahre.  Amen. 

Mag  diefe  Denkfchrift  auch  in  ihrer  Fafiüng  apokryph 
fein  und  darauf  ausgehen,  die  Stellung  des  Mofe  Uri  ha- 

30  Levi  bedeutungsvoller,  fein  Verdienft  größer  erfcheinen 
zu  lallen,  als  fie  waren,  fo  ift  doch  der  wefentliche  Inhalt 
der  Darfteilung  von  der  portugieüfchen  Gemeinde  jener 
Zeit  als  glaubhaft  beftätigt,  denn  in  einer  Urkunde,  die 
dem  Ifaak  Levi,  einem  Urenkel  des  Mofe  Uri  ha-Levi  im 


XVI 


Einleitung 


März  1 719  ausgeftellt  wurde,  heißt  es:  Jedermann  Jei  es 
hiermit  zur  Kenntnis,  fo  wie  es  in  den  Chroniken  für  die 
künftigen  Gefchlechter  aufgezeichnet  iß,  daß  der  Wohledele 
und  Hochgelahrte  Herr  Uri  Levi  eine  ruhmeswürdige  und 
fehr  edle  That  verrichtet,  indem  er  der  erfle  war,  der  fich  5 
an  die  Spitze  /teilte,  um  die  portugiefifchen  Ifraeliten,  als  fie 
zuerft  aus  Spanien  und  Portugal  nach  Amsterdam  her- 
kamen, durch  Befchneidung  in  den  Bund  des  Ewigen  treten 
zu  laßen,  eine  Tat,  deren  Heiligkeit  und  Größe  jeden  mit 
Bewunderung  erfüllte  und  von  der  das  ganze  Land  redete.  10 
Nachdem  er  hierfür  fchon  die  Liebe  feiner  Brüder  im  Glau- 
ben erworben  hatte,  ließ  er  aber  feine  Wohltaten  dabei  nicht 
beruhen,  fondern  fertigte  für  die  portugiefifch-ifraelitifche 
Gemeinde  Gefetze  und  Ordnungen,  damit  fixe  wußten,  wie  fie 
fich  an  Feier-  und  F efttagen,  Sabbaten  und  Neumondfeften  15 
zu  verhalten  hätten,  wodurch  er  ihnen  den  Weg  ihres  Ver- 
haltens im  religiöfen  Leben  wies.  Auch  war  er  Vorfänger 
bei  der  Gemeinde  und  verrichtete  viele  andre  gute  Taten, 
die  an  andrer  Stelle  gefchrieben  und  gedruckt  find.  Da  es 
nun  nicht  mehr  als  billig  ift,  daß  der,  der  den  Baum  pflanzt,  20 
feine  Früchte  genieße,  und  daß  die  Folgen  der  Taten  eines 
wackeren  Mannes  auch  feinen  Kindern  und  feiner  fpäteren 
Nachkommenfchaft  zu  gute  kommen,  fo  ift  ihm  die  Ehre 
widerfahren,  daß  ihm  die  Mitgliedfchaft  der  portugiefifch- 
ifraelitifchen  Gemeinde  zu  teil  wurde.  2 5 

Die  Bedeutung  der  Denkfchrift,  als  deren  Verfaffer  oder 
Veranlaffer  Ifaak  Levi  wohl  felbft  anzunehmen  fein  wird, 
liegt  zunächft  darin,  daß  fie  auf  ein  drittes  Motiv  der 
Auswanderung  und  Einwanderung  der  portugiefifchen 
Juden  hinweift,  das  kaufmännifche.  Die  Expedition,  von  30 
der  hier  berichtet  ift  und  die  ficher  von  der  der  Maria 
Nunez  verfchieden  ift  —  fie  führt  über  Emden,  nicht  über 
London  nach  Amfterdam  und  es  fcheinen  keine  Frauen 
dabei  beteiligt  —  bringt  nicht  nur  Menfchen,  die  den 


Einleitung 


XVII 


alten  Glauben  und  eine  neue  Heimat  fuchen,  fondern 
Kaufmannsgüter  und  Capitalien.  Das  Land,  das  diefe 
Marranen  verließen,  das  spanifche  Weltreich,  war  im 
Begriffe,  durch  die  Monopole  und  Privilegien  feiner  Adels- 
5  herrfchaft  den  Handel  zu  vernichten,  während  der  Calvi- 
nismus der  Niederlande,  indem  er  die  Activität  sanctio- 
nierte,  für  die  Initiative  des  Kaufmanns  ein  neues  Welt- 
reich des  Handels  fchuf.  Wie  iich  hier  das  Intereffe  der 
auswandernden  Portugiefen  mit  dem  Intereffe  der  auf- 
10  ftrebenden  Handelsftadt  traf,  erzählt  die  Denkfchrift  in 
romanhafter  Zufpitzung,  aber  ficherlich  in  richtiger  Wie- 
dergabe von  Erwägungen,  die  auf  beiden  Seiten  obwalten 
mochten. 

Vor  allem  ftellt  uns  die  Denkfchrift  die  bedeutfame  Tat- 

J5  fache  vor  Augen,  daß  diefe  Marranen  ohne  die  geringfte 
jüdifche  Tradition,  Juden  nur  durch  das  Bewußtfein, 
Söhne  Ifraels  zu  fein,  nach  Holland  kamen,  und  daß  fie, 
Sephardim,  fich  an  einen  Afchkenas  wandten,  um  in  die 
jüdifche  Tradition  eingeführt,  mit  den  Ordnungen  und 

20  Regeln  der  göttlichen  Obfervanz  bekannt  gemacht  zu  wer- 
den. Wohl  ift  diefer  Afchkenas  nicht  Rabbiner  der  fephar- 
difchen  Gemeinde  gewefen  —  diefen  Anfpruch  der  Denk- 
fchrift fchränkt  fchon  die  Ehrenurkunde  zur  befcheideneren 
Würde  des  Chazan,  des  Vorbeters  ein  —  und  man  holte, 

25  fobald  es  angängig  war,  im  Raffenftolz  der  Sephardim 
Rabbiner  aus  der  fephardifchen  Diaspora,  aus  Fez,  aus 
Venedig,  bis  man  felbft  in  Amfterdam  Rabbiner  ausbilden 
konnte.  Wohl  aber  war  der  Afchkenas  der  erfte  Lehrer 
der  Gemeinde  im  Gefetz  des  Judentums  und  noch  heute 

30  bewahrt  die  afchkenafifche  Gemeinde  in  Amfterdam  die 
heiligen  Texte,  aus  denen  er  ihnen  vorgelefen  und  in  die 
er  die  fephardifche  Ausfprachebezeichnung  eingetra- 
gen hat. 


Einleitung 


XIX 


DIE  SPALTUNG  DES  BEWUSSTSEINS. 
Die  Gefchichte  der  Marranen  erfchöpft  iich  nicht  mit 
der  Aniiedlung  eines  vertriebenen  Volksteils  in  neuer  Hei- 
mat. Das  Marranenproblem  ift  ein  religionspfychologifches 
5  Problem  von  vollkommener  Einmaligkeit. 

Der  Marrane  oder,  wie  er  in  der  alten  Heimat  hieß,  der 
nuevo  Criftiano,  war  nicht  fchlechthin  heimlicher  Jude. 
Die  Generation  der  Großväter,  die  in  ihrer  Jugend  vom 
Edict  des  Jahres  1492  betroffen  war  und  die  ftatt  des  Exils 

10  den  neuen  Glauben  hatte  wählen  müffen,  mochte  gerade 
noch  in  jüdifcher  Tradition  unterwiefen  fein.  Die  Gene- 
ration der  Väter  überkam  nur  ganz  weniges  noch  davon, 
denn  jede  Mitteilung  durfte  nur  in  größter  Heimlichkeit 
erfolgen.  Die  Kenntnis  der  hebräifchen  Sprache  verlor 

15  iich  mit  den  talmudifchen  und  rabbinifchen  Texten,  die 
ausgeliefert  und  vernichtet  waren.  Dafür  wuchs  diefe  Ge- 
neration auf  im  Unterricht  der  katholifchen  Dogmatik  und 
der  auf  der  Antike  beruhenden  Weltcultur  der  Renaiffance. 
Was  die  Generation  der  Söhne,  das  dritte  Gefchlecht  feit 

20  dem  Hereinbrechen  der  Kataftrophe,  noch  vom  Judentum 
hatte,  war  nicht  viel  mehr  als  vage  Erinnerung  alter  Ge- 
fchichten,  fcheue  Übung  einiger  halbverftandenen  Bräuche. 
Die  Marranen  diefer  Zeit  waren  Spanier  oder  Portugiefen 
und  Katholiken,  manche  wohl  fchon  völlig  affimiliert,  die 

25  anderen  eben  darin  von  den  neuen  Glaubensgenoffen  ge- 
fchieden,  daß  fie  diefen  Glauben  nicht  iich  zu  eigen  machen 
konnten,  daß  fie  ihn  bei  fich  oder  den  Ver  trau  teften  gegen- 
über als  Idolatria  bezeichneten.  Und  während  mancher 
der  Neuchriften  den  Weg  zu  kirchlichen  Ämtern  und  Wür- 

30  den  fand,  warfen  andere  im  Trotz  den  fremden  Glauben  ab 
und  bekannten  iich  zu  einer  Religion,  von  der  fie  kaum 
mehr  etwas  wußten.  Der  Marrane  ift  Katholik  ohne  Glau- 
ben und  Jude  ohne  Wiffen,  doch  Jude  im  Willen. 

Ein  merkwürdiges,  noch  unbekanntes  Document,  frei- 


XX 


Einleitung 


lieh  nicht  aus  der  Zeit  der  erften  Einwanderung,  fondern 
aus  dem  Jahrzehnt,  da  fich  Spinoza  vom  Judentum  löfte, 
gibt  uns  Einblick  in  die  Pfychologie  des  Marranen  und 
offenbart  uns  die  Spaltung  feines  Bewußtfeins.  In  einem 
Sendfehreiben,  das  Ifaak  Orobio  de  Caftro  um  1660  an  5 
einen  vom  Glauben  abtrünnigen  Juden  richtete,  heißt  es : 

Diejenigen,  die  fich  vom  Götzendienft  in  die  Provinzen 
zurückziehen,  wo  dem  Judentum  Freiheit  verftattet  ift,  find 
von  zweierlei  Art.  Die  einen  erfüllen,  Jobald  fie  zum  er  lehn- 
ten Hajen  gelangt  find  und  das  heilige  Beftätigungszeichen  10 
empfangen  haben,  vollkommen  feinen  Willen,  indem  fixe  das 
göttliche  Gefetz  lieben  und  danach  ftreben,  foweit  ihre  Faf- 
fungskraft  reicht,  alles  zu  lernen,  was  nötig  ift,  um  gewiffen- 
haft  die  heiligen  Gebote,  Gefetze  und  Ceremonien  zu  beob- 
achten, die  fie  und  ihre  Vorfahren  im  Elend  der  Gefangen-  lS 
fchaft  vergeffen  haben.  Demütig  hören  fie  auf  diejenigen,  die, 
weil  fie  im  Judentum  aufgezogen  find  und  das  Gefetz  gelernt 
haben,  es  ihnen  erklären  können,  machen  fich  fobald  als  mög- 
lich fähig  für  Stil,  Überlieferung  und  lobenswerten  Brauch, 
wie  fie  Ifrael  in  der  ganzen  Welt  beobachtet,  jeder  nach  Stand  20 
und  Möglichkeit,  um  fein  Leben  in  den  Dienft  Gottes  zu  ftel- 
len  und  den  Irrtümern  zu  entgehen,  in  die  vordem  die  Un- 
wiffenheit  verfiel.  Diese  find  gekommen,  krank  an  Unwiffen- 
heit,  aber  da  die  furchtbare  Krankheit  des  Hochmuts  fie  nicht 
befallen,  möchten  fie  leicht  heilen,  indem  fie  die  heilfame  und  2 5 
heilige  Medicin  koften,  die  ihnen  die  Frömmigkeit  ihrer  Brü- 
der darbietet,  da  bei  ihrer  Ankunft  vom  Oberrabbiner  bis  zum 
letzten  Laien  alle  trachten  fie  zu  belehren,  damit  fie  nicht  in 
der  Beobachtung  des  göttlichen  Gefetzes  irregehen. 

Andere  kommen  zum  Judentum,  die  im  Götzendienft  einige  3° 
Profanwiffenfc haften  wie  Logik,  Philofophie,  Metaphyfik 
und  Medicin  ftudiert  haben.  Diefe  kommen  an,  nicht  weniger 
unwiffend  über  das  göttliche  Gefetz  als  die  erften,  aber  voll 
von  Eitelkeit,  Hochmut  und  Dünkel,  überzeugt,  daß  fie  in 


Einleitung 


XXI 


allen  Materien  grundgelehrt  find,  daß  fie  alles  wiffen,  und 
obwohl  fie  das  Wefentlichfte  nicht  wiffen,  glauben  fie,  fie 
wüßten  alles.  Sie  gehen  unter  das  glückliche  Joch  des  Juden- 
tums, beginnen  von  denen,  die  wiffen,  zu  hören,  was  fie  nicht 
5  wiffen,  aber  ihre  Eitelkeit  und  ihr  Hochmut  erlaubt  ihnen 
nicht,  Lehre  anzunehmen,  um  aus  der  Unwiffenheit  heraus- 
zukommen. Sie  vermeinen,  daß  fie  an  Credit  als  Gelehrte  ein- 
büßten, wenn  fie  fich  von  denen  belehren  laffen,  die  wirklich 
Gelehrte  im  heiligen  Gefetze  find,  fie  legen  große  Wiffenfchaft 

io  an  den  Tag,  dem  zu  wider fprechen,  was  fie  nicht  ver  flehen, 
obgleich  alles  wahr,  alles  heilig,  alles  göttlich  ift.  Sie  ver- 
meinen f  indem  fie  fophiftifche  Argumente  ohne  jede  Grund- 
lage bilden,  würden  fie  fich  als  geiftr eiche,  fcharf finnige, 
wiffenfchaftliche  Köpfe  accr editieren,  und  das  Schlimmfte  ift, 

15  daß  fie  diefe  Meinung  auch  bei  Menfchen  erlangen,  die  fich 
infolge  ihrer  Jugend  oder  nach  ihrer  fchlimmen  Naturanlage 
für  verftändig  halten,  und  obfchon  diefe  nichts  von  allem  ver- 
ftehen,  was  der  neue  Philofoph  gegen  das  Gefetz  Gottes  fagt, 
fo  tun  fie  doch  in  allem  fo,  als  ob  fie  es  verftünden,  um  nicht 

20  zu  bekennen,  daß  fie  es  nicht  verftehen,  und  um  als  Sach- 
kenner in  Geltung  zu  bleiben.  Diefe  Menfchen  machen  einen 
derartigen  Sophiften  nun  vollends  hochmütig;  fein  Hochmut 
wächst  und  im  gleichen  Maße  feine  Unfrömmigkeit,  mit  der 
fie  binnen  kurzem  in  den  Abgrund  der  Apoftafie  und  Ketzerei 

25  verfallen. 

Als  Menfchen  einer  Zeit  ohne  zwingende  innere  For- 
mung vermögen  wir  uns  nur  fchwer  vorzuftellen,  was  die 
erlebt,  die  zuerft  diefe  Formung  verloren  und  in  dem  Be- 
wußtfein diefes  Mangels  in  einer  formgebundenen  Welt 
30  fich  fanden.  Die  Gegenreformation,  eine  der  ftärkften  form- 
bildenden Bewegungen  der  Gefchichte,  hatte  der  fpani- 
fchen  Culturwelt  das  fefte  Gefüge  ihrer  Religioiität  gege- 
ben. In  die  Kirche  wurde  jeder  hineingeboren ;  ihre  Gnaden- 
mittel überwanden  die  Erbfünde,  bereiteten  die  ewige  Se- 


Da  Costa  Opera. 


II 


XXII 


E  I  N*L  E  I  T  U  N  G 


ligkeit.  Die  Juden,  die  iich  als  Juden  vor  der  Zwangstaufe 
in  eine  der  africanifchen,  italiänifchen,  levantinifchen  Ge- 
meinden gerettet,  hatten  in  der  treuen  Gefetzeserfüllung 
die  Sicherheit  der  Gerechtigkeit.  Hier  wie  dort  Menfchen 
einheitlicher  innerer  Form,  Menfchen,  die  in  eingeborenen,  5 
unbezweifelten  Kategorieen  dachten,  fei  es  in  der  Kate- 
gorie der  Erbfünde  und  der  Erlöfung,  fei  es  in  der  Kate- 
gorie von  Gefetz  und  Gerechtigkeit,  kurz  Menfchen,  für 
die  Welt  und  Dafein  einen  eindeutigen  Sinn  hatte.  Für 
den  Marranen  galt  all  das  nicht.  Wohl  formte  auch  ihn  10 
die  Gegenreformation,  aber  nur  von  außen  her,  in  arg- 
wöhnifch  bezweifelter  oder  widerwillig  abgelehnter  Lehre, 
nicht  von  innen,  vom  Bewußtfein  her.  Und  das  Juden- 
tum lag  ihm  zu  fern,  als  daß  es  Formkraft  für  ihn  hätte 
werden  können.  Er  ftand  zwifchen  den  Welten.  In  feinem  15 
Bewußtfein  war  Katholicismus  und  Judentum,  unvereint 
und  unvereinbar,  und  in  diefem  inneren  Kampfe  war  fein 
Bewußtfein  gefpalten. 

Schon  einmal  hatte  die  neuere  Geiftesgefchichte  eine 
Spaltung  des  Bewußtfeins  erlebt,  als  in  Italien  neben  das  20 
franciscanifch  erneuerte  Chriftentum  die  wiederbelebte  An- 
tike getreten  war,  als  die  Renaiffance  die  alleinige  Gel- 
tung der  chriftlichen  Zielfetzung  beitritt  und  dem  Alter- 
tum neue  Menfchheitsziele  entnehmen  wollte.  Auch  da 
hat  die  Doppel-Orientierung,  die  ihren  naiven  Ausdruck  25 
in  der  Lehre  von  der  doppelten  Wahrheit  fand,  das  Be- 
wußtfein gefpalten,  an  deffen  Formung  zwei  divergierende 
Mächte  wirkten.  Man  datiert  von  dort  den  Beginn  einer 
neuen  Zeit,  eines  neuen  Bewußtfeins. 

In  der  Formeinheit,  die  danach  die  Gegenreformation  30 
erzwang,  zeigt  fich  nun  neue  Spaltung,  wenn  auch  nur  bei 
einem  kleinen  Kreife  von  Menfchen  feltfamen  Schickfals. 
Die  Gegenreformation  hatte  die  von  innen  her  formende 
Kraft  der  Antike  gebrochen,  indem  fie  fie  zur  äußeren 


Einleitung  XXIII 

Form,  zum  conventioneilen  Zeitftil  machte.  Für  jeneMen- 
fchen  ohne  Formkraft  wurde  mehr  daraus.  Sie  lernten  die 
religiöfe  Welt  entbehren,  die  das  Gefchick  ihnen  genom- 
men, und  begannen  fich  in  einer  durchaus  profanen  Welt 
5  einzurichten.  Die  Profanwiffen/chaften,  von  denen  Orobio 
de  Caftro  fpricht,  rückten  für  fie  von  der  Peripherie  ins 
Centrum.  Sie  begannen,  den  Sinn  der  Welt  in  der  Welt 
anftatt  in  Gott  zu  fuchen. 

Das  Gefchlecht,  das  die  Gefahr  der  Inquifition  und  der 

io  Wille  zum  Judentum  nach  Holland  führte,  brachte  die 
Weltlichkeit  der  Renaiffance  mit  ßch.  Das  Judentum,  das 
fich  ihnen  darbot,  war  nicht  mehr  das  von  der  Philofophie 
beftimmte  Judentum,  das  ihre  Vorfahren  als  Erbe  der 
großen  Zeit  des  maimonideifchen  Rationalismus  befeffen. 

15  Die  Qabbalah,  jene  emana tiftifche  Gotteslehre  des  Mittel- 
alters, die  myftifchen  Tieffmn  und  abergläubifche  Spielerei 
wunderlich  durcheinanderwirkte,  war  in  der  Religiofität 
der  öftlichen  Juden,  der  Afchkenafim,  zu  faft  unbeftrittener 
Herrfchaft  gelangt,  und  fie  bot  fich  nun  den  verfprengten, 

20  vom  Judentum  der  eigenen  Tradition  gelöften  weftlichen 
Juden,  diefen  Amfterdamer  Sephardim,  als  der  wahre  my- 
thifche  Kern  des  Judentums.  Die  Wiffenfchaftlichkeit  des 
17.  Jahrhunderts  begegnete  einer  Religionsform  des  15. 
Daß  hier  eine  Synthefe  nicht  ohne  fchwere  Conflicte,  ja 

25  nicht  ohne  eine  Zurückbiegung  der  Geiftigkeit  möglich 
war,  verfteht  fich,  und  der  Brief  Orobio  de  Caftros  berichtet 
von  diefem  Kampf.  Die  Wiffenfchaft  fteht  gegen  die  Tra- 
dition, die  Philofophie  gegen  die  Qabbalah. 

Die  Frühgefchichte  der  fephardifchen  Gemeinde  in  Am- 

30  fterdam  ift  von  diefem  geiftigen  Kampfe  erfüllt.  Nur  durch 
Zufall  haben  wir  von  diefen  Conflicten  documentarifche 
Kunde.  In  den  Gutachten  einer  rabbinifchen  Autorität 
aus  dem  Beginn  des  17.  Jahrhunderts,  des  Joel  Sirkes  aus 
Breft-Litowsk,  lefen  wir : 

Ii« 


XXIV 


Einleitung 


Wir  haben  eine  Läßer ßimme  laut  werden  hören  aus  einem 
fernen  Land,  der  Stadt  Amfterdam,  daß  fich  ein  Auf  rühr  er 
erhoben  hat,  ein  Arzt,  der  es  fertig  bringt,  felbft  ein  Gewürm 
für  rein  zu  erklären  .  .  .  Zwei  fchlimme  Dinge  hat  er  mit 
einem  Wurf  getan,  eine  große  Übeltat  hat  er  ins  Werk  ge-  5 
fetzt.  .  .  Darüber  find  alle  Glaubenstreuen  erßaunt  und  er- 
fchreckt.  Vor  langer  Zeit  fchon  erhob  er  fein  Herz  und  feine 
Hände  voll  Spott  über  die  Worte  unfrer  Weifen  feiigen  An- 
denkens in  der  Haggadah,  auch  über  die  Weifen  der  Qabba- 
lah,  indem  er  die  Hand  feiner  Zunge  entfandte  und  fpottete  10 
über  die  Weisheit,  die  wahre  Weisheit,  fprach  Häßliches  über 
fie  und  fagte,  fie  fei  in  feinen  Augen  nicht  wichtig,  fondern 
allein  die  Philofophie,  und  nach  die f er  folle  fich  jedermann 
richten.  Noch  hält  er  feft  an  feiner  Unreinheit,  indem  er 
würdige  Männer  zu  fich  herüberzieht  und  feinem  Sinne  ge-  15 
mäß  überredet.  Das  zweite  Übel:  da  er  einer  der  Parnaffim 
iß,  gab  er  einem  Menfchen  die  Autorifation,  für  das  Bedürf- 
nis der  Gemeinde  Vieh  zu  fchlachten.  Die  Herren  des  für  die 
beiden  Synagogen  beßehenden  Mahamad  beauftragten  zwei 
Rabbiner,  diefen  Schächter  in  den  Gefetzen  des  Schächtens  20 
zu  examinieren.  Bei  diefem  Examen  wußte  er  nichts  und 
erklärte  Verbotenes  für  erlaubt.  Darauf  wurde  sofort  im 
Einver ftändnis  von  Mahamad  und  Rabbinern  in  den  Syna- 
gogen der  beiden  heiligen  Gemeinden  das  von  diefem  Manne 
Gefchlachtete  als  Aas  erklärt  und  die  Gefäße,  in  denen  es  ge-  25 
kocht  wurde,  als  verboten;  denn  fogar  den  Tractat  Schechita 
hat  er  nicht  gelernt.  In  diefem  Augenblick  beftieg  der  er- 
wähnte Arzt  den  Almemor  und  erklärte  mit  lauter  Stimme, 
man  folle  diefe  Proclamation  nicht  beachten  und  auf  feine 
Verantwortung  hin  das  Fleifch  effen.  Die  Mitteilung  hier-  30 
von  kam  fchriftlich  vor  uns  von  den  berühmten  Rabbinern 
aus  der  Stadt  Amßerdam  und  ihre  Unterfchrift  wurde  von 
dem  Rabbiner,  dem  G er ichtsvor fitzenden  der  heiligen  Ge- 
meinde Lublin  beglaubigt. 


ElN  LEITUNG 


XXV 


Der  Conflict,  von  dem  hier  die  Rede  ift,  geht  um  zwei 
Fragen,  um  dieVorrangftellungder  weltlichen  Wiffenfchaft, 
der  Philofophie  vor  Thalmud  und  Qabbalah,  und  um  die 
Ritualvorfchriften  der  Speifebereitung :  die  Tradition  der 
5  Lehre  und  die  Tradition  des  Ritus  wird  negiert.  Da  der 
Verfechter  der  neuen  Weltlichkeit  nicht  der  erftbefte  Zu- 
wandrer,  fondern  felbft  Gemeinde  vor  ftand  ift  —  man  ver- 
mutet mit  Grund  in  ihm  den  Arzt  Abraham  Farrar,  mit 
feinem  portugiefifchen  Namen  Simon  Lopez  Rofa  — 

10  kommt  es  zur  Spaltung  und  neben  die  beiden  Amfter- 
damer  Gemeinden  Beth  Ja'aqob  und  Neweh  Schalom  tritt 
als  dritte  die  Gemeinde  Beth  Iifrael. 

Der  Conflict,  dem  übrigens  der  am  Ende  des  Jahres 
erfolgende  Tod  Farrars  die  Spitze  abgebrochen  zu  haben 

1S  fcheint,  fällt  ins  Jahr  1618:  In  diefem  Jahre  wurde  in 
Venedig  zum  erften  Male  der  Bann  über  Uriel  da  Coita  ver- 
hängt, weil  er  fich  von  der  Tradition  des  mündlichen  Ge- 
fetzes  losgefagt  und  die  Riten  mißachtet.  Ob  zwifchen 
Farrar  und  daCofta  irgendwelche  Beziehungen  beftanden, 

20  vermögen  wir  nicht  zu  fagen.  Sicher  lebt  in  beiden  Vor- 
kämpfern der  Weltlichkeit  der  gleiche  Marranenzweifel . 

Wenn  hier  der  Verfuch  unternommen  wurde,  ein  merk- 
würdiges und  folgenreiches  Capitel  der  Geiftesgefchichte 
unmittelbar  aus  feinen  Documenten  fprechen  zu  laffen,  aus 

25  der  Erzählung  des  Dichters,  aus  der  Familienchronik,  aus 
der  Streitfchrift  des  Apologeten  und  aus  dem  Gutachten 
des  polnifchen  Rabbiners,  fo  gefchieht  es,  um  die  Tragik 
des  Marranenfchickfals  auf  zu  weifen.  Ein  Volk,  das  fein  im 
Religiöfen  wurzelndes  Volkstum  verlor,  glaubt,  feine  Ge- 

30  fchichte  wieder  da  fortfetzen  zu  können,  wo  die  Kata- 
ftrophe  fie  unterbrach.  Der  Glaube,  wieder  Juden  werden 
zu  können,  wie  die  Vorfahren  es  gewefen,  mußte  fich  als 
Illuhon  erweif en.  Die  Religiofität,  die  vor  ihnen  ftand,  die 
qabbaliftifch  gefärbte  Religion  der  Afchkenafim,  aus  an- 


XXVI 


Einleitung 


derer  Geiftigkeit,  andren  gefchichtlichen  Zufammenhängen 
erwachfen,  mußte  das  Wertvollfte  in  ihnen  zerbrechen, 
ließ  fie  nicht  zu  (ich  felbft  kommen.  Die  Mehrheit  des  Vol- 
kes ging  den  Weg  der  Angleichung,  wie  ihn  oberflächliche 
Halbnaturen  in  der  Art  Menafcheh  ben  Ifraels  wiefen,  da  5 
fie  den  Aberglauben  der  Qabbalah — nicht  ihre  Myftik — 
als  Mythos  des  Judentums  nahmen,  und  in  der  fpäteren 
Zeit  find  die  Amfterdamer  Sephardim  als  Volk  in  belang- 
lofer  Afchkenaiierung  untergegangen.  Nur  wenige  fanden 
eigenen  Weg.  Abraham  deHerrera  erfüllte  den  Formalismus  10 
der  Qabbalah  mit  dem  kofmifchen  Lebensgefühl  des  Neu- 
platonismus  und  Bento  Defpinoza,  der  Schüler  Leone 
Ebreos,  fchuf  neuen  Mythos.  Das  edelfte  Opfer  des  Ver- 
fuchs,  das  gefchichtlich  Vergangene  zu  zweiter  Gegenwart 
zu  zwingen,  wurde  Uriel  da  Cofta.  15 

DAS  SCHICKSAL  DA  COSTAS. 

Während  man  bis  vor  kurzem  vom  Leben  da  Coitas  nicht 
viel  mehr  wußte,  als  was  er  felbft  in  feiner  Lebensbefchrei- 
bung  von  fich  berichtet,  liegt  jetzt  fein  äußeres  und  inneres 
Leben  in  den  Grundlinien  klar  vor  uns.  20 

Gabriel  da  Cofta  iil  wohl  um  das  Jahr  1585  in  Oporto 
geboren.  Von  1604  bis  1608  hat  er  an  der  Jefuiten- 
Univerfität  Coimbra,  die  im  Collegium  Conitnbricenfe  die 
thomiftifche  Scholaftik  codificierte,  kanonifches  Recht 
ftudiert.  Danach  ift  er  2  5  jährig  Schatzmeifter  einer  Stifts-  25 
kirche  in  feiner  Vaterftadt  Oporto  geworden,  hat  alfo  wahr- 
fcheinlich .  die  niederen  Weihen  empfangen.  Die  Affimi- 
lation  feiner  Familie  fcheint  fchon  nahezu  vollftändig  ge- 
wefen  zu  fein,  denn  feinen  offenbar  früh  geftorbenen  Vater 
Bento  da  Cofta,  nennt  er  einen  gläubigen  Chriften.  Die  Er-  30 
fchütterung,  die  für  fein  Leben  beftimmend  wurde,  ging 
nicht  von  dem  Gegenfatz  von  Judentum  und  Chriftentum 
aus,  fondern  von  dem  rein  chriftlichen  Problem  der  Er- 


Einleitung 


XXVII 


löfung:  der  Zweifel  am  Seelenheil,  die  Angft  vor  der  ewigen 
Verdammnis  untergruben  in  ihm  die  römifch-katholifche 
Religion,  in  der  er  unterwiefen  war,  den  Glauben,  der  in  ihm 
Jchon  tiefe  Wurzeln  gefchlagen.  Aus  diefer  Not  flüchtete  er 
5  ins  Judentum,  wohin,  wie  es  fcheint,  nicht  fo  fehr  feil- 
gehaltene Familien tradition,  als  die  Belehrung  älterer 
Freunde,  vor  allem  Samuels  da  Silva,  ihn  gewiefen  zu 
haben  fcheint.  Er  ftudierte  Mofe  und  die  Propheten,  wie 
die  Vulgata  fie  ihm  zugänglich  machte,  und  bildete  fich 

io  danach  die  Vorftellung  eines  in  der  Gefetzeserfüllung  feine 
Sicherheit  findenden  Judentums,  das  ihn  von  allen  Ge- 
fahren befreite,  mit  denen  die  abfolute  Forderung  des 
Chriftentums  die  Seele  bedrohte.  Dem  wiedergewonnenen 
Glauben  führte  er  auch  feine  Mutter,  Sara  da  Cofta,  und 

15  feine  Gefchwifter  zu  —  wir  wiffen  von  vier  Brüdern,  Aaron, 
Mardochai,  Abraham  und  Jofeph  da  Cofta  und  von  einer 
Schwefter.  Etwa  zwifchen  161 2  und  161 5  mag  die  Familie 
da  Cofta  nach  Holland  ausgewandert  fein. 

Gabriel  da  Cofta,  nach  der  Befchneidung  Uriel,  hatte 

20  ein  beftimmtes  bloß  aus  dem  Gefetz  und  den  Propheten 
gewonnenes  Bild  des  Judentums.  Die  nachbiblifchen  Reli- 
gionsurkunden waren  ihm  ja  bei  feiner  Unkenntnis  der 
hebräifchen  Sprache  nicht  zugänglich.  Das  Judentum 
aber,  das  er  in  Amfterdam  fand,  war  das  durch  eine  zwei- 

25  taufend  jähr  ige  Tradition  geformte  Judentum,  wie  es  zu- 
erft  Mofe  Uri  ha- Levi  den  Einwanderern  aus  afchkenafi- 
fcher  Übung  vermittelt  und  wie  es  um  1 616  in  Amfterdam 
die  Rabbiner  Jofeph  Pardo  aus  Salonichi,  Ifaak  Uziel  aus 
Fez  und  Saul  Levi  Morteira  aus  Venedig  lehrten.  Da  Cofta, 

30  der  das  Seelenheil  nunmehr  in  peinlich  genauer  Gefetzes- 
erfüllung fuchte,  fand  in  allen  Ausgeftaltungen  der  Tradi- 
tion Entftellungen  und  Fälfchungen,  die  die  Erreichung 
des  Zwecks  felbft  in  Frage  ftellten ,  So  kommt  er  zunächft 
zu  feiner  Kritik  der  Tradition,  die  uns  nur  folange  klein- 


XXVIII 


Einleitung 


lieh  oder  rechthaberifch  erfcheinen  kann,  als  wir  die  Sache 
nicht  bedenken,  um  die  es  dabei  dem  von  den  Seelennöten 
des  Katholicismus  Verfolgten  ging. 

Das  Haus  da  Coita  errichtete  Niederlagen  gleichzeitig  in 
Amfterdam  und  Hamburg  —  1619  erfcheint  Abraham  da  5 
Cofta  unter  den  Gründern  der  Bank  von  Hamburg  und 
auch  im  Familienarchiv  der  da  Cofta  finden  fich  zwar  keine 
Urkunden  über  Uriel,  wohl  aber  folche  über  die  commer- 
ciellen  Beziehungen  der  Familie  zu  Hamburg.  So  ift  Uriel 
wohl  fehr  bald  nach  feiner  Einwanderung  von  Amfterdam  10 
nach  Hamburg  gekommen  und  von  hier  aus  hat  er  16 16 
eine  Reihe  von  Thefen,  Propoftas  contra  a  Tradição  an  die 
fephardifche  Gemeinde  nach  Venedig  gefandt,  in  dem 
ficher  ernft  gemeinten  Beftreben,  Klarheit  über  diefe  Fra- 
gen zu  fchaffen.  Dabei  hielt  er  fich  in  feinem  Leben  ftrenge  15 
an  das  Gefetz,  wie  er  es  verftand,  hielt  die  Fefttage  nach 
eigner  Berechnung  und  bereitete  die  Speifen  nach  eigener 
Interpretation  der  Ritual  vor  fchriften. 

Die  venezianifchen  Sephardim,  nicht  durch  den  Katho- 
licismus hindurchgegangen  und  ohne  Verständnis  für  die  20 
Seelennot  da  Coftas,  faßten  die  Propoftas  als  eine  Heraus- 
forderung auf  und  beauftragten  den  übrigens  durchaus 
nicht  ftarr  orthodoxen  Rabbiner  Leon  da  Modena  mit  einer 
Entgegnung.  Leon  lieferte  eine  folche  in  feiner  Schrift 
Schild  und  Tartjche,  eingehend  auf  alle  Einwände  da  Co-  25 
ftas,  doch  ohne  Gehäffigkeit.  Zugleich  wandte  er  fich  in 
einem  Sendfehreiben  an  die  Hamburger  Marranen  und 
exeommunicierte  den  Kritiker  der  rabbinifchen  Tradition 
für  den  Fall,  daß  er  auf  feiner  Meinung  beharre.  Als  es 
fich  aber  herausftellte,  daß  da  Cofta  nicht  nur  bei  feiner  30 
Kritik  blieb,  fondern  damit  auch  Anhänger  gewann,  die 
fich  davon  eine  Erleichterung  der  drückenden  Schwere  des 
Gefetzes  verfprachen,  wurde  er  am  14.  August  161 8 
zu  Venedig  feierlich  in  Bann  getan  und  diefer  Bann  auch 
in  Hamburg  verkündet. 


Einleitung 


XXIX 


Um  diefe  Zeit  fcheint  da  Coita,  vielleicht  dem  Banne 
ausweichend,  wieder  nach  Amfterdam  übergefiedelt  zu  fein, 
wo  er  zunächft  trotz  des  Bannes  noch  in  einem  leidlichen 
Verhältnis  zur  Gemeinde  gelebt  haben  muß.  Er  war  in 
5  kinderlofer  Ehe  verheiratet,  doch  ift  feine  Frau  Sara  da 
Cofta  fchon  1622  geftorben.  In  Amfterdam  befaß  er  ein 
eigenes  Haus,  und  fein  Gefchäft,  das  er  gemeinfam  mit 
feinen  Brüdern  betrieb,  profperierte,  fo  daß  er  1623  von 
fich  fagen  konnte:  alle  meine  Güter  gedeihen  und  wachfen 

10  in  den  Augen  des  Menfchen  und  mein  Wohl  wurde  mit  be- 
fonderem  und  offenfichtlichen  göttlichen  Beiftand  gewahrt. 

In  Amfterdam  trat  nun  die  zweite  Wendung  in  feiner 
Gedanken entwicklung  ein.  Die  entfcheidende  Frage  war 
von  Anfang  an  für  ihn :  Was  muß  ich  tun,  um  der  ewigen 

15  Seligkeit  teilhaftig  zu  werden?  Nachdem  er  die  Gnaden- 
mittel der  katholifchen  Kirche  verworfen,  hatte  er  in  der 
genauen,  von  allen  Zutaten  der  Tradition  freien  Gefetzes- 
erfüllung  den  Weg  gefehen.  Jetzt  kam  er,  indem  er  feine 
Meinung  in  einem  Buche  darlegen  wollte,  zu  der  Über- 

20  zeugung,  daß  es  eine  ewige  Seligkeit  überhaupt  nicht  gebe, 
daß  in  der  Bibel  von  einer  Unfterblichkeit  der  Seele  nicht 
und  nur  von  zeitlichem  Glück  die  Rede  fei.  Diefes  Buch, 
das  den  wefentlichen  Inhalt  der  Propoftas  mit  der  neu- 
gewonnenen Lehre  von  der  Sterblichkeit  der  Seele  ver- 

25  band,  wurde  zu  feinem  Schickfal.  Offenbar  durch  eine  In- 
discretion  kam  es,  nicht  in  feinem  ganzen  Umfang,  doch 
in  dem  entfcheidenden  Teile  der  Seelenlehre,  in  die 
Hände  von  Gegnern,  und  der  Arzt  Samuel  da  Silva  unter- 
nahm es  (vielleicht  gerade  weil  er  da  Cofta  einft  den  Weg 

30  des  Judentums  gewiefen  und  weil  man  fich  jetzt  von  feinem 
Einfluß  etwas  verfprechen  mochte,)  das  Buch  zu  wider- 
legen. Sein  Tratado  da  Immortalidade  er  fehlen  1623  in 
Amfterdam  bei  Paul  van  Ravefteyn  .  Damit  war  da  Cofta 
vor  aller  Öffentlichkeit  als  Ketzer  und  Abtrünniger  denun- 


XXX 


Einleitung 


eiert.  Gleichzeitig  wurde  er  in  den  Bann  getan  und  feinen 
Brüdern  der  Verkehr  mit  ihm  unterlagt.  Er  fetzte  fich  fo- 
gleich  in  einer  Gegenfchrift  zur  Wehr,  in  die  er  wohl  den 
wefentlichen  Inhalt  feiner  erften,  nicht  publicierten  Schrift 
übernommen  haben  wird,  ging  aber  darüber  noch  hinaus,  5 
indem  er  feine  Gegner  als  Pharifäer  bekämpfte  und  ihnen 
Abweichungen  von  Mofe  nachzuweifen  unternahm  unter 
dem  Titel  einer  Prüfung  der  pharifäifchen  Traditionen  in 
Vergleichung  mit  dem  gefchriebenen  Gefetz.  Nun  wurde  er 
von  der  Gemeindevertretung  bei  der  Amfterdamer  Be-  10 
hörde  verklagt,  weil  iich  ja  die  Leugnung  der  Unfterblich- 
keit  mehr  noch  gegen  die  chriftliche  wie  gegen  die  jüdifche 
Religion  richtete.  Er  kam  ins  Gefängnis,  wurde  aber  bald 
gegen  die  Bürgfchaft  feiner  Brüder  freigelaifen ;  indes 
wurde  er  zu  einer  Geldftrafe  von  300  fl.  und  zur  Verwei-  15 
fung  aus  Amfterdam  verurteilt  und  fein  Buch  öffentlich 
verbrannt. 

Betrachtet  man  den  Conflict  auf  feine  Motivation  hin, 
fo  liegen  auf  beiden  Seiten  die  Triebkräfte  außerhalb  der 
augenfeheinlichen  Streithandlung.  Da  Cofta  hat  in  das  20 
Judentum  ein  katholifches  Problem  hineingetragen.  Wie 
immer  man  Reh  zu  der  Frage  ftellen  mag,  ob  die  Unfterb- 
lichkeit  der  Seele  zu  den  urfprünglichen  Lehren  des  Juden- 
tums gehöre  oder  nicht,  jedenfalls  ift  fie  innerhalb  des 
Judentums  niemals  Cardinalfrage  gewefen  und  felbft  durch  25 
die  Qabbalah  mit  ihrer  Lehre  von  der  Seelen  Wanderung 
(Gilgul)  und  von  der  Seelenfchwängerung  ('Ibbur)  auch  in 
den  Tagen  da  Coftas  nicht  zu  einer  Cardinalfrage  des 
Judentums  geworden.  Andererfeits  war  der  Eifer  der  Am- 
fterdamer Marranen  um  die  Reinhaltung  der  Lehre  wefent-  30 
lieh  bedingt  durch  die  Notwendigkeit,  der  neuen,  gewiiTer- 
maßen  aus  dem  Schöße  des  Katholicismus  hervorgegan- 
genen Gemeinde  erft  die  Anerkennung  der  jüdifchen  Welt 
als  einer  vollgültigen  Judengemeinde  zu  fichern.  Als  da 


E  INLEITUNG 


XXXI 


Coita  damit  umging,  iich  mit  einem  Buche  an  die  Öffent- 
lichkeit zu  wenden,  konnten  fie  den  Bann  von  Venedig 
nicht  länger  ignorieren.  Ihre  wenige  Jahre  vorher  an  den 
Brefter  Rabbiner  Joel  Sirkes  gerichtete  Anfrage  zeigt,  wie 
5  fehr  fie  auf  die  Bestätigung  ihrer  Rechtgläubigkeit  in  der 
oftjüdifchen  Welt  Wert  legten.  Der  Kampf  gegen  da  Cofta 
ift  ein  Kampf  um  die  Reputation  der  Amfterdamer  Ge- 
meinde. Wie  groß  die  Verblendung  war,  zeigt  die  Anfrage 
der  Gemeinde,  ob  der  Mutter  des  Irrenden,  die  Irrtum  und 

io  Bann  mit  ihm  teilte,  im  Falle  ihres  Ablebens  ein  Begräbnis 
zu  teil  werden  dürfe.  In  diefer  Anfrage,  die  wohl  bald 
nach  dem  Proceffe  erging,  bedauern  es  die  kaum  felbft  der 
Inquifition  Entronnenen,  daß  es  in  Holland  keine  Inqui- 
ßtion  gebe  und  daß  man  es  darum  nicht  zu  Wege  bringen 

15  konnte,  die  Todesßrafe  gegen  ihn  zu  erwirken. 

Jahre  lang  blieb  nun  da  Cofta  in  der  Abfonderung  und 
nun  vollzog  fich  von  neuem  in  ihm  eine  Wandlung.  War 
er  bisher  gefetzestreuer  Jude,  wenn  auch  zuletzt  ohne  den 
Glauben  an  die  Unfterblichkeit  (alfo  nach  feiner  Über- 

20  zeugung  Sadducäer,  nicht  Pharifäer)  gewefen,  fo  löfte  er 
fich  jetzt  vom  Judentum  überhaupt,  indem  er  den  Glauben 
einer  Autorfchaft  Mofis  am  Pentateuch  und  damit  eines 
göttlichen  Urfprungs  des  Gefetzes  aufgab.  Er  wurde  nun 
zu  dem,  was  feine  Zeit  als  Libertin  bezeichnet :  mit  der 

25  heteronomen  Moral  des  Gefetzes  negierte  er  den  Anfpruch 
der  Moral  als  folcher,  und  fand  nun  keine  Schwierigkeit 
mehr,  entgegen  feinen  Überzeugungen  einen  Widerruf  zu 
unterfchreiben,  um  zu  einer  Gemeinfchaft  zurückzukehren, 
mit  der  ihn  jetzt  keine  gemeinfame  Überzeugung  mehr 

30  verband.  Vielleicht  gehörte  die  Abficht,  eine  zweite  Ehe 
einzugehen,  zu  den  Motiven  der  Umkehr. 

Diefer  Widerruf  leitet  die  zweite  Kataftrophe  im  Leben 
da  Coftas  ein,  die  feinen  Angaben  zufolge  ins  Jahr  1633 
gefallen  fein  muß.  Sie  nimmt  ihren  Ausgang  von  einem 


XXXII 


Einleitung 


Familienconflict.  Ein  Neffe  denunciert  ihn,  daß  er  fich 
nicht  an  die  Speifevorfchriften  halte.  Ein  Vetter,  der  eben 
erft  den  Ausgleich  mit  der  Gemeinde  herbeigeführt,  fühlt 
ßch  perfönlich  compromittiert,  hetzt  die  Familie  gegen  ihn 
auf  und  vereitelt  die  Verehelichung.  Jetzt  erft  fch einen  5 
die  Brüder  die  Gefchäftsverbindung  mit  ihm,  unter  Vor- 
enthaltung feines  Vermögens,  gelöft  zu  haben.  Ein  Pro- 
ceß,  den  er  deswegen  vor  den  ordentlichen  Gerichten  an- 
ftrengte,  wurde  in  die  Länge  gezogen  und  blieb  erfolglos. 
Als  er  nun  zwei  chriftlichen  Glücksrittern  den  Übertritt  10 
zum  Judentum  widerriet,  glaubte  auch  die  Gemeinde  of- 
fiziell gegen  ihn  vorgehen  zu  müffen,  und  zum  zweiten 
Male  wurde,  nachdem  er  Widerruf  und  Bußceremonie  ab- 
gelehnt, der  Bann  über  ihn  verhängt. 

Nun  folgen  heben  Jahre  tiefften  Elends  für  Uriel  da  15 
Cofta.  Man  bekämpfte  feine  Lehre.  Menafcheh  ben  Ifrael 
fchrieb  über  die  Unflerblichkeit  der  Seele  gegen  die  Saddu- 
cäer,  ebenfo  fchriebenAguilar  und  Morteira  über  dieUnfterb- 
lichkeit.  Wie  man  immer  noch  mit  feinen  erften,  inzwi- 
fchen  iicher  von  ihm  felbft  aufgegebenen  The/en  gegen  die  20 
Tradition  rechnete,  wie  man  zugleich  verfuchte,  ihn  durch 
gütliches  Zureden  dem  Judentum  zurückzugewinnen,  zeigt 
die  Schrift  Aguilars.  Schlimmer  war  die  Gehäffigkeit  des 
perlönlichen  Kampfes,  war  die  vollkommene  Verein- 
famung.  Zermürbt  durch  die  geiftige  und  wohl  auch  durch  25 
materielle  Not,  nicht  mehr  in  der  Frivolität  des  Libertinis- 
mus, unterwarf  ßch  da  Cofta  fchließlich  der  Ceremonie 
moralifcher  Selbftvernichtung,  die  die  Gemeinde  über  ihn 
verhängte.  Vielleicht  hat  er  fchon  früher  an  die  phyii- 
fche  Selbftvernichtung  gedacht  und  in  einer  folchen  Stirn-  3° 
mung  einer  Dienftmagd,  die  treu  bei  ihm  ausgehalten,  all 
fein  Habe  vermacht.  Jetzt  blieb  ihm  kein  anderer  Aus- 
weg mehr.  Er  zog  die  Summe  feines  verfehlten  Lebens, 
indem  er  (in  portugiefifcher  Sprache  wie  alle  feine  Schrif- 


Einleitung  XXXIII 


ten)  feine  Autobiographie  fchrieb,  die  er  felbft  als  docu- 
ment  humain  bezeichnete.  Dann  verfuchte  er,  an  dem  Ver- 
wandten, dem  er  die  Schuld  feines  Unglücks  gab,  wie  er 
fchon  in  feiner  Lebensbefchreibung  androht,  Rache  zu 
5  nehmen  und  erfchoß  fich  felbft.  Er  endete  im  April  1640. 

Uriel  da  Cofta  fiel  als  Opfer  des  Irrtums  feines  Volkes, 
das  wähnte,  vom  Katholicismus  in  das  Judentum  zurück- 
kehren zu  können,  als  ob  die  Gefchichte  eines  Jahrhunderts 
nichts  gewefen  wäre.  Die  Unficherheit  da  Coftas  geht  aus 

10  jener  Spaltung  des  Bewußtfeins  hervor,  die  diefen  Nicht- 
mehr- Juden  und  Noch-nicht- Juden  eignet.  Sie  wollten, 
indem  fie  das  Judentum  zurückzwingen  wollten,  da  Cofta 
hineinzwingen  in  eine  Religion,  die  fie,  unbewußt  der  Dif- 
ferenzierung des  Judentums,  für  die  1492  von  den  Vor- 

15  fahren  verlaffene  Religion  der  Sephardim  hielten,  die  aber 
alle  Züge  der  afchkenafifchen  Religiofität  der  Zeit  ange- 
nommen hatte.  In  der  Unmöglichkeit,  diefe  Entfeh eidung 
fich  zu  eigen  zu  machen,  bildete  fich  da  Cofta  abfeits  von 
den  Bekenntniffen  des  Jahrhunderts  den  Glauben  eines 

20  Deismus,  aber  er  vermochte  nicht,  wie  der  Größere  nach 
ihm,  mit  feinem  Glauben  allein  zu  bleiben.  So  ging  er  zu 
Grunde,  weil  er  als  Marrane  nicht  mehr  Jude  werden 
konnte.  Seine  Tragödie  die  Tragödie  diefes  Volkes : 
Tragik  der  Einmaligkeit.  Ach  und  in  dem  gleichen  Strome 

25  Schwimmft  du  nicht  zum  zweiten  Male. 

*  *  * 

DA  COSTA  UND  SPINOZA. 

Man  hat  unzählige  Male  da  Cofta  den  Vorgänger  Spi- 
nozas genannt,  ohne  daß  man  bisher  die  Unterlagen  hatte 
zu  beftimmen,  in  welchen  Punkten  die  Gedanken  der 
30  beiden  zu  einander  in  Beziehung  ftehen. 


XXXIV 


Einleitung 


Die  philofophifche  Entwicklung  im  Übergang  vom  Mit- 
telalter zur  neueren  Zeit  vollzieht  fich  in  der  Richtung  von 
der  Tranfcendenz  zur  Immanenz.  Ob  es  um  den  Wert  der 
Welt,  das  Verhältnis  von  Gott  und  Welt  oder  um  den 
Wert  fittlichen  Handelns  geht,  überall  wird  die  Zweiheit  5 
aufgegeben,  die  im  Mittelalter  Tatfächlichkeit  und  Wert- 
begriff getrennt,  und  der  Wert  wird  in  die  Dinge  hinein- 
gelegt. Die  Welt  des  Diesfeits  wird  an  fich  gewertet  und 
das  tätige  Leben  in  ihr,  zunächft  neben  dem  Jenfeits  und 
bald  ftatt  feiner.  Welt  und  Gottheit  hören  auf,  Polaritäten  10 
der  Wirklichkeit  zu  fein,  nähern  fich  einander  bis  zu  ihrer 
völligen  Identification.  Das  Sittengefetz  verläßt  den 
Weltenthron,  um  als  Autonomie  der  felbftbeftimmten  Per- 
fönlichkeit  dem  Individuum  feine  Würde  zu  geben.  Aus 
Zwei-Welt  wird  Ein- Welt.  15 

Da  Coftas  Seelenlehre  liegt  in  der  Richtung  diefer  Ent- 
wicklung. Mit  dem  Leben  nach  dem  Tode  entfällt  das  Jen- 
feits. Indem  da  Cofta  das  Zeugnis  Gottes  in  der  Bibel  da- 
für in  Anfpruch  nimmt,  daß  für  den  Menfchen  mit  dem 
Tode  alles  ende  und  daß  darum  die  Seele  dem  Blut  und  20 
Lebensgeift  gleichzufetzen  fei,  wertet  er  Welt  und  Leben, 
die  bislang  ihren  Wert  aus  der  Bezogenheit  auf  das  Jen- 
feits erhalten,  in  fich  felbft:  es  bleibt  dem  Menfchen  kein 
anders  Leben  zu  leben;  aus  dem  zeitlichen  Leben  muß  er 
Nutzen  und  Capital  ziehen.  Er  verwirft  darum,  fich  mehr  25 
gegen  den  Katholicismus  kehrend  als  gegen  das  Juden- 
tum, mit  aller  Entfchiedenheit  Weltverneinung  und  Welt- 
abkehr, wie  fie  fich  in  der  Askefe  und  im  Märtyrertum 
offenbaren,  und  lehrt  frohe  Weltbejahung.  Die  tranfcen- 
dente  Wertbeftimmung  ift  ihm  falfche  Hoffnung  erträumter  30 
Güter:  ich  errichte  keine  Türme  im  Wind;  dafür  daß  ich 
ein  Menfch  bin,  was  Gott  mir  gab,  und  für  das  Leben,  das 
er  mir  verlieh,  danke  ich  ihm  von  Herzen;  ich  lebe  zufrieden, 
mein  Ziel  zu  wiffen  und  die  Bedingungen  des  Gefetzes  zu 
kennen,  das  Gott  mir  zu  halten  gab. 


Einleitung 


XXXV 


Von  der  Seelenlehre  da  Coitas  führt  keine  Verbindung 
zu  der  Spinozas.  Hier  zeigt  fich  am  deutlichften,  daß  fie 
zwei  verfchiedenen  Generationen  angehören,  da  Cofta  jener 
älteren  Generation  der  Marranen,  die  noch  in  den  Pro- 

5  blemen  des  Katholicismus  aufgewachfen  ift  —  auch  Mi- 
chael Defpinoza,  des  Philofophen  Vater  hat  zu  diefer  Ge- 
neration gehört,  während  Spinoza  felbft  vom  Katholicis- 
mus aus  Eignem  nichts  mehr  weiß.  Die  Frage  der  ewigen 
Seligkeit,  für  den  aus  dem  Katholicismus  ins  Judentum 

io  flüchtenden  da  Cofta  das  Centraiproblem,  befteht  für  diefe 
Generation  kaum  mehr,  und  die  Frage  des  Lebens  nach 
dem  Tode  ift  für  Spinoza  keine  Zweifelsfrage.  In  feiner 
Jugendfchrift,  der  kurzen  Abhandlung,  verlegt  er  in  An- 
lehnung an  Leone  Ebreos  virtü  heróica  den  Unfterblich- 

15  keitsbegriff  aus  der  Zeit  in  die  Zeitloiigkeit,  und  in  der 
Ethik,  in  der  er  ausdrücklich  das  zeitlich  unbegrenzte 
Fortleben  der  Seele  nach  dem  Verfall  des  Körpers  negiert, 
erfetzt  er  den  Begriff  der  Unfterblichkeit  durch  den  Be- 
griff der  Ewigkeit.  Hier  wie  anderswo  negiert  Spinoza 

20  nicht  die  Begriffe,  wie  da  Coila  es  getan,  fondern  erfüllt  fie 
mit  neuem  Inhalt.  Da  Cofta  ift  kritifch,  Spinoza  fchöp- 
f  erifch . 

Inder  Gotteslehre  ift  da  Cofta  erft  in  feiner  dritten  und  letz- 
ten Entwicklungsphafe  über  den  Standpunkt  des  Juden- 

25  tums  hinweggefchritten.  Auch  diefe  Entwicklung  liegt  auf 
der  Linie  der  Immanenz.  Da  Cofta  faßt  Gott  nicht  mehr 
als  im  Gegenfatz  zur  Natur  ftehend,  fein  Gefetz  in  diefe 
Welt  als  ein  naturfremdes  hineinftellend.  Der  Gott,  zu 
dem  er  fich  durchgerungen,  offenbart  fich  in  der  Natur  und 

30  gibt  in  der  Natur  fein  Gefetz  und  diefes  Gefetz,  nichts 
andern  zu  tun,  was  wir  nicht  uns  getan  wiffen  wollen,  ift 
das  Gefetz  gegen  feit  iger  Liebe.  Wie  im  fpäteren  17.  Jahr- 
hundert die  natürliche  Religion  als  Reaction  gegen  den 
theologifchen  Streit  und  Zank  diefes  Jahrhunderts  der 


XXXVI 


Einleitung 


Theologie  entftand,  fo  ift  auch  da  Coitas  Religion  der  natür- 
lichen Liebe  aus  den  Lebenserfahrungen  eines  Mannes  er- 
wach fen,  der  um  der  Religion  willen  im  Leben  Unglaub- 
liches hatte  dulden  müjjen.  Sein  Naturalismus  ift  in  diefer 
Frühzeit  fingulär  und  bedeutfam.  Die  thalmudifche  Vor-  5 
ftellung  der  Vor- Gefetzes- Religion  jener  fogenannten heben 
noachidifchen  Gebote  ift  nur  Beleg,  nicht  Wurzel  diefer 
Vor  ftellung.  Wird  das  Naturgefetz,  das  allein  lehrt,  recht 
zu  leben,  das  allein  zwifchen  gerecht  und  ungerecht,  häßlich 
und fchön  fcheidet,  durch  das  pofitive  Gefetz  der  Religionen  10 
durchbrochen,  fo  kommt  Verwirrung  und  Übel  in  die  Welt. 
Aus  diefem  Naturalismus  heraus  kehrt  fich  da  Cofta  ab  von 
der  pofitiven  Religion :  Laßt  mich  jener  andren  Schar  mich 
gef eilen. 

Daß  der  Naturalismus  da  Coftas  auf  Spinoza  irgend-  15 
einen  wef entlichen  Einfluß  geübt,  ift  kaum  anzunehmen, 
auch  wenn  es  durchaus  möglich  ift,  daß  er  d  eilen  Auto- 
biographie gekannt  hat.  Bei  aller  Entwicklung  zur  Im- 
manenz hin  blieb  da  Cofta  bei  der  Vorftellung  des  extra- 
mundanen  Gottes,  während  für  den  vom  Piatonismus  der  20 
Renaiffance  herkommenden  Spinoza  von  Anfang  an  Welt 
und  Gott  coincidieren.  Gemeinfam  ift  beiden  die  Aufgabe, 
die  ihnen  aus  dem  Schickfal  ihres  Volkes  erwächft,  für  fich, 
in  eigener  freier  Entfcheidung  die  Gottheit  zu  fuchen,  ge- 
meinfam die  Ablehnung  des  Gottes,  den  die  Theologen  25 
ihres  Volkes  aus  dem  Formalismus  des  Rabbinismus  und 
dem  Emanatismus  der  Qabbalah  zufammenfetzten.  Der 
Natur- Gott,  den  Spinoza  im  Theologifch-Politifchen  Trac- 
tat  an  Stelle  der  Gott-Natur  zum  doppelfinnigen  Inhalt  der 
Volksreligion  machen  will,  mag  im  äußeren  AnfcheinÄhn-  30 
lichkeit  haben  mit  der  im  Naturgefetz  fich  offenbarenden 
Gottheit  da  Coftas.  Die  Liebe,  die  bei  ihm  die  Wefen 
bindet,  ift  nicht  die  utiliftifche  Liebe  da  Coftas,  fondern 
der  Eros  Piatons.  Nur  Spinoza  hat  vermocht,  wonach  die 


Einleitung 


XXXVII 


Sehnfucht  feines  Volkes  irre  ging,  die  nicht  Menafcheh  ben 
Ifrael,  nicht  da  Cofta  erfüllte:  neuen  Mythos  zu  fchaffen. 

Der  extremfte  Ausdruck  der  Tranfcendenz  ift  die  Offen- 
barung :  durch  die  religiöfe  Urkunde  projiciert  Gott  feinen 
5  Willen  in  die  Welt.  Die  Bibelkritik  ift  darum  eine  ent- 
fcheidende  Phafe  in  dem  Kampfe  von  Immanenz  und 
Tranfcendenz.  Und  hierin  fcheint  die  Stellungnahme  Spi- 
nozas wef entlich  durch  die  Stellung  da  Coftas  beftimmt. 
Da  Cofta  wurde,  noch  ehe  er  mit  feiner  Leugnung  der 

io  Unfterblichkeit  hervortrat,  von  den  Gegnern  der  Secte  der 
Sadducäer  zugerechnet  und  hat  fich  alsbald  felbft,  zumal 
in  der  Beftreitung  der  Unfterblichkeitslehre,  als  Saddu- 
cäer empfunden.  Nunmehr  fah  er,  die  Sadducäer  als  Ver- 
treter des  urfprünglichen,  reinen  Judentums  nehmend,  in 

*5  allen  Anhängern  der  Tradition  Nachfolger  der  Pharifäer, 
als  welche  ihre  eignen  Erfindungen  dem  Gefetz  hinzu- 
gefügt, und  auch  die  Lehre  von  der  Unfterblichkeit  war 
für  ihn  der  Bibel  fremd,  Hinzufügung  und  Erfindung.  Aus 
diefem  Geift  heraus  nannte  er  fein  Hauptwerk  eine  Prü- 

20  fung  der  pharifäifchen  Traditionen  in  Vergleichung  mit  dem 
gefchriebenen  Gefetz,  und  bezeichnete  feine  Gegner,  den 
Doppelfinn  des  Wortes  im  neuen  Teftament  mitbenutzend, 
als  Pharifäer.  Diefe  acceptierten  die  Bezeichnung  von 
der  Secte  der  Pharifäer,  der  wir  gerne  uns  zurechnen,  und 

25  führten  den  Kampf  gegen  die  Leugner  der  Tradition  als 
gegen  die  Sadducäer  und  Atheiften.  So  fand  Spinoza  die 
Kampfftellung  vn*  und  bezeichnet  im  Theologifch-Poli- 
tifchen  Tractat  wie  in  den  Briefen  die  Gefamtheit  der  tradi- 
tionsgläubigen Juden  von  den  Zeiten  des  Thalmud  bis  auf 

30  die  eigne  Zeit  als  Pharifäer.  Wie  allgemein  diefe  Einord- 
nung geworden  fein  muß,  zeigt  noch  1675  Jean  Bruns 
Apologie  der  wahrhaften  Religion  der  Holländer,  die  die 
holländifchen  Juden  als  Anhänger  des  pharifäifchen  Aber- 
glaubens claffificiert. 

Da  Costa  Opera.  III 


XXXVIII 


Einleitung 


Da  Coita  war  des  Glaubens,  daß  die  Bibel  in  ihrer  gegen- 
wärtigen Geftalt  von  den  Pharifäern  redigiert  und  ver- 
fälfcht  worden  fei;  die  Pharifäer  hätten  zur  Beftätigung 
und  Bekräftigung  ihrer  verworrenen  Träume  die  Schriften 
verkehrt  ausgelegt,  Worte  vertaufcht,  abgeändert,  verdreht,  ja  5 
er  befchuldigt  iie,  unächte  Bücher  in  die  Bibel  eingefügt 
zu  haben,  wobei  er  fich  auf  die  Sadducäer  beruft:  man 
muß  wijjen,  daß  unter  den  Büchern,  die  uns  die  Pharifäer 
als  ächt  verkaufen  und  darbieten,  viele  find,  die  die  Sad- 
ducäer verwerfen;  darum  müjjen  alle,  die  die  Wahrheit  10 
lieben  und  fie  vertreten  wollen,  mit  aller  Macht  danach  ftreben, 
daß  fie  fich  mit  dem  vertraut  machen,  was  die  Sadducäer 
über  die  Ächtheit  der  Bücher  fagen.  So  erfüllt  er  fich,  zu- 
mal er  ja  mit  den  Sadducäern  nicht  in  Verbindung  geftanden 
ift,  gegen  die  Textüberlieferung  der  Bibel  mit  einem  tiefen  15 
Mißtrauen,  in  der  Überzeugung,  daß  diefe  Menfchen  fo  ver- 
dächtig oder  bejjer  gejagt,  in  allen  Dingen  fo  wenig  wahr- 
heitsliebend find,  daß  die  Schrift,  die  zu  ihrer  Beglaubigung 
kein  anderes  Zeugnis  weiter  hat  als  das  ihre,  äußer ft  ver- 
dächtig und  zweifelhaft  ift.  20 

Diefe  polemifche  Einteilung  gegen  die  Pharifäer  und  die 
Behauptung  von  ihrer  Schriftverfälfchung  teilt  Spinoza 
mit  da  Cofta,  und  da  deffen  Kampf  gegen  das  Pharifäer- 
tum  ja  noch  in  Spinozas  Jugend  mannigfach  nachwirkte, 
ift  als  ßcher  anzunehmen,  daß  er  hier  unter  dem  Einfluß  25 
da  Coitas  ftand.  Wie  da  Cofta  glaubt  Spinoza,  daß  die 
Bücher,  die  wir  nunmehr  be fitzen,  zur  Zeit  des  zweiten  Tem- 
pels von  den  Pharifäern  aus  vielen  anderen  ausgewählt  und 
bloß  nach  ihrer  Entfcheidung  in  den  Kanon  aufgenommen 
worden  find;  wer  alfo  die  Autorität  der  hl.  Schrift  beweif en  30 
will,  fchließt  er  daraus  mit  da  Cofta,  der  muß  die  Auto- 
rität jedes  einzelnen  Buches  dartun.  Dabei  befeelt  ihn  das 
gleiche  Mißtrauen,  daß  Frevlerhände  fich  nicht  gejcheut 
haben,  die  Schrift  an  vielen  Stellen  zu  fälfchen,  und  im  ver- 


Einleitung  XXXIX 


trauten  Gefpräch  befchuldigt  er  die  Pharifäer  geradezu, 
daß  fie  ihre  Hand  ins  Spiel  gemengt  und  das  Gefetz  nach 
ihrem  Belieben  eingerichtet,  auch  wohl  die  Vorausfagen  der 
Propheten  nach  den  gefchehenen  EreigniJJen  umgebogen  hat- 
5  ten.  Darum  verwirft  Spinoza  die  Tradition  der  Pharifäer 
als  in  /ich  nicht  begründet,  und  fordert  jene  Bibelkritik, 
für  die  er  felbft  die  Grundlage  gefchaffen  hat. 

Eines  der  Bücher,  die  der  Sadducäer  da  Cofta  als  apo- 
kryph verwarf,  ift  das  Buch  Daniel,  das  ihm  in  feinem 

io  Uniter blichkeitsglauben  und  in  feiner  Efchatologie  als 
künftliche  Erfindung  der  Pharifäer  erfcheint.  Spinoza  folgt 
ihm  darin,  indem  er  gerade  in  der  Einfügung  des  Buches 
Daniel  in  den  Kanon  den  Beweis  dafür  erblickt,  daß  die 
Redaction  der  Bibel  das  Werk  der  Pharifäer  fei. 

15  Erft  in  feiner  Ablöfung  vom  Judentum  kommt  da  Cofta 
zum  Zweifel  daran,  ob  das  mofaifche  Gefetz  wirklich  als 
Gottes  Gefetz  gelten  dürfe,  und  befeftigt  fich  in  der  Über- 
zeugung, das  Gefetz  fei  nicht  von  Mofes,  fondern  bloß  eine 
menfchliche  Erfindung.    Damit  negiert  da  Coftas  letzte 

20  Kühnheit  die  Tranfcendenz  der  OfTenbarungsreligion .  Spi- 
noza beginnt,  wo  da  Cofta  endet. 

*  *  * 

Völker  find,  wie  Menfchen,  um  ihres  Beften  willen  da. 
25  Wenn  wir  der  Gefchichte  der  Marranen  einen  Sinn  ge- 
ben wollen,  fo  kann  er  nicht  darin  gefunden  werden,  daß 
iie  in  einer  im  ganzen  wenig  eigenartigen  Weife  fremde 
Religion  reproducierten.  Ihr  Erlebnis  war,  ihre  Einmalig- 
keit in  der  Gefchichte,  daß  fie  zwifchen  den  Welten,  zwi- 
30  fchen  den  Glauben  ftanden,  in  der  Spaltung  ihres  Bewußt- 
feins  die  erften  Menfchen  ohne  eingeborene  Kategorien. 

Menfchheitsbedeutung  haben  nur  die  Marranen,  die  ihr 
Schickfal  bejaht  und  aus  ihrem  Erlebnis  Erkenntnis  ge- 
macht. Von  ihrer  Zeit  find  fie  als  Abfeitige  oder  Abtrün- 

111  • 


XL 


Einleitung 


nige  ausgefchieden  und  der  VergelTenheit  überliefert. 
Gleichwohl  kennen  wir  den  einen  oder  anderen  von  ihnen 
—  man  wäre  verfucht,  von  Marranen-Literatur  zu  reden» — : 
Abraham  Farrar  etwa,  der  die  Philofophie  allein  als  Leh- 
rerin anerkannte;  Ifaac  la  Peyrère,  der  einer  wörtlichen  5 
Textauslegung  den  feltfarnen  Gedanken  doppelter  Men- 
fchenfchöpfung  entnahm  und  dabei  die  erften  bedeut- 
famen  Verfuche  einer  Bibelkritik  über  die  Authenticität 
der  biblifchen  Bücher  anftellte;  Juan  de  Prado,  der  in 
den  Tagen  Spinozas  und  in  feltfamer  Parallelität  mit  ihm  10 
der  Wahrheit  der  Schrift  den  Glauben  verfagte  und  fich 
zu  Gott  und  Gefetz  der  Natur  bekannte.  Nur  zwei  von  ihnen 
gehören  der  Weltgefchichte  des  Geiftes :  Uriel  da  Cofta  und 
Benedictus  de  Spinoza.  Ihnen  war  es  gegeben,  im  Ver- 
nich dem  einen,  in  der  Vollendung  dem  anderen,  fich  eigne  15 
Kategorien  zu  bilden.  Aus  der  Spaltung  ihres  Bewußt- 
feins  ift  das  moderne  Bewußtfein  hervorgegangen. 

Das  Volk,  das  beide  dem  Untergang  weihte,  ift  unter- 
gegangen, denn  von  feiner  Eigenart  findet  niemand  mehr 
eine  Spur.  Was  von  ihm  lebendig  ift,  lebt  in  jenen  beiden.  20 
Sie  find  der  Sinn  feiner  Gefchichte,  fie  hervorzubringen 
war  die  welthiftorifche  Miffion  der  Marranen. 

Da  Cofta  hat  den  neuen  Mythos,  den  Spinoza  fchuf,  nur 
von  der  Ferne  gefehen.  Sein  Leben  ging  nicht  wie  bei 
jenem  auf  in  das  Werk;  es  blieb  Leben  und  leidvoll.  25 
Nachdem  er  den  ergreif endften  Brief  gefchrieben,  den  die 
Menfchheit  empfangen,  fiel  er,  ein  Opfer  dem  unbekann- 
ten Gotte. 


PROPOSTAS  CONTRA  A  TRADIÇÃO/ 
THESEN  GEGEN  DIE  TRADITION 


I 


Da  Costa  Opera. 


1 


rona  pi  ,d^k  msta  x5?«  /ninn  p  qpm  piwn  nrun 

iödi  ,dö^i  ornou  öiWtfjii  pw  ikuö  ftiflna  psv  JJHH 
5  *p  ^md       idwbti  t$V>ta  íwn  rw»  mtoaff 
5  Ksvoi  rtijMisnai  n^a  ^  nDW  v^snn  wr^  maaa  nn\n 
pn  ny  *?aa  zw  avn  rn  ftWi  p  avn  vn  um  /an 
nw  mmn  rraw  fftwtt  iMi  /rwi  np^n  Kto  fpa 
nmK  n^ity  nö^  nrto  ,pr  toa  *fl|fi  msm  ,pr  toa 
o  raMMV  sams-i         mnava  *6i  -rato  nton  njwa 
?wy       WfllftiH  'n  nwo  mar5?  pai  w  anjhp» 
r/Tv  nno  hkií  ir»  ^^öna  min  maw  mDipDW  /an 
WH      jtw  ,nioa  piar  as  ^a  ^itott  ian  i»  *to 
;nniCöö  rn  Tiwrm  t  prna  ^a       f a  parti  ffl  5ty  nnrt 
5  ,«W1  psi  n^yn  pa       rtm  ian  wirw  rtifll  i^k  nffti 
,ms  "»ya        nmn  nia-n  >tPlfö  wjp  ia?  ^tyft  irts 
noK      Tjn  ^inai6?  tbm      pa  sin  n?n  iam  nmaa 

piam  mianp  niha  nstaita  nysn  ynaf  ays  ma  nm« 
o  nina  p  jmff  '£>a  'i  nnan  n:i  /mim  ^rtn  nfil  to  *rt  irrt 
/pa1?  DiM  ti^d  «ojk  rkkn  nnann  i\t  mipno 
,Dna^i  ato?  sto  ,abn  aifiaav  nta  pnn  pn  irn» 
■dt  Vhjd  tdji  pi  /m  ^aato  fflfr  pi  'a  nv  nosa 
,th  pai  D^^n  pa  nibn5?  iti  nvjw  a^i^D  fito^ 
5  mif  ta1?  aari^  o  ■»toa  ro^  nbn 

nnn  ftWtpW  1SM      yiu  ir«  p^sn  ntr  •»a 


4 


ri  i  b  k  w 


wirnnv  \r\nir\z  aa*y  anvrn  yaff  j-nB^nnnna  mru  /in 
/»MMK'irtot  p  «Vi  rpia  a5?*  ijnan  Vinn  am«  a^tra 
mp^nantr  piaa  ,ntofc  *6i  nb*o     a^&ny  ara  awpm 
^s^antra^sa     ,nwi  ntep  ma  n«a  Kbttf  nsi:  ite 

.anu         -ins  to  p  by\  5 
niwn  /p^sn  nmna  ntas  h^d  ipjrt  Wbmö  ^n^nt^  /nn 
n^^nt^  im  , n^örtg  jrra«a  mmi  par  nr^n 

♦  pn      toa  sbs  ntena  h^i^n  imsa 
iwi  k1?!  rw*n  ay  nuan  piar  nun  nipw  last?  /vi 
nn«)  nr  pisa  am«         m^a  sbtr  ,rtaa  711*  10 
nTpna  nny  oaaa  «"n  ,n^uK  ann  ^^sn  mstw  nnyvi 
nno1'  1*3^  Kiag  (k1?  is  a^j«1?  jnatr1?  a^ina  nvu  aa 
/k  :n?  «in  pum  ,na  rona  y*  ntyin  ^rn  w  ^mn  as 
K^tr  y^Bnn         nai  ,1AUf  K1?  i^k  im  naia 
maus1?  na  pnjiB  nnb  /4  ;ynra  «bi  awia     ia&w  law  15 
na*y  omina  annp^  iMyia  71  ay  m*a     aiyW  a'nyn 
mtí^y^  u^taxiiy  firm  ,too  a  cjs  \w  ^a  ay1?  apnnn^i 
•fl  /j  ;nrn  ^nja       vdji  aan  ay  pi  na^tr  isna 
nrunai  ,Tm*a  to  naw  nip^y  tav  nnna  niian  s^anj 

V^Bnntr  nya  kVk  iwm  k1?  *a  i&na  n\i  y^srin  20 
MBDin  nvw  /i  ;  *pa  "hp  ai&wi  nytr  ik  np#  ^ n  l^ffsi 
y«  a"K  'i^i  lB^pin  81?  mast?  rrnnn  hixd 

.flwi  mki  ian  nnmn  yw  rnvrn  p 

.íTvira  a^sain  nr\y  uwím  nn^w  pisi  n^an  25 
2"Ki  n^an  a^  nia^i  k1?  nr  *p  fA$&ê  msn  m^an  /«n 

n^n  a^n1?«        iman  ns8?  ^ki  ^str  nwax  ait^a  /an 
ntff  na«  a«i  ^pitra  m  «vn  ^aaai  *pj  «aan5? 
roKba  sbii5?  jrn^  «Bia  írn      ,1p»  nt  nsisi  aitra  30 
vnsiBi1?  n\n  a«  a^a^n  nBon  ji^a  mm  n%n  k^i  ,Tn 

.nsa  a^mai  cjoii  in:a  sin  k^k 


n  1  b  s  w 


5 


ta^nn      äwib  ^si 
*3  cpin&nc  ins  fifiWD  nt  m\i  aa  nrisn  rwyn  /in 
rw  rrtm  ^rmns  nttfyan  a^oia  uki  , 
5  n^a  jwb  maia  ir  msan  Tan  rriiwi     /im  im 
ittf*o  mn«  ruinai  nris  iok  tto  ^md  wvnb  mp^iw 
Sfta  «np^y  im  nrran  k5?  *ä  Jntt  nnn  as  maw  nn\i 
bia1?        rain  •uôô  nrpi33  ^i  man       /nn  .iwn 
n^D  nrtrtiS  %  /piK^  WW3Í  tu*  yni  ,nSi  nbiy 
io  mayn  iK^nt?  #n  ;      *fi  Minien  7>torfti  Torß  mi 
bsyat^  *jh  *i  nasn  tob  iyai  ,nrisn  njn^-iw 
ato  ff^  ^Jinpys  fiö       nn^K  bsyat^  m^ö» 
frtonrl  <a  iy  ,ai\i  my  nnw  a^iy  IM  ^"«^  ,Wh&3  »in 
nri&n  *3  ia^  in«  i*a  traipm  D^tnainn  a/uai  ins  i*a 

.wft      a'oia  a^ 

•W¥3  t  aipan  'n  ,0^1031  d^bdu  an^  d^inm  jwpff 
»nnw  sam  rmmn  sin  ,mw 

20  tai  n      mira  s^pn  njntiM  isaa^  ins5?  pH»  /sn 
.rain  niwv  m  isaa  majwrw 
pbn  taia  s1?^  na  rrtifD  JTOfitm  /nn 

,/Tp^na 

asttf  ^an  n?  ,ins  wa  m»?3  ntf>$tt3  rMir  /an 
25  nsm  n^toff  iais  *pKi  /pnni  bin  ^tra  «nrp  man 

aa  ,p  lai1?  inns  jvwn  nW3i  a^aa  ti  «kwa 
?a^aa  i:«^  nà  itrs  nn\i  nns 
l^s  'i  nm*  niinnt^  aipon  a^a^  rn  jwjw  iaib  ^itr  /in 
n^i  ,a*<niM  psoa  iiasn  astr  '«  ;n^in 
30  a«  via  yii  ^inn  ^ki  rmpapi  ^  ;p»ö  t»t^  nrn  \^tr 
av  nwv1?  hm  p  astr  /a  ;i3  va  is  1"?  av  sin 
/IM  k1?  ii^Kin  pão  "»iö»  ^^n  as^  /i  ;a^a^  1U53 


6  n  i  b  s  tt 


\b  nw  i3"K  Eni  , vittínn  p  ^tts  im  vmb  ^tn 
nwi  mya  rora*»      im  c^nDi  ,kw  TW  s1?!  in1' 

,niinn  rrora  Dnrp 

/1  rrtKff 

^nin»  msw*  nsn^n  v^tt  5 
iöKi  dk  nsn&o  jna  S/T  ins  nrstt  rnifl  nms  ittKn 

nmwsi  i;í  nt       inina  msip  npnru  kiw 
,W  nwi  i^ki  ,niin  nin  p  xbw  /sn 

/im  ninitt  na  sbs  U/  vw 
höh  nsi  ntts  ns  np1«  itt«        idk  '5  sip^i  i*  /an  10 

/in  jnnKi  im«  i&w  ttsn  km  nm 
msiyn  VHP  ^        n&nw  n»H  nw  msiy  npnr  /»1 
k"?  ,  tt*o  wan  rpfcvtt  dk  «jj  jwftir         /  ^ 
qitti  nn  mrott  nmis  hibö  nun  ,tt^:i  ttsn  sjww 

niöstt  um  /ibk  njwyb  "p*  im  rnsn  mk  15 
i&isn  las^  a'ptt  "»piö«1?  jiBW  ttsn  ias  om  tt»s  towi 

•       ttsn  sbs  ;nn  iro 

/n  nbstt 
»nu  iw  tyn 

ins         ;i/T       litt  DKtt  ,nnnn  DDttD       Kintt  20 

sto  >;rtpsB  ijnntt 
lyin  «Vi  aintt  iitr  /an  tn^.itt  D^maa  nott  *a  /sn 
ijnntt  ins  nn&o  'am  ,*>pj  Pym  nT  n^ntt  vtyaa 
irá  a^nib  mpo  ms  n^ntt  sbs  Dy  iittn  ncwa 

•jnn  vte  narp  ibis  as  idiki  ;.iWVd  mm  ira  tynntt  25 

nytei  yainn5?  wírt  pa  'Tn  nr  PÖD  1s 
,ni^tt  oipö  n\i  ab  Dbiy5?  os  *a  ,Dnm  roron  nW:  ter 

r^jp     min  nias  pn5?  nr  ne^ 
rt«D  tti^i  piin  muntt  niinna  nnns  maipoo  «HD  3ö 

mn  byz  to  in  tt^s  ni^  ^  ntt  tt"as  ,i«tty  30 
ijnn  iittn  b^ntt  jrs  ne  pi  ,ni^nn  ns  i^nan  obtt1»  pi 
d^did  fßtifii  Hb  os  nn^D  tti^ii  pnn  di:  inis  itttt  xb\ 

^ninn 


n  i  b  x  w 


7 


nnn  \v  by 

tna  jp  piu     nan      npw  ioib      nmnn  lastra  ^ 

5  ntry  ntrsa  waya  aia  ^  ^  t^si       tnp^  rroth  /an 
waa  nm  a^ays  bsatr  naa  jo  7ui      ^  nt^r  p 
m&p  pi  ,traa  p  i5?  wr»  rrnsw  nsu  rüi  aia  ^ 
,kbt  kbyi  in^  inat?  pi  "in  a^js  payr*  jjj  *iasj  so 
p  aia  iirnaa  baa  myaa  ^  aia       jnu  ^nbaa  nn 

io  ;an  a^pibn  a^aBttfai  ,ia  \nr 

^Bn  mbtra  nwff      i^bk  ik  nap  ]*y  naaa  nau  /'in 
n^ann  aw  »nmi  *?aa  TW  ^a  ip^  nvwBnnff  *pa 
1BW  k1?^  ans        t^'O  sin  ibds  p  bpn  naya  nnnn 

15  mya  tray  nrn  p^Bow  ••iki  nniaan  *naon  ,*Sh 
,yiK  ^yiB  by  na^s  ^arrt  aipa  baa  nun  mvw  /in 
aatrna  pi  ^iib1?  ttw  myaa  as  inst  pi  n\n  ab  nn 

.wfíí  wr  p  ^ 

risa  ns  nm^pi  rtmaa  np^nm  ntawa  ias:>&>  näS  /nn 
20  ,nmn  nmy  by  bvinw  nun  nnn  sbtr  /fb*p  own  xb 
V»y  npu1?  t?»5  Dinn  ab  ias  aia  nani  Kto  ntiwa  ast^ 
d^d  pwBa  onam  f*37tàa  yaanb  s^tr  ffl  ròn  w  man 

oapa  ip^BD1«  ab  roa  *waatr  a^\Yian  n^.vn  *ttf(hR9  ;'in 
25  ,ma  ny  a^aya^i  rpaa  pi  yiaa 

;fiB  byzv  nnn  nibba  by 

^na  aiBtrb  ub  t^ty       ,mnn  tid^  b^nb  nab  nta  ^ 
nmna  nyösnb  üb  tr^i  niiDöi  nbapn  B"^  nnnn 
30  nnim  niinn  nwb  anp  nan       na«  mvn  ;rtibiy  ntra 
nbn  nB  tya  nnin  ^tr  no^  i^tri  nwas5?  mao  ntrnn 

:a^Dj;aD  nama.n 


8 


M  1  b  S  V 


ftPbH  iwo  sbi  mns  min  s*an  mini  nsii  irstr  ;m 
na  a^pan  te  ro  •nyte  ?d  ,mmn  isn^  *nsi  rrm 
mm  a^Tyan  i\t  i^bs  •p  -nyi  ,/vm  ro  ps  n\Tw 
ib^  sb  as  Dmm  mm  sb  msbBJt  a^Di  ^s  ÍD*jh 
pi  ^  miiro  mmn  wn  •nns  ^  ,ravon  mmn  ay  5 
p^o  ps  nnamm  nnbnp  'n  ^  by  nntinsa  owaa  btr 
ay  ínrflom  as      ip^n  p  nasn  jpju  riwrt»  pmita 

♦  mmn 

wirti  rnsp  »  tyi  nr&W  mmnatr  /an 

'i  D^im  aisa  trjhö  ^bs  a^ays  nas  it^sa-  n^it  10 
,unan  sbi  warn  s1?  'Ui  a^pnn  bx  ym  tonar»  nnjn 
Twvw  |^is  sbs  mwd  ps  laib  a^ynaa  arn  nbai 
,nbs  nbw  wtd^  nas^  a^snb  tnnn  s^i  ,nr»n  nny 
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p  ,atrsa  ípyri  kvw  naiaa  bpia  a^asn 
sW  \mb  nmiDon  a^iaim  ,a^a  ims  mr  qs  sitsnb 
sbi  ,aip^D  nntD  sbi  ,pnb  ant?  aisab  •nsi  aisn  sarp 
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25  viterf  timS  mki  pai  ,niBDu  nnri"»  mxon  pi  ,nv»pn 

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ERSTE  FRAGE:  ÜBER  DIE  GEBETSRIEMEN. 

Das  Anlegen  der  Gebetsriemen  ift  nicht  von  der  Thora, 
fondern  von  Menfchen  geboten,  wie  aus  folgenden  Grün-  io 
den  eriichtlich  wird : 

1 .  In  der  Thora  ift  nicht  die  Art  und  Weife  ihrer  Her- 
ftellung,  ihr  Ausfehen  und  ihre  Form  erläutert.  So 
wie  ße  es  bei  den  Schaufäden  erläutert  hat,  daß  es 
Fäden  sein  sollen,  und  daß  ein  himmelblauer  hinzu-  15 
komme,  fo  hätte  auch  erläutert  werden  muffen,  daß 
die  Gebetsriemen  aus  Haut  hergeftellt  werden  müßten, 
mit  zwei  Gehäufen,  mit  Riemen  u.  dgl. 

2 .  Wenn  fie  von  der  Thora  aus  Verpflichtung  wären,  hätte 
die  gleiche  Verpflichtung  zu  jeder  Zeit  beftanden,  da  die  20 
Thora  keinen  Unter fchied  macht,  ebenfo wenig  wie  bei 
den  Schaufäden,  wo  die  Erinnerung  an  die  Gebote  zu 
jeder  Zeit  gleich  ift.  Ein  Zeichen  paßt  auch  für  jede  Zeit, 
und  warum  fagte  man,  daß  wir  fie  nur  zur  Gebetszeit  an- 
legen follten,  aber  nicht  an  Sabbathen  und  Feiertagen?  25 
Denn  wäre  es  im  Gegenteil  nicht  an  Sabbathen  und  Feft- 
tagen  paffender,  der  Gebote  Gottes  zu  gedenken  und  der 
Wunder,  die  er  getan? 

3.  Aus  den  Stellen,  an  denen  die  Thora  von  Gebets- 
riemen fpricht,  ift  nicht  erfichtlich,  daß  fie  ein  Gerät  oder  30 
überhaupt  ein  greifbarer  Gegenftand  feien,  fondern  nur 


Thesen    gegen   die  Tradition  ii 

eine  Erinnerung  des  Gehirns.  2.  Buch  Mofe,  Cap.  13  :  Sie 
/ollen  fein  zum  Zeichen  auf  deiner  Hand  und  zur  Erinnerung 
zwifchen  deinen  Augen,  denn  mit  fiarker  Hand  hat  dich 
Gott  aus  Ägypten  herausgeführt.  Daraus  ift  nicht  eriicht- 
5  lieh,  daß  man  etwas  herftellen  folle,  um  es  zwifchen  die 
Augen  und  um  den  Arm  zu  hängen,  fondern  daß  man  die 
Erinnerung  an  den  Auszug  aus  Ägypten  ftärke.  DieThora 
bedient  fich  dabei  der  gewöhnlichen  Umgangsfprache,  wie 
wenn  einer  fpräche :  diefe  Sache  fchwebt  vor  meinen  Augen 

10  fländig  in  der  Erinnerung.  Der  Text  fagt  dort  ferner :  es 
foll  fein  zum  Zeichen  auf  deiner  Hand  und  zur  Stirnbinde 
zwifchen  deinen  Augen  ufw.,  wobei  aus  der  Veränderung, 
mit  der  er  einmal  Zeichen,  einmal  Erinnerung  und  einmal 
Stirnbinde  fagt,  erfichtlich  ift,  daß  die  Abiicht  nur  auf 

15  die  Erinnerung,  aber  nicht  auf  einen  umgehängten  und 
umgelegten  Gegenftand  ging.  Ebenfo  5.  Buch  Mofe,  Cap.  6, 
im  Abfchnitt  Höre  wird  aus  dem  Vorhergehenden  das- 
felbe  erfichtlich :  es  follen  fein  diefe  Worte,  die  ich  Dir 
heute  gebiete,  auf  deinem  Herzen.  Das  bedeutet  doch  gewiß 

20  nicht,  daß  man  fie  auf  das  Herz  fchreiben  foll,  fondern 
daß  wir  fie  nicht  vergeffen,  wie  es  auch  ebendort  Cap.  2 
heißt :  damit  fie  nicht  weichen  von  deinem  Herzen  ufw.  Und 
ebenfo  ftärkt  der  Text  ftändig  die  Erinnerung  an  den  Aus- 
zug aus  Ägypten,  nicht  aber,  daß  wir  einen  Gegenftand 

25  fertigen,  um  ihn  zwifchen  die  Augen  und  um  den  Arm  zu 
hängen;  ähnlich  wie  in  den  Sprüchen,  Cap.  3,  fleht: 
fchreibe  fie  auf  die  Tafel  deines  Herzens,  binde  fie  um  deinen 
Hals  ufw.  Auch  findet  man  den  Namen  Gebetsriemen 
( Thephillin)  an  allen  diefen  Stellen  nicht  erwähnt,  fondern 

30  Stirnbinde  ( Totaphoth) . 

4.  Die  Verfchiedenheit,  mit  der  die  Juden  die  Gebets- 
riemen anlegen  (die  Deutfchen  legen  fie  an  Halbfeiertagen 
an  ohne  Segensfpruch,  aber  nicht  fo  die  Levantiner, 
während  die  Qaräer  weder  wie  die  einen  noch  wie  die 


12     Thesen    gegen    die  Tradition 

andern  es  machen)  lehrt,  daß  augerifcheinlich  keine  Über- 
lieferung von  der  Thora  her  auf  fie  kam,  fondern  nur  von 
Leuten,  die  fie  erfanden,  und  darum  macht  es  jeder,  wie 
er  will. 

5.  Warum  follte  der  nicht  Betende  frei  fein  vom  An-  5 
legen  der  Gebetsriemen ,  während  die  Thora  die  Erinnerung 
an  die  Gebote  nicht  vom  Sprechen  des  Gebetes  abhängig 
machte,  ebenfowenig  wie  die  Schaufäden  vom  Gebete  ab- 
hängen, fo  daß  fie  jederzeit  getragen  werden. 

6.  Die  Thora  führte  die  Erinnerung  an  die  Gebote  10 
bereits  mit  den  Schaufäden  ein  und  dazu  hätte  man  der 
Gebetsriemen  nicht  bedurft,  denn  fie  hat  nicht  erläutert, 
daß  man  fie  auf  diefe  Weife  herftellen  folle.  Unter  der 
Vorausfetzung,  daß  das  Gebetsriemen-Gebot  nur  Men- 
fchengebot  ift  —  und  wir  wollen  uns  jetzt  nicht  in  die  15 
Unter fuchung  einlaffen,  ob  wir  verpflichtet  find,  auf  die 
Menfchen  zu  hören  oder  nicht  —  ift  es  doch  wertvoll,  die 
Einführung  daraufhin  näher  zu  betrachten,  ob  fie  nützen 
oder  fchaden  kann.  Nutzen  ift  dabei  keiner  erfichtlich, 
Schäden  find  folgende :  1 .  Man  macht  einen  Segensfpruch  20 
über  etwas,  das  uns  nicht  geboten  ift,  und  dazu  noch  über 
die  Gebetsriemen,  von  denen  nicht  erwähnt  ift,  daß  fie 
sei  es  auf  dem  Kopf,  sei  es  auf  den  Arm  gelegt  werden 
müffen;  2.  man  gibt  den  Nichtjuden  Veranlaffung,  über 
die  Gebote  des  Gottesvolkes  zu  fpotten,  indem  fie  aus  25 
ihrer  Gotteslehre  felbft  ihre  Hinfälligkeit  beweifen  und  fie 
zu  einem  unvernünftigen,  ja  törichten  Volke  ftempeln,  ftatt 
der  gegenteiligen  Vorfchrift,  daß  die  Völker  fprächen : 
ein  weif  es  undverftändiges  Volk  ift  diefe  große  Nation ;  3.  wir 
verfehlen  die  Abficht  in  der  Thora,  deren  Hauptzweck  war,  30 
daß  wir  aller  ihrer  Gebote  gedenken,  während  mit  dem 
Anlegen  der  Gebetsriemen  das  Gegenteil  eintritt,  daß  wir 
nur  fo  lang  gedenken,  als  die  Gebetsriemen  auf  unferem 
Haupte  find,  eine  halbe  Stunde  oder  eine  Stunde,  und  daß 


Thesen    gegen    die    Tradition  13 


wir  glauben,  daß  es  damit  genug  fei;  4.  es  ift  eine  Hinzu- 
fügung eines  Gebotes  zur  Thora,  die  da  fagt:  ihr  follt 
nichts  hinzufügen  zu  dem  Worte,  das  ich  euch  heute  befehle 
ufw,  Alfo  kommen  die  Gebetsriemen  nicht  aus  der  Thora 
5  und  ihr  Anlegen  ift  weder  ziemlich  noch  richtig. 

ZWEITE  FRAGE:    ÜBER  DIE  BESCHNEIDUNG. 

Wie  wir  uns  bei  der  Befchneidung  und  der  Art  ihrer 
Ausführung  beim  heutigen  Gebrauch  gegen  die  Thora  ver- 
fündigen . 

10  1.  Das  Ausfaugen  des  Glieds  mit  dem  Munde  wurde 
nicht  zugleich  mit  der  Befchneidung  befohlen,  ift  alfo  hin- 
zugefügt, und  wir  dürfen  nichts  zu  den  Geboten  hinzu- 
fügen. 

2 .  Wegen  der  Sittlichkeit :  es  ziemt  iich  nicht  für  einen 
15  Mund,  der  die  Worte  des  lebendigen  Gottes  ausfpricht, 

iieh  dadurch  zu  verunreinigen,  und  von  der  Natur  aus 
ift  dies  zu  verabfcheuen.  Wenn  man  fagt,  es  gefchehe  zu 
Heilungs zwecken,  fo  ift  das  falfch,  denn  es  heilt  nicht, 
wie  jedem  gefchickten  Arzte  bekannt  ift,  und  wäre  es  dann 
20  nicht  veröffentlicht  in  den  Büchern  der  Völker,  wenn  es 
ein  Heilmittel  wäre?  Es  ift  aber  ein  hinzugefügter  Ge- 
brauch und  ganz  abfcheulich. 

3.  Was  die  Bereitftellung  des  Seffels  für  Elias  angeht, 
fo  fpotten  unfere  Feinde  darüber ;  denn  folche  Dinge  find 

25  Torheiten,  aber  keine  Gefetzesvorfchriften. 

4.  Was  die  Ausführung  der  Peri'a  (Bloßlegung  der 
Eichel)  angeht,  fo  wurde  diefe  nur  aus  eignem  Urteil  von 
einem  der  Lehrer  eingeführt,  denn  befohlen  war  fie  nicht, 
und  wir  fügen  zu  der  Ausführung  unferer  Väter  etwas 

30  hinzu.  Zum  Beweife,  daß  es  eine  Hinzufügung  ift,  diene: 
1 .  daß  die  Thora  ftändig  bei  diefem  Gebot  den  Ausdruck 
Milah  gebraucht,  deffen  Bedeutung  Rundfchnitt  ift,  aber 
nicht  Peri'a  fagt  oder  irgend  einen  anderen  Ausdruck  für 


14     Thesen    gegen    die  Tradition 

fchneiden,  wie  fie  gefagt  hätte,  wenn  fie  jenes  gemeint 
hätte,  denn  fie  ließe  eine  folche  Haupt  fache  gewiß  nicht 
ohne  Erläuterung;  2.  genügt  als  Zeichen  ein  einfaches 
Abfchneiden  zum  Symbole,  daß  wir  die  Vorhaut  unferes 
Herzens  befchneiden,  und  ein  Auffchneiden  der  Länge  5 
nach  wäre  nicht  nötig,  denn  im  Rundschnitt  liegt  das 
Symbol,  Überflüffiges  zu  entfernen  und  von  fich  zu  tun, 
und  damit  ift  Genüge ;  3 .  die  Eichel  ift  verfteckter  ohne 
die  Peri'a,  und  als  Stütze  für  all  das  Gefagte  diene  es, 
daß  die  Söhne  Ifmaels,  die  von  den  Zeiten  ihres  Urahnen  10 
Ifmael  her  feine  Fußftapfen  gingen,  Zeugnis  dafür  ab- 
legen, daß  auch  er  keine  Peri'a  ausführte;  denn  fonft 
führten  fie  fie  auch  heute  noch  aus.  Es  beweift  alfo 
die  Thora  einerfeits  und  der  Gebrauch  der  Türken  und 
Qaräer  andererfeits,  daß  die  Peri'a  ein  neueingeführter  15 
Gebrauch  ift  und  darum  nicht  gut. 

DRITTE  FRAGE:    ÜBER  DIE  FEIERTAGE  DES 

EXILS. 

Daß  das  Einführen  von  hinzugefügten  und  verdoppelten 
Feiertagen,  acht  ftatt  fieben,  wie  die  Thora  uns  vor-  20 
fchreibt,  eine  Änderung  ift  und  eine  Verfündigung  gegen 
die  Thora. 

1 .  Es  ift  nicht  zu  leugnen,  daß  in  der  Siebenzahl,  die  in 
der  Thora  beftimmt  ift,  ein  Symbol  und  ein  geheimer 
Grund  liegt,  und  daß  mit  der  Veränderung  diefer  Zahl  25 
auch  das  Symbol  hinfällig  wird . 

2.  Es  bedeutet  eine  Änderung  in  der  Thora,  und  eine 
folche  dürfen  wir  in  keinem  ihrer  Teile  vornehmen. 

3.  Wir  fetzen  die  Gebete  herab,  indem  wir  aus  zwei 
Tagen  einen  machen;  denn  wenn  der  erfte  heilig  ift,  ift  3° 
der  zweite  ein  Wochentag,  und  umgekehrt,  und  wie  kann 
man  fagen,  daß  in  diefer  Nacht  Gott  uns  aus  Ägypten 
geführt  habe  und  in  der  zweiten  Nacht  dasfelbe,  wenn  es 


Thesen    gegen    die   Tradition  15 


nur  eine  einzige  Nacht  war,  in  der  wir  aus  Ägypten  ge- 
zogen find. 

4.  Es  genügt  fchon,  zu  fagen,  daß  aus  dem  Feiern  von 
acht  Tagen  ftatt  von  fieben,  die  die  Thora  befohlen  hat, 
5  keinerlei  Nutzen  entfteht:  1.  Wenn  ihr  erwidern  wolltet, 
daß  es  aus  Zweifel  über  die  Neumonde  entftanden  fei, 
fo  antworten  wir,  daß  darüber  keinerlei  Zweifel  befteht, 
denn  durch  die  kalendarifche  Feftfetzung  des  Neumonds 
wiffen  wir,  welcher  Tag  es  ift,  ob  der  14.  oder  der  15.  des- 

10  felben;  2.  hätten  wir  ebenfogut  zwei  Tage  Verföhnungs- 
tag  feiern  müffen ;  3 .  wenn  der  zweite  aus  Zweifel  wegen 
des  erften  gefeiert  wird,  hätte  man  am  zweiten  nichts 
vom  erften  erlauben  dürfen.  Ift  er  ihm  nicht  wiederum 
gleichgeftellt,  dann  ift  er  eben  zu  viel,  und  nicht  nötig. 

15  Kurz,  wir  finden  keine  Rechtfertigung,  mehr  Tage  zu 
feiern,  als  in  der  Thora  geboten  find. 

VIERTE  FRAGE:   DASS  DAS  VERBRENNEN 
NICHT  MIT  FLÜSSIGEM  BLEI  GESCHIEHT. 

Da  die  Thora  befahl,  daß  irgend  einer  durch  Verbrennen 
20  abgeurteilt  werde,  ift  es  gegen  deren  Gebot,  wenn  wir 
fagten,  es  folle  bewerkftelligt  werden  durch  Eingießen 
flüfiigen  Bleis  in  feinen  Mund. 

1.  Die  Thora  fagt  das  nicht,  und  wenn  fie  es  gewollt 
hätte,  hätte  fie  ihre  Worte  erläutert.  Wir  können  uns  nur 

25  an  ihren  klaren  Wortlaut  halten. 

2.  Der  Text  fagt  im  3.  Buch  Mofe,  Cap.  20:  Und  wenn 
jemand  ein  Weib  nimmt,  und  dazu  ihre  Mutter,  fo  ift  es 
Unzucht.  Im  Feuer  foll  man  ihn  und  fie  verbrennen  u/w. 

3.  Das  Eingießen  von  Blei  in  den  Mund  ift  kein  Ver- 
30  brennen  durch  Feuer,  denn  Blei  ift  kein  Feuer  und  von 

Verbrennen  kann  nur  dann  die  Rede  fein,  wenn  der  Mann 
im  Feuer  verbrennt,  nicht  aber  das  Feuer  im  Mann.  Ein 
Beweis  läßt  fich  dem  Falle  der  roten  Kuh  entnehmen,  bei 


i6     Thesen    gegen   die  Tradition 

der  gefchrieben  fteht :  er  foll  die  Kuh  verbrennen  ufw.  Hier- 
bei war  es  nötig,  fie  in  Afche  zu  verwandeln  und  dabei 
erwähnt  der  Text  bei  der  Kuh  nicht  einmal  etwas  vom 
Feuer,  während  er  dort  lagt :  im  Feuer  foll  man  fie  ver- 
brennen, um  die  Auffaffung  auszufchließen,  es  folle  durch  5 
etwas  Heißes  gefchehen,  vielmehr  wirklich  im  Feuer. 

FÜNFTE  FRAGE:  ÜBER  DEN  EIGENTÜMER 
EINES  STÖSSIGEN  OCHSEN. 

Daß  es  gegen  das  Recht  der  Thora  verftößt,  den  Eigen-  10 
tümer  eines  ftößigen  Ochfen  nicht  zu  töten,  wenn  der 
Ochfe  öinen  Menfchen  getötet  hat,  nachdem  der  Eigen- 
tümer gewarnt  war. 

1.  In  der  Thora  find  verfchiedene  Fälle  angeführt: 

1.  ein  Ochfe,  der  getötet  hat,  ohne  daß  fein  Eigentümer  15 
verwarnt  war,  in  welchem  Falle  der  Ochfe  getötet  wird 
und  der  Eigentümer  frei  bleibt;  2.  wenn  er  getötet  hat, 
nachdem  der  Eigentümer  verwarnt  war,  in  welchem 
Falle  der  Ochfe  zufamt  dem  Eigentümer  getötet  wird ; 
nur  läßt  der  Text  in  diefem  Falle  die  Möglichkeit  einer  20 
Milderung  zu,  weil  der  Eigentümer  nicht  felbft  der 
Mörder  war,  indem  er  fagt:  wenn  ein  Löfegeld  ihm  auf- 
erlegt wird,  fo  foll  er  feine  Perfon  befreien.  Jedoch  follte 
das  Recht  dem  Kläger  zuftehen,  und  ohne  ihn  dürfte 
man  nicht  anftatt  der  Tötung  Geldauslöfung  annehmen.  25 
Denn  wenn  niemals  der  Fall  eintreten  könnte,  daß  er 
getötet  würde,  warum  follte  da  die  Thora  vergeblich 
gefagt  haben :  auch  fein  Eigentümer  wird  getötet  ? 

2.  Beweis  aus  anderen  Stellen  aus  der  Thora,  daß  der- 
jenige, der  einen  Schaden  verur facht  hat,  geftraft  wird,  30 
als  habe  er  felbft  ihn  zugefügt,  wie  es  dort  heißt:  wenn 
ein  Mann  eine  Grube  gräbt  ufw.,  fo  muß  der  Eigentümer 
der  Grube  bezahlen  und  ebenfo:  bezahlen  muß  derjenige, 
der  den  Brand  entzündete.  Ebenfo  hier,  da  der  Eigentümer 


Thesen    gegen   die   Tradition  17 


des  Ochfen  verwarnt  war  und  ihn  nicht  gehütet  hat,  hat 
er  den  Schaden  verurfacht  und  wird  mit  dem  Tode  be- 
ftraft,  wenn  der  Kläger  nicht  in  das  Löfegeld  willigt. 

SECHSTE  FRAGE:  ÜBER  AUGE  UM  AUGE. 

5  Es  verftößt  ebenfo  gegen  das  Recht  der  Thora,  zu 
fagen,  daß  derjenige,  der  des  anderen  Auge  ausfchlägt 
oder  fonft  ihm  einen  Leibesfchaden  verurfacht,  nur  Geld 
zu  zahlen  brauche. 

1.  Beweis.  3.  Buch  Mofe,  Cap.24:  Wenn  ein  Mann 
10  feinem  Nächflen  einen  Leibesfchaden  verurfacht,  fo  zvie  er 

getan,  foll  auch  ihm  getan  werden.  Auge  um  Auge  ufw. 
Daraus,  daß  der  Text  mehrmals  wiederholt,  fo  wie  er 
einen  Leibesfchaden  verurfacht  hat  ufw.,  geht  hervor,  daß 
die  Abficht  ift,  ihm  wirklich  dasfelbe  anzutun.  Ebenfo 

15  heißt  es  2.  Buch  Mofe,  Cap.  2 1  :  wenn  Männer  ftreiten  ufw., 
muß  er  ihn  nur  für  die  Zeit,  da  er  feierte,  entfchädigen  und 
für  feine  Heilung  for  gen.  Diefer  Fall,  in  dem  er  ihm  keiner- 
lei Leibesfchaden  verurfachte,  kann  durch  Geldzahlung 
erledigt  werden.  Verurfacht  er  aber  einen  Leibesfchaden, 

20  fo  muß  ebenfo  mit  ihm  verfahren  werden.  Das  find  ge- 
fonderte  Gefetzesvorfchriften. 

2.  Es  ift  erfichtlich  aus  dem  Falle,  daß  einer  das  Auge 
feines  Sklaven  oder  fogar  nur  einen  feiner  Zähne  aus- 
fchlägt und  er  ihn  deswegen  frei  laffen  muß,  wobei  die 

25  Freiheit  doch  wertvoller  ift  als  alle  Geldentfchädigung. 
Wenn  fchon  die  Thora  bei  dem  Sklaven,  der  doch  leichter 
ins  Gewicht  fällt,  da  er  das  eigene  Vermögen  betrifft, 
eine  fo  fchwere  Strafe  auferlegt,  um  wie  viel  mehr  bei 
freien  Menfchen,  fodaß  man  fich  dabei  nicht  loskaufen  kann. 

30  3 .  Die  Logik  zwingt  dazu,  daß  es  nicht  genügt,  in  folchen 
Fällen  eine  Geldftrafe  zu  verhängen. 

4.  Die  Thora  hat  überall  die  Abficht,  den  Übeltätern 
Furcht  einzuflößen.  Es  bedeutet  aber  keinen  Zügel  oder 


Da  Costa  Opera. 


2 


i8     Thesen   gegen   die  Tradition 

keine  Furcht,  wenn  fie  mit  Geld  zahlen  könnten ;  nur  wenn 
fie  denken,  daß  ihnen  ebenfo  am  eigenen  Körper  ge- 
fchehen  wird. 

5.  Daraus,  daß  es  bei  der  Frau  heißt:  wenn  fie  ihn 
bei  JeinemSchamteil packt,  follft  Du  ihre  Hand  abhauen ,  ohne  5 
Dich  ihrer  zu  erbarmen,  wobei  wir  fehen,  daß  die  Thora  nicht 
wollte,  daß  wir  uns  eines  Übeltäters  erbarmen.  Wenn 
fchon  bei  der  Frau,  die  keinen  Leibes fchaden  verur facht 
hat,  der  Text  fagt :  Du  follft  dich  nicht  erbarmen,  um  wie 
viel  weniger  follen  wir  uns  dem  gegenüber,  der  des  Ande-  10 
ren  Auge  ausfchlägt  oder  desgleichen,  aus  Erbarmen  zu- 
rückhalten und  die  Vorfchriften  nicht  wörtlich  auff äffen. 

6.  Aus  den  Gefetzen  der  anderen  Völker,  die  es  einge- 
führt haben,  daß  man  iich  in  ähnlichen  Fällen  nicht  mit 
Geldftrafen  begnügt,  fondern  nur  mit  Körper ftrafen,  ja  *5 
mitunter  mit  der  Todesftrafe. 

SIEBENTE  FRAGE:  ÜBER  DAS  GRUNDSÄTZ- 
LICHE DER  MÜNDLICHEN  LEHRE. 

Es  genügt  allein,  um  das  Fundament  der  Thora  umzu- 
ftürzen,  wenn  man  fagt,  man  müffe  die  Vorfchriften  der  20 
Thora  auf  Grund  der  Überlieferung  beurteilen,  und  man 
müffe  an  diefe  glauben  wie  an  die  Thora  von  Mofe  felbft,  und 
fie  für  wahrhalten,  wodurch  man  beinahe  die  Thora  ändern 
und  eine  neue  Thora  der  wirklichen  entgegen  ftehend 
fchaffen  würde,  während  es  unmöglich  ift,  daß  eine  25 
mündliche  Lehre  exiftiert  außer  der  beftehenden  aus  fol- 
genden Gründen: 

1 .  Es  ift  aus  der  Thora  nicht  erfichtlich,  daß  eine  andere 
Thora  fich  vorfindet,  noch  gibt  es  einen  Hinweis  auf  diefe; 
und  es  hätte  doch  in  der  Thora  erwähnt  werden  müifen,  30 
denn  wenn  einer  ohne  dies  irgend  etwas  bekräftigen 
wollte,  läge  darin  kein  Beweis.  Ja  felbft  wenn  diejenigen, 
die  die  mündliche  Thora  bezeugen,  Männer  wären,  die 


Thesen    gegen   die  Tradition  ig 

Wunder  vollbrächten,  fo  dürften  wir  doch  auf  ihre  Worte 
keine  Rücklicht  nehmen,  wenn  iie  nicht  mit  der  fchrift- 
lichen  Thora  übereinftimmten.  Denn  nachdem  die  Thora 
uns  durch  den  höchften  aller  Propheten  gegeben  wurde 
5  und  ihr  Empfang  und  ihr  Abfchluß  durch  den  Mund 
Gottes  beftätigt  wurde,  gibt  es  für  uns  kein  untrügliches 
Zeichen,  die  wahren  von  den  falfchen  Propheten  zu  unter- 
fcheiden,  als  die  Übereinftimmung  mit  der  Thora. 

2.  Es  ist  aus  der  Thora  felbft  eriichtlich,  daß  es  nichts 
Jo  außer  ihr  gibt  und  daß  wir  uns  nach  ihren  Worten  richten 

müffen  und  nach  nichts  anderem,  da  unfer  Lehrer  Mofe 
zu  wiederholten  Malen  hervorhebt,  befonders  5.  Buch 
Mofe,  Cap.  4:  und  jetzt,  Ifrael,  höre  auf  die  Gefetze  ufw.; 
ihr  Jollt  nichts  hinzufügen  und  nichts  verändern,  und  das 

15  Wort  heute  foll  nachdrücklich  hervorheben:  es  gibt  keine 
Gebote  weiter,  als  die  ich  euch  heute  befohlen  habe,  und 
du  follft  nicht  berückiichtigen  zukünftig,  die  da  fagen 
werden,  ich  hätte  noch  anderes  vorgefchrieben  außer 
diefem;  ich  gebe  fie  alle  öffentlich  und  fchriftlich,  nicht 

20  durch  mündliche  Einflüfterungen.  Ebenfo  Cap.  27:  Ver- 
flucht, wer  nicht  hält  die  Worte  die f er  Thora  ufw.,  d.h.  es 
gibt  nur  diefe  Thora  und  ich  gebe  euch  keine  andere. 

3.  Auch  die  Proceffe,  die  in  MofisZeit  begannen,  wurden 
nicht  von  der  Überlieferung  her  entfchieden,  fondern  auf 

25  Grund  der  Thora :  alle  fchweren  Fälle  brachten  fie  zu  Mofe, 
und  ebenfo  befahl  die  Thora,  auch  fpäter  daran  f eftzu- 
halten und  bei  fchweren  Fällen  an  den  Priefter  oder  den 
Richter  fich  zu  wenden,  damit  fie  nicht  nach  einer  anderen 
Thora  entfchieden,  fondern  auf  daß  Gott  feinen  Geift  über 

30  fie  ausgieße,  um  nach  der  fchriftlichen  Thora  zu  urteilen. 

4.  Als  König  Salomo  die  Schwere  des  Urteils  erkannte, 
verlangte  er  von  Gott  einen  verftändigen  Sinn,  um  fein 
Volk  nach  feiner  Thora  zu  richten,  aber  er  urteilte  nicht 
nach  einer  mündlichen  Thora,  fondern  in  fchweren  Rechts- 


2o     Thesen   gegen   die  Tradition 

fällen  nach  dem  Verftande.  Das  Volk  fah  es  und  ftaunte 
über  feine  Weisheit,  weil  Richter  befonders  vernunft- 
begabt fein  müffen,  wie  Jithro  zu  Mofe  fagte:  Bieder- 
männer, Weife  ufw.  Das  ift  die  Überlieferung,  die  zur 
Thor  a  gehört,  keine  andere.  5 

Nachdem  wir  nun  dargelegt,  daß  keine  andere  Thora 
und  keine  andere  Erläuterung  außer  der  fchriftlichen  von 
Gott  ftammt,  muß  alfo  die  fogenannte  Überlieferung  hin- 
iichtlich  der  erwähnten  Erklärungen  und  ähnlicher  fchon 
menfchlich  fein.  Gegen  fie  läßt  fich  einwenden :  abgefehen  10 
davon,  daß  es  eine  große  Brefche  bedeutete,  wenn  man 
den  Menfchen  Gelegenheit  gäbe,  von  Mofis  Thora  abzu- 
weichen, zu  erläutern,  und  menfchliche  Erklärungen  ftatt 
göttlicher  zu  lernen  und  zu  verkünden,  würde  es,  fobald 
es  fich  uns  als  etwas  Menfchliches  ergäbe,  eine  große  lS 
Leugnung  bedeuten,  es  dem  Göttlichen  gleichzuftellen 
und  zu  fagen,  wir  feien  verpflichtet,  alle  Gefetze  des 
Thalmud  zu  halten  wie  die  Thora  von  Mofe.  Allerdings 
müiTen  wir  zugeben,  daß  hinhchtlich  der  praktifchen 
Ausführung  ein  Gewohnheitsrecht  möglich  ift,  jedoch  20 
müiTen  wir  genau  prüfen,  ob  diefes  mit  der  Thora  über- 
einftimmt.  In  diefem  Falle  hat  es  Geltung;  im  anderen 
Falle  ift  es  nichtig. 

ACHTE  FRAGE:  ANSICHTEN. 

Es  gibt  bei  den  Juden  Anflehten,  die  desjenigen,  der  25 
den  Namen  Ifraels  trägt,  nicht  würdig  find,  die  vielleicht 
anderen  Völkern  geziemen,  aber  auch  nicht  allen  anderen 
Völkern,  fondern  nur  den  törichten  unter  ihnen,  die  nicht 
nur  Anflehten  törichter  Menfchen  find,  fondern  auch  im 
Wider fpruch  gegen  die  guten  Sitten,  die  fich  deren  30 
Träger  aus  dem  Sinne  fchlagen  follten,  die  man  nicht 
öffentlich  befprechen  und  erwähnen  follte. 


Thesen    gegen   die  Tradition  21 


NEUNTE  FRAGE:   ÜBER  DAS  AUFHEBEN  DER 

GELÜBDE. 

Das  Gelübde,  womit  fich  irgend  einer  bindet,  fofern  es 
weder  derThora  noch  den  guten  Sitten  wider fpricht,  kann 
5  nicht  gelöft  werden.  Dazu  hat  keiner  Kraft  und  Erlaub- 
nis. Den  Weifen  ift  es  nur  geftattet,  zu  unter fuchen,  ob 
das  Gelübde  vom  Standpunkte  der  Thora  aus  ftatthat 
oder  nicht.  Man  follte  der  Leichtfertigkeit,  die  in  folchen 
Fällen  Platz  gegriffen  hat,  fteuern. 

10  ZEHNTE  FRAGE:  ÜBER  DIE  UMZÄUNUNGEN. 
Was  man  Zaun  um  die  Thora  nennt,  ift  nicht  unbedingt 
gut;  denn  fie  können  die  Menfchen  leicht  zur  Sünde 
bringen  mittels  der  Abficht,  die  doch  die  Hauptfache  bei 
einem  Vergehen  bildet;  denn  fie  glauben  zu  fündigen, 

15  wenn  üe  diefen  Zaun  durchbrechen.  Dinge,  die  ange- 
ordnet find,  um  Schutz  zu  bilden,  damit  der  Menfch  nicht 
fündige,  follte  man  als  Schutz  erklären  und  nicht  als 
felbftändiges  Gebot,  und  nicht  eine  Thora  auf  die  andere 
aufbauen,  eine  noch  fchwerere  als  die  erfte  und  kaum  aus- 

20  führbare;  ebenfo  bei  neuhinzugefügten  überflüffigen  Ge- 
boten. Man  follte  das  Göttliche  vom  Menfchlichen 
trennen  und  beides  nicht  einander  gleichftellen. 

ELFTE  FRAGE:  ÜBER  DEN  SEGENSSPRUCH 
DER  ES  GEHEILIGT  DURCH  SEINE  GEBOTE 

25  UND  UNS  BEFOHLEN. 

Ferner  wollen  wir  fagen,  daß  der  Segensfpruch  vor  dem 
Hallel- Gebet  und  anderen  rabbinifchen  Geboten  ungehörig 
ift ;  denn  indem  man  fagt :  der  uns  befohlen,  fetzt  man  vor- 
aus, daß  das  Gebot  von  der  Thora  fei.  Und  in  den  Gebet- 

30  büchern  find  Dinge,  die  man  ftreichen  follte,  wie  z.  B. 
daß  Elias  zwölf  Gefchlechter  fchaute,  und  bei  dem  Mär- 
tyrertod der  zehn  Weifen,  bei  dem  es  heißt:  /0  war  es 
im  Rate  Gottes  bejchloffen. 


22    Propostas   contra   a  Tradição 


Auf  alle  diefe  Fragen  erhoffen  wir  eine  Löfung  entweder 
durch  Gegenbeweife  aus  der  Thora  und  aus  der  Vernunft, 
fo  daß  das  Fundament  eingerifíen  wird,  oder  durch  Zu- 
ftimmung.  Es  foll  dies  nicht  als  Streitfucht  und  Hart- 
näckigkeit aufgefaßt  werden,  fondern  nur  zur  Anerken-  5 
nung  des  göttlichen  Namens  und  zur  Ehre  feiner  heiligen 
Thora. 


PROPOSTAS  CONTRA  A  TRADIÇÃO. 
E  PRIMEIRA  DOS  THEPHILIN. 

Propom,   que   o  preceito    Thephilin    naõ    feja    de  10 
ordern  da  ley,  mas  humano,  e  ifto  per  razoens.  E  pri- 
meira que  naõ  efta  claro  na  ley  como  devaõ  fer  feitos 
de  couro,  com  correas,  e  divididos  em  4  cafas,  o  qual 
ouvera  de  declaralo,  como  no  cicit.  &ca. 

Segunda  diz  eile  que  fe  foffe  ordem  Divina,  feria  15 
obrigação  trazelos  em  todo  tempo  e  ora,  &  naõ  fo  na 
ora  da  Tephila  de  menham;  e  em  Sabat  &  feitas  que 
naõ  fe  pom  &ca. 

Terceira  diz  elle:  que  nos  lugares  donde  fala  a  ley 
dos  Tephilin,  naõ  moftra  que  devaõ  fer  coufa  inftru-  20 
mental  &  effencial,  mas  fomente  prefervaçaõ  de  me- 
moria &ca.  &  nifto  fe  alarga  muito. 

Quarta:  argumenta  la  diveríidade  que  ha  entre  os 
fectas  dos  Judeus,  Tudefcos,  Efpanhoes  e  outros,  que 
alguns  pom  Tephilin  em  medianos  de  Feitas  &  outros  25 
naõ,  &  os  Karaim  nunca. 

Quinta  diz:  que  aquelle  que  por  qual  quer  cccafiaõ 
naõ  diffe  Tephila,  he  liure  de  por  Tephilin;  e  que 
naõ  fe  deva  caeer  que  a  ley  aja  pofto  a  memoria  dos 
preceitos  fomente  na  oraçaõ  &ca.  30 

Sexta  diz:   que  feja  fuperfluo  o  preceito  dos  Te- 


Propostas   contra   a   Tradição  23 

philin  por  memoria  dos  preceitos  fendo  ja  o  do  cicit 
para  eíte  fim  ordenado  &ca. 

SEGUNDA  PROPOSTA 

diz,  que  no  modo  que  se  uza  na  circuncifaõ  fe  offende 
5  a  ley:  Por  rezons. 

Ia  Primeiramente:  com  o  chupar  o  fangue  da  carne 
circumíidada  muitas  vezes  com  a  boca,  o  qual  naõ  he 
mandado  na  ley;  he  logo  acreffentado,  &  que  naõ  he 
feito  por  medicamento,  conforme  temos  cirugioens,  pois 
10  naõ  teria  numero  de  vezes  prefixo. 

2a  diz:  ser  deshoneftidade,  que  a  boca  que  a  da 
Ds.  para  pronunciar  coufas  Divinas,  deva  inmundarfe 
recebendo  em  íi  aquella  parte  vergonhofa. 

3a  diz:  que  fe  offende  a  Ley,  com  preparar  hüa 
15  cadeira  para  Eliau,  fendo  coufa  acreffentada,  e  que 
damos  com  ifto  ocafiaõ  aos  gentios  de  zombarfe  de 
nos  &ca  — . 

4a  Quarta  diz,  que  feja  contra  a  ley  o  fazer  a  Periha, 
naõ  fendo  uzada  de  noftros  pais,  e  que  a  Efcritura  ha 

20  uzado  a  palavra  de  Mila,  que  quer  dizer  cortar  arroda, 
&  naõ  ajuntou  outra  algüa  palavra  fignificante  outro 
corte.  2a  fegunda  razaõ  nifto,  diz,  que  baila  o  pri- 
meiro corte  de  arroda  para  cumprir  o  mifterio  que 
a  ley  quer,  que  he  o  rixar  toda  a  fuperfluidade  do  co- 

25  raçaõ,  com  hum  corte  arroda,  e  naõ  he  neceffario  mais. 
3  a  Terceira  rezaõ  nifto  diz,  que  ficaria  o  membro 
muito  mais  honefto  cuberto  fem  Perihâ. 

Alega  pois,  por  prova  os  Turcos,  que  diz  haõ  feguido 
a  circuncifaõ  de  Ismael,  e  os  Caraim,  que  naõ  fazem 

30  Perihà. 

TERCEYRA  PROPOSIÇÃO, 

que  o  fazer  outo  dias  de  Pafcua  em  lugar  de  fette, 
feja  mudança  &  acrecentamento  à  Ley. 


24      Propostas   contra   a  Tradição 

i a  E  primeiramente  por  que  o  numero  fetenario 
tem  mifterio  o  qual  naõ  fe  obferva  fazendo  outo. 

2a  Que  he  emnovaçaõ  na  Ley. 

3  a  Que  nas  oraçoens  dizemos  em  ambos  os  dias, 
tal  dia,  e  naõ  pode  fer  fenaõ  hum.  5 

4a  Que  he  inútil  e  vaõ  o  fazer  outo,  nem  fe  deue 
dizer  que  he  por  duvida  da  Luá,  pois  do  primeiro  do 
mez  se  sabe  todo  o  mez,  a  demais,  que  tambe  o  dia 
de  Kipur  hera  neceffario  fazer  dous  dias :  e  mais  que  fe 
fe  fas  o  fegundo  dia  por  duvida,  naõ  fe  devera  fazer  io 
cicit  nelle  coufa  algüa  mais  que  no  primeiro. 

E  finalmente,  paraque  queremos  fazer  mais  daquilo 
que  a  ley  manda. 

QUARTA  PROPOSTA: 

que  o  queimar  que  fazia  o  Magiftrado  aos  reos  da  15 
tal  morte,  devia  fer  com  fogo  e  lenha;  naõ  com  chumbo 
derretido  &ca:    E  iffo  por  rezoens  — 

Ia  E  primeira:  que  a  ley  naõ  diz  afíi. 

2a  Segunda:  que  diz,  no  fogo  arderão:  que  he  com 
fogo  e  lenha,  lo  prova  também  por  la  vaca  vermelha,  20 
adonde  diz,  e  queimará  â  vaca,  e  depois  diz,  e  apan- 
hara â  finza,  e  que  fempre  diz  no  fogo,  para  excluir 
efta  interpretação  do  chumbo,  que  naõ  he  fogo. 

QUINTA  PROPOSIÇÃO: 
Que  feja  contra  a  ley  que  o  dono  de  hum  boy,  o  25 
qual  foy  proteftado,  e  matar  algüa  pefíba,  que  tal  dono 
nao  morra. 

E  ifto  por  que  no  dono  de  boy  que  naõ  foy  avizado, 
diz  a  ley  que  fera  livre  ou  innocente  o  tal  dono;  e 
aqui  diz,  que  fera  matado.  E  fenaõ  foffe  em  effeito  30 
executado  â  morte,  feria  hum  juizo  igual,  com  o  do 
dono  do  boy  naõ  proteftado.  E  que  nefte  cafo  ficaua 
a  libertade  do  mais  próximo  parrente  do  morto,  que 


Propostas    contra   a  Tradição  25 

morreffe  o  patraõ  do  boy,  ou  naõ,  dandolhe  feu  ref- 
gate.  E  que  em  outros  lugares,  que  quem  he  occafiaõ 
de  dano,  he  caftigado:  como  quanto  cavar  hum  home 
fosso y  e  cair  nelle  &ca. 

5  SEXTA  PROPOSIÇÃO 

diz:  que  adonde  diz  a  ley  olho  por  olho  &ca  deua 
en tender fe  affi  juftamente,  e  naõ  pena  pecuniária  &ca 
e  ifto  por  rezoens 
Ia  Primeiramente. 

10  2a  Segunda  Razaõ  diz:  que  ja  eftava  ditto  em  outra 
parte  dizendo  e  quando  ferir  home  a  feu  companheiro 
com  pedra  &ca,  o  feu  ocio  dara,  e  mezinhar  fera  mezin- 
hado :  que  fala  de  quem  naõ  offende  membro  principal 
e  incurável,  que  aquelle  dara  dinheiro,  mas  naõ  efte. 

15  3  a  Terceira  diz,  que  fe  o  efcravo  deve  fer  mandado 
livre  pela  offença  do  olho,  ou  do  dente,  que  a  liber- 
tade  he  mais  preciofa  que  qual  quer  dinheiro; 
quanto  mais  fe  offender  o  hum  feu  companheiro,  que 
fera  neceífario,  que  feja  punido  com  outra  coufa  que 

20  dinheiro. 

5a  Quinta  diz:  que  a  Divina  entençaõ  he  meter 
temor,  para  que  naõ  fe  faíTa  hum  ao  outro  femel- 
hantes  offen ços,  e  que  por  dineiro  naõ  se  temeria 
tanto. 

25  6o  Sexta  diz:  que  se  a  mulher  que  pegava  pella 
vergonha  de  algum  home,  selhe  cortava  a  maõ,  sem 
compaixão;  quanto  mais  quem  priva  a  outro  de  hum 
membro,  senaõ  deve  apradar  fobre  eile,  e  promutar 
em  dinheiro  feu  caftigo.  &ca. 

30  7a  Sétima  prova  pellos  Leys  de  outros  gentes,  que 
affi  o  feguem. 

Hora  vamos  â  foluçaõ  da 


26    Propostas    contra   a  Tradição 

7a  QUESTÃO 
do  proponente  que  diz,  que  naõ  fe  deue  dizer,  que 
aja  Ley  de  bocca,  nem  outra  que  a  efcrita;  e  ifto 
por  razoens:   E  para  que  naõ  parece  na  Ley  acharfe 
outra,  nem  declaração  delia,  e  que  devia  estar  expresso  5 
na  Ley. 

Diz  o  Proponente  na  2  a  razão  da  sétima  sua  questão 
acima  ditta  que  pela  misma  Ley  parece,  que  naõ  aja 
outra,  &  que  difíe  Motten:  &  agora  Ifrael  ouve  os 
preceitos  &  os  Juízos,  que  eu  te  encomendo  oye:  (Que  10 
he  o  quer  dizer  oye,  fenaõ  aquelle  dia  &  naõ  outro) 
naõ  acrecenteis,  nem  diminuais  &ca.  Maldito  aquelle 
que  naõ  observar  as  palavras  desta  Ley  &ca. 

Na  tercera  razaõ  da  fobre  dita  fetima  queftaõ  fua, 
diz  que  os  Judeus  do  tempo  de  MoíTeh  naõ  julgavaõ  *5 
por  Ley  de  boca,   fenaõ  pela  escrita,   &   as  coufas 
difficultofas  traziaõ  a  MoíTeh. 

Por  4a  rezaõ  da  7a  Queftaõ  diz,   que  Selomo  pedio 
de  Ds.  coração  entendente  para  julgar:  de  modo  que 
naõ  julgaua  por  Ley  de  boca,  mas  por  feu  entendi-  20 
mento.    E  affi  os  Juizes  deputados  por  Moffeh  por 
confelho  de  feu  fogro,  que  deviaõ  fer  inteligentes. 

OUTAVA  PROPOSTA 
diz :  que   ha   entre   os  Hebreos  opinoens  indignos 
delles  &ca.  25 
NONA  PROPOSIÇÃO: 
Que  os  ditos  ejuramentos  que  naõ  fejaõ  contra  a 
Ley  e  boms  coftumes,  naõ  fe  podaõ  dispenfar,  e  que 
naõ  fem  autoridade  os  fabios  para  iffo  &ca. 

10a  PROPOSTA,  30 
que  aquellas  coufas  que  chamaõ  reparos  ou  vallados, 
naõ  faõ  abfolutamente  bons  porque  fazem  pecar  em 
confciencia  &ca. 


Thesen    gegen    die  Tradition 


27 


THESEN  GEGEN  DIE  TRADITION. 

DIE  ERSTE  THESE  HANDELT  VON  DEN 
GEBETSRIEMEN. 

Er  ftellt  die  Thefe  auf,  das  Gebetsriemen-Gebot  fei 
nicht  gefetzliche  Anordnung,  fondern  menfchliche,  und 
5  zwar  aus  beftimmten  Gründen. 

Der  erfte  ift:  es  ift  im  Gefetz  nicht  klar,  wie  fie 
hergeilellt  werden  f ollen,  aus  Haut,  mit  Riemen,  und 
geteilt  in  vier  Gehäufe,  was  hätte  erklärt  werden 
müiTen  wie  bei  den  Schaufäden  ufw. 

I0  Zweitens  fagt  er :  wenn  es  göttliche  Anordnung  wäre, 
beftünde  die  Verpflichtung,  fie  zu  tragen,  zu  jeder  Zeit 
und  Stunde,  und  nicht  bloß  zur  Stunde  des  Morgen- 
gebets, ferner  am  Sabbath  und  an  Fefttagen,  an  denen 
man  iie  nicht  anlegt  ufw. 

15  Drittens  fagt  er:  aus  den  Stellen,  an  denen  das 
Gefetz  von  den  Gebetsriemen  fpricht,  ift  nicht  erficht- 
lich,  daß  fie  ein  Gerät  und  ein  greifbarer  Gegenftand 
fein  follen,  fondern  nur  eine  Gedächtnishilfe  ufw.  und 
darüber  verbreitet  er  iich  ausführlich. 

20  Viertens :  er  argumentiert  mit  der  Verfchiedenheit, 
die  zwifchen  den  jüdifchen  Sekten,  den  Deutfchen, 
den  Spaniern  und  andren  befteht,  daß  einige  die  Ge- 
betsriemen an  Halbfeiertagen  anlegen,  andre  nicht, 
und  die  Qaräer  überhaupt  nie. 

25  Fünftens  fagt  er :  wer  wegen  irgend  eines  Umftandes 
kein  Gebet  fagt,  ift  davon  befreit,  Gebetsriemen  zu 
tragen,  und  es  darf  doch  nicht  der  Fall  fein,  daß  das 
Gefetz  die  Erinnerung  an  die  Gebote  bloß  in  das  Ge- 
bet gelegt  hätte  ufw. 

30  Sechftens  fagt  er:  das  Gebetsriemen-Gebot  wäre  zur 
Erinnerung  an  die  Gebote  überflüffig,  dajafchondas  Gebot 
von  den  Schaufäden  zu  diefem  Zweck  verordnet  war  ufw. 


28    Thesen    gegen   die  Tradition 

DIE  ZWEITE  THESE 
befagt :  in  der  Art,  in  der  die  Beschneidung  ausgeführt 
wird,  wird  das  Gefetz  verletzt^  und  zwar  aus  folgen- 
den Gründen: 

1.  Dadurch,  daß  das  Blut  aus  dem  befchnittenen  5 
Fleifch  viele  Male  mit  dem  Munde  ausgefaugt  wird, 
was  im  Gefetz  nicht  befohlen  ift;  es  ift  alfo  hinzuge- 
fügt, und  zwar  ift  es  nicht  gefchehen  als  Heilmittel, 
entfprechend  den  wundärztlichen  Heilmitteln,  die  wir 
haben,  da  es  dann  nicht  eine  vorgefchriebene  Zahl  von  10 
Malen  hätte. 

2.  fagt  er:  es  ift  eine  Unehrbarkeit,  daß  der  Mund, 
dem  es  von  Gott  gegeben  ift,  göttliche  Dinge  auszu- 
fprechen,  fich  verunreinigen  follte,  indem  er  jenes 
Schamteil  in  fich  aufnimmt.  15 

3.  fagt  er:  das  Gefetz  wird  verletzt,  indem  ein  SeiTel 
für  Elias  bereitgeftellt  wird,  da  dies  etwas  Hinzugefüg- 
tes ift,  und  damit  geben  wir  den  Nichtjuden  Anlaß, 
uns  zu  verfpotten  ufw. 

4.  fagt  er:  die  Ausführung  der  Peri' a  ift  gegen  das  20 
Gefetz,  da  fie  von  unfern  Vätern  nicht  geübt  worden 
ift.    Die  Schrift  hat  das  Wort  Milah  gebraucht,  was 
in  der  Runde  abfchneiden  bedeutet,  und  fie  hat  kein 
anderes  Wort  hinzugefügt,  das  einen  andern  Schnitt 
bedeutete.    2.   Der  zweite  Grund  dabei  befagt:   der  25 
erfte  Rundfchnitt  genügt,  um  das  Geheimnis  zu  er- 
füllen, das  das  Gefetz  im  Auge  hat,  zu  bekämpfen 
jegliche  Überflüffigkeit  des  Herzens  mit  einem  Rund- 
fchnitt, und  mehr  ift  nicht  von  Nöten.    3.  Der  dritte 
Grund  dabei  befagt :   das  Glied  bliebe  viel  ehrbarer  30 
bedeckt  ohne  Peri'a.   Er  führt  dann  zum  Beweife  die 
Türken  an,  die,  wie  er  fagt,  die  Befchneidung  Ifmaels 
befolgt  haben,  und  die  Qaräer,  die  keine  Peri'a  aus- 
führen. 


Thesen    gegen   die  Tradition  29 

DRITTE  THESE, 

daß  das  Einführen  von  acht  Oftertagen  anftelle  von 
heben  eine  Änderung  und  Hinzufügung  zum  Gefetz  ift. 

1.  Es  ift  es  erftens  deshalb,  weil  die  Siebenzahl  ein 
5  Myfterium  birgt,  was  nicht  beachtet  wird,  wenn  man 

acht  daraus  macht. 

2.  Es  ift  eine  Neuerung  im  Gefetz. 

3.  In  den  Gebeten  fagen  wir  an  beiden  Tagen:  ein 
folcher  Tag,  und  das  kann  nur  ein  Tag  fein. 

10  4.  Es  ift  nutzlos  und  eitel,  acht  zu  halten,  auch 
darf  man  nicht  fagen,  es  gefchehe  aus  Zweifel  über 
den  Mond  —  aber  nach  dem  erften  des  Monats  weiß 
man  den  ganzen  Monat.  Überdies  wäre  es  ebenfo  not- 
wendig, aus  dem  Verföhnungstag  zwei  Tage  zu  machen. 

15  Zudem  dürfte  man,  wenn  der  zweite  Tag  aus  Zweifel 
gehalten  würde,  an  ihm  nicht  Schaufäden  legen,  alfo 
etwas  mehr  als  am  erften  Tag. 

Kurz  es  gefchieht,  damit  wir  mehr  tun  wollen  als 
das,  was  das  Gefetz  befiehlt. 

20  VIERTE  THESE: 

daß  das  Verbrennen,  das  die  Obrigkeit  über  die  zu 
folchem  Tode  Verurteilten  verhängt,  mit  Feuer  und 
Holz  erfolgen  muß,  nicht  mit  gefchmolzenem  Blei  ufw. 
Und  zwar  aus  folgenden  Gründen: 

25  1.  Der  erfte  ift  der,  daß  das  Gefetz  es  fo  nicht  fagt. 
2.  Der  zweite:  daß  es  fagt,  im  Feuer  Jollen  fie  brennen, 
das  bedeutet  mit  Feuer  und  Holz.  Es  beweift  es  auch 
durch  die  rote  Kuh,  wo  es  fagt:  und  er  foll  die  Kuh 
verbrennen,  und  fpäter  fagt  es:  und  er  foll  die  Afche 

30  fammeln,  und  immer  fagt  es  im  Feuer,  um  diefe  Aus- 
legung mit  dem  Blei  auszufchließen,  das  kein  Feuer  ift. 


30    Thesen   gegen   die  Tradition 

FÜNFTE  THESE: 

daß  es  gegen  das  Gefetz  ift,  daß  der  Eigentümer  eines 
Ochfen,  der  verwarnt  war,  wenn  der  Ochse  eine  Perfon 
getötet  hat,  daß  dieser  Eigentümer  nicht  ftürbe. 

Und  zwar  deshalb,  weil  bei  dem  Eigentümer  eines  5 
Ochfen,  der  nicht  benachrichtigt  war,  das  Gefetz  fagt, 
ein  folcher  Eigentümer  fei  frei  oder  ohne  Schuld.  Und 
hier  fagt  es,  er  folle  getötet  werden.    Und  wenn  er 
nicht  in  der  Tat  zu  Tode  gebracht  wird,  wäre  es  ein 
Urteil  gleich  dem  über  den  Eigentümer  des  Ochfen,  der  10 
nicht  verwarnt  war.    Und  in  diefem  Falle  blieb  dem 
nächften  Verwandten  des  Toten  die ,  Freiheit,  ob  der 
Herr  des  Ochfen  fterben  folle  oder  nicht,  indem  er  ihm 
Löfegeld  für  iich  gab.  Und  an  andren  Stellen:  wer  Ver- 
anlaiTung  eines  Schadens  ift,  wird  beftraft,  wie  wenn  lS 
ein  Mann  eine  Grube  gräbt,  und  es  fällt  einer  hinein  ufw. 

DIE  SECHSTE  THESE 

befagt:  wo  das  Gefetz  fagt:  Auge  um  Auge  ufw.,  muß 
man  es  genau  fo  verftehen  und  nicht  eine  Geldftrafe 
ufw.,  und  zwar  aus  folgenden  Gründen:  20 

1.  Erftens. 

2.  Der  zweite  Grund  befagt:  es  wurde  fchon  ander- 
wärts gefagt,  da  es  hieß :  wenn  ein  Mann  feinen  Ge- 
noffen mit  einem  Stein  fchlägt  ufw.  muß  er  ihn  für  die 
Mußezeit  entfchädigen  und  für  feine  Heilung  Jorgen,  25 
Dabei  ift  die  Rede  von  einem,  der  kein  Hauptglied  und 
unheilbar  verletzt,  daß  diefer  Geld  geben  kann,  aber 
nicht  ufw. 

3.  Der  dritte  befagt:   wenn  der  Sklave  freigelaiTen 
werden  muß  wegen  der  Verletzung  des  Auges  oder  des  30 
Zahnes,  da  doch  die  Freiheit  wertvoller  ift,  als  alles 
Geld,  um  wieviel  mehr  wird  es  notwendig  fein,  wenn 


Thesen    gegen   die   Tradition  31 

einer  feinen  Genoffen  verletzt,  ihn  um  anderes  zu 
ftrafen  als  um  Geld. 

5.  Der  fünfte  befagt:  es  ift  göttliche  Abficht,  Furcht 
einzuflößen,  damit  der  eine  dem  andern  nicht  ähnliche 

5  Verletzungen  zufüge,  und  um  Geldes  willen  würde 
man  fich  nicht  derart  fürchten. 

6.  Der  fechfte  befagt:  wenn  man  der  Frau,  die  das 
Schamteil  eines  Mannes  packte,  die  Hand  abhieb,  ohne 
Erbarmen,  um  wie  viel  weniger  darf  man  fleh  über 

0  den,  der  den  andern  eines  Gliedes  beraubt,  erbarmen 
und  feine  Strafe  in  Geld  umwandeln  ufw. 

7.  Der  fiebente  Beweis  aus  den  Gefetzen  der  ande- 
ren Völker,  die  es  fo  befolgen. 

SIEBENTE  FRAGE 

5  des  VerfalTers,   der  fagt,   man  dürfe  nicht  fagen,  es 
gebe  ein  mündliches  Gefetz  noch  irgend  ein  andres  als 
das   gefchriebene   und  zwar  aus  folgenden  Gründen : 
Es  ift  deshalb,  weil  im  Gefetz  nicht  erfleh tlich  ift, 
daß  noch  ein  andres  Gefetz  fleh  findet,  noch  eine  Dar- 

0  legung  darüber,  und  es  hätte  doch  im  Gefetz  zum 
Ausdruck  gebracht  werden  rnüflen. 

Der  Verf aller  fagt  im  2.  Grund  feiner  obengenann- 
ten fiebenten  Frage:  aus  dem  Gefetz  felbft  ift  erficht  - 
lich,  daß  es  kein  anderes  gibt  und  daß  Mofe  fagte: 

5  und  nun,  IJrael,  höre  auf  die  Gebote  und  die  Rechte, 
die  ich  euch  heute  anbefehle  (denn  er  will  fagen  heute, 
bloß  an  jenem  Tage  und  nicht  an  einem  anderen);  ihr 
follt  nichts  hinzufügen  und  nichts  davon  tun  ufw.  Ver- 
flucht, wer  nicht  hält  die  Worte  diefes  Gefetzes  ufw. 

0  Im  dritten  Grund  feiner  obengenannten  fiebenten 
Frage  fagt  er:  Die  Juden  in  der  Zeit  des  Mofe  richte- 
ten nicht  nach  dem  mündlichen  Gefetz,  fondern  nach 
dem  fchriftlichen,  und  die  fchwierigen  Sachen  brachten 
fle  vor  Mofe. 


32     Thesen    gegen   die  Tradition 

Als  4.  Grund  der  7.  Frage  fagt  er:  Salomo  erbat 
von  Gott  ein  verf tändiges  Herz,  um  zu  richten,  der- 
geftalt,  daß  er  nicht  nach  mündlichem  Gefetz  richtete, 
fondern  nach  feinem  Verftand,  und  ebenfo  die  Richter, 
die  dem  Mofe  nach  dem  Rat  feines  Schwiegervaters  5 
beigegeben  waren,  welche  einfich tsvoll  fein  mußten. 

DIE  ACHTE  THESE 

befagt:  bei  den  Hebräern  gibt  es  Anflehten,  die  ihrer 
unwürdig  find  ufw. 

DIE  NEUNTE  THESE:  10 

daß  die  fogenannten  Gelübde,  die  nicht  gegen  das  Ge- 
fetz und  die  guten  Sitten  find,  nicht  gelöft  werden 
können  und  daß  die  Weifen  deshalb  nicht  ohne  Auto- 
rifation  ufw. 

ZEHNTE  THESE:  15 

daß  jene  Dinge,  die  man  Wälle  oder  Einfriedigungen 
nennt,  nicht  unbedingt  gut  find,  weil  fie  GewiiTens- 
fünden  veranlaffen  ufw. 


SOBRE  A  MORTALIDADE  DA  ALMA 
DO  HOMEM  /  ÜBER  DIE  STERBLICH- 
KEIT DER  SEELE  DES  MENSCHEN 


Da  Costa  Opera. 


3 


Sobre   a   Mortalidade   da  Alma  35 

Cap.  XXIII. 

Em  que  Je  trata  que  couja  Jeja  alma  do  homem, 
quem  ha  gera,  Je  he  mortal,  ou  polo  contrario 
immortal. 

5  Para  auermos  de  tratar  fobre  a  mortalidade,  ou  imorta- 
lidade da  alma  do  homem  he  conveniente  perguntar  pri- 
meiro que  coufa  feja  a  dita  alma,  mormente  que  algüs 
ignorantes  quando  a  nomeaõ  parece  que  a  figurão  algüa 
donzela  em  corpo,  como  outros  nola  pintaõ  faindo  do  pur- 

10  gatorio.  A  alma  do  homem  pois  dizemos  que  he  &  fe 
chama  o  efpirito  da  vida  com  que  viue  o  qual  efta  no 
fangue;  &  com  efte  efpirito  viue  o  homem,  faz  fuas  obras, 
&  fe  moue  em  quanto  lhe  dura,  &  naõ  fe  extingue  faltando 
naturalmente,  ou  por  algum  cafo  violento,  &  naõ  ha  outra 

15  diferença  entre  a  alma  do  bruto,  &  a  do  homem,  que  fer 
a  do  homem  racional,  &  a  do  bruto  carecer  de  razaõ:  no 
de  mais  nacer,  viuer  &  morrer  por  tudo  faõ  iguais  como 
diz  felomoh :  ô°  naõ  tem  o  homem  ventagem  do  animal 
na  duração,  porque  tudo  vaidade;   afíique  à  alma  do 

20  animal  he  o  seu  sangue  efpirituado  como  diz  a  ley  &  nelle 
confifte  &  efta  a  dita  alma :  da  mefma  maneira  a  alma  do 
homem  no  fangue  &  efpirito  vital  confifte. 

E  fabido  que  temos  coufa  que  fe  chama  alma,  pergun- 
tamos agora  quem  gera  efta  alma  no  corpo  do  homem. 

25  Refpondemos  que  na  queftaõ  ha  pouca  duuida,  &  he  claro 
como  o  sol  gerar  o  homem  a  alma  doutro  homem  por 
geracaõ  natural  da  mefma  maneira  que  hum  animal  gera 
a  alma  doutro  animal  femelhante  a  elle,  affi  que  hum 
Elephante  gera  outro  Elephante  taõ  prudente;  a  rapofa 

30  outra  rapofa  taõ  fagas :  o  caualo  outro  caualo  taõ  forte 
obediente,  &  briofo;  o  homem  polo  confeguinte  gera 
outro  homem  racional  como  elle,  &  de  coração  entendido, 

3* 


36     Sobre   a   Mortalidade    da  Alma 

que  he  a  diferença  comque  dos  brutos  fe  aparta,  &  naõ 
ha  na  matéria  fobre  que  duvidar:  doutra  maneira  fora  a 
geração  do  homem  manca  &  imperfeita  contra  a  ordem 
&  inftituiçaõ  diuina,  a  qual  em  virtude  de  fua  palaura 
por  meyo  da  femente  pofta  em  cadahuá  das  criaturas  5 
todas  geraõ  feu  femelhante,  &  affi  fe  conferuaõ  fuas 
efpeçies,  &  multiplicaõ,  Sc  ao  homem  particularmente  foy 
dito :  &  bem  diffe  a  elles  Deus,  &  dijje  a  elles  Deus  gerai, 
multiplcai,  &  enchei  a  terra,  &  fogeitai  a  ella,  &  dominai 
fobre  os  pexes  do  mar.  E  porque  o  homem  gera  em  todo  10 
feu  femelhante ;  por  iffo  diz  a  mefma  efcritura :  &  Adam 
viueo  cento  &  trinta  annos,  &  gerou  a  fua  femelhança: 
Adam  raçional  &  principe  na  terra  fobre  as  criaturas 
gerou  a  fua  imagem  &  femelhança  em  tudo  perfeito  fem 
que  outrem  interuieffe  na  geração.  O  mefmo  diz  Selomoh  15 
quando  diz  que  o  naçer  do  homem  he  femelhante  ao 
naçer  do  animal ;  Sc  enfim  a  coufa  careçe  de  toda  duuida 
&  contradição  confirmada  por  rezaõ  &  por  ley. 

Os  que  dizen  que  as  almas  faõ  Entes  apartados  do  corpo, 
os  quais  Deus  criou  por  junto,  &  tem  poftos  como  em  20 
íileiro  donde  os  manda  meter  nos  ventres  das  prenhes  naõ 
merecem  fer  ouvidos,  Sc  faõ  eftes  os  fonhados  defa tinos  da 
antiga  vam  gentilidade  indinos  de  toda  repofta,  que  ynda 
agora  feguem  os  pharifeos.  Outros  dizem  que  nos  ventres 
das  prenhes  por  nova  criação  cria  Deus  eftes  Entes :  coufa  25 
também  marauilhofa  eftranha  de  rezaõ  Sc  ley:  &  os  que 
efta  opinião  tomaõ  foy  por  naõ  conçederem  fer  a  alma  do 
homem  mortal  como  entendiaõ  ficaua  fendo  fe  for  gerada 
por  outro  homem,  &  por  aquelles  meyos  naturais  que  as 
almas  dos  animais  faõ  geradas :  &  como  eftes  também  por  30 
fi  naõ  tenhaõ  rezam,  nem  ley  que  ajude  feu  penfamento,  & 
fabricada  adeuinhaçam,  nam  ha  paraque  gaftar  o  tempo 
em  referir  fuas  rezois,  Sc  desfazer  feus  fracos  &  caducos 
fundamentos. 


Sobre   a   Mortalidade   da  Alma  37 

Segueffe  perguntar  fe  a  alma  do  homem  he  mortal,  ou 
polo  contrario  imortal.  E  refpondemos  que  do  que  precede 
fe  fica  colhendo  a  repofta,  &  fer  a  dita  alma  mortal, 
pois  difíemos  que  ella  confiftia  no  fangue,  &  efpirito  vital, 
5  o  qual  primeiro  morre  &  fe  extingue  no  homem  do  que 
o  mefmo  homem  morra;  &  nam  morrera  o  homem  fe  o 
efpirito  vital  alma  que  o  anima  nam  faltara  nelle :  provaffe 
efta  verdade  natural  &  palpada  por  muytos  lugares  da 
efcritura  expreffos,  aos  quais  nam  ha  tornar  repofta:  & 

10  primeiro  fe  prova  porque  nam  confta  da  ley  que  a  alma 
do  homem  feja  immortal,  ou  para  ella  efteja  guardada 
outra  vida  pena,  ou  gloria,  &  era  totalmente  impofíivel 
naõ. fazer  a  ley  de  tais  coufas  mençaõ,  porque  naõ  coftuma 
Deus  incubrir  ao  homem  o  caftigo  antes  lho  poem  muytas 

15  vezes  diante  para  com  o  medo  delle  o  desuiar  do  mal 
como  pola  ley  parece. 

Segundo  fe  proua  porque  diífe  Deus  ao  home:  no  dia 
que  comeres  delia  morrer  morreras ,  logo  o  homem  foy 
criado  mortal,  &  fogeito  a  morrer;  doutra  maniera  fe 

20  fua  condiçam  fora  immortal  eífa  immortalidade  ouuera  de 
ter  no  corpo  animado  efpirituado  com  o  efpirito  que  Deus 
lhe  infpirou,  mas  naõ  deuia  morrer:  outro  fi  lhe  diffe 
Deus  pò  tu  &  em  po  feras  tornado,  com  que  manifeftou 
ao  homem  feu  fim,  &  lhe  fez  faber  que  pofto  que  criatura 

25  tam  principal  feus  dias  teriam  numero  &  fin,  &  ao  que 
dantes  foy  a  iffo  mefmo  tornaria. 

Terceiro  fe  proua  porque  os  padres  naõ  atentaram  a 
outra  vida,  nem  trataram,  dos  bes  delia  como  fe  nota  de 
fuas  palauras  por  que  dizendo  o  fenor  a  Abraham  que 

30  feu  premio  feria  muyto,  elle  refpondeu :  fenor  Deus  que 
darás  a  mi,  &  eu  me  vou  fem  filhos,  &  efie  criado  de 
minha  cafa  fera  meu  herdeiro  como  dizer:  Seflor  eu  nam 
fei  em  que  ei  de  auer  eile  premio  grande,  ou  em  que  moeda 
me  de  pagar  pois  eu  nam  tenho  filhos  que  fejam  herdeiros 


38     Sobre   a   Mortalidade   da  Alma 


deffes  meus  bems,  &  fe  Abraham  atendera  a  outra  vida 
deixara  o  premio  grande  para  ella,  &  nam  tratara  dos 
bems  prezentes;  deftes  bems  tratou  Yshak  na  bençam 
com  que  bemdiffe  a  Yahacob,  &  fobre  elles  fe  funda  a 
Ley  pondohos  por  premio  dos  bons:  também  Selomoh  5 
confiderando  os  males  que  na  vida  acõ teciam,  &  nam 
vendo  outra  milhor,  julgou  por  mais  bemauenturado 
aquelle  que  nam  naceo. 

Porque  efta  efcrito :  por  ventura  aos  mortos  farás  mara- 
vilha; fe  os  que  carecem  de  vida  fe  alevantaraò ,  Louvarão  10 
a  ti,  por  ventura  contar feha  na  fepultura  tua  mifericordia, 
tua  verdade  na  perdição:  por  ventura  fera  conhecida 
na  efcuridade  tua  maravilha,  &  tua  juftiça  na  terra  do 
efquecimento?  logo  nega  aos  mortos  poder  louvar  a  Deus, 
&  levantar  fe  para  iíTo,  porque  naquella  fua  morada  naõ  15 
ha  vida,  nem  ha  efpirito  na  cova  terra  de  perdição  terra 
de  efcuridade  &  efquecimento,  &  fo  os  vivos  podem  louvar 
a  Deus;  &  nam  os  mortos  louvarão  ao  fenor  nem  todos  os 
que  decem  ao  filencio,  &  nos  bendiziremos  a  yah  de  agora 
fafta  fiempre .  Por  iíTo  em  eftes,  &  outros  lugares  femelhantes  20 
que  a  cada  paffo  fe  achaõ  fe  argumenta  da  miferia  & 
vaidade  da  vida  humana  para  obrigar  a  Deus  a  miferi- 
cordia  &  compaxam  de  criatura  tam  caduca,  &  taõ  pouco 
duradeira.  Eis  de  palmos  puzefle  os  meus  dias,  &  o  meu 
tempo  como  nada  diante  de  ti:  de  verdade  tudo  vaidade  &  25 
como  fombra  pafja  todo  homem:  ouve  minha  oraçam  fenór, 
ô9  atenta  minhas  lagrimas,  &  meu  clamor  nam  desuies  agora 
porque  peregrino  eu  contigo,  jornaleiro  como  todos  meus 
pajjados:  desuia  de  mi  &  levanta  de  mi  teu  castigo,  enforte- 
cereime  antes  que  va  &  naõ  eu  &  em  outra  parte :  elle  miferi-  30 
cordioso  &  fera  propicio  fobre  a  maldade,  &  nam  deperdera 
&  naõ  multiplicara  para  desviar  fua  yra,  &  nam  efpertara 
toda  fua  fanha:  &  lembrouffe  que  carne  elle,  efpirito  que 
pajja  &  nam  tornara:  &  Yob  dizia  c.  7.  meus  dias  foram 


Sobre   a   Mortalidade   da   Alma  39 


ligeiros  mais  que  a  lanjadeira  do  tecedor  &  faltaram  fem 
efperança  de  cobrar  outros;  lembrate  que  vento  minhas  vidas, 
naõ  tornara  meu  olho  a  ver  bem,  naô  me  ver  am  olhos  do  que 
me  via,  teus  olhos  en  mi  nam  eu:  faltou  a  nuue  &  pajjou, 
5  affi  o  que  dece  á  cova  naô  fubirà,  naõ  tornara  mais  a  fua 
cafa,  nem  conhecerão  mais  o  feu  lugar;  &  logo  diz  mais : 
eßou  enfaftiado  de  minha  vida,  nam  ei  de  viver  para  fempre, 
çeffa  de  mi  com  açoite,  porque  vaidade  meus  dias:  o  mesmo 
fentido  fegue  no  cap.  14.  &  outros  muytos  lugares  que 

10  feria  largo  referir ;  &  quantos  Pfalmos  fe  achaõ  efpalhados 
que  todos  conferem  &  concluyem  com  dizer  que  a  vida 
do  homem  he  breve,  &  acabada  ella  naõ  lhe  fica  nem  taõ 
somente  efperança  de  poder  tornar  a  cobrar  outra;  por- 
que a  arvore  fe  for  cortada  tem  efperança  de  tornar  ynda  a 

15  fer  renovada;  &>  fua  brotadura  naõ  ceffarã,  fe  envelhecer  na 
terra  fua  rais,  &  em  po  morrer  feu  tronco  com  o  cheiro  das 
aguas  brotara,  &  fara  ramo  como  planta,  mas  o  homem 
morre  &  fera  enfraquecido  &  morto  o  homem,  &  onde  elle: 
andarão  as  aguas  do  mar,  &  o  rio  fera  feco  &  fecarfea:  mas 

20  o  homem  dormio  &  naô  fe  levantara  ate  naõ  a  ver  ceos  naõ 
efpartaraô,  &  naõ  fe  levantarão  de  feu  fono:  como  dizer: 
tam  impoffivel  he  o  homem  morto  tornar  a  viver,  que 
poderão  primeiro  faltar  ao  mar  as  aguas,  &  os  rios  cauda- 
lofos  fecarfe,  mas  o  homem  nunca  poder  á  tornar  a  viver 

25  em  quanto  ou  ver  ceos,  que  fera  fempre,  nam  accordara 
do  fono  mortal  que  hüa  vez  dormir:  E  por  que  efte  fono 
hè  taõ  pezado  dizia  David  ao  fenor:  alumia  meus  olhos 
porq;  a  cafo  naõ  durma  de  morte,  porque  a  cafo  nam  diga 
meu  inimigo:  prevaleci  contra  elle:  tu  Sefíor  ves  que  o 

30  inimigo  naõ  deixa  de  me  bufcar,  fera  fácil  hüa  hora  poder 
vir  a  fuas  maõs,  &  perecer  nellas,  alumia  pois  meus  olhos 
paraque  veja  por  onde  ponho  os  pes,  &  poíTa  guardarme 
delle  porque  a  cafo  naõ  durma  de  morte,  porq;  naõ 
aconteça  dormir  aquelle  fono  de  que  nam  fe  acorda,  &  fe 


4o     Sobre   a   Mortalidade   da  Alma 

glorie  meu  inimigo  de  auer  prevalecido  contra  mi,  afíi  por 
tudo  fe  moftra  que  morto  o  homem  nam  fica  coufa  delle, 
nem  tornara  algum  dia  a  viver,  porque  annos  de  numero 
viviram,  &  polo  caminho  donde  nam  tornareif  yrei:  acabar- 
jeam  o  fim  delles }  &  eu  farei  aquella  jornada  comum  a  toda  5 
carne,  &  andarei  aquelle  caminho  que  nam  tornarei  a 
de J r andar. 

Os  que  defendem  fer  a  alma  do  homem  immortal  coftu- 
mam  refponder  a  algüs  dos  fundamentos  que  puzemos 
furtando  o  corpo,  &  dando  certas  diftinçois,  as  quais  afíi  10 
como  fam  pouco  verdadeiras  affi  fe  caem  de  feu  ?  refpon- 
dem  pois  ao  texto,  pó  tu  &  em  pó  feras  tornado  que  alli 
falou  Deus  com  o  corpo  &  naõ  com  a  alma.  reposta  graci- 
osa. Deus  falou  com  o  homem  vivo  &  efpirituado,  &  a 
efte  tal  fez  faber  condiçam,  &  lhe  declarou  que  fua  vida  15 
teria  termo  &  numero,  &  o  po  deixou  no  po  fem  mais  lhe 
dar  levantamento,  o  que  era  bem  neceíTario  para  poder 
efperar  por  ifíb.  Adam  fe  nam  levantou  mais  avendo 
tanto  que  dorme,  nem  fe  levantara  em  quanto  o  mundo 
durar,  &  ou  ver  ceos,  que  fera  para  fempre.  Da  mefma  20 
maneira  refpondem  aos  textos  com  que  fe  prova  nam 
poderem  os  mortos  louvar  a  Deus  a  faber  que  o  nam 
podem  louvar  corporalmente  como  que  niffo  foífe  a  dizer 
algüa  cousa  fe  elles  efpiritualmente  o  pudeífem  fazer,  pois 
milhor  louvaria  o  efpirito  limpo  &  livre  do  corpo,  do  que  21 
louvaria  incorporado  &  metido  nelle :  &  nam  era  verda- 
deiro dizer  que  os  mortos  nam  louvavam  a  Deus  louvan- 
doho  o  efpirito  delles :  antes  fe  os  mortos  louvavam  tam- 
bém ao  fnór,  em  vam  fe  fazia  também  o  argumento  para 
obrigar  a  Deus  a  ter  compaixam  do  homem  pondolhe  30 
diante  a  brevidade  de  feus  dias,  &  vaidade  delles  fe  morto 
elle  ficava  fua  alma  &  feu  efpirito,  &  comeíTava  a  ufar 
outra  vida  bem  aventurada,  eterna  &  defcanfada,  mas 
porque  ifto  affi  nam  he  dizia  &  dira  qualquer  aflito :  lern- 


Sobre   a   Mortalidade   da  Alma  41 

brate  que  nam  ha  meu  olho  de  tornar  a  ver  bem.  Mais 
respondem  ao  verso :  &  lembrouffe  que  carne  elles,  efpirito 
que  pajja  &  nam  tornara,  &  femelhantes  que  o  efpirito 
nam  tornará  aquelle  corpo  mortal,  mas  tornará  a  corpo 
5  immortal:  &  nam  vem  que  fe  o  efpirito  tornaffe  a  corpo 
tal,  tornara  milhor,  &  nam  fe  chamaria  eíTe  tornar  naõ 
tornar:  enfim  fam  diftinçois  defpropofitadas  &  defvios 
mal  tomados  para  fugir  a  verdade,  a  qual  como  he  forte 
&  poderofa  naõ  deixa  vencerfe.  Ajuntamos  que  Abraham 

10  também  diíTe:  eis  agora  come  ff ei  a  falar  a  meu  fnór,  &  eu 
po  &  çinza:  &  f e  o  efpirito  de  Abraham  era  immortal,  & 
avia  de  tornar  a  tomar  corpo  immortal,  nam  era  Abraham 
pó  nem  çinza,  nem  tal  fe  podia  na  verdade  chamar,  antes 
era  Abraham  hum  ente  immortal,  &  do  corpo  parte  menos 

15  principal  nam  fe  devia  fazer  cafo  para  tomar  o  nome  & 
chamar  fe  pó,  porque  as  coufas  fe  denominam  da  parte  que 
nellas  mais  domina,  &  mais  vai  no  homem  feu  efpirito,  & 
he  a  parte  principal:  fe  efte  efpirito  he  immortal,  &  ente 
por  fi,  tal  fica  fendo  o  homem  &  nam  fe  chamará  po  ynda 

20  que  feu  corpo  o  feja,  &  muyto  mais  fendo  fó  ate  çerto 
tempo.  Conheceu  pois  Abraham  fua  condição  caduca  & 
corruptivel,  &  como  tal  fe  vio  a  vendo  de  falar  com  Deus, 
aparelhouífe  de  humildade  confefíando  &  pondo  diante 
quanto  indino  era  desta  fala.  Defta  mefma  maneira  fe 

25  entende  o  lugar,  po  tu  &  em  po  feras  tornado,  &  nam  fe 
podia  tal  dizer  polo  homem  todo  &  vivo  com  que  Deus 
falou  fendo  feu  efpirito  immortal,  nem  o  homem  fe  tor- 
nava em  pó:  o  qual  Selomoh  bem  conheceo,  &  por  iffo 
diíTe  que  o  homem  naõ  tinha  ventagem  nhüa  do  animal  ná 

30  duracaõ  porque  tudo  vaidade,  &  o  acontecimento  do 
animal  &  o  acontecimento  delle  hum  a  elles:  affi  como 
morre  efte  affi  morre  aquelle,  &  efpirito  hum  a  todos,  & 
ventagem  do  homem  mais  que  do  animal  nhüa  porque 
tudo  vaidade :  os  fabulofos  declaradores  dando  faida  à  efte 


42     Sobre   a   Mortalidade   da  Alma 

verfo  dizem;  tudo  vaidade,  afora  a  alma:  &  ata  muyto 
bem  eíla  fua  repofta  com  tudo  o  que  aqui  diz  onde  fe  trata 
que  o  homem  em  fua  duraçam  nada  he  diferente  do 
animal  &  o  mefmo  efpirito  que  tem  hum  tem  outro,  & 
por  ifíb  mefmo  tudo  vaidade,  tudo  vai  a  hum  lugar,  tudo  5 
foy  do  po  &  tudo  torna  ao  pó;  quem  /abe  fe  o  efpirito  do 
homem  fobe  para  fima,  &  o  efpirito  do  jumento  dece  eile 
para  baxo  da  terra:  poloque  feitas  as  contas  vim  a  achar 
que  nhãa  coufa  milhor  ao  homem  que  gozar  o  trabalho 
de  fuas  maós,  &  que  e/ta  he  a  fua  parte,  nem  leva  outro  10 
fruto  de  sua  criaçam,  &  vi  que  nam  ha  milhor  que  alegrar  fe 
o  homem  com  fuas  obras  porque  efta  he  fua  parte:  nam 
lhe  refta  ao  homem  outra  vida  para  viver,  defta  que  pre- 
zente  tem  ha  de  fazer  conta,  &  cabedal,  fe  a  quer  guardada 
tema  a  Deus,  &  guarde  feus  preceitos,  affi  gozará  o  fruto  15 
de  feu  trabalho. 

Cap.  XXIV. 

Em  que  Je  poem  os  fundamentos  que  coflumam 
trazer  por  fi  os  que  dizem  Jer  a  alma  do  homem 
immortal }  &  aver  refurreiçam  dos  mortos  com  as  20 
repoflas  a  elles. 

Os  que  apregoam  immort alidade  da  alma,  &  resurrei- 
çam  dos  mortos  fam  como  homés  que  querem  fubir  hüa 
parede,  liza  fem  efcada  que  nam  tendo  em  que  fe  apegar, 
todas  as  vezes  que  eilendem  a  maõ,  &  vaõ  para  por  o  pé  25 
efcorregaõ,  &  caem  como  pareçera  de  feus  fundamentos 
que  feguem. 

Primeiro :  O  homem  foi  criado  a  imagem  de  Deus,  Deus 
he  immortal,  logo  o  homem  he  também  immortal,  ou 
naõ  feria  o  homem  feito  a  imagem  de  Deus.  30 

II.  A  criaçam  dos  homés  nam  foi  femelhante  a  dos 


Sobre   a   Mortalidade   do   Alma  43 

outros  animais  &  Deus  infpirou  nelle  efpiraculo  de  vida, 
logo  efte  efpiraculo  he  immortal. 

III.  Deus  diffe  ao  homem,  no  dia  que  comeres  da  arvore, 
morreras,  fe  Adam  nam  comera  nam  morrera,  logo  im- 

5  mortal  foi  criado. 

IV.  Mofeh  diffe  a  Deus  je  nam  perdoas  a  efte  povo, 
ri/carne  de  teu  livro  que  efcreveste,  nefte  livro  eftam  efcritos 
os  que  ham  de  viver  vida  eterna,  &  eítes  fam  os  que  vivem 
na  terra  dos  viventes. 

10  V.  Semuel  veyo  falar  a  Saul  logo  os  mortos  vivem  & 
falam. 

VI.  Elyhau  foi  tomado  ao  ceo,  &  vive,  &  Elyffah  refu- 
citou  morto. 

VII.  Nos  Pfalmos  fe  le  que  os  maos  feram  deftruydos  da 
15  terra  &  os  bons  floreçeram,  logo  outra  vida  he  neceffario 

que  aja,  porque  nefta  os  maos  florecem  &  os  bõs  padecem, 
&  affi  os  maos  nam  fam  caftigados,  nem  os  juftos  premiados. 

VIII.  Efta  efcrito  Pf.  16:  por  que  naò  deixaras  minha 
alma  na  fepultura,  nam  deixaras  o  teu  mifericordio/o  ver  a 

20  coua;  item  quam  grande  o  teu  bem  que  guardaste  para  teus 
tementes  Pfal.  31 . 

IX.  Eftá  efcrito  viviram  teus  mortos,  &  logo  mais  a 
terra  defuntos  lançara:  item  eu  abro  vojjas  fepulluras, 
farei  fubir  a  vos  de  vojjas  fepulturas  povo  meu  Yesah.  26. 

25  item  eu  conheço  meu  redimidor  vivo,  &  verdadeiro,  jobre 
o  pó  eftarei,  &  dejpois  que  minha  pelle  trilharem  efta  de 
minha  carne  verei  a  Deus,  o  qual  ei  de  ver  por  mi  & 
meus  olhos  veram  &  nam  alheo  &  enfraqueceram  meus 
rins,  &c.   Yob  cap.  19.  também  Daniel  prophetizou  da 

30  refurreiçam  dos  mortos. 

Ao  primeiro  argumento 'que  o  homem  nam  feria  feito 
a  imagem  de  Deus  fe  nam  foffe  immortal  refpondemos 


44     Sobre   a   Mortalidade   da  Alma 

que  he  doudice  querer  que  o  homem  feja  imagem  de  Deus 
em  tudo  &  por  tudo  affi  porque  Deus  he  omnipotente  nem 
por  ifíb  o  homem  fua  imagem  he  omnipotente;  doutra 
maneira  fe  ouveffemos  de  coníiderar  o  homem  imagem  de 
Deus  em  tal  força  que  feja  retrato  feu  feria  neceífario  que  5 
o  homem  folie  Deus,  &  Deus  naõ  pode  fazer  outro  femel- 
hante  em  tudo  a  íi  mefmo,  &  a  mayor  grandeza  fua  he 
fer  tal  que  elle  mefmo  com  todo  feu  poder  nam  pode  fazer 
outro  feu  igual,  porque  implica  fer  Deus,  &  poder  fer 
feito  criado  ou  gerado :  he  pois  o  homem  imagem,  &femel-  10 
hança  de  Deus  em  algüa  coufa,  he  hüa  fombra  de  fua 
fabeduria,  nam  he  a  mefma  fabeduria:  podeíla  fobre  as 
criaturas  &  he  quaíi  femelhante  a  Deus,  mas  nam  podefta 
como  Deus  afíi  naõ  he  imagem  de  Deus  na  immortalidade, 
que  eíTa  he  própria  de  Deus  &  nam  do  homem ;  por  ven-  1 5 
tura  como  dias  do  homem  os  teus  dias,  teus  annos  como  dias 
de  varam:  nam  pudera  Yob  dizer  ifto  fe  o  efpirito  do 
homem  fora  immortal. 

Ao  fegundo.  A  criação  do  homem  naõ  foy  femelhante 
à  dos  brutos  animais :  &  Deus  in/pirou  nelle  efpiraculo  de  20 
vida,  logo  este  efpiraculo  he  immortal.  Refpondemos  que 
nada  ata  o  argumento,  &  fe  tira  mal  a  confequençia,  porque 
nam  fe  fegue  que  o  efpirito  que  deu  vida  ao  corpo  de 
Adam  fem  alma  de  Adam  foífe  efpirito  immortal,  antes 
polo  lugar  fe  moftra  que  o  mefmo  efpirito  de  vida  tem  os  25 
animais  que  tem  o  homem,  porque  na  criação  delles  diífe 
Deus;  produza  a  terra  alma  vivente,  &  na  criaçam  do 
homem  defpois  de  ja  animado  com  o  efpirito  vital  que 
lhe  infpirou,  foi  o  homem  por  alma  vivente,  affi  que  a 
mefma  palaura  ufa  num  lugar  que  no  outro,  &  como  diz  30 
Selomoh:  efpirito  hum  a  todos:  Nam  tirar  Deus  ao  homem 
da  terra  na  companhia  dos  brutos  como  pudera  fazer  foi 
afias  conveniente,  &  que  naõ  faifíe  na  manada  delles  o 
homem  podeftador  fobre  elles,  racional  &  participante  de 


Sobre   a   Mortalidade   da   Alma  45 


fabiduria  divina,  &  affi  do  modo  de  fua  criaçam  pudeffe 
aprender  a  fer  também  differente  em  fua  vida  como  avia 
fido  nella;  outras  differenças  fe  acham  também  na 
mefma  criaçam  &  todas  para  doutrina  do  homem,  hum 
5  fo  criou  Deus  &  nam  muytos  &  lhe  deu  hüa  molher  que 
tirou  delle  mefmo,  todas  eftas  coufas  o  enfmam  a  viver, 
mas  nada  tem  que  fazer  com  fer  mortal  ou  immortal,  fe 
Adam  eftivera  vivo  quando  Deus  lhe  fes  entrar  o  efpirito 
de  vida  pudéramos  dizer  que  eíTe  efpirito  era  coufa  fepa- 

10  rada  &  apartada  do  efpirito  animal,  com  que  Adam  ja 
vivia,  porem  Adam  nam  fe  mouia  antes  de  lhe  entrar  o 
efpirito  vital,  logo  o  efpirito  vital  que  entrou  em  Adam 
foy  a  alma  animal,  &  a  mefma  alma  animal  foy  a  alma 
racional,  &  toda  he  a  mefma  coufa,  de  tal  maneira  que 

15  entrando  no  homem  a  ajima  animal,  logo  fica  nelle  a 
rezam  &  difcurfo,  a  que  chamam  alma  raçional.  Louvarei 
ao  fnôr  en  minha  vida  cantarei  a  meu  Deus  em  quanto  euy 
que  despois  que  eu  nam  for,  ja  nam  poderei  cantar;  Jaira 
feu  espirito  tornara  a  fua  terra,  tornara  o  homem  a  terra 

20  que  he  neffe  dia  pereçeram  feus  penfamentos,  no  dia  de  o 
homem  morrer  acabaram  todos  feus  difcurfos,  ja  mais  nam 
raciocinara:  Ecclef.  cap.9.  tudo  o  que  achar  tua  fortaleza 
faze,  porque  nam  obra,  nem  raciocinio  nem  fciençia,  nem 
fabiduria  na  fepultura  para  onde  tu  vas;  no  dia  de  morrer 

25  o  homem  tudo  acaba  com  elle,  mortal  &  finito  foi  o  efpirito 
que  Deus  lhe  deu,  nam  immortal  &  infinito,  &  por  iífo 
morre  que  alias  naõ  morrera :  Yob  cap.  34.  fe  puzejfe  fobre 
elle  feu  coração,  feu  efpirito  &  feu  efpiraculo  recolheria, 
affi  morreria  toda  a  carne  juntamente,  &  o  homem  em  pó 

30  feria  tornado,  o  mefmo  dos  outros  animais  recolheras  feu 
efpirito,  ef pirarão,  a  feu  pó  fe  tornarão.  Pfal.  104.  de 
maneira  que  recolhendo  Deus,  tirando  Deus  &  fazendo 
cefíar  no  homem  animal  racional  como  em  qualquer  outro 
que  racional  naõ  he,  feu  efpirito  cadahú  delles  fe  extingue 


46     Sobre   a   Mortalidade   da  Alma 

&  acaba.  Algus  dizem  por  afear  efta  verdade,  que  tam 
bom  fica  fendo  hum  cachorro  como  hum  homem,  &  mere- 
cem eftes  fer  privados  com  dor,  do  fer  que  Deus  lhes  deu, 
pois  taõ  mal  o  conhecem  &  eftimaõ,  que  de  fnõres  do 
cachorro  fe  fazem,  feus  yrmaõs  fo  porque  lhes  nam  deu  5 
Deus  vida  para  fempre,  como  que  lhes  foffe  devedor  de 
algüa  coufa.  &  milhor  dizia  o  outro  no  feu  romançeiro: 
mortal  me  pavio  mi  madre ,  y  pues  pude  morrir  luegof  lo  que 
el  cielo  os  dio  de  grado  no  lo  pidais  de  derecho. 

Ao  terceiro.   No  dia  em  que  comeres  da  arvore  morrer  10 
morreras:  fe  Adam  naõ  comera,  naõ  morrera,  logo  im- 
mortal  foy  criado.  Dizemos  que  he  falso  argumento  & 
que  naõ  fe  fegue  q  fe  Adam  naõ  comera  naõ  morrera, 
mas  fegueffe  que  fe  Adam  nam  comera  nam  morrera  aquella 
morte  com  que  Deus  o  ameaçou,  sua  morte  natural,  15 
&  a  feu  tempo  morreria  Adam,  nam  morreria  morte 
anticipada  por  rezam  de  paffar  o  preceito,  afíi  diz  a  ley 
&  o  preceito  o  que  cometter  tal  cafo  morrer  morrera, 
&  por  ventura  nam  ha  de  morrer  fe  aquelle  cafo  nam 
cometter,  oh  por  çerto  ha  de  morrer,  mas  nam  ha  de  20 
morrer  aquella  morte  por  aquelle  cafo  ameaçada.  Yehez. 
fe  fe  converter  o  peccador  de  feu  caminho  vivo  eu  diz  o 
fnor  que  nam  morrera ,  nam  morrera  a  morte  ameaçada, 
nam  no  matarei  antes  de  cumprir  feus  dias,  nam  no 
matarei  com  morte  mà  aos  peccadores  devida :  afíi  fe  Adam  25 
nam  peccara  nam  no  julgara  Deus  como  o  julgou,  que  fe 
logo  o  nam  castigou  com  o  juyzo  da  morte  &  lhe  prorogou 
a  vida  por  mercê  foy  com  feus  encargos :  E  quando  bem 
foffe  que  Adam  foi  criado  immortal  nam  no  mostra  afíi 
a  fraqueza  de  feu  çimento  que  de  comer  &  beber  tinha  30 
necefíidade  de  baxo  de  condiçam  fe  guarda  fíe  o  preceito 
que  lhe  foi  pofto,  na  hora  que  o  paífou  perdeu  a  immortali- 
dade,  &  afíi  morreu  que  fe  immortal  fora  nam  peccando 
immortal  ouvera  de  viver  corporalmente,  peccou  &  mor- 


Sobre   a   Mortalidade   da  A  l  m  a  47 


reu,  &  paffou  a  immortalidade,  mas  à  verdade  he  que 
mortal  &  corruptível  foi  criado. 

Ao  quarto.  Mofeh  diffe  a  Deus:  rif carne  agora  de  teu 
livro  que  efcrevefte,  nefte  livro  faõ  efcritos  os,  que  haõ  de 
5  viver  vida  eterna,  &  eftes  faõ  os  que  vivem  na  terra  dos 
viventes.  Dizemos  que  tudo  fe  refere  à  vida  prezente,  & 
naõ  a  outra  que  naõ  ha,  affi  Mofeh  diffe  a  Deus  que  o 
rifcaffe  do  feu  livro  em  que  efcreve  os  bõs  para  os  premiar 
nefta  vida  fazendolhe  cumprir  feus  dias  em  paz  &  felici- 

10  dade;  naõ  entendemos  que  tenha  Deus  algum  livro  de 
lembranças,  mas  que  a  linguagem  he  accomodada  a  noffo 
modo  para  moftrar  que  tem  Deus  conta  com  o  mundo, 
para  o  premiar  &  caftigar,  defte  livro  pois  diffe  Mofeh  a 
Deus  que  o  rifcaffe,  &  foi  como  dizer,  matame  talhame 

15  antes  de  eu  ter  cumprido  o  meu  curfo,  fe  naõ  vejo  o  perdaõ 
a  efte  povo  naõ  quero  vida ;  da  mefma  maneira  que  falou 
outra  ves  &  affi  tu  faziente  a  mi  matame  logo  matando  fe 
achei  graça  em  teus  olhos,  &  naô  veja  o  meu  mal;  hüa  vez 
te  pedi  Senor  que  me  mataífes  Zelando  o  bem  deite  povo, 

20  porque  nam  queria  eu  vida  para  ver  o  feu  mal,  agora  te 
peço  fegunda  vez  Zelando  o  meu  bem,  porque  fe  com 
tanto  trabalho  eu  ei  de  viver,  naõ  me  he  agradável  ter 
vida :  afíi  falou  também  Ribkah  a  Yshak  dizendo  que  lhe 
era  à  vida  pezada,  &  naõ  queria  viver  fe  Yahacob  ouveffe 

25  de  tomar  molher  das  filhas  da  terra;  naõ  pedia  Mofeh  a 
Deus  que  o  rifcaffe  do  livro  em  que  eftavam  efcritos  os 
que  aviam  de  viver  vida  eterna,  &  perfeitamente  ditofa, 
fe  tal  vida  avia,  para  fer  lançado  no  livro  dos  inimigos  de 
Deus  condenados  a  eterno  mal,  que  efta  petiçam  fora  loca 

30  &  defaffidada:  terra  dos  viventes  fe  chama  efte  mundo 
em  que  vivemos  &  andamos,  terra  das  vidas  a  faber  que 
fe  chamaõ  muytas  vidas  porque  nella  vivem  muytos,  & 
affi  naõ  he  terra  de  hüa  fó  vida;  terra  dos  mortos,  terra 
de  perdição  fe  chama  a  cova,  poço  de  silencio,  terra  de 


48     Sobre   a   Mortalidade   da  Alma 

efcuridade  &  fombra  de  morte  onde  a  lus  nam  entra  como 
nola  reprezenta  Yob :  deita  terra  das  vidas  fe  faz  muytas 
vezes  mençaõ  Yehez.  cap.  32.  &  a  cada  pafíb  en  muytos 
pfalmos,  andarei  as  fazes  do  Senor  em  terra  das  vidas,  liurou 
o  Senor  minha  alma  da  morte  Sc  das  maõs  daquelles  que  5 
a  bufcavam  para  tyrania,  por  iffo  vi  virei  &  andarei  diante 
de  Deus  na  terra  das  vidas,  empos  ifíb  ferei  agradecido 
polas  mercês  que  conheço  receber  de  fua  maõ,  &  affi  offere- 
cerei  Sacrifício  pola  faude :  va/o  de  falvaçoes  levantarei ,  & 
em  nome  de  A.  chamarei,  meus  votos  ao  Jnõr  pagarei;  &  10 
preciofa  em  olhos  do  fnôr  a  morte  de  feus  bós;  nam  eftima 
o  fnõr  tam  pouco  feus  bós  que  lhe  nam  feja  muy  cara  fua 
morte,  per  ifíb  nam  nos  entrega  facilmente  nas  maos  de 
feus  inimigos,  &  eu  com  efte  motivo  em  final  de  fazimento 
de  graças;  meus  votos  ao  fnôr  pagarei  diante  agora  de  todo  15 
feu  povo,  Sc  affi  fica  moftrado  quais  fejan  os  efcritos  no 
livro  do  fnõr,  Sc  qual  à  terra  das  vidas. 

Ao  quinto:  Semuel  veyo  falar  a  Saul  logo  os  mortos 
vivem  &  falam.  Refpondemos  que  nam  veyo  Semuel 
falar  a  Saul,  nem  os  mortos  vivem  ou  falam,  &  o  que  fe  20 
efcreve  açerca  deita  vinda  ou  fala  no  primeiro  livro  que 
fe  intitula  de  Semuel  he  tudo  contrario  a  doutrina  que  fe 
tira  da  ley,  Sc  lugares  alegados  poios  quais  fe  moftra  que 
os  mortos  nam  vivem,  nem  fabem  de  algüa  coufa  como 
aquelles  que  ja  naõ  faõ,  affi  fendo  a  tal  efcritura  contraria  25 
á  verdadeira  doutrina  da  ley,  he  força  que  feja  falfa  & 
commentada  como  outras  efcritas  &  recibidas  poios  phari- 
feos,  Sc  reprovadas  poios  faduceos:  nos  temos  a  ley  por 
guia  &  fundamento  principal  Sc  por  ella  a  vemos  de  julgar 
Sc  apartar  o  falso  do  verdadeiro,  Sc  affi  nos  manda  a  ley  30 
que  naõ  creamos  ao  propheta,  ou  fanhador  que  com  falfos 
milagres,  ou  apparencias  nos  quizer  levar  a  adoração  de 
deuzes  eftranhos  que  naõ  conhecemos,  nem  a  ley  nos 
emíinou  a  conheçelos,  &  con  o  fundamento  firme  pofto 


1 


Sobre   a  Mortalidade   da  Alma  49 


nella,  nos  naõ  manda  defprezar  feus  finais:  a  mefma  nos 
dà  regra  para  conhecer  o  Propheta  falso  que  em  nome  do 
fnõr  falar  fenaõ  acontecer  a  couza  que  ella  prophetizou, 
que  tudo  he  avifarnos  &  fazemos  acautelados  contra  a 
5  malicia  dos  homés,  que  nam  çessam  de  inventar  &  efcu- 
drinhar,  maldades,  contra  os  quais  eftam  feguros  os  que 
fe  acolhem  a  verdade  da  ley:  pois  como  feja  doutrina 
nova  dizer  que  os  mortos  falam  &  fe  levantam  ao  chamado 
de  quem  os  chama,  coufa  que  a  ley  nam  conheceo,  antes 

10  eu  dou  efte  modo  de  chamar  por  elles  como  gentilico  & 
vaõ;  a  efcritura  ou  conto  de  quem  nos  diz  que  Semuel 
vay  falar  a  Saul  he  néceffario  que  feja  de  nos  lançada, 
&  regeitada  firmes  na  doutrina,  &  verdade  da  ley;  &  por 
certo  que  quem  olhar  para  o  conto  achara  logo  nelle  fua 

15  vaidade;  porque  he  de  faber  quem  empreftou  a  Semuel 
aquella  capa  para  fe  cubrir,  quem  lhe  deu  o  corpo  & 
aquellas  barbas  brancas  que  de  poucos  dias  eílauam  meti- 
das debaxo  da  terra,  fe  elle  quando  fayo  defte  mundo  foy 
nü  com  feu  efpirito  para  o  lugar  em  que  eftaua :  também 

20  Semuel  lhe  diffe  que  ao  outro  dia  eftaria  com  elle,  &  affi 
tam  bom  lugar  terá  Saul  de  quem  o  Snõr  fe  apartou,  &  fe 
fez  inimigo  como  alli  fe  diz,  como  tinha  Semuel  mimofo  feu ; 
enfim  fe  ha  Liçois  &  algüa  arte  para  enganar  &  moftrar 
corpos  fantásticos,  eu  de  tal  arte  naõ  fei,  &  algum  engano 

25  poderia  acontecer  fizeffe  a  mulher  malfeitora  a  Saul  porem 
cudar  que  a  alma  de  Semuel  veftida  em  novo  corpo  & 
hábitos  lhe  veyo  falar  he  mais  que  vaniffimo  doutrina 
falfa,  gentilica,  vam  Yefahiau.  Poios  vivos  fe  perguntara 
aos  mortos?  como  dizer,  mais  fabe,  mais  vai,  milhor  he 

30  o  vivo  que  o  morto :  que  bem  pode  fazer  o  morto  ao  vivo, 
pois  poios  vivos  fe  ha  de  perguntar  aos  mortos  ?  Selomoh 
porque  o  caò  vivo  milhor  que  o  Leaô  morto,  porque  os  que 
vivem  fabem*  que  haõ  de  morrer,  &  os  mortos  naõ  fabem 
algüa  coufa,  &  naõ  mais  a  elles  premio,  porque  ao  efqueci- 

Da  Costa  Opera.  4 


5o     Sobre   a   Mortalidade   da  Alma 

mento  foi  entregue  fua  memoria ,  também  o  amor  de  lies  tam- 
bém o  odio  delles,  também  a  ynueja  delles  ja  pereceo  &  parte 
nam  a  elles  mais  para  fempre  em  tudo  o  que  fe  fas  debaxo 
do  foi,  o  morto  acabou,  nam  tem  mais  conta  com  o  que 
fe  fas  no  mundo  &  tam  pouca  conta  tem  que  como  diz  5 
Yob  cap.  14  nem  de  feus  filhos  fabe,  farfeam  poderofos  feus 
filhos  &  nam  faberaf  envelhecerseaô  &  nam  atentará  a  elles: 
pois  fe  o  homem  morto,  he  efte,  fe  dormindo  efta  feu  fono 
de  que  naõ  acordara,  envergonhenfe  os  fabulofos  que  an- 
dam com  os  mortos  as  costas  &  nos  querem  perfuadir  que  10 
aparecem  de  novo  aos  vivos,  &  lhes  fervem  de  confelheiros. 

Ao  fexto  Elyhau  foy  tomado  ao  çeo,  &  vive:  ElyíTah 
refuçitou  morto.  Seja  embora  que  eftas  coufas  afíi  acon- 
teffem  nada  fe  tira  delias  para  a  immortalidade  da  alma ; 
antes  fe  moftra  que  fe  Deus  quis  confervar  Elyhau  vivo  15 
para  o  mandar  pregar  aos  homés,  foy  porque  fe  morreífe 
nam  poderia  tornar  ao  mundo  falvo  fe  Deus  o  criaíTe  de 
novo  como  criou  ao  primeiro  homem,  dilatoulhe  pois  Deus 
a  vida  fe  affi  he,  mas  nam  no  fez  immortal,  pois  no  cabo 
de  fazer  fua  embaxada  ha  de  morrer:  Se  ouvirmos  os  20 
faduceos  fobre  efta  efcritura,  faberemos  o  que  nos  dizem 
delia,  que  na  verdade  parece  pouco  neceífaria  efta  guarda 
de  Elyhau  vivo,  &  nam  fe  limitou  o  poder  de  Deus  para 
levantar  bós  efpiritos  cadaves  que  eile  quizer  dos  quais 
fe  firva  para  feus  embaxadores :  também  o  morto  que  25 
refuçitou  Elysah  com  fe  eftender  fobre  elle  ajuntando  a 
boca  com  a  fua  boca  &  as  maõs  com  as  fuas  maõs,  galante 
modo  de  fazer  milagres,  &  refu citar  mortos;  nam  obra 
Deus  defta  maneira :  nada  faz  ao  propofito  efte  morto  a 
quem  Deus  fe  affi  foi  tornou  a  dar  por  mercê  novo  efpirito,  30 
Sc  tornou  a  morrer,  nem  refuçitou  para  vida  de  fempre, 
que  nos  importa  logo  fua  refurreiçam  para  moftrar  a 
immortalidade  de  que  tratamos,  Sc  com  tudo  averà  muyto 
que  dizer  fobre  a  verdade  deftes  milagres,  que  Deus  nunca 


Sobre   a   Mortalidade   da  Alma  51 


fes  em  outro  tempo,  nem  coftumou  matar  homés  para 
defpois  os  refucitar:  &  no  fegundo  de  Semuel  fe  lé  que 
refpondeu  David  a  feus  fervos  que  fe  maravilhavam  de  o 
ver  comer  quando  foube  da  morte  do  filho  porque  dantes 
5  jejuou  em  quando  ynda  o  moço  vivia,  jejuei  &  chorei,  por- 
que dijje  quem  fabe  Je  fe  apiadara  o  fnõr  de  mi,  & 
vivira  o  moço,  &  agora  eile  morreu,  paraque  ja  eu  jeju- 
arei ou  por  ventura  poderei  tornalo  à  vida,  eu  vou  para 
eile,  &  eile  nam  tornara  para  mi.  Outro  milagre  fe  conta 

10  de  Ely  sah  que  certo  parece  milagre  compofto  &  defnecef- 
fario,  &  milagres  taõ  baftos  &  quaíi  minineiros  naõ  co- 
ftuma  Deus  fazer:  foy  elle  em  companhia  dos  prophetas 
a  cortar  lenha  ao  yarden,  &  cahiu  o  ferro  do  machado  a 
hum  no  rio,  o  qual  fe  lhe  amargou  dizendo,  ah  ah  Senor 

15  meu  que  o  pedi  empre fiado,  &  Lançou  Elyfah  hum  pao 
na  agua  &  nadou  o  ferro  &  affi  o  recolheu  outraves  o 
que  o  perdeu  &  pegou  nelle:  milagre  fobre  o  ferro  de 
hum  machado  he  efcufado  &  tam  pouco  neceífario,  que 
mal  fe  poderá  crer :  haffe  pois  de  faber  que  entre  os  livros 

20  que  os  Pharifeos  nos  vendem  ou  dam  por  verdadeiros  ha 
muytos  que  os  Saduceos  reprovam,  &  dizem  quais  faõ 
os  de  verdade;  eu  nam  fei  por  o  dedo  em  todos  quais 
fejam  por  nam  aver  communicado  com  os  ditos  Sadu- 
ceos, porem  fem  efta  communiçam  polo  sogeito  das  coufas 

25  fe  pode  bem  alcançar  que  livros  ou  que  parte  delles  devam 
fer  reprovados,  ou  recebidos,  &  o  que  me  af firmo  hè  que 
fam  eftes  homés  tam  fospeitosos,  ou  por  milhor  dizer  pouco 
verdadeiros  em  fuas  coufas,  que  a  efcritura  que  nam  tiver 
em  fua  abonaçam  outro  teftemunho  mais  que  o  feu  ficará 

30  muyto  fofpeitofa,  &  duvidofa  &  fe  tiver  contra  íi  tefte- 
munho de  outros  Judeus  que  fua  verdade  neguem,  nhüm 
credito  merecera;  affi  os  que  amarem  a  verdade,  &  deze- 
jarem  aífertar  devem  procurar  com  toda  fua  força  in- 
teirarfe  doque  dizem  os  Saduceos  fobre  a  verdade  dos 


4* 


52     Sobre  a   Mortalidade   da  Alma 

livros  que  os  Pharifeos  quizeraõ  meter  na  conta  dos  fagra- 
dos  &  divinos  porque  defta  maneira  nam  vivam  &  fejam 
enganados  com  a  falfidade  que  nelles  fe  acha,  &  pofíam 
vir  ao  verdadeiro  conhecimento,  que  o  credito  que  fe  dà 
as  efcrituras  mentirofas,  &  vãs  coftuma  impedir  &  atalhar.  5 

Ao  VII.  en  muytos  Pfalmos  fe  lé  que  os  maos  feram 
deftruydos  da  terra  &  os  bõs  floreceram:  logo  outra  vida 
he  neceífario  que  aja  porque  nefta  os  maos  florecem,  & 
os  bós  padeçem,  os  maos  nam  fam  caftigados,  nem  os 
juftos  premiados.  Refpondemos:  que  nos  Pfalmos  fe  le  10 
da  deftruyçam  dos  maos,  &  florecimento  dos  bós,  &  he 
doutrina  verdadeira  fundada  na  mefma  ley :  porem  nega- 
mos o  que  fe  fegue  que  os  maos  nefta  vida  nam  fam 
caftigados,  nem  os  juftos  premiados,  porque  tal  dito  como 
effe  he  totalmente  contrario  à  verdade  &  fundamento  da  15 
ley.  que  nam  publica  outra  coufa  que  dizer  {aze  bem  para 
que  feja  bem  a  ti  &  a  teus  filhos  de f pois  de  ti,  porque  eu 
Snõr  Deus  teu  forte,  çiofo  que  vifito  a  maldade  dos  pays 
/obre  os  filhos  fobre  os  terceiros,  &  /obre  os  quartos  aos  que 
me  aborrecem,  &  que  faço  mi/ericordia  a  milhares  aos  que  20 
me  amam  &  guardam  meos  preceitos:  de  maneira  que  na 
vida  prezente  paga  Deus  ao  mao  em  fua  cabeça,  &  na 
de  feus  filhos  &  defcendentes :  &  também  paga  ao  bom 
fazendo  bem  a  fua  femente  quafi  em  infinito,  como  pagou 
a  Abraham,  cuja  femente  pofto  que  muytas  vezes  provo  25 
con  a  yra  devina  de  tal  maneira  que  mereceu  fer  con- 
fumida  ou  ao  menos  de  todo  repudiada  toda  via  por  fer 
femente  fua,  &  guardar  fua  palaura  nam  tirou  delia  fua 
mifericordia  como  de  outras  gentes  antes  fe  lembrara  de 
reftituilo  a  milhor  eftado,  refpeitando  aos  mefmos  Pays  30 
&  concerto  com  elles  celebrado:  &  faberas  que  o  fenor 
Deus  teu,  eile  Deus  fiel  que  guarda  o  concerto  &  a  miferi- 
cordia aos  que  o  amam  &  guardam  feus  mandamentos  ate 
mileffima  geraçam,  &  que  paga  aos  que  o  aborrecem  em 


$ 

Sobre   a   Mortalidade   da  Alma  53 


fuas  fazes  para  fazer  perder  a  elles:  em  fuas  fazes  paga 
Deus  ao  perverfo  nam  lhe  dilata  o  castigo  por  nhum 
tempo,  he  doutrina  de  ley  &  doutrina  verdadeira  debaxo 
da  qual  militamos.  Agora  fe  muytas  vezes  vemos  florecer 
5  os  maos  &  que  naõ  levaõ  feu  castigo  taõ  prefto,  ou  da 
maneira  que  nos  queríamos,  devemos  cudar  que  a  noffa 
vifta  he  muyto  curta  para  alcançar  as  ordés  de  Deus  & 
o  profundo  de  fua  fabiduria  com  que  governa  o  mundo: 
Deus  olha  os  coraçoés,  ve  &  fabe  o  que  cadahum  merece, 

10  &  conforme  ao  que  merece  lhe  paga;  nos  polo  contrario 
vemos  o  de  fora  &  julgamos  como  cegos.  Deus  foífre 
porque  naõ  dezeja  deftruyr  o  homem,  &  antes  quer  que 
fe  converta  porque  nam  he  perfeita  a  maldade  do  Hamor- 
reo  ategora,  porem  fe  fe  nam  converte  he  çerto  que  feu 

15  caftigo  lhe  ha  de  vir,  fe  fe  nam  converte  fua  espada  agu- 
çara, feu  arco  armou  &  aparelhou  a  elle,  &  fes  aparelhar 
a  eile,  vafos  de  morte  fuas  fetas :  &  nos  entendemos  que 
porque  o  caftigo  a  noffo  parecer  tardou,  ja  o  mao  ficou 
fem  elle,  pois  deuemos  faber  que  o  eftado  felice,  dos 

20  homés  naó  he  feguro,  antes  fe  continuarem  em  fua  mal- 
dade lhe  podemos  efperar  fua  çerta  queda :  vi  o  mao  arrai- 
gado &  lançava  ramos  como  louro  verde  &  paffou  ô°  eis 
naõ  elle}  &  bufqueyo  &  naõ  foi  achado:  ifto  vemos  cada 
pafíb  acontecer,  &  atalha  Deus  &  corta  a  muytos  quando 

25  cudaõ  que  começaõ  a  viver,  vifita  cõ  varias  doenças  & 
males  da  fome  da  pobreza,  abaxa  os  altos  &  cazas  ricas 
poê  polo  chaõ  de  tal  maneira  que  ordinariamente  nos 
efpantamos  ver  homes  &  filhos  delles  que  em  outro  tempo 
ja  conhecemos :  pois  ifto  he  paffar  a  mao,  &  ifto  he  bufcalo 

30  &  nam  achar  delle  final  como  também  faõ  paffadas  Mo- 
narchias  grandes  de  que  Deus  hum  tempo  fe  ferviu  para 
caftigo  doutras  gentes.  &  todos  por  fim  receberão  fua 
paga,  &  ynda  receberam  que  Deus  vive  &  vé  &  julga  o 
mundo  cadadia  &  nhüa  outra  coufa  vemos  fenam  juyzos 


54     Sobre    a   Mortalidade   da  Alma 

feus  na  terra  dos  homes  mal  conhecidos.  Do  bom  &  jufto 
polo  contrario  fe  dis  moço  fui  &  também  envelheci,  &  naò 
vi  jufto  defemparado,  nem  fua  /emente  bufcar  paõ,  affi  que 
nefta  vida  paga  Deus  ao  bom  &  ao  mao,  nenhum  feja  tam 
necio  &  loco  que  outra  coufa  cude  &  faça  hüa  conclufaõ  5 
taõ  defafíizada  contra  a  verdade  &  fundamento  da  ley, 
porque  fe  quizer  experimentar  em  fua  cabeça  acharia  a 
inteireza  defta  verdade,  como  foi  obrigado  a  confeffar  cer- 
to poeta  principal  entre  os  de  fua  naçam  que  parece  teve 
ynveja  ao  caminho  dos  maos  entendendo  que  para  elles  10 
naõ  avia  caftigo  &  dis  afíi.  Os  bôs  vi  fempre  paffar,  no 
mundo  graves  tormentos,  &  para  mais  me  efpantar  os 
maos  vi  fempre  nadar  em  mar  de  contentamentos:  cudando 
alcançar  affi  o  bem  tam  mal  ordenado  fui  mao,  mas  fui 
caftigado  affi  que  fo  para  mi  anda  o  mundo  concertado;  15 
loco  homem  affas  &  todos  os  que  cudarem  que  aos  maos 
acontece  fempre  bem  hum  dia  lhes  poderá  acontecer,  mas 
o  fim  delles  para  deftruyçam;  polo  contrario  aos  bõs 
poderá  algum  dia  vir  mal,  &  ou  porque  Deus  os  quer 
provar,  ou  porque  naõ  ha  homem  taõ  jufto  que  não  mereça  20 
algü  caftigo,  porem  o  fim  delles  para  pas :  abaxeífe  logo  o 
temerário  juyzo  dos  homes  em  cujos  olhos  muytas  vezes 
he  bom  aquelle  que  nos  de  Deus  he  mao;  abaxe  hü 
pouco  as  azas  de  fua  imprudente  prefuriçam  com  que 
quer  tomar  o  lugar  de  Deus  &  fazerfe  com  elle  juyz  na  25 
terra,  &  affi  quando  algüas  coufas  vir  acontecer  cujo 
fegredo  naõ  alcança  deixeas  a  Deus  jufto  juyz  que  o 
mundo  governa  com  alta  fabiduria  levantada  muyto  da 
humana,  porque  aynda  que  muyto  fe  canfe  naõ  poderá 
alcançar,  Salomon:  &  vi  toda  a  obra  de  Deus  que  naò  30 
poderá  o  homem  achar  a  obra  que  fe  faz  debaxo  do  foi,  por 
amor  da  qual  trabalhará  o  homem  por  bufear  &  naò  achara; 
fo  faiba  o  homem  &  conheça  que  Deus  he  juyz  na  terra, 
&  nella  com  jufta  balança  premia  os  bõs  &  caftiga  os 


Sobre   a   Mortalidade    da  Alma  55 


maos,  &  quando  vir  Hevel  jufto  perecer  nas  maõs  do 
pérfido  Kain,  cude  fe  effa  morte  granjeou  o  peccado  de 
5  feu  pay,  &  aprenda  a  temer  a  Deus  q;  o  caftigo  do  pec- 
cador  eftende  ate  feus  filhos;  &  fe  bem  efta  matéria  he 
tal  q;  convidava  a  hum  longo  difcurfo  he  neceffario 
atalhar  por  chegar  ao  fim,  &  bafta  fobejamente  o  que 
moftramos  para  annulaçaõ  do  argumento  em  contrario 

10  fundado  em  falfa  apparencia  contra  fiel  doutrina  da  ley. 
Ao  VIII.  efta  efcrito:  porque  nam  deixaras  minha  alma 
na  fepultura,  nam  deixaras  o  teu  bom  ver  a  cova;  item 
quam  grande  teu  bem  que  ef condes  te  para  os  que  te  temem: 

15  Refpondemos  que  nada  vem  ao  propofito:  &  o  fentido 
do  primeiro  verfo  he  efte :  nam  deixaras  minha  alma  vir 
a  poder  de  meus  inimigos  &  que  eu  por  fua  maõ  deça  à 
cova:  alegra vaífe  David  de  ter  o  fnõr  em  fua  guarda  & 
dizia  que  debaxo  de  feu  abrigo  dormia  feguro,  nem 

20  temia  que  o  mataffem  naõ  querendo  dizer  que  defpois  de 
morto  tiraria  fua  alma  da  fepultura,  que  iífo  encontra  ao 
que  fegue,  nam  darás  a  teu  bom  ver  à  cova,  nem  quer 
dizer  que  nunca  avia  de  ver  a  cova,  que  a  cova  todos 
a  haõ  de  ver,  &  nhum  vivo  efcapara  de  fuas  maõs:  que 

25  homem  vi  vira  &  naõ  vera  a  morte,  &  livrara  fua  alma 
da  maõ  da  morte?  mas  quer  dizer  que  o  Senor  naõ  dei- 
xaria fua  alma  em  perigo  da  morte,  nem  confentiria  como 
diziamos  por  maõs  dos  maos  que  o  bufcavam  ver  eile 
a  cova  como  em  outros  Pfalmos  fe  confolava.  O  fegundo 

30  verfo,  quaô  grande  teu  bem  que  ef  conde/te  para  teus  tementes 
por  fi  efta  declarado  com  o  que  fegue  obra/te  aos  que 
efperaõ  em  ti,  diante  dos  filhos  dos  homes,  de  maneira  que 
diante  os  filhos  dos  homês  na  vida  prezente  obra  Deus 
efte  bem :  &  que  bem  he  ?  ef  conde  loas  no  ef  condido  de 
tuas  fazes  dos  alevantamentos  dos  homès;  efcondelosàs  em 
tua  tenda  das  contendas  das  linguas:  tu  lhe  feras  amparo 
&  abrigo  contra  toda  a  perfeguiçao  dos  homês,  trayçois 


56     Sobre   a   Mortalidade   da  Alma 

&  maldades  de  que  daua  ao  Senor  graças  avelo  livrado, 
bes  acontecidos  nas  faces  dos  filhos  dos  homes  de  prezente, 
outros  bês  nam  fonharemos  &  fe  fonharmos,  fonhos  feraõ. 

Ao  IX.  O  lugar  de  Yefah.  Viviram  teus  mortos:  refpon- 
demos  que  nam  fala  o  Propheta  dos  verdadeiros  mortos  5 
&  dos  que  acabaram  o  curfo  natural  da  vida,  nem  dis 
que  eftes  fe  levantaram,  mas  os  mortos  de  que  fala  faõ  o 
povo  deYsrael  efpalhado  polas  terras,  &  nellas  contado 
por  morto  que  ninguém  cuda  d 'eile  que  tornara  mais  a 
fer  gente,  mas  que  fempre  jazera  no  chaõ  abatido  vil,  10 
mirrado  &  feco;  da  mefma  maneira  que  delle  fala  por 
femelhança  o  Propheta  Yehez.  cap.  37.  onde  declara  que 
os  ofíbs  fecos  eram  a  cafa  de  Yfrael  refpeito  que  elles 
diziam  fecaraò  fe  nojjos  offos,  &  pereceo  nojja  ejperança 
fomos  atalhados  a  nos:  conforme  este  fentido  dis:  eu  15 
abrirei  vojjas  fepulturas,  nam  dis  que  tiraria  os  verdadeiros 
mortos  das  covas,  mas  os  vivos  affemelhados  a  mortos 
ajuntaria  das  terras  &  lugares  a  donde  eftavam  lançados, 
&  eram  como  fuas  fepulturas  refpeito  de  feu  eftado,  &  os 
tornaria  a  terra  de  Yfrael,  affi  que  hum  lugar  he  femel-  20 
hante  ao  outro,  &  ãbos  falaõ  parabólica  &  nam  propria- 
mente, &  ynda  para  mayor  declaraçam  repi tiremos  atras 
hu  pouco :  do  principio  ate  o  fim  trata  aquelle  capitulo  do 
ajuntamento,  de  Yfrael,  &  moftra  como  o  Senor  caftiga 
differentemente  as  outras  gentes  do  que  caftigará  a  elle,  25 
por  ellas,  dis  mortos  nam  viviram,  defuntos  nam  fe  alevan- 
taram,  por  tanto  vifitafie  &  deftruyfle  a  elles,  &  perdefle 
toda  a  memoria  delies  querendo  dizer  que  as  gentes  caftiga 
o  Senor  &  muda  feu  eftado  de  maneira  que  mais  nam 
tornam  ao  que  dantes  foram,  porem  Yfrael  caftiga  diífe-  30 
rentemente;  ajuntaße  a  gente  Senor,  ajunta/te  a  gente 
glorificafiete ,  alonga/te  aos  fins  da  terra,  quer  dizer:  ajun- 
tafte  Senor,  multiplicafte  Senor  fazer  maravilhas  com 
aquella  gente,  &  affi  te  glorificafte  com  gente  que  avias 


/ 


Sobre   a    Mortalidade   da  Alma  57 


lançado  aos  fins  da  terra,  &  por  concluíam  defpois  de 
todos  os  males  paffados,  defpois  de  longas  efperanças, 
viviram  teus  mortos,  os  teus  feridos,  os  teus  mortificados, 
eftilados  &  contados  quaíi  por  mortos  na  terra,  viviram, 
5  lançolosha  a  terra  de  fi,  &  brotaram  delia  como  erva,  & 
he  conforme  ao  que  fe  lé  no  cap.  feguinte:  nos  vindouros 
lançará  Yahacob  rayzes,  florecerà  &  brotará  Y/rael,  tudo 
fam  femelhanças  &  modos  de  falar  com  figuras  que  he 
neceffario  entender  com  juyzo  de  homes,  &  nam  tomar  as 

10  palauras  como  foam  indifcretamente :  fegue  o  lugar  de 
Yob:  &  confejjo  meu  redimidor  vivo,  &  por  derradeiro 
fobre  meu  pó  e/tarei:  refpondemos  que  muy  defviado  he  o 
fentido  de  Yob  daquelle  com  que  muytos  o  entendem,  ou 
querem  entender,  &  o  que  em  fuftancia  dis  he  que  eile 

15  tinha  confiança  em  Deus  que  ynda  o  avia  de  alevantar 
daquelle  lugar,  onde  jazia  chagado,  ferido  &  debilitado, 
&  levantado  em  feus  pés  lhe  avia  de  fazer  os  facrificios 
que  dantes  coftumaua,  &  louvalo :  eu  confefíb  meu  redi- 
midor vivo,  eu  fei  que  aquelle  em  quem  tenho  confiança 

20  he  Deus  vivo  poderofo  para  me  remir,  livrar,  levantar, 
tirar  defta  anguftia,  tribulaçam  &  miferia  em  que  me  vejo ; 
&  todas  as  vezes  que  Deus  livra  os  homes  de  males  & 
tribulaçõis  &  perigos  fe  chama  Deus  redimidor,  affi  quando 
redimio  o  povo  de  JEgypto,  &  he  matéria  fora  de  queftam : 

25  &  por  derradeiro  fobre  o  pò  e fiarei,  andarei  &  me  moverei, 
yndaque  agora  amigos  vos  pareça  tam  pouco  aparelhado 
para  andar:  &  defpois  que  minha  pelle  trilharem  efta, 
defpois  que  a  infirmidade  doença  &  chagas  de  que  eftou 
ferido :  &  fahio  o  fatan  de  diante  do  Senor  &  feriu  a  Yob 

30  com  chaga  má,  defde  a  planta  do  pê  ate  o  alto  de  fua  cabeça; 
defpois  que  os  bichos  criados  nellas,  ou  levantados  do 
pó  em  que  eftou  affentado,  vifiiujfe  minha  carne  de  bicho 
&  immundicia  do  pó,  minha  pelle  fe  cortou,  &  defatoujje, 
deixarem  de  tratar  mal  efta  pelle  8c  carne,  entornes  de 


58     Sobre   a   Mortalidade   da  Alma 

minha  carne  verei  a  Deus;  entonces  reformado  &  con- 
valecido,  reftituydo  a  meu  antigo  eftado,  forças  &  per- 
feiçam  verei  a  Deus :  madrugarei  aquelle  lugar  onde  eu 
coflumava  fazer  lhe  facrificios,  &  madrugava  &  fazia  fubir 
alçaçôis  &  affi  verei  a  Deus  o  qual  eu  ei  de  ver  a  mi  dativo  5 
ufado  no  hebraico,  o  qual  eu  mefmo  ei  de  ver  &  nam 
eílranho,  nam  ha  de  fer  outro  por  mi,  eu  mefmo  farei  efte 
officio:  defenganaivos  amigos  que  tarn  fem  caufa  me 
perfeguis  calumniais,  affrontais,  dizendo  que  por  minha 
maldade  eftou  no  eftado  em  que  me  vedes;  ja  dez  vezes  10 
me  emvergonhaftes  nam  vos  correis  de  vos  endurecerdes 
contra  mi,  defenganaivos  &  fabei  que  he  verdade  o  que 
vos  tenho  dito,  &  vos  o  vedes  na  minha  pelle,  &  na  minha 
carne  que  fe  pegou  no  meu  0JJ0,  &  fiquei  com  a  pelle  de 
meus  dentes,  com  a  pelle  pegada  nos  dentes,  com  tudo  iífo  15 
tenho  efperanças  certas  antes  fei  que  me  ei  de  ver  levan- 
tado defte  eftado,  &  tornado  ao  meu  primeiro  eftarei  fobre 
meus  pes,  verei  minha  carne  reftituida,  &  yrei  dar  graças 
a  Deus,  &  oíferecerlhe  novos  facrificios;  tudo  ifto  vio 
Yob  cumprido  em  fi  defpois  que  o  Sefíor  levantado  d'elle  20 
feu  açoite,  como  fe  lé  no  fim  do  livro,  eile  mefmo  foi  ver 
a  Deus,  &  poios  mefmos  feus  amigos  oífereceu  alçaçam, 
&  de  verdade  baftara  ifto  para  defenganar  os  que  mefmo 
a  fi  fe  enganam  entendendo  efte  lugar  diferentemente  da- 
quella  muyta  clareza  comque  em  outros  muytos  fala  nefta  25 
matéria  o  mefmo  livro  de  Yob  negando  levantamento  de 
defuntos,  como  ja  atras  moftramos.  Algüs  querendo  mal 
entender  a  palaura  por  derradeiro  interpretam  no  fim  do 
mundo  &  juyzo  final  que  vammente  imaginaõ  como  fenaõ 
pudeffe  fer  derradeiro,  e  derradeiro  muy  breve  &  limitado  30 
em  poucos  dias  conforme  o  fogeito  em  que  fe  trataífe: 
que  deu  a  comer  man  no  deferto  que  naô  conhecerão  teus 
pays  por  caufa  de  te  affligir,  &  por  caufa  de  te  tentar  por 
fazer  bem  a  ti  em  o  teu  derradeiro,  efte  derradeiro  fe  limitou 


Sobre   a   Mortalidade   da   Alma  59 


no  fim  de  40.  annos  que  o  povo  andou  no  deferto  antes 
de  entrar  na  terra  prometida,  falava  pois  Yob  do  fim  & 
derradeiro  de  fua  infirmidade,  &  nam  falava  do  derra- 
deiro dia  do  mundo,  que  nunca  acabara,  moftraffe  claro 
5  polo  fim  de  livro  &  bem  diffe  Deus  ao  derradeiro  de  Yob 
mais  que  ao  feu  principio  &  foram  a  eile  quatorze  mil 
ovelhas,  &  efte  era  o  derradeiro  de  que  Yob  falava,  &  efte 
o  que  efperava.  Também  fonhar  porque  alli  fe  lè,  &  de 
minha  carne  verei  a  Deus,  que  o  homem  real  &  vifivel- 

10  mente  ha  de  ver  a  Deus  nos  ceos :  ver  a  Deus  he  adoralo 
no  templo  &  lugar  dedicado  no  templo  divino;  nam 
/eram  vi/tas  minhas  fazes  en  vazio,  naô  vireis  diante  de 
mi  ao  lugar  de  minha  morada  fem  trazer  que  me  offre- 
çais,  &  entam  vio  Yob  a  Deus  quando  convalecido  foi 

15  oífrecerlhe  alçaçois,  falar  em  outra  vida  he  defuario. 

Faltanos  que  refponder  ao  que  diz  o  livro  de  Daniel : 
&  muytos  dos  que  dormem  na  terra  do  pó  def per  taram, 
efles  para  vida  de  fempre,  &  efies  para  deshonra,  para 
def  prezo  de  fempre,  &  outra  ves,  &  tu  vai  ao  fim  &  defcan- 

20  çaras  &  e/taras  em  fim  dos  dias  em  tua  forte:  &  dizemos  que 
efte  livro  de  Daniel  nam  he  recibido  dos  Judeos  chamados 
Saduceos,  o  que  fo  baftara  para  lhe  tirar  o  credito  &  fé 
por  fe  dever  ao  teftemunho  fimple  dos  Pharifeos  muy 
pouco  conforme  ao  que  ja  diffemos,  vifto  ferem  eftes 

25  homês  tais  que  tomaram  por  officio  ou  por  locura  trocar 
palauras,  mudar,  torçer,  interpretar  aveffadamente  as 
efcrituras  para  confirmaçam  &  firmeza  de  feus  confufos 
fonhos,  querendo  por  eftes  falfos  meyos  ajudalos:  quando 
por  íi  mefmo  naõ  fe  moftrara  a  pouca  verdade  dos  lugares 

30  referidos,  doutrina  toda  Pharisea  contraria  à  doutrina  da 
ley  efcrita  na  quelle  livro  debaxo  do  nome  de  Prophecia 
para  engano  do  povo  &  confirmaçam  da  falfa  pregaçam : 
moftraffe  pois  a  pouca  verdade  dos  ditos  lugares  porque 
dis  o  primeiro  que  muytos  refucitaram,  &  nam  dis  que 


6o     Sobre   a   Mortalidade   da  Alma 

todos  refu citaram,  &  fe  tal  refurreiçam  ouveffe  de  aver 
era  necefíario  que  fofíe  geral  para  todos  os  homês  ou  foííe 
que  refucitaíTem  para  poffuir  bem  ou  para  pofíuir  mal 
conforme  ao  que  cadahum  vivendo  mereceo,  &  como  os 
Pharifeos  preguem  &  digaõ  que  a  refurreiçam  nam  he  5 
para  todos  fenam  fomente  para  algüs  como  também  as 
almas  nam  fam  todas  immortais,  fenam  hüas  íi  &  outras 
nam,  ja  fica  claro  que  a  efcritura  foi  feita  &  accomodada 
para  provar  &  authorifar  fua  tam  falfa  &  errada  pregaçam : 
o  mefmo  fe  ve  polo  verfo  ultimo  em  quanto  dis  go faria  10 
Daniel  &  Estaria  em  fua  forte  no  fim  dos  dias,  que  os 
Phariseos  ensinaõ  que  no  tempo  que  vier  o  Mafíiah  fe 
levantaram  os  mortos  cadahum  para  poffuir  fua  herança 
na  terra  de  Yfrael,  doudice  &  locura  defatinada  para 
cuja  prova  fe  aproveitaram  da  falfa  efcritura.  Outras  15 
caufas  fe  acham  no  livro  de  Daniel  que  bem  moftraõ  & 
publicaõ  fua  artificiofa  invençam,  alli  he  a  primeira  ves 
que  achamos  nomes  de  anjos  nomeados  por  feus  nomes 
que  ateli  nam  aviamos  fabido  nem  por  ley  nem  por  outros 
livros,  &  todo  feu  eftilo  &  modo  he  hüa  fabricada  com-  20 
poíiçam ;  &  nam  pareça  a  alguém  dificulto fo  aver  efcritos 
&  efcritores  falfos  por  que  fe  quizer  abrir  os  olhos  nenhüa 
coufa  verá  que  mais  ordinária  feja  nos  homês.  quem  fez  o 
livro  de  Yudith  &  o  teceo  &  aquella  hiftoria,  quem  o 
terceiro  &  quarto  de  Efdras,  quem  o  da  fabiduria  &  outros  25 
muytos  que  naõ  he  neceffario  referir,  pois  também  a 
hiftoria  defte  he  neceffario  que  entre  nefte  numero,  naõ 
faltaõ  efcritores  falfos,  prophetas  fonhadores  mentirofos 
que  a  tudo  fe  eftende  a  malicia  humana,  amoeftaçoês 
temos  da  ley  que  nos  avizou  &  quis  fazer  acautelados,  30 
quem  ha  fua  verdade  fe  apegar  de  todos  os  erros  efcapara. 
He  finalmente  aquella  doutrina  efcrita  no  livro  de  Daniel 
doutrina  nova  contraria  à  doutrina  da  ley,  &  outros 
livros  que  fuas  pizadas  feguem,  &  affi  por  tudo  nada 


Sobre   a   Mortalidade   da  Alma  6i 

delia  curaremos  ou  devemos  curar ;  &  moítrado  que  temos 
fer  o  homem  todo  mortal,  pouca  neceffidade  tinha  de  fe 
moftrar  o  que  fera,  &  nam  lhe  reftar  outra  vida  para 
viver,  vejamos  os  inconvenientes  ou  males  que  fe  feguem 
5  do  erro  contrario. 

Cap.  XXV. 

Em  que  Je  poem  os  erros,  &  males  que  procedem 
de  Je  ter  a  alma  do  homem  por  immortaL 

Como  de  hum  abfurdo  coftumam  nacer  muytos  abfur- 

io  dos,  &  de  hum  erro  muytos  erros,  fam  tantos  os  nacidos 
deita  errada  opiniam  ou  locura  fobre  a  immortalidade  da 
alma,  que  nam  fera  fácil  manifestalos :  os  Pharifeos  que 
fomente  a  çertas  almas  deram  immortalidade,  bem  aven- 
turança eterna  &  também  males  eternos  para  nam  con- 

15  denarem  effas  almas  facilmente  aos  tormentos  differam  & 
dizem  que  quando  acontecia  fazer  hüa  alma  num  corpo 
obras  por  onde  merecia  fer  condenada,  ou  faltandolhe  para 
cumprir  algü  mandamento,  a  tornava  Deus  a  mandar  em 
fegundo  &  terceiro  corpo  ateque  ganhe  como  elles  dizem 

20  o  pam  que  no  ceo  ha  de  comer :  introduziram  também 
hum  lugar  de  purgatório  no  qual  pudeffem  purgar  feus 
defeitos  as  almas  dos  que  foram  medianamente  bós,  en 
tanto  que  para  efte  fim  as  degrada  Deus  muytas  vezes  & 
mete  dentro  dos  animais  (animais  bacharéis  devem  ficar) 

25  paraque  alli  fe  purguem,  &  affi  porque  pode  acontecer 
andar  a  alma  de  hum  homem  dentro  de  hüa  vaca,  quando 
fe  degolar  aquella  vaca  feja  de  maneira  que  finta  pouca 
pena;  que  os  animais  fe  degolem  com  piedade  bom  & 
dereito  he,  mas  nam  por  efta  caufa,  &  quando  nenhum 

30  deftes  remédios  baíta  &  a  alma  foy  tam  mà  que  merece 
fer  condenada  a  manda  Deus  aos  tormentos  eternos  onde 
para  fempre  viva  penando,  &  nifto  veyo  a,  parar,  &  fe 
lhe  converteu  a  gloria  que  efta  alma  pofíuhia  antes  no 


62     Sobre   a   Mortalidade   da  Alma 

ceo  morando  como  elles  dizem  debaxo  da  cadeira  da 
devindade ;  alma  tola  que  fe  nam  foube  bem  pegar,  &  fe 
deixou  lançar  qua  neíle  mundo:  pergunte  agora  alguém 
a  eftes  quem  foy  o  que  tanto  lhes  diffe,  pois  a  ley  lho 
nam  difíe,  ou  em  que  fundam  feus  ditos :  pintores  falfos,  5 
novos  cenfores  da  juftiça  divina,  maravilhofos  na  vifta 
do  povo  que  com  admiraçam  os  ouve. 

Empos  os  erros  afíima  feguem  logo  outros  como  fam 
fazerem  orações  &  rogativas  poios  mortos,  offerecer  por 
elles  oífertas  para  os  ajudar  a  tirar  mais  cedo  das  penas  10 
do  fingido  purgatório,  mil  abufos  &  fuperftiçoês  que  fe 
ufam  em  feus  enterros  coufas  todas  que  muyto  offendem 
a  verdadeira  ley  &  culto  divino  que  de  tais  nugas  fenam 
ferve  nem  paga,  antes  as  regeita  &  abomina. 

Aos  erros  acompanham  como  adjuntos  neceífarios  muy-  15 
tos  males,  que  nam  ha  erro  que  pofía  parir  algum  bem, 
&  affi  efta  locura  tem  obrado  no  mundo  muytas  com 
dano  &  perda  dos  dinos  delia,  daqui  naçeo  que  des- 
prezando muytos  os  bês  ou  males  prezentes  com  efperança 
de  mayores  males  inftituiram  novas  ordês  &  regras  de  20 
viver  condenando  &  fogeitando  feus  corpos  a  rigores  & 
durezas  da  ley  nam  pedidas,  &  dos  bõs  nam  feguidas, 
morar  nos  montes  comer  mal  &  veftir  pior,  &  o  que  mais 
he  que  chegaram  a  tanta  Locura  que  julgaram  por  coufa 
mais  fanta  &  religiofa  o  eftado  dos  folteiros  que  o  do  25 
legitimo  matrimonio  divina  &  naturalmente  inftituido, 
outros  ofTereceram  fuas  almas  aos  martirios,  &  cutelo 
neciamente,  &  as  vidas  que  os  antigos  padres  tanto  efti- 
maram  como  pródigos  &  defafíizados  vãmente,  &  fem 
caufa  largaram  &  deixaram  affi  que  andando  enloque-  30 
eidos  debaxo  de  falfas  efperanças,  &  promeíTas  que  a  íi 
mefmos  fem  perguntar  a  Deus  fe  fazem,  nam  fabem  o  que 
bufeam,  &  porque  faõ  indinos  de  bês  prezentes  naõ  mere- 
cem que  o  Seflor  lhos  de,  nem  licença  para  ufar  d 'elles. 


Sobre   a   Mortalidade   da   Alma  63 

Bem  algum  que  poffa  nacer  defta  falfa  opiniam  nam 
no  ha  porque  fe  eftes  diíferem,  que  fenam  ouvera  mayores 
bês,  ou  mayores  males,  os  homes  nam  temeram  a  Deus, 
&  cadahum  fara  fua  vontade,  nenhüa  coufa  dizem,  muyto 
5  mais  fe  teme  o  ladram  da  força  que  vé  prezente,  do  que 
teme  do  inferno  que  nam  vé,  &  quando  o  caftigo  he  duvi- 
dofo,  ou  ameaffado  para  longe,  refpondem  que  também 
os  ameaffados  paõ  comem:  nam  he  afíi  nos  caftigos  pre- 
zentes  &  que  de  breve  fe  pagaõ,  antes  fe  hum  vai  para 

10  matar  &  lhe  lembraõ  que  fe  matar  lhe  cortaram  a  cabeça, 
refreaffe  &  naõ  mata,  &  fe  fe  nam  refrear  com  o  medo 
dos  males  prezentes,  muyto  menos  o  fara  com  o  medo 
fictício  de  que  lhe  ficam  efperanças  de  efcapar,  affi  os 
juyzos  &  caftigos  de  Deus  comos  homês  podem  muyto 

15  mais  para  os  dobrar  que  ameaffos  futuros  que  haõ  de  ter 
cumprimento  em  vida  naõ  conhecida ;  ferve  o  foldado  na 
guerra,  onde  tem  mais  çerta  a  perda  que  o  ganho  por 
eftipendio  taõ  limitado  que  efcaffamente  pode  viver,  mi- 
lhor  fervira  o  homem  a  feu  mefmo  Deus  a  quem  tem 

20  obrigaçam  de  fervir,  &  que  effe  mefmo  ferviço  paga  dif- 
ferentemente ;  ferviço  taõ  leve  que  pareçe  naõ  he  nada: 
&  agora  Ysrael  que  pede  o  Senor  Deus  de  ti,  fenaô  que 
temas  ao  Senor  Deus  teu,  &  que  andes  em  todos  feus  cami- 
nhos; caminhos  de  dereito,  caminhos  de  juftiça,  caminhos 

25  fuaves  &  leves,  que  os  que  nam  eftam  pegados  na  tortura 
amam  &  dezejam,  &  eftrompeçam  nelles  os  perverfos  & 
maos;  quanto  Je  adoçaram  a  meu  padar  tuas  palauras 
mais  que  mel  a  minha  boca. 

Algum  tempo  morei  eu  na  efcuridade  em  que  vejo  em- 

30  baraffados  a  muytos,  &  duvidofos  com  os  enleos  de  falfas 
efcrituras  &  doutrina  de  fabulofos  homês  nam  podendo 
tomar  firmeza  &  acabar  de  atinar  com  eíla  vida  eterna 
tam  apregoada  de  tantos  &  lugar  donde  fe  avia  de  pof- 
fuir  vendo  a  ley  de  todo  calada  em  coufas  tam  grandes, 


64     Sobre   a   Mortalidade   da  Alma 

&  de  tanta  impor tançia,  mas  despois  que  por  amor  da 
verdade  obrigado  do  temor  de  Deus  me  difpus  a  defpre- 
zar  &  vencer  o  temor  dos  homês  pofta  fomente  nella  minha 
confiança,  en  tudo  fe  trocou  &  mudou  minha  forte,  por- 
que alumiou  Deus  meu  entendimento  tirandome  de  duvi-  5 
dar  das  coufas  que  me  affligiam  &  pondome  no  caminho 
da  verdade  confirmeza,  &  todos  meus  bês  pullaram  e 
creçeram  a  vifta  dos  homês,  &  minha  faude  foy  guardada 
com  tam  particular  &  notória  affiftencia  divina,  que  os 
que  menos  queiram  feram  conftrangidos  &  obrigados  afíi  10 
o  confeffar;  vivo  pois  contento  de  conhecer  meu  fim  & 
faber  as  condições  da  ley  que  Deus  me  deu  para  guardar, 
nam  fabrico  torres  no  vento  alegrandome  ou  enganan- 
dome  vámente  com  efperanças  f alfas  de  fonhados  bês, 
também  me  nam  entrifteço,  nem  perturbo  com  pavor  de  15 
mayores  males:  polo  fer  de  homem  que  Deus  me  deu, 
&  vida  que  me  empreitou  lhe  dou  muytas  graças,  porque 
fendo  que  antes  de  eu  fer  me  nam  devia  nada,  me  quis 
antes  fazer  homem  que  nam  bicho;  &  de  verdade  que 
a  coufa  que  mais  me  affligiu  &  canfou  nefta  vida  foi  enten-  20 
der  &  imaginar  hum  tempo  que  avia  bem  &  mal  eterno 
para  o  homem,  &  que  conforme  ao  que  obraíTe  gonharia 
o  bem  ou  o  mal,  o  que  fe  entam  me  fora  dado  efcolher, 
eu  fem  nhüa  demora  refpondera  que  nam  queria  ganho 
taõ  arrifcado,  &  me  contentava  antes  com  ganhar  menos :  25 
en  fim  permite  Deus  eftas  opiniõis  para  atormentar  as 
confciencias  daquelles  que  delle  &  de  fua  fiel  verdade  fe 
apartam;  &  aqui  fazemos  fim  de  referir  mais  cafos,  em 
que  a  falfa  tradiçam  mal  fe  apartou  da  verdade  &  dereito 
caminho  da  ley  por  efcuzar  fazer  mayor  proceffo  contra  30 
os  inimigos  culpados,  dando  por  bem  provado  com  os 
referidos  o  primeiro  &  principal  fundamento  de  noífa 
propoíiçam  atras  no  cap.  7.  lançado.  E  agora  nos  vamos 
a  contar  algüas  hiftorias. 


Über   die   Sterblichkeit  der  Seele 


65 


Capitel  23. 

In  dem  gehandelt  wird,  was  die  men/chliche  Seele 
ift,  wer  fie  erzeugt,  ob  fie  Jierblich  oder  vielmehr 
unft erblich  ifi. 

5  Da  wir  über  die  Sterblichkeit  oder  Unfterblichkeit  der 
menfchlichen  Seele  zu  handeln  haben,  ift  es  angemeffen, 
daß  wir  zuerft  fragen,  was  eben  diefe  Seele  eigentlich  ift, 
zumal  da  manche  Unwiffende,  wenn  sie  von  ihr  fp rechen, 
fie  fich  als  eine  verkörperte  Jungfrau  vorzugehen  schei- 

10  nen,  wie  andere  fie  als  aus  dem  Fegefeuer  hervorgehend 
fchildern.  Die  menfchliche  Seele  alfo,  fagen  wir,  ift  und 
heißt  der  Lebensgeift,  mit  dem  der  Menfch  lebt,  welcher 
Lebensgeift  im  Blute  ift,  und  mit  diefem  Geifte  lebt 
der  Menfch,  verrichtet  feine  Werke  und  bewegt  fich,  fo 

15  lange  er  ihm  bleibt,  und  erlifcht  nur,  wenn  er  natürlicher- 
weise aufhört  oder  durch  irgend  einen  gewaltfamen  Fall. 
Zwifchen  der  Tierfeele  und  der  menfchlichen  Seele  befteht 
kein  anderer  Unter fchied,  als  daß  die  menfchliche  Seele 
vernunftbegabt  ift,  während  die  Tierfeele  der  Vernunft 

20  entbehrt.  Im  übrigen  ift  Geborenwerden,  Leben  und 
Sterben  in  allem  gleich,  wie  Salomo  fagt :  und  der  Menfch 
hat  keinen  Vorzug  vor  dem  Vieh  in  der  Dauer,  denn  alles 
ifl  eitel.  Demgemäß  ift  die  Seele  des  Viehs  fein  geiil- 
erfülltes  Blut,  wie  das  Gefetz  befagt,  und  darin  befteht 

25  und  wohnt  eben  die  Seele.  In  gleicher  Weife  befteht  die 
Seele  des  Menfchen  im  Blut  und  Lebensgeift. 

Nachdem  wir  wiffen,  daß  wir  etwas  haben,  was  Seele 
heißt,  fragen  wir  jetzt,  wer  diefe  Seele  im  menfchlichen 
Körper  erzeugt.  Wir  erwidern,  daß  es  bei  der  Frage  kaum 

30  Zweifel  gibt.  Es  ift  fonnenklar,  daß  der  Menfch  durch 
natürliche  Zeugung  die  Seele  eines  anderen  Menfchen  er- 
zeugt, auf  die  gleiche  Weife,  wie  ein  Tier  die  Seele  eines 
anderen  ihm  ähnlichen  Tieres  erzeugt,  fo  wie  ein  Elephant 

Da  Costa  Opera.  5 


66     Über   die   Sterblichkeit  der  Seele 

einen  anderen  ebenfo  verftändigen  Elephanten  erzeugt, 
der  Fuchs  einen  anderen  ebenfo  liftigen  Fuchs,  das  Pferd 
ein  anderes  ebenfo  ftarkes,  gehör fames  und  mutiges  Pferd. 
Der  Menfch  zeugt  folglich  einen  anderen  Menfchen,  ver- 
nunftbegabt wie  er  und  bewußten  Sinnes,  worin  der  Unter-  5 
fchied  zwifchen  ihm  und  den  Tieren  befteht.  Dabei  gibt  es 
nichts,  worüber  zu  zweifeln  wäre.  Auf  andere  Weife  wäre 
die  Zeugung  des  Menfchen  fehlerhaft  und  unvollkommen, 
gegen  die  göttliche  Ordnung  und  Einrichtung,  die  kraft 
göttlichen  Wortes  mittels  des  Samens  in  jedes  einzelne  der  10 
Gefchöpfe  alle  fetzt:  fie  zeugen  ihresgleichen  und  fo  er- 
halten fich  ihre  Arten  und  vermehren  fich.  Dem  Menfchen 
insbefondere  ward  gefagt :  und  Gott  fegnete  fie  und  fprach  zu 
ihnen:  zeuget,  feid  fruchtbar  und  erfüllet  die  Erde  und  machet 
fie  euch  Untertan  und  herrfcht  über  die  Fifche  des  Meeres.  15 
Weil  der  Menfch  in  allem  f einesgleichen  zeugt,  deshalb 
fagt  diefelbe  Schrift :  da  Adam  130  Jahre  alt  war,  zeugte 
er  fein  Abbild,  d.  h.  Adam,  vernunftbegabt  und  Herr- 
fcher über  die  Gefchöpfe  auf  der  Erde,  zeugte  fein 
Ebenbild  und  Abbild  in  allem  vollkommen,  ohne  daß  20 
jemand  anderes  fich  bei  der  Zeugung  eingemengt  hätte. 
Das  gleiche  fagt  Salomo,  wenn  er  fagt,  das  Geboren- 
werden des  Menfchen  fei  gleich  dem  des  Tieres.  Kurz, 
die  Sache  ift  völlig  frei  von  Zweifel  und  Wider fpruch, 
beftätigt  wie  fie  ift  durch  Vernunft  und  durch  Gefetz.  25 

Diejenigen,  die  behaupten,  dieSeelen  feien  vomKörper  ge- 
fchiedene  Wefen,  die  Gott  zugleich  gefchafTen  und  die  er  wie 
in  einen  Getreidefpeicher  gelegt  habe,  von  wo  er  fie  in  die 
Leiber  der  Schwangeren  eingehen  laffe,  verdienen  kein 
Gehör.  Das  find  die  unfinnigen  Träumereien  des  nichtigen  30 
alten  Heidentums,  unwürdig  jeder  Widerlegung,  denen 
noch  jetzt  die  Pharifäer  folgen.  Andere  behaupten,  Gott 
fchaffe  diefe  Wefen  in  den  Leibern  der  Schwangeren  durch 
neue  Schöpfung,  etwas  ebenfo  Wunderbares,  von  dem 


Über   die   Sterblichkeit   der   Seele  67 


weder  Vernunft  noch  Gefetz  weiß.  Diejenigen,  die  diefe 
Meinung  annehmen,  tun  dies,  weil  fie  nicht  zugeben,  daß 
die  menfchliche  Seele  fterblich  ift,  wie  he  glauben,  daß  üe 
es  würden,  wenn  fie  durch  einen  anderen  Menfchen  gezeugt 
5  wäre  und  zwar  durch  jene  natürlichen  Mittel,  durch  die  die 
Seelen  der  Tiere  gezeugt  werden.  Wie  jene  weder  Ver- 
nunft noch  Gefetz  für  fich  haben,  um  ihren  Gedanken  und 
ihre  künftliche  Wahrfagerei  zu  ftützen,  fo  braucht  man 
nicht  die  Zeit  zu  vergeuden,  um  ihre  Gründe  darzulegen 

10  und  ihre  fch  wachen  und  hinfälligen  Grundlagen  einzureißen. 
Es  fragt  fich  weiter,  ob  die  menfchliche  Seele  fterblich 
oder  vielmehr  unfterblich  ift.  Wir  erwidern,  daß  aus  dem 
Vorhergehenden  die  Antwort  zu  entnehmen  ift,  und  zwar, 
daß  eben  die  Seele  fterblich  ift,  da  wir  gefagt,  daß  fie  im 

15  Blut  und  im  Lebensgeift  befteht,  welcher  als  erfter  im  Men- 
fchen ftirbt  und  erlifcht,  woran  derfelbe  Menfch  ftirbt. 
Der  Menfch  wird  nicht  fterben,  wenn  der  Lebensgeift,  die 
Seele,  die  ihn  befeelt,  nicht  in  ihm  verfagte.  Diefe  natür- 
liche und  erprobte  Wahrheit  wird  durch  viele  ausdrück- 

20  liehe  Schriftftellen  bewiefen,  denen  gegenüber  keine  Wider- 
legung möglich  ift.  Zuerft  wird  fie  daraus  bewiefen,  daß  fich 
aus  dem  Gefetz  nicht  ergibt,  daß  die  menfchliche  Seele 
unfterblich  oder  daß  für  fie  ein  anderes  Leben,  Pein  oder 
Herrlichkeit,  vorbehalten  ift.  Es  wäre  vollkommen  un- 

25  möglich,  daß  das  Gefetz  derartiges  nicht  erwähnte;  denn 
Gott  pflegt  dem  Menfchen  die  Strafe  nicht  zu  verbergen, 
vielmehr  ftellt  er  fie  ihm  oft  vor,  um  ihn  vermittels  ihrer 
vom  Böfen  abzubringen,  wie  aus  dem  Gefetz  hervorgeht. 
Zweitens  wird  es  daraus  bewiefen,  daß  Gott  zum  Men- 

30  fchen  fagte :  an  dem  Tage,  da  du  davon  iffefi,  wirft  du  des 
Todes  fterben.  Folglich  war  der  Menfch  fterblich  gefchaffen 
und  dem  Tode  unterworfen.  Anderenfalls,  wenn  er  feinem 
Wefen  nach  unfterblich  wäre,  müßte  er  diefe  Unfterblich- 
keit  im  beseelten,  geifterfüllten  Körper  mit  dem  Geifte 


5* 


68    Über  die   Sterblichkeit   der  Seele 

haben,  den  Gott  ihm  einflößte,  brauchte  aber  nicht  zu 
fterben.  Anders  wenn  Gott  ihm  fagte:  Staub  biß  du  und 
zu  Staub  wirft  du  zurückkehren,  womit  er  dem  Menfchen 
fein  Ende  offenbarte  und  ihn  wiffen  ließ,  daß  feine  Tage, 
obgleich  er  ein  fo  vorzügliches  Gefchöpf  fei,  Zahl  und  5 
Ende  hätten,  und  er  zu  eben  dem,  was  er  zuvor  gewefen, 
zurückkehren  werde. 

Drittens  wird  es  daraus  bewiefen,  daß  die  Erzväter  das 
andere  Leben  nicht  in  Betracht  zogen  und  feine  Güter 
nicht  berührten,  wie  aus  ihren  Worten  erfichtlich  ift.  Denn  10 
als  der  Herr  zu  Abraham  fagte,  es  erwarte  ihn  reicher 
Lohn,  da  entgegnete  diefer :  Herr  Gott,  was  willft  du  mir 
geben,  da  ich  doch  ohne  Kinder  dahingehe  und  die j er  Knecht 
meines  Haufes  wird  mein  Erbe  fein,  als  ob  er  fagte :  Herr, 
ich  weiß  nicht,  worin  ich  diefe  große  Belohnung  haben  15 
oder  in  welcher  Münze  ich  gezahlt  werden  foll,  da  ich  keine 
Kinder  habe,  die  die  Erben  diefer  meiner  Güter  wären. 
Wenn  Abraham  an  ein  anderes  Leben  gedacht  hätte,  hätte 
er  die  große  Belohnung  diefem  überlaifen,  und  nicht  von  den 
gegenwärtigen  Gütern  geredet.  Diefe  Güter  meinte  auch  20 
Ifaak  in  dem  Segen,  mit  dem  er  Jakob  fegnete,  und  auf  fie 
ftützt  fich  das  Gefetz,  wenn  es  üe  als  Belohnung  den  Guten 
in  Auslieht  ftellt.  Ebenfo  hat  auch  Salomo,  indem  er  die 
Übel  betrachtete,  die  im  Leben  vorkommen  und  kein 
anderes  befferes  Leben  fah,  den  für  den  glücklichften  25 
erklärt,  der  nicht  geboren  wurde. 

.  . .  Denn  es  fteht  gefchrieben :  wirft  du  etwa  Wunder  tun 
an  den  Toten?  Wenn  die,  die  des  Lebens  entbehren,  auf- 
erftehen,  werden  fie  dich  preifen  ?  Wird  etwa  deine  Barm- 
herzigkeit im  Grabe  verkündet,  deine  Wahrhaftigkeit  in  der  30 
Verderbnis?  Wird  etwa  deine  Wundertat  in  der  Finsternis 
kund  und  deine  Gerechtigkeit  im  Lande  des  Vergeffens? 
Damit  wird  beftritten,  daß  die  Toten  Gott  preifen  und 
dazu  auferftehen  können,  denn  dort  an  ihrem  Aufent- 


Über   die   Sterblichkeit   der  Seele  69 


haltsort  gibt  es  kein  Leben,  noch  gibt  es  Geift  in  der 
Gruft,  dem  Lande  der  Verderbnis,  dem  Lande  der  Finster- 
nis und  des  Vergeffens,  und  bloß  die  Lebenden  können 
Gott  preifen,  aber  die  Toten  preijen  den  Herrn  nicht  und 
5  nicht  alle  die,  die  in  die  Stille  hinabgeftiegen  find,  aber  wir 
werden  J ah  fegnen  von  nun  an  bis  in  Ewigkeit.  Damit  wird 
an  diefen  und  anderen  ähnlichen  Stellen,  die  fich  auf 
Schritt  und  Tritt  finden,  mit  dem  Elend  und  der  Nichtig- 
keit des  menfchlichen  Lebens  argumentiert,  um  Gott  zur 

10  Barmherzigkeit  und  zum  Mitleid  mit  einem  fo  vergäng- 
lichen und  fo  wenig  dauerhaften  Gefchöpf  zu  verbinden. 
Siehe ,  etliche  Handbreiten  lang  haß  du  meine  Tage  gemacht, 
und  meine  Zeit  iß  wie  nichts  vor  dir.  In  Wahrheit  iß  alles 
eitel  und  wie  ein  Schatten  geht  jeder  Menfch  vorüber.  Höre 

15  auf  mein  Gebet,  Herr,  und  habe  acht  auf  meine  Tränen  und 
von  meinem  Flehen  kehre  dich  jetzt  nicht  ab,  denn  ein  Wan- 
derer bin  ich  vor  dir,  ein  Tagelöhner  wie  alle  meine  Vor- 
fahren. Kehre  dich  ab  von  mir  und  nimm  von  mir  deine 
Strafe,  daß  ich  mich  ßärke,  bevor  ich  hingehe  und  nicht  mehr 

20  bin,  und  anderwärts  :Er  ift  barmherzig  und  wird  gnädig  fein 
über  die  Miffetat;  nicht  wird  er  verderben  noch  vervielfachen 
feinen  Zorn,  um  ihn  auszulaffen,  und  nicht  erwecken  all 
feinen  Grimm,  und  er  gedachte,  daß  er  nur  Fleifch  ift,  Geift, 
der  dahingeht  und  nicht  zurückkehrt.  Und  Hiob  fagte  Cap .  7 : 

25  Meine  Tage  waren  gefchwinder  als  das  Weberfc  hi ff  lein  und 
fchwanden  dahin ,  ohne  Hoffnung,  daß  ich  andere  wieder- 
erlange; bedenket,  daß  mein  Leben  ein  Windhauch  iß.  Mein 
Auge  wird  nicht  wiederkehren,  Gutes  zu  fchauen;  nicht  wird 
mich  schauen  das  Auge  deffen,  der  mich  fah.  Deine  Augen 

30  find  auf  mir,  aber  ich  bin  nicht.  Es  fchwand  die  Wolke 
und  ging  dahin;  fo  wird,  wer  in  die  Gruft  ßeigt,  nicht 
hervor ßeigen,  nicht  wiederkehren  zu  feinem  Haufe  und 
feinen  Ort  nicht  mehr  kennen.  Darauf  fagt  er  weiter : 
Ich  bin  meines  Lebens  fatt;  ich  kann  nicht  ewig  leben. 


yo     Über   die   Sterblichkeit   der  Seele 

Laß  ab  von  mir  mit  der  Geißel,  denn  eitel  find  meine 
Tage.  Derfelbe  Sinn  folgt  in  Cap.  14  und  an  vielen  an- 
deren Stellen,  die  aufzuführen  zu  weitläufig  wäre.  Wie- 
viele Pfalmen  finden  fich  allenthalben,  die  alle  überein- 
ftimmend  zum  Schluß  kommen,  daß  fie  erklären,  das 
Menfchenleben  fei  kurz  und  wenn  es  zu  Ende  fei,  dann 
bliebe  ihm  nichts,  nicht  einmal  Hoffnung,  wieder- 
kehren zu  können,  um  ein  anderes  zu  erlangen;  denn 
der  Baum,  wenn  er  abgehauen  wird,  hat  Hoffnung,  fich 
wieder  zu  erneuen,  und  feine  Triebe  hören  nicht  auf. 
Wenn  auch  feine  Wurzeln  in  der  Erde  altern  und  im  Staube 
fein  Stamm  abftirbt,  mit  dem  Dufte  der  Waffer  wird  er 
wieder  ausfchlagen  und  Zweige  anfetzen  wie  ein  frifches 
Reis.  Aber  der  Menfch  fiirbt  und  wird  kraftlos  und  er  iß 
tot,  wo  ifi  er  dann  ?  Es  werden  dahingehen  die  Waffer  des 
Meeres  und  der  Fluß  wird  trocken  fein  und  verfiechen,  aber 
der  Menfch  entfchlief  und  wird  nicht  auf  erflehen.  Bis  daß 
die  Himmel  nicht  mehr  find,  werden  fixe  nicht  erwachen  und 
nicht  auferftehen  von  ihrem  Schlafe;  als  ob  es  hieße :  fo 
unmöglich  ift  es,  daß  der  Menfch,  wenn  er  geftorben  ift, 
zum  Leben  zurückkehre,  daß  dem  Meer  eher  die  Waffer 
werden  mangeln  können,  und  die  waiTerreichen  Ströme 
verfiechen,  aber  der  Menfch  kann  nie  zurückkehren  zum 
Leben,  folange  es  Himmel  gibt,  was  ewig  der  Fall  fein 
wird;  er  wird  nicht  erwachen  vomTodesfchlaf,  fobald  er 
einmal  fchläft.  Weil  diefer  Schlaf  fo  tief  ift,  fagte 
David  zum  Herrn:  Erleuchte  meine  Augen,  denn  fonft  ent- 
fchlafe  ich  des  Todes,  denn  fonft  fagt  mein  Feind:  ich  habe 
obgefiegt  gegen  ihn:  Du  fiehft  Herr,  daß  der  Feind  nicht 
abläßt  mich  zu  fuchen;  es  wird  leicht  eine  Stunde  kom- 
men, in  der  ich  in  feine  Hände  fallen  und  darin  umkommen 
kann;  erleuchte  drum  meine  Augen,  damit  ich  fehe,  wohin 
ich  meine  Füße  fetze  und  mich  vor  ihm  hüten  könne; 
denn  fonft  entfchlief e  ich  des  Todes,  denn  fonft  gefchähe 


Über   die   Sterblichkeit   der  Seele  71 

es,  daß  ich  jenen  Schlaf  fchliefe,  von  dem  man  nicht 
erwacht,  und  mein  Feind  iich  rühmte,  gegen  mich  ob- 
geiiegt  zu  haben.  So  wird  durch  alles  bewiefen,  daß,  wenn 
der  Menfch  einmal  tot  ift,  nichts  von  ihm  bleibt,  und  er 
5  auch  nicht  eines  Tages  zum  Leben  zurückkehren  wird. 
Denn  eine  Zahl  von  Jahren  verging,  und  auf  dem  Wege, 
von  dem  ich  nicht  zurückhehre,  werde  ich  gehen.  Vollenden 
wird  fich  ihr  Ende,  und  ich  werde  jene  Reife  machen,  die 
gemeinfam  ift  allem  Fleifch,  und  werde  jenen  Weg  gehen,  den 

10  ich  nicht  wieder  zurückgehen  werde. 

Diejenigen,  die  dafür  eintreten,  daß  die  menfchliche 
Seele  unfterblich  ift,  entgegnen  gewöhnlich  auf  einige  der 
Hauptgründe,  die  wir  beigebracht,  indem  fie  den  Körper 
eliminieren  und  gewiJTe  Unterfcheidungen  machen,  die 

15  aber,  weil  fie  wenig  wahrscheinlich  find,  von  felbft 
fallen.  Sie  entgegnen  alfo  auf  den  Text:  Staub  biß  du 
und  zu  Staub  wirft  du  zurückkehren,  dort  habe  Gott  mit 
dem  Körper  und  nicht  mit  der  Seele  gefprochen.  Eine 
witzige  Entgegnung!  Gott  fprach  mit  dem  lebenden  und 

20  geifterfüllten  Menfchen  und  gab  ihm  als  folchen  feine 
Lebensbedingung  kund  und  erklärte  ihm,  fein  Leben  hätte 
Grenze  und  Zahl  und  den  Staub  ließ  er  im  Staube,  ohne 
ihn  jemals  wieder  zu  erheben,  was  durchaus  notwendig 
gewefen  wäre,  um  darauf  hoffen  zu  können.  Adam  ift  nicht 

25  mehr  aufgeftanden,  trotzdem  es  fchon  fo  lange  her  ift,  daß 
er  fchläft,  und  wird  nicht  auferftehen,  folange  die  Welt 
dauert  und  es  Himmel  gibt,  was  für  immerdar  fein  wird. 
In  derfelben  Weife  entgegnen  fie  auf  die  Textftellen,  durch 
die  bewiefen  wird,  daß  die  Toten  Gott  nicht  preifen  kön- 

30  nen,  nämlich :  fie  könnten  ihn  nicht  körperlich  preifen,  als 
ob  das  etwas  zu  befagen  hätte,  wenn  fie  es  geiftig  tun 
könnten.  Denn  beffer  würde  der  reine  und  vom  Körper 
freie  Geift  preifen,  als  der  verkörperte  und  in  ihn  hinein 
verfetzte  ihn  priefe,  und  es  wäre  nicht  wahr,  wenn 


72     Über   die   Sterblichkeit   der  Seele 

man  Tagte,  die  Toten  priefen  Gott  nicht,  da  doch  ihr 
Geift  ihn  preift.  Wenn  vielmehr  die  Toten  gleichfalls  den 
Herrn  priefen,  dann  würde  auch  das  Argument  hinfällig, 
mit  dem  man  Gott  verbinden  wollte,  Mitleid  mit  dem 
Menfchen  zu  haben,  indem  man  ihm  die  Kürze  feiner  5 
Tage  und  ihre  Nichtigkeit  vorftellte,  falls  nach  dem  Tode 
Seele  und  Geift  bliebe  und  anfinge,  eines  anderen,  durch- 
aus glücklichen,  ewigen  und  mühelofen  Lebens  fich  zu 
erfreuen.  Aber  da  dem  nicht  fo  ift,  deshalb  fagte  jeder 
in  feinem  Kummer  und  wird  fagen:  Gedenke,  daß  mein  10 
Auge  nicht  zurückkehren  kann,  Gutes  zu  fchauen.  Sie  ent- 
gegnen ferner  auf  den  Vers:  und  er  gedachte,  daß  fie 
Fleifch  find,  Geift,  der  vorübergeht  und  nicht  zurückkehren 
wirdu.  dergl.:  der  Geift  werde  nicht  zu  jenem  fterblichen 
Körper ,  fondern  zu  dem  unfterblichenKörper  zurückkehren .  1 5 
Sie  fehen  nicht,  daß  der  Geift,  wenn  er  zu  einem  derartigen 
Körper  zurückkehren  würde,  zu  einem  belferen  zurück- 
kehrte und  man  nicht  von  diefem  Zurückkehren  fagen 
würde,  es  fei  kein  Zurückkehren.  Kurz  es  find  abge- 
fchmackte  Unterfcheidungen  und  Irrwege,  zu  Unrecht  ein-  20 
gefchlagen,  um  der  Wahrheit  zu  entgehen,  die  doch,  ftark 
und  mächtig  wie  fie  ift,  fich  nicht  überwinden  läßt.  Wir 
fügen  noch  hinzu,  daß  Abraham  ebenfalls  fagte:  fieh  da, 
jetzt  habe  ich  begonnen  zu  reden  mit  meinem  Herrn,  ich  Staub 
und  Afche.  Wenn  aber  der  Geift  Abrahams  unfterblich  25 
wäre  und  zurückkehren  würde,  um  einen  unfterblichen 
Körper  zu  erhalten,  dann  wäre  Abraham  nicht  Staub  noch 
Afche,  und  er  könnte  fich  in  Wahrheit  nicht  fo  nennen ; 
vielmehr  wäre  Abraham  ein  unfterbliches  Wefen  und  er 
dürfte  nicht  dem  Körper  als  dem  minder  wefentlichen  Teil  30 
foviel  Beachtung  fchenken,  um  fich  danach  zu  benennen 
und  Staub  zu  heißen,  denn  die  Dinge  werden  nach  dem 
Teil  benannt,  der  bei  ihnen  dominiert,  und  beim  Menfchen 
herrfcht  fein  Geift  vor  und  bildet  den  wefentlichen  Teil. 


s 


Über   die   Sterblichkeit   der  Seele  73 

Wenn  diefer  Geift  unfterblich  ift  und  ein  Wefen  für  fich, 
dann  ift  auch  der  Menfch  unfterblich,  und  wird  nicht  Staub 
heißen,  wenn  auch  fein  Körper  es  ift  und  um  fo  mehr, 
wenn  er  es  nur  für  eine  beftimmte  Zeit  ift.  Abraham  be- 
5  griff  alfo  fein  Wefen  als  vergänglich  und  zerftörbar  und  da 
er  fo  fich  fah,  als  er  mit  Gott  fprechen  follte,  wappnete  er 
fich  mit  Demut,  indem  er  bekannte  und  vorftellte,  wie 
unwürdig  er  diefes  Gefpräches  wäre.  Auf  die  gleiche  Weife 
ift  die  Stelle  zu  verftehen :  Staub  biß  du  und  zu  Staub  wirft 

10  du  zurückkehren.  Das  könnte  man  nicht  fagen  vom  ganzen 
und  lebendigen  Menfchen,  mit  dem  Gott  fprach,  wenn 
fein  Geift  unfterblich  wäre  und  der  Menfch  nicht  zu  Staub 
würde.  Das  begriff  Salomo  wohl,  und  deshalb  fagte  er, 
der  Menfch  habe  keinen  Vorzug  vor  dem  Vieh  in  der 

15  Dauer,  denn  alles  ift  eitel  und  das  Schickfal  des  Viehs  und 
fein  Schicksal  ift  ein  und  das/elbe:  fo  wie  diefes  ftirbt,  fo 
ftirbt  jener,  und  ein  und  derfelbe  Geift  ift  für  alle  und  es  gibt 
keinen  Vorzug  des  Menfchen  vor  dem  Vieh,  denn  alles  ift 
eitel.  Die  fabulierenden  Ausleger,  um  einen  Ausweg  für 

20  diefen  Vers  zu  geben,  fagen:  alles  ift  eitel,  ausgenommen 
die  Seele.  Diefe  ihre  Entgegnung  kommt  fehr  gut  überein 
mit  allem,  was  fie  da  fagen,  wo  es  fich  darum  handelt, 
daß  der  Menfch  in  feiner  Dauer  nichts  Verfchiedenes  ift 
gegenüber  dem  Vieh  und  daß  eines  denfelben  Geift  hat 

25  wie  das  andere,  und  daß  eben  deshalb  alles  eitel  ift,  daß 
alles  an  feinen  Ort  geht,  alles  von  Staub  war  und  alles  zum 
Staub  zurückkehrt.  Wer  weiß,  ob  der  Geift  des  Menfchen 
herauf fteigt  zur  Höhe,  der  Geiß  des  Laßtiers  aber  hinunter- 
ßeigt  unter  die  Erde?  Darum  fand  ich  nach  eingehender  Er- 

30  wägung,  daß  es  nichts  Befferes  für  den  Menfchen  gibt,  als 
feiner  Hände  Arbeit  zu  genießen,  und  daß  dies  fein  Teil  iß, 
und  er  keinen  anderen  Ertrag  von  feiner  Schöpfung  davon- 
trägt, und  ich  fah,  daß  es  nichts  befferes  gibt,  als  daß  der 
Menfch  fich  freue  an  feinen  Werken,  weil  das  fein  Teil  ift. 


74     Über   die   Sterblichkeit   der  Seele 


Es  verbleibt  dem  Menfchen  kein  anderes  Leben  um  zu 
leben;  aus  dem,  das  er  gegenwärtig  hat,  muß  er  Nutzen 
und  Capital  ziehen.  Wenn  er  es  bewahrt  haben  will,  dann 
fürchte  er  Gott  und  halte  feine  Gebote,  fo  wird  er  die 
Frucht  feiner  Arbeit  genießen.  5 

Cap.  24. 

In  dem  die  Hauptgründe  dargetan  werden,  die 
diejenigen  für  fich  anzuführen  pflegen,  die  be- 
haupten, die  menfchliche  Seele  fei  unflerblich  und 
es  gebe  eine  Auf  erflehung  der  Toten  nebfi  den  10 
Entgegnungen  darauf. 

Diejenigen,  die  die  Unfterblichkeit  der  Seele  und  die 
Auferftehung  der  Toten  verkünden,  find  wie  Menfchen,  die 
eine,  glatte  Mauer  ohne  Leiter  hinauf fteigen  möchten,  die, 
da  Tie  nichts  haben,  um  fich  darauf  zu  stützen,  jedesmal,  15 
wenn  fie  die  Hand  ausftrecken,  um  weiterzukommen,  mit 
dem  Fuße  ausgleiten  und  zu  Fall  kommen,  wie  es  aus 
ihren  Hauptgründen,  die  folgen,  erüchtlich  werden  wird. 

I .  Der  Menfch  ward  nach  dem  Bilde  Gottes  gefchaffen ; 
Gott  ift  unfterblich;   folglich  ift  der  Menfch  gleichfalls  20 
unfterblich,  fonft  wäre  der  Menfch  nicht  nach  dem  Bilde 
Gottes  gemacht. 

II.  Die  Erfchaffung  der  Menfchen  war  nicht  gleich  der 
der  anderen  Tiere,  und  Gott  blies  ihm  Lebensodem  ein ; 
folglich  ift  diefer  Lebensodem  unfterblich.  25 

III.  Gott  fagte  zum  Menfchen:  am  Tage,  da  du  vom 
Baume  iffeft,  wirft  du  fterben;  hätte  Adam  nicht  gegeifen, 
dann  wäre  er  nicht  geftorben;  folglich  ward  er  unfterb- 
lich gefchaffen. 

IV.  Mofes  fagte  zu  Gott :  wenn  du  nicht  diefem  Volke  30 
vergibft,  dann  ßr eiche  mich  aus  deinem  Buche,  das  du  ge- 


Über   die   Sterblichkeit   der  Seele  75 

fchrieben  haßt.  In  diefem  Buche  find  diejenigen  gefchrie- 
ben,  die  ein  ewiges  Leben  zu  leben  haben,  und  diefe  find 
es,  die  in  dem  Lande  der  Lebendigen  leben. 

V.  Samuel  kam,  mit  Saul  zu  reden ;  folglich  leben  und 
5  reden  die  Toten. 

VI.  Elias  wurde  in  den  Himmel  aufgenommen  und  lebt, 
und  Elifa  erweckte  einen  Toten. 

VII.  In  den  Pfalmen  fteht  zu  lefen,  die  Böfen  würden 
von  der  Erde  vertilgt  und  die  Guten  gediehen;  folglich 

10  muß  es  notwendig  ein  anderes  Leben  geben,  weil  in 
diefem  Leben  die  Böfen  gedeihen  und  die  Guten  leiden, 
und  fo  weder  die  Böfen  beftraft  noch  die  Gerechten  be- 
lohnt wären. 

VIII.  Es  fteht  gefchrieben  Pfalm  16:  Denn  du  läffeft 
15  meine  Seele  nicht  im  Grabe,  du  läffeft  nicht  zuy  daß  dein 

Barmherziger  die  Gruft  fchaue,  ferner  Pfalm  3 1  :  wie  groß 
iß  deine  Güte,  die  du  aufgefpart  haß  denen,  die  dich  fürchten. 

IX.  Es  fteht  gefchrieben  Jefajas  26:  Leben  werden  deine 
Toten,  und  gleich  danach :  Die  Erde  wird  die  Abgefchiedenen 

20  von  ßch  geben,  ferner :  Ich  öffne  eure  Gräber,  ich  werde  euch 
hinausßeigen  laßen,  aus  euren  Gräbern,  mein  Volk.  Ferner 
Hiob  Cap.  19:  Ich  weiß,  daß  mein  Erlöser  lebt  und  wahr- 
haftig werde  ich  über  dem  Staube  fein,  und  nachdem  meine 
Haut  alfo  zerfchlagen  ift,  ledig  meines  Fleifches  werde  ich 

25  Gott  fc hauen;  ich  darf  ihn  fchauen  für  mich,  und  meine 
Augen  werden  ihn  fehen  und  nicht  als  Fremden,  und  meine 
Nieren  ermatten  ufw.  Ebenfo  prophezeite  Daniel  von  der 
Auferftehung  der  Toten. 

Auf  das  erfte  Argument,  daß  der  Menfch  nicht  nach  dem 

30  Ebenbilde  Gottes  gemacht  wäre,  wenn  er  unfterblich 
wäre,  entgegnen  wir,  daß  es  Narrheit  wäre,  wollte  man, 
daß  der  Menfch  das  Ebenbild  Gottes  in  allem  und  für 
alles  wäre;  weil  Gott  allmächtig  ift,  fo  ift  deshalb  der 
Menfch,  fein  Ebenbild,  noch  nicht  allmächtig.  Andern- 


j6     Über   die   Sterblichkeit   der  Seele 

falls,  wenn  wir  den  Menfchen  in  dem  Grade  als  Ebenbild 
Gottes  anzufehen  hätten,  daß  er  fein  Abbild  wäre,  dann 
müßte  notwendig  der  Menfch  Gott  fein,  aber  Gott  kann 
nichts  anderes  in  allem  ihm  felbft  gleich  machen,  und 
feine  höchfte  Hoheit  befteht  eben  darin,  daß  er  felbft  in  5 
all  feiner  Macht  nichts  anderes  ihm  gleich  machen  kann, 
denn  es  ift  ein  Wider fpruch,  Gott  zu  fein  und  gemacht, 
gefchaffen  oder  gezeugt  fein  zu  können.  Der  Menfch  ift 
alfo  Ebenbild  und  in  gewiffem  Sinne  Abbild  Gottes,  er  ift 
ein  Schatten  feiner  Weisheit,  ift  nicht  die  Weisheit  felbft.  i0 
Er  herrfcht  über  die  Gefchöpfe  und  ift  beinahe  Gott 
gleich,  aber  er  herrfcht  nicht  wie  Gott.  Ebenfo wenig  ift 
er  ein  Ebenbild  Gottes  in  der  Unfterblichkeit,  denn  diefe 
ift  eine  Eigenfchaft  Gottes,  aber  nicht  des  Menfchen.  Sind 
etwa  deine  Tage  wie  Tage  des  Menfchen?  Deine  Jahre  find  15 
wie  Tage  eines  Mannes:  das  hätte  Hiob  nicht  fagen  können, 
wenn  der  Geift  des  Menfchen  unfterblich  wäre. 

Zum  Zweiten.  Die  Schöpfung  des  Menfchen  war  nicht 
gleich  der  Schöpfung  der  vernunftlofen  Tiere.  Gott  blies  ihm 
Lebensodem  ein;  folglich  ift  diefer  Lebensodem  unfterblich.  20 
Wir  entgegnen,  daß  das  Argument  keine  Beweiskraft  hat, 
und  daß  die  Folgerung  zu  Unrecht  daraus  gezogen  wird, 
denn  es  folgt  nicht,  daß  der  Geift,  der  dem  Körper  Adams 
Leben  gab,  ohne  die  Seele  Adams  ein  unfter blicher  Geift 
wäre,  vielmehr  beweift  die  Stelle  gerade,  daß  die  Tiere  25 
denfelben  Lebensgeift  haben  wie  der  Menfch,  denn  bei 
ihrer  Schöpfung  fagte  Gott :  die  Erde  bringe  hervor  leben- 
dige Wefen,  und  nachher  bei  der  Schöpfung  des  Menfchen, 
der  fchon  mit  dem  Lebensgeift  befeelt  war,  den  er  ihnen 
einblies :  es  wurde  der  Menfch  ein  lebendiges  Wefen,  fo  daß  30 
er  dasfelbe  Wort  an  der  einen  Stelle  wie  an  der  anderen 
gebraucht,  wie  auch  Salomo  fagt:  einen  felben  Geift  haben 
fie  alle.  Denn  daß  Gott  den  Menfchen  nicht  in  Gemein- 
fchaft  mit  den  Tieren  der  Erde  entnahm,  wie  er  es  hätte 


Über   die   Sterblichkeit  der  Seele  77 


tun  können,  war  durchaus  angemeflen,  und  daß  der  Menfch 
nicht  in  einer  Herde  mit  ihnen  entftand,  er,  der  Herrfcher 
über  fie,  vernunftbegabt  und  teilhaft  göttlicher  Weisheit. 
So  könnte  man  aus  der  Art  feiner  Schöpfung  entnehmen, 
5  daß  er  in  feinem  Leben  gerade  fo  verfchieden  ift,  wie  er 
es  in  der  Schöpfung  gewefen  war.  Andere  Unter fchiede 
finden  fich  gleichfalls  in  der  Schöpfung  felbft  und  zwar  alle 
zur  Lehre  für  den  Menfchen:  einen  allein  fchuf  Gott 
und  nicht  viele  und  gab  ihm  ein  Weib,  das  er  aus  ihm 

10  felbft  zog.  All  das  lehrt  ihn  zu  leben,  aber  hat  nichts 
damit  zu  tun,  ob  er  fterblich  oder  unfterblich  ift. 
Wenn  Adam  lebendig  gewefen  wäre,  als  Gott  ihm  den 
Lebensgeift  eingab,  dann  könnten  wir  fagen,  diefer  Geift 
wäre  etwas  vom  tierifchen  Geift  Gefchiedenes  und  Ge- 

15  trenntes,  da  ja  Adam  fchon  lebte.  Adam  aber  bewegte 
fich  nicht,  bevor  der  Lebensgeift  in  ihn  einging;  folglich 
war  der  Lebensgeift,  der  in  Adam  einging,  die  tierifche 
Seele,  und  eben  diefe  tierifcheSeele  war  die  vernunftbegabte 
Seele  und  alles  ist  das  gleiche,  derart  daß  in  dem  Augenblick, 

20  da  in  den  Menfchen  die  tierifche  Seele  einging,  in  ihm  auch 
Vernunft  und  Überlegung  ift,  was  man  eben  vernunft- 
begabte Seele  nennt.  Ich  werde  den  Herrn  preifen  in 
meinem  Leben,  ich  werde  meinem  Gott  fingen,  folange  ich 
bin;  denn  dann,  wenn  ich  nicht  mehr  bin,  werde  ich  ihm 

25  nicht  mehr  fingen  können.  Ausgehen  wird  fein  Geift,  zurück- 
kehren zu  feiner  Erde;  zurückkehren  wird  der  Menfch  zur 
Erde,  daß  an  diefem  Tage  feine  Gedanken  vergehen  werden; 
an  dem  Tage,  da  der  Menfch  ftirbt,  werden  alle  feine  Über- 
legungen ein  Ende  haben,  für  der  wird  er  nicht  mehr  fchließen. 

30  Prediger  Cap.  9:  Alles,  was  deine  Kraft  zu  finden  vermag, 
das  tue,  denn  weder  Werk,  noch  Urteilskraft,  noch  Wiffen, 
noch  Weisheit  gibt  es  im  Grab,  wohin  du  gehft.  An  dem 
Tage,  da  der  Menfch  ftirbt,  endet  alles  mit  ihm;  fterblich 
und  endlich  war  der  Geift,  den  Gott  ihm  gab,  nicht  un- 


78     Über  die   Sterblichkeit   der  Seele 

fterblich  und  unendlich,  und  deshalb  ftirbt  er,  denn  fonft 
würde  er  nicht  fterben.  Hiob  Cap.  34:  Wenn  er  fein  Herz 
fetzte  über  fich,  feinen  Geiß  und  feinen  Odem  zurückzöge,  fo 
würde  alles  Fleifch  miteinander  fterben  und  der  Menfch 
würde  zu  Staub  zurückkehren.  Würdeft  du  ebenfo  von  den  5 
Tieren  ihren  Geiß  einziehen,  fo  würden  ße  verhauchen,  zu 
ihrem  Staube  wieder  werden,  Pfalm  104,  f o  daß,  wenn  Gott 
feinen  Geift  zurückzieht,  an  fich  zieht  und  aufhören  läßt 
im  Menfchen,  dem  vernunftbegabten  Tier,  wie  in  irgend 
einem  anderen  nicht  vernunftbegabten,  dann  verlöfcht  i° 
jedes  und  ift  zu  Ende.  Manche  lagen,  um  diefe  Wahrheit 
zu  entftellen,  dann  wäre  ein  Hund  fo  gut  wie  ein  Menfch, 
und  diefe  verdienten  es,  daß  fie  mit  Schmerzen  des  Dafeins 
verluftig  gingen,  das  ihnen  Gott  gab,  denn  fie  kennen  und 
fchätzen  es  fo  fehl  echt,  daß  fie  fich  aus  den  Herren  des  1S 
Hundes  zu  feinen  Brüdern  machen,  bloß  weil  ihnen  Gott 
kein  ewiges  Leben  gab,  als  ob  er  ihnen  irgend  etwas  fchul- 
dig  gewefen  wäre.  Beffer  fagte  der  andere  in  feinem  Roman- 
ceiro :  Sterblich  gebar  mich  meine  Mutter,  und  ich  hätte 
alfo  gleich  fterben  können,  fo  mögt  ihr,  was  der  Himmel  uns  20 
freiwillig  gab,  nicht  als  ein  Recht  von  ihm  verlangen. 

Zum  Dritten.  Am  Tage,  da  du  vom  Baume  iffeß,  wirft 
du  des  Todes  fterben.  Wenn  Adam  nicht  gegeffen  hätte, 
wäre  er  nicht  geftorben;  folglich  ward  er  unfterblich  ge- 
fchaffen.  Wir  erklären  das  Argument  für  falfch:  es  folgt  2  5 
nicht  daraus,  daß  Adam,  hätte  er  nicht  gegeffen,  nicht 
geftorben  wäre,  fondern  es  folgt,  daß  Adam,  wenn  er  nicht 
gegeffen  hätte,  nicht  jenes  Todes  geftorben  wäre,  mit  dem 
Gott  ihm  drohte.  Adam  wäre  feines  natürlichen  Todes 
und  zu  feiner  Zeit  geftorben,  aber  er  wäre  nicht  eines  vor-  3° 
zeitigen  Todes  geftorben  dafür,  daß  er  das  Gebot  übertrat. 
Alfo  fagt  das  Gefetz  und  das  Gebot:  derjenige,  der  eine 
folche  Tat  begeht,  muß  des  Todes  fterben,  und  nicht  etwa 
daß  der  Betreffende  nicht  fterben  müffe,  wenn  er  jene  Tat 


Über   die   Sterblichkeit   der  Seele  79 


nicht  beginge?  Ganz  gewiß  muß  er  fterben,  aber  er  muß 
nicht  jenes  Todes  fterben,  der  für  jene  Tat  angedroht  ift. 
Hefekiel :  Wenn  fich  der  Sünder  bekehrt  von  feinem  Wege, 
fo  bürge  ich,  fpricht  der  Herr,  daß  er  nicht  fterben  wird.  Er 
5  wird  den  angedrohten  Tod  nicht  fterben,  ich  werde  ihn 
nicht  töten,  bevor  er  feine  Tage  erfüllt  hat,  ich  werde  ihn 
nicht  töten  mit  fchlimmem  Tode,  wie  er  den  Sündern  ge- 
bührt. Darum,  wenn  Adam  nicht  gefündigt  hätte,  hätte 
ihn  Gott  nicht  gerichtet,  wie  er  ihn  gerichtet  hat,  denn 

10  wenn  er  ihn  nicht  gleich  mit  dem  Todesurteil  beftrafte, 
fondern  ihm  das  Leben  verlängerte,  fo  gefchah  es  aus 
Gnade  und  auf  Grund  feiner  Bürgfchaft.  Und  felbft  an- 
genommen, daß  Adam  unfter blich  gefchaffen  worden  wäre, 
fo  fpricht  für  das  Gegenteil  die  Hinfälligkeit  feines  Kör- 

15  pers,  der  der  Speife  und  des  Trankes  benötigte,  unter  der 
Bedingung,  das  Gebot  zu  halten,  das  ihm  aufgegeben  war  ? 
In  der  Stunde,  da  er  es  übertrat,  verlor  er  die  Unfterblich- 
keit,  und  fo  ftarb  er,  denn  wenn  er  unfterblich  gewefen 
wäre,  indem  er  nicht  fündigte,  hätte  er  unfterblich  körper- 

20  lieh  leben  müffen.  Er  fündigte  und  ftarb  und  die  Unfterb- 
lichkeit  verfiel.  Aber  in  Wahrheit  ward  er  fterblich  und 
vergänglich  gefchaffen. 

Zum  Vierten.  Mofe  fagte  zu  Gott:  Streiche  mich  jetzt 
aus  deinem  Buche,  das  du  gefchrieben  haß.  In  diefem  Buche 

25  find  diejenigen  gefchrieben,  die  ewiges  Leben  zu  leben 
haben,  und  diefe  find  es,  die  im  Lande  der  Lebendigen 
leben.  Wir  behaupten,  daß  fich  alles  auf  das  gegenwärtige 
Leben  bezieht  und  nicht  auf  ein  anderes,  denn  es  gibt  kein 
anderes.  So  fagte  Mofe  zu  Gott,  er  möge  ihn  aus  feinem 

30  Buche  ftreichen,  in  das  er  die  Guten  fchreibt,  um  fie  in 
diefem  Leben  zu  belohnen,  indem  er  fie  ihre  Tage  in  Frie- 
den und  Glück  erfüllen  läßt.  Wir  meinen  nicht,  daß  Gott 
irgend  ein  Erinnerungsbuch  hätte,  fondern  daß  die  Sprache 
unferer  Art  angepaßt  ift,  um  zu  zeigen,  daß  Gott  der  Welt 


8o     Über  die   Sterblichkeit  der  Seele 

in  Lohn  und  Strafe  Rechnung  trägt.  Von  diefem  Buche 
alfo  fagte  Mofe  zu  Gott,  er  möge  ihn  ausftreichen,  als 
wollte  er  fagen :  töte  mich,  fchneide  mich  ab,  ehe  ich  meinen 
Lauf  erfüllt  habe ;  wenn  ich  nicht  die  Vergebung  für  diefes 
Volk  fehe,  will  ich  kein  Leben,  gerade  fo  wie  er  ein  anderes-  5 
mal  fprach :  wenn  du  mir  das  antun  willß,  fo  töte  mich  lieber 
gleich  ganZy  wenn  ichGnade  gefunden  habe  in  deinen  Augen, 
damit  ich  mein  Elend  nicht  mehr  fchaue.  Einmal  habe  ich 
dich  gebeten,  Herr,  daß  du  mich  töteft,  eifernd  für  dasWohl 
diefes  Volkes,  denn  ich  möchte  kein  Leben,  um  fein  Elend  10 
zu  fchauen;  jetzt  bitte  ich  dich  zum  zweitenmal,  eifernd 
für  mein  Wohl,  denn  wenn  ich  mit  folcher  Laft  leben  foll, 
ift  mir  das  Leben  unerträglich.  So  fprach  auch  Rebekka 
zu  Ifaak,  das  Leben  fei  ihr  verleidet  und  fie  möchte  nicht 
leben,  wenn  Jakob  ein  Weib  nehmen  müßte  von  den  15 
Töchtern  des  Landes.  Mofe  bat  Gott  nicht,  daß  er 
ihn  aus  dem  Buche  ftriche,  in  dem  diejenigen  gefchrjeben 
wären,  die  ein  ewiges  und  vollkommen  glückliches  Leben 
leben  follten,  wenn  es  ein  folches  Leben  gäbe,  um  in  das 
Buch  der  Feinde  Gottes  eingetragen  zu  werden,  die  Gott  zu  20 
ewigem  Elend  verdammt  hat,  denn  eine  folche  Bitte  wäre 
Wahnfmn  und  Aberwitz  gewefen.  Land  der  Lebenden  heißt 
diefe  Welt,  auf  der  wir  leben  und  wandeln,  Land  der  Leben, 
d.h.  man  fpricht  von  vielen  Leben,  weil  viele  in  ihm  leben 
und  fo  ift  fie  nicht  das  Land  bloß  eines  Lebens.  Land  der  25 
Toten,  Land  der  Verderbnis  heißt  die  Gruft,  Schacht  des 
Schweigens,  Land  der  Dunkelheit  und  des  Todesschattens, 
wohin  das  Licht  nicht  dringt,  fo  wie  Hiob  es  fchildert. 
Diefes  Land  der  Leben  erwähnt  Hefekiel  oft  Cap.  32,  und 
in  vielen  Pfalmen  heißt  es  auf  Schritt  und  Tritt :  Ich  werde  30 
vor  dem  Angefleht  des  Herrn  wandeln  im  Lande  der  Leben; 
befreit  hat  der  Herr  meine  Seele  vom  Tode,  aus  den  Händen 
derer,  die  fie  juchten  zu  ihrer  Tyrannei,  darum  werde 
ich  leben  und  wandeln  vor  Gott  im  Lande  der  Leben. 


Über   die   Sterblichkeit   der  Seele  8i 


Deshalb  werde  ich  dankbar  fein  für  die  Gnaden,  von  denen 
ich  erkenne,  daß  ich  fie  aus  feiner  Hand  empfange  und 
fo  werde  ich  Opfer  darbringen  für  meine  Wohlfahrt :  den 
Rettungsbecher  werde  ich  erheben  und  den  Namen  Adonais 
5  werde  ich  anrufen.  Meine  Gelübde  werde  ich  dem  Herrn 
bezahlen.  Koßbar  iß  in  den  Augen  des  Herrn  der  Tod  feiner 
Guten.  Der  Herr  achtet  feine  Guten  nicht  fo  gering,  daß 
ihm  der  Tod  nicht  viel  koftete,  darum  überliefert  er  uns 
nicht  leicht  den  Händen  feiner  Feinde,  und  aus  diefem 
io  Grunde,  werde  ich  zum  Zeichen  der  Dankbezeugung  meine 
Gelübde  dem  Herrn  bezahlen  jetzt  vor  feinem  ganzen  Volke. 
So  ift  der  Beweis  erbracht,  wer  die  find,  die  im  Buche 
des  Herrn  gefchrieben  ftehen,  und  was  das  Land  der 
Leben  ift. 

15  Zum  Fünften.  Samuel  kam,  mit  Saul  zu  reden,  folglich 
leben  die  Toten  und  reden.  Wir  entgegnen,  daß  Samuel 
nicht  kam,  mit  Saul  zu  reden,  und  daß  auch  die  Toten 
nicht  leben  oder  reden.  Was  über  diefe  Erfcheinung  oder 
Rede  in  dem  erften  Buch,  das  fich  nach  Samuel  betitelt, 

20  gefchrieben  fteht,  ift  vollkommen  entgegengefetzt  der 
Lehre,  die  fich  aus  dem  Gefetz  ergibt,  und  entgegengefetzt 
den  angeführten  Stellen,  durch  die  der  Beweis  erbracht 
wird,  daß  die  Toten  nicht  leben  und  auch  von  nichts  etwas 
wiffen,  fo  wenig  wie  folche,  die  nicht  mehr  find.  Da  diefe 

25  Schrift  fo  der  wahren  Lehre  des  Gefetzes  entgegengefetzt 
ift,  muß  fie  notwendigerweife  falfch  und,  ebenfo  wie  andere, 
die  von  den  Pharifäern  gefchrieben  und  angenommen,  von 
den  Sadducäern  aber  verworfen  find,  ausgelegt  fein.  Wir 
haben  das  Gefetz  als  Führer  und  als  Hauptgrundlage  und 

30  mittels  des  Gefetzes  müffen  wir  urteilen  und  das  Falfche 
vom  Wahren  fcheiden.  So  gebietet  uns  das  Gefetz,  einem 
Propheten  oder  Wundertäter  keinen  Glauben  zu  fchenken, 
der  uns  mit  falfchen  Wundern  oder  Erfcheinungen  zur 
Anbetung  fremder  Götter  verleiten  will,  die  wir  nicht 


Da  Costa  Opera. 


6 


82      Über  die  Sterblichkeit  der  Seele 

kennen  und  die  das  Gefetz  uns  auch  nicht  kennen  lehrte. 
Befiehlt  es  uns  nicht,  von  der  feiten,  auf  das  Gefetz  basier- 
ten Grundlage  aus  feine  Zeichen  zu  mißachten?  Das- 
felbe  Gefetz  gibt  uns  die  Regel  an  die  Hand,  den  f alfchen 
Propheten  zu  erkennen,  der  im  Namen  des  Herrn  redet,  5 
wenn  nämlich  das  von  ihm  Prophezeite  nicht  eintrifft; 
denn  alles  gefchieht,  um  uns  zu  warnen  und  vorfichtig  zu 
machen  gegenüber  der  Arglift  der  Menfchen,  die  nicht 
aufhören,  Schlechtigkeiten  zu  erdenken  und  ausfindig  zu 
machen,  gegen  die  diejenigen  gefeit  find,  die  zur  Wahr-  10 
heit  des  Gefetzes  ihre  Zuflucht  nehmen,  wie  es  denn  auch 
eine  neue  Lehre  wäre,  wollte  man  behaupten,  die  Toten 
redeten  und  ftünden  auf  auf  den  Ruf  deflen,  der  fie  ruft, 
etwas,  von  dem  das  Gefetz  nichts  gewußt  hat;  vielmehr 
fehe  ich  diefe  Art,  nach  ihnen  zu  rufen,  als  heidnifch  und  15 
nichtig  an.  Darum  muß  die  Schrift  oder  die  Erzählung 
deffen,  der  uns  fagt,  Samuel  komme,  mit  Saul  zu  reden, 
notwendig  von  uns,  die  wir  auf  der  Lehre  und  Wahrheit 
des  Gefetzes  beftehen,  zurückgewiefen  und  verworfen  wer- 
den. Sicherlich  wird  jeder,  der  die  Erzählung  betrachtet,  20 
fie  in  ihrer  Nichtigkeit  durchfchauen.  Denn  man  müßte 
doch  fragen,  wer  dem  Samuel  jenen  Mantel  lieh,  um  fich 
damit  zu  bedecken,  wer  ihm  den  Körper  gab  und  wer 
jenen  weißen  Bart,  der  doch  feit  wenigen  Tagen  unter  der 
Erde  lag,  wenn  Samuel,  als  er  von  diefer  Welt  fchied,  ent-  25 
blößt  mit  feinem  Geifte  zu  dem  Orte  kam,  an  dem  er  fich 
befand.  Gleichwohl  fagte  ihm  Samuel,  daß  er  am  nächften 
Tage  bei  ihm  fein  werde  und  dergeftalt  wird  Saul,  von 
dem,  wie  es  dort  heißt,  der  Herr  fich  fchied  und  dem  er 
feind  ward,  einen  ebenfo  guten  Platz  haben  wie  Samuel,  3° 
fein  Bevorzugter,  ihn  hatte.  Kurz,  wenn  es  Lehren  und 
irgend  welche  Kunft  gibt,  um  zu  täufchen  und  Phantafie- 
körper  erfcheinen  zu  laffen,  ich  weiß  von  folchen  Künften 
nichts,  aber  irgend  eine  Täufchung  konnte  erfolgen.  Wenn 


Über   die   Sterblichkeit   der  Seele  83 


die  Hexe  den  Saul  gleichwohl  denken  ließ,  die  Seele 
Samuels,  mit  neuem  Körper  und  Gewändern  bekleidet, 
fei  gekommen,  um  zu  ihm  zu  reden,  fo  ift  es  mehr  als 
nichtig,  eine  falfche,  heidnifche,  nichtige  Lehre.  Jefajas: 
5  Wird  man  durch  die  Lebenden  die  Toten  befragen?  d.h. 
mehr  weiß,  mehr  gilt,  beffer  ift  der  Lebende  als  der  Tote. 
Was  könnte  der  Tote  dem  Lebenden  Gutes  tun  ?  Folg- 
lich :  kann  man  durch  die  Lebenden  die  Toten  befragen  ? 
Salomo:  denn  der  lebendige  Hund  ift  beffer  als  der  tote 

10  Löwe;  denn  die  leben,  wiffen,  daß  fie  fierben  muffen,  aber 
die  Toten  wiffen  gar  nichts,  und  haben  weiter  keinen 
Lohn,  denn  dem  Vergeffen  ift  ihr  Gedächtnis  überliefert;  fo- 
wohl  ihr  Lieben,  als  ihr  Haffen,  als  ihr  Eifern  ift  längft  dahin 
und  fie  haben  nie  mehr  Teil  an  allem,  was  unter  der  Sonne 

15  gefchieht.  Wer  geftorben  ift,  hat  geendigt,  er  hat  nichts 
mehr  zu  fchaffen  mit  dem,  was  in  der  Welt  gefchieht;  fo 
wenig  hat  er  damit  zu  fchaffen,  wie  es  Hiob  fagt  Cap.  14 : 
Er  weiß  nichts  von  feinen  Kindern,  kommen  feine  Kinder 
zu  Macht  —  er  wird  es  nicht  wiffen,  altern  fie  —  er  wird 

20  nicht  acht  haben  auf  fie.  Ift  es  alfo  um  den  Toten  beftellt, 
fchläft  er  feinen  Schlaf,  von  dem  er  nicht  erwachen  wird,  fo 
mögen  fich  die  Fabelerzähler  fchämen,  die  immer  die  Toten 
im  Munde  führen  und  uns  überreden  wollen,  fie  erfchienen 
von  neuem  den  Lebenden  und  dienten  ihnen  als  Ratgeber. 

25  Zum  Sechften.  Elias  ward  in  den  Himmel  erhoben  und 
lebt ;  Elifa  weckte  einen  Toten  auf.  Auch  wenn  alles  das 
fich  fo  zugetragen  hat,  läßt  fich  daraus  doch  nichts  für 
die  Unfterblichkeit  der  Seele  erfchließen;  vielmehr  liegt 
darin  der  Beweis,  daß,  wenn  Gott  Elias  am  Leben  erhalten 

30  wollte,  um  ihn  den  Menfchen  predigen  zu  laffen,  es  darum 
gefchah,  weil  er  im  Falle  feines  Todes  nicht  auf  die  Welt 
hätte  zurückkehren  können,  es  fei  denn,  daß  Gott  ihn 
von  neuem  gefchaffen  hätte,  fo  wie  er  den  erften  Menfchen 
fchuf.  Darum  verlängerte  ihm  Gott  das  Leben,  wenn  dem 


6« 


84     Über  die  Sterblichkeit  der  Seele 

wirklich  fo  ift,  aber  machte  ihn  nicht  unfterblich;  denn 
nachdem  er  feine  Botfchaft  erfüllt,  muß  er  fterben.  Wenn 
wir  die  Sadducäer  über  diefe  Schrift  hören,  werden 
wir  erfahren,  was  fie  uns  davon  zu  fagen  haben, 
denn  tat  fächlich  erfcheint  es  nicht  fehr  notwendig,  5 
Elias  fo  am  Leben  zu  erhalten,  und  die  Macht  Gottes 
befchränkte  fich  auch  nicht  darauf,  gute  Geifter  als 
Leichen  zu  erheben,  fo  oft  es  ihm  beliebt,  um  fich 
ihrer  als  feiner  Botfehafter  zu  bedienen.  Das  gleiche  gilt 
von  dem  Toten,  den  Elifa  erweckte,  indem  er  fich  über  10 
ihn  hinftreckte,  den  Mund  mit  feinem  Munde  vereinigte 
und  die  Hände  mit  feinen  Händen,  eine  artige  Weife, 
Wunder  zu  tun  und  Tote  aufzuwecken.  Auf  diefe  Weife 
wirkt  Gott  nicht.  Diefer  Tote,  dem  Gott,  wenn  es  fo 
war,  aus  Gnade  wieder  einen  neuen  Geift  gab,  tut  doch  15 
füglich  nichts,  und  er  ftarb  wieder,  denn  Gott  erweckte 
ihn  nicht  zu  ewigem  Leben.  Welche  Bedeutung  hat  alfo 
feine  Wiedererweckung  für  uns,  um  die  Unfterblichkeit, 
von  der  wir  handeln,  zu  beweifen?  Bei  alledem  wäre  fehr 
viel  über  die  Wahrheit  diefer  Wunder  zu  fagen,  die  Gott  20 
niemals  zu  anderer  Zeit  tat,  wie  er  auch  nicht  Menfchen 
zu  töten  pflegte,  um  fie  nachher  wieder  aufzuwecken. 
Im  2.  Buch  Samuelis  fteht  zu  lefen,  David  habe  feinen 
Knechten  erwidert,  als  diefe  fich  wunderten,  ihn  effen  zu 
fehen,  als  er  vom  Tode  feines  Kindes  erfuhr;  denn  vor-  25 
her  faftete  er,  folange  der  Knabe  noch  lebte :  ich  habe  ge- 
faftet  und  geweint,  denn  ich  Jagte:  wer  weiß,  ob  fich  der  Herr 
meiner  erbarmen  wird,  daß  der  Knabe  am  Leben  bleibt.  Nun 
er  aber  tot  ifi,  wozu  follte  ich  da  noch  faften?  Kann  ich  ihn 
etwa  wieder  zumLeben  zurückbringen?  Ich  gehe  zu  ihm,  aber  3° 
er  kommt  nicht  wieder  zu  mir.  Ein  anderes  Wunder  wird 
von  Elifa  erzählt,  offenbar  ein  erdichtetes  und  unnötiges 
Wunder  —  derartig  häufige  und  fozufagen  kindifche 
Wunder  pflegt  Gott  nicht  zu  tun.  Elifa  ging  in  Beglei- 


Über   die   Sterblichkeit   der  Seele  85 


tung  der  Propheten  in  den  Garten/  Holz  zu  fällen,  und  es 
fiel  einem  das  Eifen  des  Beils  ins  Waffer.  Da  ward  der 
bekümmert  darüber  und  fagte :  ach,  mein  Herr,  es  ift 
noch  dazu  entlehnt.  Da  warf  Elifa  einen  Stock  ins  Waffer 
5  und  das  Eifen  fchwamm,  und  der,  der  es  verloren  hatte, 
holte  es  wieder  heraus,  und  bef eftigte  es  wieder  am  Beih 
Ein  Wunder  über  das  Eifen  eines  Beiles  kann  wohl  unter- 
bleiben und  ift  fo  wenig  notwendig,  daß  man  fchwer 
daran  glauben  kann.   Man  muß  nun  wiffen,  daß  unter 

10  den  Büchern,  die  uns  die  Pharifäer  als  acht  verkaufen 
oder  darbieten,  viele  find,  die  die  Sadducäer  verwerfen, 
indem  fie  erklären,  welchen  die  Ächtheit  zukommt.  Ich 
kann  es  nicht  bei  allen  an  den  Fingern  herfagen,  welche  es 
find,  weil  ich  mit  diefen  Sadducäern  nicht  in  Verbindung 

15  geftanden  bin ;  gleichwohl  kann  man  aber  auch  ohne  diefe 
Verbindung  durch  die  Materie  felbft  wohl  verftehen,  welche 
Bücher  oder  welche  Teile  der  Bücher  verworfen  oder 
angenommen  werden  müffen.  Dabei  beftärke  ich  mich 
in  der  Überzeugung,  daß  diefe  Menfchen  fo  verdächtig 

20  oder  beffer  gefagt  in  allen  Dingen  fo  wenig  wahrheits- 
liebend find,  daß  die  Schrift,  die  zu  ihrer  Beglaubigung 
kein  anderes  Zeugnis  weiter  hat  als  das  ihre,  äußerst  ver- 
dächtig und  zweifelhaft  ift,  und  daß  fie,  falls  fie  gegen  fich 
ein  Zeugnis  von  anderen  Juden  hat,  die  ihre  Ächtheit 

25  leugnen,  keinen  Glauben  verdienen  wird.  Darum  müffen 
alle,  die  die  Wahrheit  lieben  und  fie  vertreten  wollen,  mit 
aller  Macht  danach  ftreben,  daß  fie  fich  mit  dem  vertraut 
machen,  was  die  Sadducäer  über  die  Ächtheit  der  Bücher 
fagen,  die  die  Pharifäer  unter  die  Zahl  der  heiligen  und 

30  göttlichen  aufnehmen  wollten,  damit  fie  nicht  fo  leben  und 
durch  die  ihnen  innewohnende  Fälfchung  irregeführt  wer- 
den, vielmehr  zur  wahren  Erkenntnis  gelangen  können, 
welche  der  den  lügnerifchen  und  nichtigen  Schriften  ge- 
zollte Glaube  zu  hindern  und  aufzuhalten  pflegt. 


86     Über   die   Sterblichkeit  der  Seele 

Zum  Siebenten.  In  vielen  Pfalmen  fteht  zu  lefen,  daß  die 
Böfen  von  der  Erde  vertilgt  werden  und  die  Guten  gedei- 
hen sollen :  folglich  muß  es  notwendig  ein  anderes  Leben 
geben,  denn  in  diefem  Leben  gedeihen  die  Böfen,  während 
die  Guten  zugrunde  gehen,  und  es  werden  die  Böfen  5 
nicht  beftraft  noch  die  Gerechten  belohnt.  Wir  erwidern: 
Allerdings  ift  in-  den  Pfalmen  von  der  Vertilgung  der 
Böfen  und  dem  Gedeihen  der  Guten  die  Rede,  und  zwar 
ift  das  eine  wahre  Lehre,  im  Gefetz  felbft  begründet. 
Gleichwohl  beftreiten  wir  die  Folgerung,  daß  die  Böfen  in  10 
diefem  Leben  nicht  beftraft  und  die  Gerechten  nicht 
belohnt  werden ;  denn  ein  Ausfpruch  wie  diefer  wäre  voll- 
kommen im  Widerfpruch  mit  Wahrheit  und  Grundlage 
des  Gefetzes,  das  nichts  anderes  kundtut,  als  daß  es  fagt : 
handle  gut,  damit  es  dir  und  deinen  Kindern  nach  dir  gut  15 
geht,  denn  ich  der  Herr,  dein  Gott,  bin  ein  flarker  und 
eifriger  Gott,  der  ich  die  Sünde  der  Väter  heimfuche  an  den 
Kindern  bis  ins  dritte  und  vierte  Glied  bei  denen,  die  mich 
hajjen,  und  übe  Barmherzigkeit  bis  ins  taufendfte  Glied  bei 
denen,  die  mich  lieben  und  meine  Gebote  halten.  Dergeftalt  20 
zahlt  Gott  im  gegenwärtigen  Leben  dem  Böfen  in  eigener 
Perfon  heim  und  in  feinen  Kindern  und  Nachkommen, 
und  ebenfo  vergilt  er  dem,  der  Gutes  tut,  Gutes  an  feinem 
Samen  beinahe  ins  Unendliche.  So  vergalt  er  dem  Abra- 
ham, deffen  Samen  er  zwar  oft  mit  dem  göttlichen  Zorn  25 
derart  verfuchte,  daß  er  verdient  hätte,  ausgetilgt  oder 
wenigftens  ganz  und  gar  verworfen  zu  werden,  dem  er 
aber  doch,  weil  es  fein  Same  war  und  um  fein  Wort  zu 
halten,  feine  Barmherzigkeit  nicht  entzog,  wie  vordem 
anderen  Völkern,  fondern  gedachte,  ihn  wieder  in  30 
eine  beffere  Lage  zu  verfetzen,  aus  Rücklicht  eben  auf 
die  Väter  und  auf  das  mit  ihnen  getroffene  Übereinkom- 
men: du  follft  wiffen,  daß  der  Herr,  dein  Gott,  ein  treuer 
Gott  ift,  der  das  Übereinkommen  wahrt  und  die  Barm- 


Über   die   Sterblichkeit   der  Seele  87 


herzigkeit  denen,  die  ihn  lieben  und  feine  Gebote  halten, 
bis  zur  taufendften Generation,  und  der  heimzahlt  denen, die 
ihn  haffen,  vor  feinem  Angefleht,  um  fie  zu  vertilgen.  Vor 
feinem  Angefleht  zahlt  Gott  dem  Sünder  heim ;  die  Strafe 
5  fchiebt  er  ihm  keine  Zeit  auf.  Das  ift  die  Lehre  der  Schrift 
und  die  wahre  Lehre,  unter  der  wir  ftreiten.  Wenn  wir 
trotzdem  häufig  die  Böfen  gedeihen  fehen,  ohne  daß  ihre 
Strafe  fie  fo  rafch  trifft  oder  auf  die  Art,  wie  wir  es  wünfeh- 
ten,  dann  müffen  wir  annehmen,  daß  unfer  Sehbereich  viel 

10  zu  kurz  ift,  um  die  Ordnungen  Gottes  zu  überblicken  und 
die  Tiefe  feiner  Weisheit,  mit  der  er  die  Welt  regiert.  Gott 
blickt  auf  die  Herzen,  fieht  und  weiß,  was  jeder  verdient 
und  je  nachdem,  wie  jeder  verdient,  vergilt  er  ihm.  Wir 
hingegen  fehen  nur  das  Äußere  und  urteilen  wie  Blinde. 

15  Gott  hilft,  weil  er  den  Menfchen  nicht  zu  vertilgen  wünfeht, 
fondern  will,  daß  er  iich  bekehre,  denn  die  Sünde  des  Amo- 
räers  ift  noch  nicht  vollendet,  aber  wenn  er  fich  nicht  be- 
kehrt, muß  ihn  ficherlich  feine  Strafe  treffen;  für  den 
Fall,  daß  er  fich  nicht  bekehrt,  hält  er  feinen  Degen  ge- 

20  fchärft,  feinen  Bogen  gefpannt,  und  feine  Pfeile,  Gefäße 
des  Todes,  auf  ihn  gerichtet.  Wir  begreifen:  weil  die 
Strafe  nach  unferem  Dafürhalten  verzögert  wurde,  der 
Böfe  ftraflos  blieb,  darum  müffen  wir  wiffen,  daß  der 
glückliche  Zuftand  der  Menfchen  nicht  iicher  ift,  daß  wir 

25  vielmehr,  wenn  fie  in  ihrer  Sünde  beharren,  ihren  iicher en 
Fall  erwarten  dürfen.  Ich  fah  den  Böfen  wurzeln  und  er 
hatte  Zweige  getrieben  wie  grünender  Lorbeer  und  fchwand 
dahin  und  fiehe  da,  er  war  nicht;  man  Juchte  ihn  und  er 
ward  nicht  mehr  gefunden.  Das  fehen  wir  auf  Schritt  und 

30  Tritt  gefchehen.  Gott  kürzt  und  fchneidet  vielen  das  Le- 
ben ab,  wenn  fie  vermeinen,  fie  begönnen  erft  zu  leben.  Er 
fucht  heim  mit  mannigfachen  Leiden  und  Übeln  des  Hun- 
gers, der  Armut,  erniedrigt  die  Hohen  und  reiche  Häufer 
macht  er  derart  dem  Boden  gleich,  daß  wir  gemeinhin  er- 


88     Über   die   Sterblichkeit   der  Seele 

ichrecken,  wenn  wir  Menfchen  oder  Söhne  von  folchen 
fehen,  die  wir  zu  anderer  Zeit  einmal  gekannt  haben ;  denn 
das  bedeutet  übergehen  zum  Schlechten  und  das  bedeutet 
Jüchen  und  keine  Spur  mehr  davon  finden,  wie  auch  große 
Königreiche  dahingefch wunden  find,  deren  fich  Gott  eine  5 
Zeit  lang  zur  Strafe  anderer  Völker  bedient  hatte.  Alle 
empfingen  fie  fchließlich  ihren  Lohn,  und  werden  folchen 
empfangen,  denn  Gott  lebt  und  fieht  und  richtet  die  Welt 
Tag  für  Tag  und  nichts  anderes  fehen  wir  als  feine  Urteils- 
fprüche  auf  Erden,  von  den  Menfchen  fchlecht  erkannt.  10 
Vom  Guten  und  Gerechten  hingegen  heißt  es :  da  ich 
Knabe  war  und  eben/o  wie  ich  alterte,  /ah  ich  keinen  Gerech- 
ten Mangel  leiden  noch  feinen  Samen  nach  Brot  fuchen,  fo 
daß  Gott  in  diefem  Leben  dem  Guten  wie  dem  Böfen  ver- 
gilt. Keiner  foll  ein  folcher  Tor  und  Narr  fein,  etwas  an-  15 
deres  zu  meinen  und  einen  fo  unklugen  Schluß  gegen  die 
Wahrheit  und  Grundlage  des  Gefetzes  zu  ziehen,  denn 
wenn  er  es  mit  Verftand  prüfen  würde,  würde  er  die  Un- 
anfechtbarkeit diefer  Wahrheit  finden,  f o  wie  ein  gewifier 
Dichter,  der  unter  den  Dichtern  feiner  Nation  hervorragte,  20 
fich  gezwungen  fah  zu  bekennen,  indem  er  anfcheinend 
Neid  empfand  wegen  des  Wandels  der  Böfen,  wobei  er 
meinte,  daß  es  für  fie  keine  Strafe  gebe.  Er  fagt :  die  Guten 
fah  ich  in  der  Welt  ftets  fchwere  Pein  erdulden,  und,  was 
mich  mehr  in  Staunen  fetzt,  die  Böfen  fah  ich  fchwimmen  25 
ftets  im  Meere  der  Zufriedenheit.  Da  ich  vermeinte,  fo  das 
Gut,  das  fchlecht  verteilte,  zu  erjagen,  ward  ich  zum  Schlech- 
ten, doch  ich  ward  ge [traft,  fo  daß  für  mich  allein  die  Welt 
in  voller  Ordnung  läuft.  Ein  Tor  ift  der  Menfch  ganz  und 
gar  und  alle,  die  vermeinen,  den  Böfen  widerfahre  immer  30 
Gutes.  Einen  Tag  wird  es  ihnen  zwar  widerfahren  können, 
aber  ihr  Ende  führt  zur  Vertilgung.  Den  Guten  hingegen 
wird  es  wohl  einen  Tag  fchlecht  gehen  können,  entweder 
weil  Gott  fie  prüfen  will,  oder  weil  es  keinen  Menfchen 


Über   die   Sterblichkeit   der  Seele  89 


gibt,  der  fo  gerecht  wäre,  daß  er  nicht  irgendwelche  Strafe 
verdiente,  aber  ihr  Ende  führt  zum  Frieden.  Demütigen 
möge  iich  alfo  das  vorfchnelle  Urteil  der  Menfchen,  in 
deren  Augen  oft  der  gut  ift,  der  in  den  Augen  Gottes  böfe 
5  ift.  Senken  möge  der  Menfch  ein  wenig  die  Schwingen 
feiner  törichten  Vermeffenheit,  mit  der  er  den  Platz  Gottes 
einnehmen  und  iich  felbft  mit  ihm  zum  Richter  auf  Erden 
machen  will,  und  wenn  er  etwas  gefchehen  fieht,  deffen 
Geheimnis  er  nicht  begreift,  fo  möge  er  es  Gott  dem  ge- 

10  rechten  Richter  überlaffen,  der  die  Welt  mit  hoher,  über 
die  menfchliche  weit  erhabener  Weisheit  regiert,  und  den 
er,  fo  fehr  er  fich  auch  abmühen  möge,  doch  nicht  imftande 
fein  wird,  zu  erreichen.  Salomo:  und  ich  fah  das  ganze 
Werk  Gottes,  denn  der  Menfch  wird  kein  Werk  unter  der 

15  Sonne  finden  können,  das  fich  f elber  macht;  aus  Liebe  dazu 
wird  der  Menfch  fich  mühen  es  zu  fuchen  und  wird  es  nicht 
finden.  Allein  das  möge  der  Menfch  wiffen  und  begreifen, 
daß  Gott  Richter  auf  Erden  ift  und  auf  ihr  mit  gerechter 
Wage  die  Guten  belohnt  und  die  Böfen  beftraft.  Und 

20  wenn  er  den  gerechten  Abel  unter  den  Händen  des  hinter- 
liftigen  Kain  den  Untergang  finden  fieht,  dann  möge  er 
annehmen,  daß  diefen  Tod  die  Sünde  feines  Vaters  ein- 
trug, und  er  möge  Gott  zu  fürchten  lernen,  der  die  Strafe 
für  den  Sünder  ausdehnt  bis  auf  feine  Kinder.  Obfchon 

25  der  Gegenftand  zu  längerer  Erörterung  einlüde,  müffen 
wir  abbrechen,  um  zum  Ende  zu  kommen.  Was  wir  dar- 
getan haben,  ift  aber  übergenug,  um  das  Gegenargument 
zunichte  zu  machen,  das  fich  auf  falfchen  Schein  entgegen 
der  ächten  Lehre  des  Gefetzes  gründet. 

30  Zum  Achten.  Es  fteht  gefchrieben :  denn  du  läjjeft  meine 
Seele  nicht  im  Grab,  du  läjjeft  deinen  Guten  nicht  die  Gruft 
fc hauen;  ferner:  wie  groß  ift  deine  Güte,  die  du  verborgen 
hältft  für  die,  die  dich  fürchten.  Wir  entgegnen,  daß  dies 
durchaus  nicht  zur  Sache  gehört.  Der  Sinn  des  erften 


90     Über   die   Sterblichkeit   der  Seele 

Verfes  ift  diefer :  du  wirft  es  nicht  zulaffen,  daß  meine  Seele 
in  die  Gewalt  meiner  Feinde  kommt  und  daß  ich  durch 
ihre  Hand  in  die  Gruft  hinabfteige.  David  freute  fich,  den 
Herrn  zu  feinem  Schutze  zu  haben,  und  fagte,  unter 
feinem  Schirm  fchlafe  er  ficher  und  fürchte  nicht,  daß  fie  5 
ihn  töteten.  Er  wollte  nicht  fagen,  daß  Gott  nach  feinem 
Tode  feine  Seele  aus  dem  Grabe  zöge,  denn  das  wider- 
fpricht  dem  folgenden:  du  wirft  deinen  Guten  nicht  die 
Gruft  fchauen  laßen,  womit  er  nicht  fagen  will,  er  brauche 
nie  die  Gruft  zu  fehen,  denn  die  Gruft  muffen  alle  fehen  10 
und  kein  Lebendiger  wird  ihren  Händen  entgehen.  Welcher 
Menfch  wird  je  leben  und  den  Tod  nicht  fehen  und  feine 
Seele  aus  der  Hand  des  Todes  befreien  ?  Vielmehr  will  er 
fagen,  der  Herr  werde  feine  Seele  nicht  inTodesgefahr  laffen 
und  wie  gefagt  nicht  zulaffen,  daß  er  durch  die  Hände  der  15 
Böfen,  die  ihn  fuchten,  die  Gruft  fähe,  wie  er  fich  deffen 
in  anderen  Pfalmen  getröftete .  Der  zweite  Vers :  wie  groß 
ift  deine  Güte,  die  du  verborgen  haß  für  die,  die  dich  fürch- 
ten, wird  durch  das  folgende  erklärt:  du  haß  fie  beftätigt 
denen,  die  an  dich  glauben,  angefichts  der  Menfchenföhne,  20 
fodaß  angefichts  der  Menfchenföhne,  im  gegenwärtigen 
Leben  Gott  diefe  Güte  betätigt.  Und  welcher  Art  ift 
diefe  Güte?  Du  verbirgft  fie  in  der  Verborgenheit  deines 
Angefichts  vor  den  Zufammenrottungen  der  Men fehen;  du 
verbirgft  fie  in  deinem  Zelte  vor  dem  Hader  der  Zungen.  25 
Du  wirft  ihm  Schutz  und  Schirm  fein  gegen  jede  Verfol- 
gung der  Menfchen,  gegen  Verräterei  und  Schurkerei, 
wofür  er  dem  Herrn  Dank  fagte,  daß  er  ihn  befreit, 
Gutes,  das  gefchehen  angefichts  der  Menfchenföhne  in  der 
Gegenwart.  Von  anderen  Guten  werden  wir  nicht  träu-  30 
men,  und  wenn  wir  träumen,  dann  werden  es  Träume 
fein. 

Zum  Neunten.  Die  Stelle  bei  Jefajas:  Mögen  deine 
Toten  wieder  lebendig  werden.  Wir  entgegnen,  daß  der 


Über   die   Sterblichkeit   der  Seele  91 


Prophet  nicht  von  den  wirklichen  Toten,  von  denen,  die 
den  natürlichen  Lebenslauf  beendigt  haben,  fpricht.  Er 
fagt  auch  nicht,  diefe  würden  auferftehen.  Die  Toten,  von 
denen  er  fpricht,  find  vielmehr  das  Volk  Ifrael,  das  durch 
5  die  Länder  zerftreut  ift  und  in  ihnen  als  tot  betrachtet 
wird;  denn  niemand  glaubt  von  ihm,  daß  es  je  wieder 
zum  Volke  werde,  vielmehr,  daß  es  immer  zu  Boden 
liegen  werde,  erniedrigt,  gemein,  ausgezehrt  und  ver- 
trocknet, ebenfo  wie  im  Gleichnis  der  Prophet  Hefekiel 

10  Cap.  37  von  ihm  fpricht,  wo  er  erklärt,  die  Gebeine  feien 
dem  Haufe  Ifrael  vertrocknet,  im  Hinblick  darauf,  daß 
fie  fagten :  vertrocknet  waren  unjere  Gebeine  und  gejchwun- 
den  ift  unjere  Hoffnung;  es  ift  aus  mit  uns.  Diefem  Sinn 
entfprechend  fagt  Jefajas:  ich  werde  eure  Gräber  öffnen. 

15  Er  fagt  nicht,  er  werde  die  wirklichen  Toten  aus  den 
Grüften  ziehen,  fondern  die  Lebenden,  die  den  Toten 
gleichen,  werde  er  aus  den  Ländern  und  Orten  fammeln, 
wohin  fie  geworfen  waren  —  das  waren  ihre  Gräber  im 
Hinblick  auf  ihren  Zuftand  —  und  er  werde  fie  ins  Land 

20  Ifraels  zurückführen.  So  ift  eine  Stelle  der  anderen  ähn- 
lich, indem  beide  bildlich  fprechen,  aber  nicht  eigentlich. 
Zur  weiteren  Erklärung  wollen  wir  ein  wenig  zurück 
wiederholen :  vom  Anfang  bis  zum  Schluß  handelt  jenes 
Capitel  von  der  Sammlung  Ifraels  und  zeigt,  wie  der 

25  Herr  die  anderen  Völker  verfchieden  ftraft  gegenüber  dem, 
womit  er  Ifrael  ftrafen  wird.  Jenen  fagt  er:  die  Toten 
werden  nicht  lebendig,  die  Dahingefchiedenen  werden  nicht 
auferftehen;  denn  fo  haß  du  fie  heimgefucht  und  vertilgt 
und  jedes  Gedächtnis  an  fie  ganz  und  gar  zu  nichte  gemacht, 

30  womit  er  fagen  will,  der  Herr  ftrafe  die  Völker  und  ver- 
ändere ihren  Zuftand  derart,  daß  fie  niemals  wieder  zu  dem 
werden,  was  fie  früher  waren,  Ifrael  hingegen  ilraft  er 
anders.  Du  hafi  das  Volk  gejammelt,  Herr,  du  haft  das 
Volk  gejammelt,  haft  dich  verherrlicht  und  dehnft  dich  aus 


92     Über   die   Sterblichkeit   der  Seele 

bis  ans  Ende  der  Welt.  Er  will  fagen :  du  haft  es  gefammelt, 
Herr,  du  haft  es  vervielfacht,  Herr,  um  Wunder  zu  tun 
durch  jenes  Volk,  und  fo  haft  du  dich  verherrlicht  durch 
das  Volk,  das  du  bis  ans  Ende  der  Welt  geworfen  hatteft, 
und  fchließlich  werden  nach  all  dem  Unglück,  das  ge-  5 
fchehen,  nach  langem  Hoffen  deine  Toten  leben,  die  von 
dir  Gefchlagenen,  von  dir  Ertöteten,  die  gleichfam  als 
Tote  in  der  Erde  bezeichnet  und  gerechnet  werden ;  die 
Erde  wird  fie  von  fich  gegeben  und  fie  werden  ihr  ent- 
fprießen  wie  frifches  Gras.  Das  entfpricht  dem,  was  im  10 
folgenden  Capitel  zu  lefen  fteht:  in  Zukunft  wird  Jakob 
Wurzel  fchlagen,  blühen  und  treiben  wird  Ifrael.  All  das 
find  Gleichniffe  und  bildliche  Redeweifen,  die  man  mit 
gefundem  Menfchenverftand  auffaffen  muß  und  bei  denen 
man  die  Worte  nicht  nehmen  darf,  wie  fie  ohne  Unter-  15 
fcheidung  lauten. 

Es  folgt  die  Stelle  bei  Hiob :  Ich  bekenne,  daß  mein 
Erlöfer  lebt  und  zuletzt  werde  ich  über  meinem  Staube  fein. 
Wir  entgegnen,  daß  die  Meinung  Hiobs  nach  einer  ganz 
anderen  Richtung  geht ,  als  viele  ihn  verftehen  oder  verftehen  20 
wollen .  ImWefentlichen  fagt  er,  er  habe  Vertrauen  zu  Gott, 
daß  er  ihn  von  jenem  Orte  erheben  müife,  wo  er  lag,  verwun- 
det, gefchlagen  und  entkräftet,  und  wieder  auf  feine  Füße 
geftellt,  werde  er  ihm  die  Opfer  darbringen,  die  er  früher 
darzubringen  pflegte,  und  ihn  preifen:  ich  bekenne,  daß  25 
mein  Erlöfer  lebt,  ich  weiß,  daß  jener,  in  den  ich  Vertrauen 
habe,  Gott  ift,  lebendig,  mächtig,  mich  zu  erlöfen,  zu 
befreien,  zu  erheben,  aus  diefer  Not,  diefer  Trübfal  und 
diefem  Elend  mich  zu  ziehen,  in  dem  ich  mich  fehe.  Alle-  / 
mal  wenn  Gott  die  Menfchen  aus  Übel  und  Trübfal  und  30 
Gefahr  befreit,  heißt  er  Gott  der  Erlöfer,  fo  als  er  das 
Volk  aus  Ägypten  erlöfte :  das  ift  eine  Sache,  die  außer 
Frage  fteht.    Und  zuletzt  werde  ich  über  dem  Staube  fein, 
gehen  und  mich  bewegen,  obgleich  ich  jetzt,  ihr  Freunde, 


Über   die   Sterblichkeit   der  Seele  93 


fo  wenig  vorbereitet  fcheine  zu  gehen,  und  nachdem  meine 
Haut  alfo  zerfchlagen  ißt,  nach  der  Krankheit,  dem  Leiden 
und  den  Gefchwüren,  womit  ich  gefchlagen  bin.  Und  es 
ging  der  Satan  weg  von  dem  Herrn  und  Jchlug  Hiob  mit 
5  bösartigem  Gefchwür  von  der  Fußfohle  bis  zum  Scheitel.  Da- 
nach, da  die  Würmer  darin  hervorgebracht  oder  dem 
Staube  entnommen  waren,  in  dem  ich  fitze:  mein  Fleifch 
umkleidete  fich  mit  Gewürm  und  Staubkrußte,  meine  Haut 
hob  ßich  ab  und  lößte  ßich.  Sobald  fie  aufhören,  diefe  Haut 

10  und  diefes  Fleifch  übel  zu  behandeln,  fo  werde  ich  dann 
aus  meinem  Fleifche  Gott  J chatten,  fo  werde  ich  dann  um- 
gebildet und  genefen,  wiederhergeftellt  zu  meinem  frühe- 
ren Zuftand,  zu  meiner  Kraft  und  Vollkommenheit  Gott 
fchauen.  Früh  aufßtehen  werde  ich  an  jenem  Ort,  wo  ich 

15  ihm  Opfer  darzubringen  pflegte,  und  ich  ßtand  frühe  auf, 
ließ  Brandopfer  aufßteigen,  und  fo  werde  ich  Gott  fchauen, 
den  ich  mir  fchauen  muß  —  im  Hebräifchen  gebräuchlicher 
Dativ :  den  ich  felbft  fchauen  muß  und  kein  Fremder :  es 
kann  kein  anderer  für  mich  fein,  ich  felbft  werde  diefen 

20  Dienft  tun.  Irret  euch  nicht,  Freunde,  die  ihr  mich 
ohne  Urfache  fo  verfolgt,  verleumdet,  kränkt,  indem 
ihr  fagt,  um  meiner  Schlechtigkeit  willen  fei  ich  in 
dem  Zuftand,  in  dem  ihr  mich  feht.  Schon  zehnmal  be- 
fchämtet  ihr  mich  und  errötet  nicht  über  eure  Gefühlloßig- 

25  keiten  gegen  mich.  Irret  euch  nicht  und  wiffet,  daß  es 
Wahrheit  ift,  was  ich  euch  gefagt  habe,  und  ihr  feht 
es  an  meiner  Haut  und  an  meinem  Fleifche,  die  ßich  an- 
klebten an  mein  Gebein,  und  ich  blieb  mit  der  Haut 
meiner  Zähne,  mit  der  Haut,  die  anklebt  an  die  Zähne. 

30  Bei  alledem  habe  ich  beftimmte  Hoffnungen,  ich  weiß 
vielmehr,  daß  ich  mich  aus  diefem  Zuftand  erhoben  und 
in  meinen  erften  Zuftand  zurückverfetzt  fehen  werde: 
ich  werde  auf  meinen  Füßen  ftehen,  werde  mein  Fleifch 
wiederhergeftellt  fehen  und  Gott  Dank  abftatten  und  ihm 


94     Über  die   Sterblichkeit  der  Seele 

neue  Opfer  darbringen.  All  das  fah  Hiob  danach  an  fich 
erfüllt,  denn  der  Herr  nahm  von  ihm  feine  Geißel,  wie  am 
SchluiTe  des  Buches  zu  lefen  ift.  Er  felbft  bekam  Gott  zu 
fchauen  und  eben  durch  feine  Freunde  brachte  er  Brand- 
opfer dar,  und  in  der  Tat  wird  das  genügen,  um  die  eines  5 
Befferen  zu  belehren,  die  fich  felbft  täufchen,  indem  fie 
diefe  Stelle  verfchieden  von  jener  vollkommenen  Klar- 
heit verftehen,  mit  der  dasfelbe  Buch  Hiob  an  vielen 
anderen  Stellen  über  diefes  Thema  fpricht,  wobei  es  die 
Auferftehung  der  Abgefchiedenen  in  Abrede  Hellt,  wie  wir  10 
fchon  früher  dargetan  haben.  Manche,  die  das  Wort 
zuletzt  miß  verftehen  wollen,  interpretieren  am  Ende  der 
Welt  und  beim  jüngfien  Gericht,  das  fie  in  leerer  Einbildung 
fich  vorftellen,  als  ob  es  fonft  kein  Letztes  geben  könnte, 
und  zwar  ein  fehr  nahes  und  auf  wenig  Tage  befchränktes  15 
Letztes  je  nach  dem  Gegenftand,  um  den  es  fich  handelt. 
Denn  er  gab  Man  zu  ejfen  in  der  Wüfle,  was  deine  Väter 
nicht  kannten,  weil  er  dich  betrüben  und  verfuchen 
wollte,  um  dir  wohl  zu  tun  in  deinem  Letzten:  diefes  Letzte 
erfüllte  fich  am  Ende  der  vierzig  Jahre,  die  das  Volk  in  20 
der  Wüfte  wanderte,  ehe  es  in  das  verheißene  Land 
einzog.  Hiob  fprach  alfo  vom  Ende  und  Letzten  feiner 
Krankheit,  aber  er  fprach  nicht  vom  letzten  Tage  der 
Welt,  die  niemals  aufhören  wird.  Das  geht  klar  aus  dem 
Ende  des  Buches  hervor :  und  Gott  fegnete  das  Letzte  Hiobs  25 
mehr  als  feinen  Anfang  und  es  gehörten  ihm  1 4000  Schafe. 
Das  war  das  Letzte,  wovon  Hiob  fprach,  und  das  war  es, 
was  er  erhoffte.  Ebenfo  wäre  es  Phantafie,  weil  es  anders- 
wo heißt  :und  aus  meinem  Fleifche  werde  ich  Gott  fchauen, 
daß  nun  der  Menfch  wirklich  und  fichtbarlich  Gott  im  30 
Himmel  fchauen  müßte.  Gott  fchauen  heißt  ihn  im 
Tempel,  dem  geweihten  Ort  im  göttlichen  Tempel  an- 
beten. Nicht  wird  mein  Angefleht  um  nichts  zu  fchauen  [ein, 
nicht  werdet  ihr  kommen  vor  mich  amOrte  meines  V erweitern, 


Über   die   Sterblichkeit  der  Seele  9$ 

ohne  zu  bringen,  was  ihr  mir  opfert.  Dann  fah  Hiob  Gott, 
als  er  genefen  war,  um  ihm  Brandopfer  darzubringen. 
Von  einem  anderen  Leben  zu  reden,  wäre  Wahnfinn. 
Wir  haben  noch  dem  zu  entgegnen,  was  das  Buch 

5  Daniel  fagt :  und  viele,  die  im  Erden/taube  fchlafen,  werden 
erwachen,  die/e  zu  ewigem  Leben  und  diefe  zur  Schmach,  zu 
ewigem  Abjcheu,  und  ein  andermal:  und  du  gehe  dem 
Ende  zu  und  du  wirft  ausruhen  und  wirft  am  Ende  der  Tage 
in  deinem  Lo/e  fein.  Wir  fagen,  daß  diefes  Buch  Daniel 

o  nicht  von  den  Juden  angenommen  worden  ift,  die  man 
Sadducäer  nennt,  was  allein  ausreichend  wäre,  ihm  An- 
fehen  und  Glauben  zu  verleihen,  weil  es  üch  bloß  auf 
das  Zeugnis  der  Pharifäer  ftützt,  das  fehr  wenig  mit 
dem  übereinftimmt,  was  wir  fchon  fagten;  denn  diefe 

5  Menfchen  find  von  der  Art,  daß  fie  es  aus  Beruf  oder  aus 
Narrheit  unternehmen,  Worte  zu  vertaufchen,  abzu- 
ändern, zu  verdrehen,  zur  Beftätigung  und  Bekräftigung 
ihrer  verworrenen  Träume  die  Schriften  verkehrt  auszu- 
legen, um  durch  diefe  falfchen  Mittel  fich  Unterftützung  zu 

0  verfchaffen.  Wenn  fich  die  Unwahrheit  der  angeführten 
Stellen  nicht  von  felbft  zeigte  —  erfcheint  doch  die  ganze 
pharifäifche  Lehre  im  Gegenfatz  zur  Lehre  des  gefchrie- 
benen  Gefetzes  in  jenem  Buche  unter  dem  Namen  der 
Prophetie  zur  Täufchung  des  Volkes  und  zur  Beftätigung 

5  der  falfchen  Predigt,  —  dann  ergäbe  fich  die  Unwahrheit 
der  genannten  Stellen  daraus,  daß  die  erfte  fagt,  viele 
würden  auferftehen,  aber  nicht  fagt,  alle  würden  auf- 
erftehen.  Wenn  eine  folche  Auferftehung  ftattzufinden 
hätte,  dann  müßte  fie  allgemein  für  alle  Menfchen  fein 

o  oder  alle  müßten  auferftehen,  um  des  Guten  oder  des 
Schlechten  teilhaft  zu  werden,  je  nach  dem  einer  im  Leben 
es  verdient  hat.  Da  aber  die  Pharifäer  predigen  und 
fagen,  die  Auferftehung  fei  nicht  für  alle,  fondern  bloß  für 
einige,  ebenfowohl  wie  die  Seelen  nicht  alle  unfterblich 


q6     Über  die   Sterblichkeit  der  Seele 

feien,  fondern  einige  wohl  und  andere  nicht,  fo  wird  ohne 
weiteres  klar,  daß  die  Schrift  gemacht  und  angepaßt 
wurde,  um  ihre  völlig  falfche  und  irrige  Predigt  zu  erweifen 
und  ihr  Autorität  zu  geben.  Das  gleiche  erfieht  man  aus 
dem  letzten  Vers,  fofern  er  fagt,  Daniel  werde  fein  Los  5 
genießen  und  in  feinem  Lofe  fein  am  Ende  der  Tage; 
denn  die  Pharifäer  lehren,  daß  zur  Zeit,  da  der  Mefßas 
kommen  wird,  die  Toten  iich  erheben  werden,  jeder  um 
feines  Erbes  im  Lande  Ifrael  teilhaft  zu  werden,  eine  Tor- 
heit und  ausgemachte  Narrheit,  zu  deren  Erweis  fie  die  10 
falfche  Schrift  benützten.  Noch  andere  Gründe  finden 
iich  im  Buche  Daniel,  die  feine  künftliche  Erfindung  über- 
zeugend beweifen  und  kundtun.  Dort  ift  das  erftemal, 
daß  wir  Namen  von  Engeln  finden,  die  mit  ihren  Namen 
genannt  find,  die  wir  bis  dahin  weder  aus  dem  Gefetze  15 
noch  aus  anderen  Büchern  gewußt  hatten.  Sein  ganzer 
Stil  und  feine  Art  und  Weife  deutet  auf  eine  künftliche 
Compofition.  Es  möge  niemandem  fchwer  fcheinen,  daß 
es  falfche  Schriften  und  falfche  Schriftfteller  geben  follte, 
denn  man  braucht  bloß  die  Augen  aufzumachen,  um  zu  20 
fehen,  daß  es  bei  den  Menfchen  nichts  Gewöhnlicheres 
gibt.  Wer  hat  das  Buch  Judith  verfertigt  und  erfonnen 
und  jene  Gefchichte,  wer  das  dritte  und  vierte  Buch  Efra, 
wer  das  Buch  der  Weisheit  und  viele  andere,  die  man 
nicht  aufzuzählen  braucht?  Denn  auch  die  Gefchichte  25 
jenes  Buches  muß  ich  darunter  rechnen.  Es  fehlt  nicht 
an  falfchen  Schreibern  und  fafelnden  Lügenpropheten; 
denn  auf  alles  erftreckt  fich  die  menfchliche  Schlechtig- 
keit. Wir  haben  Warnungen  vom  Gefetz,  das  uns  ver- 
mahnte und  vorfichtig  machen  wollte.  Wer  fich  an  feine  30 
Wahrheit  hält,  wird  allen  Irrtümern  entgehen.  Endlich  ift 
jene  Lehre,  die  im  Buche  Daniel  gefchrieben  fteht,  eine 
neue  Lehre,  entgegengefetzt  der  des  Gefetzes  und  der  an 
deren  Bücher,  die  feinen  Spuren  folgen.   Darum  werden 


Über   die   Sterblichkeit   der   Seele  97 


wir  uns  überhaupt  nicht  um  fie  kümmern  oder  dürfen 
uns  nicht  um  iie  kümmern. 

Nachdem  wir  dargetan,  daß  der  Menfch  vollkommen 
fterblich  ift,  ift  es  unnötig  darzutun,  was  er  fein  wird  und 
5  daß  ihm  kein  anderes  Leben  zu  leben  bleibt.  Wir  wollen 
nun  fehen,  welche  Übel  und  Übelftände  aus  dem  eht- 
gegengefetzten  Irrtum  fich  ergeben. 

Cap.  25. 

In  dem  die  Irrtümer  und  Übel  dargeflellt  werden, 
10  die  daraus  hervorgehen,  daß  man  die  Seele  des 
Menjchen  für  unßerblich  hält. 

Wie  aus  einer  Ungereimtheit  viele  Ungereimtheiten  zu 
entftehen  pflegen  und  aus  einem  Irrtum  viele  Irrtümer, 
fo  find  aus  diefer  irrigen  Meinung  oder  diefer  Narrheit 

15  über  die  Unfterblichkeit  der  Seele  fo  viele  Irrtümer 
entftanden,  daß  es  nicht  leicht  wäre,  fie  anzugeben. 
Die  Pharifäer,  die  bloß  beftimmten  Seelen  Unfterblichkeit 
gaben,  fowohl  ewige  Seligkeit  als  ewige  Übel,  haben,  um 
diefe  Seelen  nicht  leicht  zu  den  Qualen  zu  verdammen, 

20  gefagt  und  fagen,  wenn  es  gefchehe,  daß  eine  Seele  in 
einem  Körper  Taten  verrichte,  wegen  deren  fie  die  Ver- 
dammnis verdiente,  oder  wenn  ihr  an  der  Erfüllung  eines 
Gebotes  etwas  fehlte,  dann  fchicke  Gott  fie  wieder  in 
einen  zweiten  und  dritten  Körper,  bis  fie,  wie  fie  fagen, 

25  das  Brot  verdiene,  das  fie  im  Himmel  eilen  folle.  Sie  haben 
gleichfalls  einen  Fegefeuerort  eingeführt,  an  dem  die  Seelen 
derer,  die  mittelgut  waren,  fich  von  ihren  Mängeln  reini- 
gen können,  und  zwar  indem  Gott  fie  zu  diefem  Zweck 
oft  degradiert  und  in  Tiere  hineinverfetzt  (lallende  Tiere 

30  müffen  fie  werden),  damit  fie  dort  fich  reinigen.  Da  es 
auf  diefe  Weife  der  Fall  fein  kann,  daß  die  Seele  eines 
Menfchen  in  eine  Kuh  eingeht,  fo  möge,  wenn  jener  Kuh 

Da  Costa  Opera.  7 


98     Über  die   Sterblichkeit   der  Seele 

die  Kehle  abgefchnitten  wird,  es  fo  gefchehen,  daß  fie 
wenig  Schmerz  fühlt.  Die  Tiere  auf  barmherzige  Weife 
abzukehlen,  ift  gut  und  recht,  aber  nicht  aus  diefem 
Grunde.  Wenn  keines  von  diefen  Heilmitteln  genügt, 
und  die  Seele  fo  fchlecht  war,  daß  fie  die  Verdammnis  5 
verdient,  dann  überantwortet  Gott  fie  den  ewigen  Qualen, 
wo  fie  für  immer  in  Höllenpein  lebt  und  darin  bleiben 
muß,  und  ihr  hat  fich  die  Herrlichkeit  umgewandelt, 
die  diefe  Seele  früher  befaß,  als  fie  im  Himmel  weilte, 
wie  fie  fagen,  unter  dem  Sitze  der  Gottheit,  einfältige  10 
Seele,  die  fich  nicht  gut  anzuhalten  verftand  und  die  fich 
in  diefe  Welt  werfen  ließ.  Jetzt  möge  jemand  fie  fragen, 
wer  es  war,  der  ihnen  all  das  gefagt  hat,  da  das  Gefetz 
es  ihnen  nicht  fagte,  oder  worauf  fie  ihre  Ausfprüche 
gründen.  Lügendichter,  neue  Kritiker  der  göttlichen  Ge-  15 
rechtigkeit,  Wundermänner  in  den  Augen  des  Volks,  das 
voller  Bewunderung  auf  fie  hört. 

Den  Irrtümern  folgen  auf  diefe  Weife  weiter  gleich 
noch  andere,  als  da  find,  Gebete  und  Fürbitten  für  die 
Toten  tun,  Opfer  für  fie  darbringen,  um  ihnen  zu  helfen,  20 
fie  früher  der  Pein  des  erdichteten  Fegefeuers  zu  ent- 
ziehen, taufend  Mißbräuche  und  taufendfacher  Aber- 
glauben, wie  man  fie  bei  ihren  Begattungen  anwendet, 
alles  Dinge,  die  das  ächte  Gefetz  und  den  göttlichen 
Cultus  vielfach  verletzen,  der  fich  derartiger  Kindereien  25 
nicht  bedient  noch  daran  Genüge  hat,  die  er  vielmehr 
verwirft  und  verabfcheut. 

Die  Irrtümer  begleiten  wie  ein  notwendiges  Zubehör 
viele  Übel,  denn  es  gibt  keinen  Irrtum,  der  irgend  etwas 
Gutes  gebären  könnte,  und  fo  hat  diefe  Narrheit  in  der  30 
Welt  viele  Narrheit  bewirkt,  zum  Schaden  und  Ver- 
derben derer,  die  ihrer  würdig  waren.  Daher  kam  es,  daß 
viele,  die  gegenwärtigen  Güter  oder  Übel  nicht  achtend, 
durch  die  Ausficht  auf  größere  Übel  neue  Ordnungen 


Über   die   Sterblichkeit   der  Seele 


99 


und  Lebensregeln  einfetzten,  indem  iie  ihren  Körper  ver- 
urteilten und  unterwarfen  unter  die  nicht  geforderten  und 
von  den  Guten  nicht  befolgten  Strengen  und  Härten  des 
Gefetzes,  wie  auf  den  Bergen  zu  wohnen,  fchlecht  zu  effen 
5  und  noch  fchlechter  fich  zu  kleiden,  und  als  den  Höhe- 
punkt einer  folchen  Narrheit,  daß  üe  den  Stand  der  Ehe- 
loiigkeit  für  etwas  Heiligeres  und  Religiöseres  erachteten 
als  die  rechtmäßige,  von  Gottes-  und  der  Natur  wegen 
eingefetzte  Ehe.   Andere  boten  ihre  Seele  den  Mar- 
io tyrien  und  dem  Beile  törichterweife  dar,  und  das  Leben, 
das  vor  alters  die  Väter  fo  hoch  geachtet,  vergeudeten  fie 
und  ließen  üe  wie  Verfchwender  und  Narren  aufs  Gerade- 
wohl und  ohne  Grund,  fo  daß  fie  als  Verrückte  unter 
falfchen  Hoffnungen  und  Verfprechungen,  die  fie  fich, 
15  ohne  Gott  zu  fragen,  felber  machen,  nicht  wiffen,  was  fie 
fuchen,  und  weil  üe  der  gegenwärtigen  Güter  unwürdig 
find,  nicht  verdienen,  daß  der  Herr  iie  ihnen  gibt,  noch 
daß  er  ihnen  die  Erlaubnis  gibt,  fich  ihrer  zu  bedienen. 
Irgend  etwas  Gutes,  das  aus  diefer  falfchen  Meinung  her- 
20  vorgehen  könnte,  gibt  es  dabei  nicht ;  denn  wenn  jene  fagen, 
im  Falle,  daß  es  keine  größeren  Güter  oder  größere  Übel 
gäbe,  fürchteten  die  Menfchen  Gott  nicht,  und  jeder  täte 
nach  feinem  Willen,  fagen  he  nichts.  Viel  mehr  fürchtet 
fich  der  Räuber  vor  dem  Galgen,  den  er  vor  fich  fieht, 
25  als  er  fich  vor  der  Hölle  fürchtet,  die  er  nicht  fieht,  und 
wenn  die  Strafe  zweifelhaft  oder  für  lange  Frift  angedroht 
ift.  Sie  entgegnen,  daß  auch  die  Bedrohten  Brot  eilen. 
So  ift  es  nicht  bei  den  gegenwärtigen  Strafen,  die  in 
kurzer  Frift  heimgezahlt  werden.  Wenn  vielmehr  einer 
30  hingeht  zu  töten  und  man  erinnert  ihn,  daß  man  ihm 
dafür  den  Kopf  abfchlagen  wird,  dann  wird  er  fich  zügeln 
und  nicht  töten ;  wenn  er  fich  aber  nicht  zügelt  aus  Furcht 
vor  den  gegenwärtigen  Übeln,  dann  wird  er  es  noch 
weniger  aus  eingebildeter  Furcht  tun,  bei  der  ihm 

7* 


ioo    Über  die  Sterblichkeit  der  Seele 

immer  Hoffnung  zu  entfchlüpfen  bleibt.  So  vermögen 
die  Urteile  und  Strafen  Gottes  über  die  Menfchen  viel 
mehr,  fie  willfährig  zu  machen,  als  in  der  Zukunft  liegende 
Drohungen,  die  ihre  Erfüllung  in  einem  ungekannten 
Leben  finden  follen.  Es  dient  der  Soldat  im  Krieg,  wo  5 
er  ficherer  Schaden  hat  als  den  Gewinn  in  einem  Lohn, 
der  fo  befçhrânkt  ift,  daß  er  nur  dürftig  davon  leben  kann. 
Beffer  wird  der  Menfch  feinem  Gott  felbft  dienen,  dem  er 
die  Verpflichtung  hat  zu  dienen  und  der  eben  denfelben 
Dienft  unterfchiedlich  bezahlt.  Ein  Dienft,  fo  leicht  daß  10 
er  wie  nichts  erfcheint,  ift  nichts.  Und  jetzt  Ifrael, 
das  den  Herrn,  feinen  Gott  bittet:  Daß  du  nur  den 
Herrn,  deinen  Gott  fürchteß  und  wandelß  auf  allen  feinen 
Pfaden  —  Pfaden  des  Rechtes,  Pfaden  der  Gerechtigkeit, 
angenehme  und  leichte  Pfade,  die  alle,  die  nicht  auf  15 
Martern  erpicht  find,  lieben  und  begehren,  während  dieVer- 
derbten  und  Böfen  darauf  ftraucheln.  Wie  machen  deine 
Worte  meinen  Gaumen  füß  mehr  als  Honig  meinen  Mund. 

Eine  Zeitlang  weilte  ich  in  der  Finßernis.  Hierbei  fehe 
ich  viele  in  Verlegenheit  und  Zweifel  durch  die  Schlingen  20 
falfcher  Schriften  und  Lehren  fabeleriinnender  Menfchen, 
da  fie  nicht  fähig  find,  feften  Stand  zu  gewinnen  und  ein 
Ende  zu  machen  mit  jenem  ewigen  Leben,  das  von  fo 
vielen  fo  hoch  gepriefen  wird  als  ein  Ort,  den  man  in 
Befitz  nehmen  müßte,  obwohl  fie  fehen,  daß  das  Gefetz  25 
über  fo  große  und  wichtige  Dinge  vollkommenes  Still- 
fchweigen  bewahrt.  Aber  feitdem  ich  aus  Liebe  zur 
Wahrheit,  getrieben  durch  die  Furcht  Gottes,  mich 
entfchloß,  die  Menfchenfurcht  zu  verachten  und  zu 
überwinden,  geftützt  allein  auf  meine  Zu  verficht,  wurde  30 
mein  Schickfal  verändert  und  gewandelt.  Denn  Gott 
erleuchtete  meinen  Verftand,  indem  er  mich  aus  allem 
Zweifel  zog  über  die  Dinge,  die  mich  befchwerten,  und 
mich  auf  den  Weg  der  Wahrheit  und  der  Feftigkeit  ver- 


Über   die  Sterblichkeit   der  Seele  ioi 


fetzte,  und  alle  meine  Güter  gediehen  und  wuchfen  in 
den  Augen  der  Menfchen  und  mein  Wohl  wurde  mit  fo 
befonderem  und  ofTenfichtlichem  göttlichen  Beiftand  ge- 
wahrt, daß  die,  die  es  am  wenigften  wollten,  genötigt  und 
5  gezwungen  waren,  es  fo  zu  bekennen.  Ich  lebe  alfo  zu- 
frieden, mein  Ziel  zu  wiffen  und  die  Bedingungen  des 
Gefetzes  zu  kennen,  das  Gott  mir  zu  halten  gab.  Ich 
richte  keine  Türme  im  Wind,  indem  ich  mich  ins  Blaue 
hinein  mit  den  f alfchen  Hoffnungen  erträumter  Güter 

io  ergötze  oder  täufche.  Ebenfo wenig  verftricke  ich  mich  in 
Betrübnis  oder  Verwirrung  durch  die  Furcht  vor  größeren 
Übeln.  Dafür,  daß  ich  ein  Menfch  bin,  was  Gott  mir 
gab,  und  für  das  Leben,  das  er  mir  verlieh,  danke  ich 
ihm  von  Herzen,  denn  da  er  mir,  ehe  ich  ward,  nichts 

15  fchuldig  war,  wollte  er  mich  lieber  zum  Menfchen 
machen  und  nicht  zum  Wurm.  Was  mich  in  Wa'hrheit 
am  meiften  in  diefem  Leben  befchwerte  und  quälte,  war, 
daß  ich  mir  eine  Zeitlang  vorftellte  und  einbildete,  es  gebe 
für  den  Menfchen  ein  ewiges  Gut  und  ein  ewiges  Übel, 

20  und  je  nachdem,  wie  er  gehandelt,  werde  er  das  Gut  oder 
das  Übel  genießen.  Wenn  mir  damals  aufgegeben  worden 
wäre  zu  wählen,  hätte  ich  ohne  Zögern  erwidert,  daß  ich 
einen  fo  gewagten  Gewinn  nicht  möchte,  und  daß  ich 
mich  lieber  damit  begnügte,  weniger  zu  gewinnen.  Gott 

25  ließ  eben  diefe  Meinungen  zu,  um  die  Ge wiffen  derer  zu 
peinigen,  die  von  ihm  und  feiner  ächten  Wahrheit  fich 
fchieden.  Damit  machen  wir  ein  Ende  in  der  weiteren 
Darlegung  von  Fällen,  in  denen  die  falfche  Überlieferung 
in  fchlimmer  Weife  von  der  Wahrheit  und  dem  rechten 

30  Weg  des  Gefetzes  iich  fchied,  um  es  zu  entfchuldigen, 
wenn  ich  den  angeklagten  Feinden  einen  größeren  Prozeß 
machte,  indem  ich  durch  die  Darlegungen  die  erfte  und 
Hauptgrundlage  unferer  Thefe,  wie  fie  fchon  vorher  im 
7.  Capitel  aufgeftellt  wurde,  für  wohlbewiefen  halte.  Und 
nun  gehen  wir  dazu  über,  einige  Gefchichten  zu  erzählen. 


EXEMPLAR  HUMAN AE  VITAE  /  EIN 
BEISPIEL  MENSCHLICHEN  LEBENS 


J 


Atus  fum  ego  in  Portugalliâ,  in  civitate  ejuf- 
dem  nominis,  vulgò  Porto.  Parentes  habui  ex 
ordine  nobilium,  qui  à  Judseis  originem  tra- 
hebant,  ad  Chriftianam  relligionem,  in  illo 
regno,  quondam  per  vim  coactis.  Pater  meus 
verè  erat  Chriftianus,  vir  honoris  obfervantifiimus,  &  qui 
honeftatem  plurimi  faciebat.  In  domo  ejus  fui  ego  honeftè 
educatus.  Servi  non  deerant,  nec  in  equili  equus  nobilis 
Hifpanus  ad  equeftrum  exercitationem,  cujus  pater  meus 
io  erat  peritiffimus ;  &  ego  ejus  veftigia  à  longè  imitabar. 
Aliquibus  artibus  tandem  inftructus,  quibus  folent 
honefti  pueri,  juris-prudentiae  operam  dedi.  Quod  ad 
ingenium  &  naturales  affectüs  attinet,  eram  ego  natu- 
raliter  valdè  pius  &  ad  mifericordiam  ità  propenfus,  ut, 
15  fi  quando  alienae  calamitatis  narrabatur  eventus,  nullo 
modo  pofíem  lachrymas  continere.  Pudor  mihi  adeò 
erat  innatus,  ut  nihil  magis  timerem,  quam  ignominiam. 
Animus  nullo  modo  ignobilis,  nec  ab  irâ  deftitutus,  íi 
occafio  jufta  poftulabat.  Itaque  fuperbis  &  infolentibus, 
20  qui  per  contemptum,  Sc  vim  folent  aliis  injuriam  inferre, 
verè  eram  contrarius,  iníirmorum  partes  adjuvare  cupiens, 
&  illis  potius  me  focium  adjungens.  Circa  religionem 
paffus  fum  in  vitâ  incredibilia.  Inftitutus  fui,  quem- 
admodum  mos  eft  illius  regni,  in  religione  Chriftianâ 
25  Pontifícia;  &  cum  jam  effem  adolefcens  ac  valdè  time- 
rem damnationem  aeternam,  cupiebam  exactè  omnia 
obfervare.  Vacabam  lectioni  Evangelii,  &  aliorum  libro- 
rum  fpiritualium,  fummas  confeífariorum  percurrebam, 


io6        Exemplar   Humane  Vitíe 

&  quo  magis  iftis  incumbebam,  eo  major  difficultas 
mihi  oriebatur.  Tandem  incidi  in  inextricabiles  perplexi- 
tates,  anxietates  &  anguftias.  Mcerore  &  dolore  confu- 
mebar.  Impoffibile  mihi  vifum  eft  peccata  confiteri 
more  Romano,  ut  dignam  pofíem  abfolutionem  impe-  5 
trare,  &  omnia  implere,  quae  poftulabantur ;  &  per  con- 
fequens  de  falute  defperavi,  Fi  illa  talibus  canonibus 
paranda  erat.  Quia  verò  difficile  religio  poterat  deferi,  cui 
à  primis  incunabilis  afíuetus  fueram,  &  quae  per  fidem 
altas  jam  radices  egerat,  in  dubium  vocavi  (accidit  hoc  10 
mihi  circa  vigeíimum  fecundum  aetatis  annum),  pofíetne  fie- 
ri,  ut  ea,  quae  de  altera  vitâ  dicebantur,  minus  vera  effent, 
&  utrum  fides  talibus  data  benè  cum  ratione  conveniret ; 
liquidem  ipfa  ratio  multa  dictabat,  &  perpetuo  infmuabat 
in  aurem,  quae  valdè  erant  contraria.  Hoc  in  dubium  15 
vocato  animo,  quievi,  &  quicquid  efíet,  tandem  ftatuebam 
me  non  pofíe  tali  viâ  incedendo  falutem  animae  aflequi. 
Per  hoc  tempus  Juris,  ut  dixi,  ftudio  vacabam,  &  cum 
annum  agerem  vigefimum  quintum,  oblata  occaíione,  im- 
petra vi  beneficium  Ecclefiafticum,  nempe  dignitatem  the-  20 
faurarii  in  collegiatâ  Ecclefiâ. 

Cum  verò  in  Chriftianâ  Religione  Pontificiâ  quietem  non 
inveniffem,  &  cuperem  alicui  inhaerere,  fciens  magnam 
efíe  inter  Chriftianos  &  Judaeos  contentionem,  percurri 
libros  Mofis,  &  Prophetarum,  ubi  aliqua  inveni,  quae  novo  25 
foederi  non  parum  contradicebant,  &  minus  habebant 
difficultatis  ea,  quae  à  Deo  dicebantur.  Praeterea  veteri 
foederi  fidem  dabant  tarn  Judaei,  quam  Chriiliani,  novo 
autem  Foederi  foli  Chriftiani.  Tandem  Moii  credens  judi- 
cavi  me  debere  legi  parere,  quandoquidem  ille  omnia  fe  30 
accepiíTe  à  Deo  afferebat,  fimplicem  fe  internuncium  decla- 
rans,  ab  ipfo  Deo  ad  id  munus  vocatum,  aut  potius  coac- 
tum  (ita  decipiuntur  parvuli).  Poíitâ  hac  deliberatione, 
quia  non  erat  liberum  praedictam  religionem  in  illo  regno 


Exemplar   Humane   Vit^e  107 

aliquo  modo  profiteri,  cogitavi  de  mutando  domicilio, 
próprios  &  nativos  relinquendo  lares.  Ad  eum  finem  non 
dubitavi  beneficium  iftud  Eccleíiafticum  in  favorem  alte- 
rius  reíignare,  nihil  curans  utilitatem  vel  honorem  ex  eâ 
5  provenientem  fecundum  morem  gentis  illius.  Pulchram 
et  iam  domum  reliqui  in  óptimo  civitatis  loco  pofitam, 
quam  pater  meus  aedificaverat .  Itaque  na  vem  adfcen- 
dimus  non  fine  magno  periculo  (non  licet  Ulis,  qui  ab 
Hebraeis  originem  ducunt  à  regno  difcedere  fine  fpeciali 

10  Régis  facultate),  mater  mea  &  ego  cum  fratribus  meis, 
quibus  ego  fraterno  amore  motus  ea  communicaveram, 
quae  mihi  fuper  religione  vifa  fuerant  magis  confentanea, 
licet  fuper  aliquibus  dubitarem :  quod  quidem  in  magnum 
malum  meum  poterat  recidere,  tantum  eft  in  eo  regno. 

15  periculum  de  talibus  loqui.  Tandem  peractâ  navigatione 
Amftelodamum  appulimus,  ubi  invenimus  Judaeos  liberè 
agentes ;  &  ad  implendum  legem  praeceptum  de  circum- 
cifione  ftatim  implevimus. 
Tranfactis  paucis  diebus  expertus  fum  mores  &  ordina- 

20  tiones  Judaeorum  minimè  convenire  cum  iis,  quae  à  Mofe 
praecepta  funt.  Si  verò  lex  obfervanda  erat  puré,  quod 
&  ipfa  petit,  malè  qui  dicuntur  Judaeorum  Sapientes  tot 
invenerant  à  lege  omninò  abhorrentia.  Itaque  non  potui 
me  continere,  imò  gratam  rem  Deo  me  facturum  puta  vi, 

25  íi  liberè  legem  defenderem.  Sapientes  ifti  Judaeorum,  qui 
nunc  funt,  &  mores  fuos,  ac  ingenium  malignum  adhuc 
retinent,  pro  fectâ  &  inftitutionibus  deteftandorum  Phari- 
zeorum  ftrenuè  certantes,  non  fme  fpe  proprii  lucri,  & 
quemadmodum  illis  aliás  benè  fuit  imputatum,  ut  primas 

30  cathedras  in  templo,  primas  falutationes  in  foro  habeant, 
nullo  modo  paffi  funt,  ut  nec  in  minimis  rebus  ab  illis 
difcederem,  fed  per  omnia  veftigia  eorum  inviolabiliter 
fequerer;  fin  minus,  minati  funt  feparationem  à  con- 
gregatione  &  communicatione  omnium,  tarn  in  divinis, 


io8        Exemplar    Humane   Vi  t  ü 

quam  in  humanis.  Quia  vero  minimè  decebat,  ut  propter 
talem  metum  terga  verteret  ille,  qui  pro  libertate  natale 
folum,  &  utilitates  alias  contempferat,  &  fuccumbere 
hominibus,  prsefertim  juris-dictionem  non  habentibus,  in 
tali  caufâ  nec  pium,  nec  virile  erat,  decrevi  potius  omnia  5 
perferre  &  in  fententiâ  perdurare.  Itaque  excommuni- 
catus  fui  per  illos  ab  omnium  communicatione,  &  ipii 
Fratres  mei,  quibus  ego  antea  praeceptor  fueram,  me  tran- 
fibant,  nec  in  plateâ  falutabant  propter  metum  illorum. 

His  ita  fe  habentibus,  deliberavi  librum  fcribere,  in  quo  10 
juftitiam  caufae  meae  oftenderem,  &  apertè  probarem  ex 
ipfâ  lege  vanitatem  eorum,  quae  Pharifaei  tradunt  &  obfer- 
vant,  &  repugnantiam,  quam  cum  lege  Mofis  traditiones 
&  inftitutiones  eorum  habent.  Poft  caeptum  opus  accidit 
etiam  (oportet  omnia  planè  &  verè,  quemadmodum  evene-  15 
runt,  enarrare)  ut  cum  refolutione  &  conftanti  delibera- 
tione  accederem  fententiae  illorum,  qui  legis  veteris  prae- 
mium  &  pcenam  definiunt  temporalem,  &  de  alterâ  vitâ 
&  immortalitate  animorum  minimè  cogitant,  eo  praeter 
alia  nixus  fundamento,  quod  praedicta  Lex  Mofis  omninò  20 
taceat  fuper  his,  &  nihil  aliud  proponat  obfervantibus  & 
transgrefforibus,  quam  praemium,  aut  pcenam  tempora- 
lem. Valdè  laetati  funt  hoftes  mei,  fimulatque  intellexerunt 
me  in  talem  opinionem  devenifle,  exiftimantes,  fe  fatis 
amplam  defenfionem  apud  Chriftianos  per  hoc  folum  25 
adeptos  fuiffe,  qui  ex  fpeciali  fide  in  lege  Euangelii  fun- 
datâ,  ubi  expreífè  mentio  fit  de  aeterno  bono  &  fupplicio, 
animas  immortalitatem  &  credunt,  &  agnofcunt.  Hac 
intentione  ducti,  &  ut  mihi  os  in  caeteris  obturarent,  ac 
odiofum  redderent  inter  ipfos  Chriftianos,  antequam  Über  3° 
ifte  meus,  quem  fcripferam,  typis  mandaretur,  libellum  in 
lucem  ediderunt  opera  cujufdam  Medici,  cui  infcriptio 
erat :  De  Immortalitate  Animarum.    In  hoc  libello  Medicus 
ifte  copiosè  me  lacerabat,  quafi  Epicuri  partes  tuentem 


Exemplar    Humane   Vi  t  i  109 

(per  hoc  tempus  malè  ego  de  Epicuro  fentiebam,  &  contra 
abfentem  &  inauditum  ex  aliorum  iniquâ  relatione  fenten- 
tiam  temerè  proferebam ;  poftquam  vero  aliquorum  veri- 
tatis  amantium  de  illo  judicium,  &  doctrinam  ejus  ut 
5  erat,  intellexi,  doleo,  quod  aliquando  talem  virum  amentem 
&  infanum  pronunciavi,  de  quo  etiam  nunc  non  poffum 
plenè  judicare,  cum  ejus  fcripta  mihi  fint  incógnita) :  qui 
enim  immortalitatem  animarum  negabat,  parum  aberat, 
quin  Deum  abnegaret.  Pueri  iftorum,  à  Rabbinis  &  paren- 

10  tibus  edocti,  turmatim  per  plateas  conveniebant,  &  elatis 
vocibus  mihi  maledicebant,  &  omnigenis  contumeliis  irri- 
tabant,  haereticum  &  defectorem  inclamantes.  Aliquando 
etiam  ante  fores  meas  congregabantur,  lapides  jaciebant, 
&  nihil  intenta  tum  relinquebant,  ut  me  turbarent,  ne 

15  tranquillus  etiam  in  domo  propriâ  agere  poffem.  Poft- 
quam libellus  ille  contra  me  fuerat  editus,  para  vi  me  ego 
ftatim  ad  defeniionem,  &  alium  libellurn  huic  contrarium 
fcripfi,  immortalitatem  impugnans  omnibus  viribus,  aliqua 
obiter  eorum  percurrens,  in  quibus  Pharifei  à  Mofe  rece- 

20  dunt.  Simulatque  libellus  ifte  in  lucem  prodiit,  convenere 
Senatores  &  Magiftratus  Judaicus,  &  de  me  accufationem 
propofuerunt  apud  Magiftratum  publicum:  dicentes  me 
talem  librum  fcripfiffe,  in  quo  immortalitatem  animorum 
negabam,  nec  folum  illos  laedebam,  fed  etiam  Chriftianam 

25  religionem  convellebam.  Ex  hac  eorum  delatione  fui 
ego  ad  carcerem  vocatus,  &  cum  ibi  fuiffem  per  dies  octo 
aut  decem,  folutus  fui  fub  cautione :  Mulctam  enim  Praetor 
à  me  poftulabat,  &  tandem  condemnatus  fum,  ut  Uli  fol- 
verem  florenos  trecentos  cum  amifiione  librorum. 

30  Poft  haec  temporis  decurfu,  cum  experientia  &  anni 
multa  patefaciant,  ac  per  confequens  mutent  hominis 
judicium  (liceat,  ut  dixi,  liberè  loqui,  quare  enim  non 
liceret  ei,  qui  quafi  teftamentum  conficit,  ut  hominibus 
relinquat  vitae  rationem,  &  humanarum  calamitatum 


no       Exemplar   Humane  Vitíe 

Exemplum  verum,  faltem  in  morte  vera  enarrare?)  in 
dubium  vocavi,  utrum  Lex  Mofis  deberet  pro  Dei  lege 
haberi;  multa  enim  erant,  quae  contrarium  fuadebant, 
aut  potius  cogebant  dicere.  Tandem  ftatui  legem  Mofis 
non  effe,  fed  tantum  inventum  humanuni,  quemadmodum  5 
alia  innumera  in  mundo  fuerunt :  Multa  enim  pugnabant 
cum  lege  naturae,  &  non  poterat  Deus  autor  naturse  con- 
trarius effe  fibi  ipii,  &  effet  fibi  contrarius,  fi  contraria 
naturae  hominibus  facienda  proponeret,  cujus  autor  dice- 
batur.  Hoc  ita  apud  me  definito,  dixi  mecum:  quse  10 
utilitas  (utinam  nunquam  talis  cogitatio  fubiiffet  in  ani- 
mum  meum),  fi  ufque  ad  mortem  in  hoc  ftatu  durem, 
feparatus  à  communione  patrum  iftorum,  &  populi  iftius, 
maxime  cum  advena  fim  in  his  regionibus,  nec  familiari- 
tatem  cum  civibus  habeam,  quorum  etiam  ignoro  fermo-  15 
nem?  Satius  erit  in  communionem  eorum  venire,  & 
eorum  fequi  veftigia,  quemadmodum  volunt,  fimiam,  ut 
ajunt,  inter  fimias  agendo.  Hâc  motus  confideratione  redii 
in  communionem  iftorum,  dicta  mea  retractans,  &  illorum 
placitis  fubfcribens,  annis  quindecim  jam  tranfactis,  qui-  20 
bus  ab  illis  feparatus  egeram.  Fuit  autem  velut  inter- 
nuntius  hujus  concordiae  quidam  amitinus  meus. 

Tranfactis  diebus  aliquot  delatus  fui  per  quendam 
puerum,  filium  Sororis  meae,  quem  domi  habebam,  fuper 
cibis,  modo  parandi,  &  aliis,  ex  quibus  apparebat  me  25 
Judaeum  non  effe.  Propter  hanc  delationem  nova  &  acerba 
bella  exorfa  funt:  Nam  amitinus  ille  meus,  quem  inter- 
nuntium  dixi  concordiae  fuiífe,  exiftimans  in  opprobrium 
illius  recidere  factum  meum,  cum  fuperbus  valdè  eíTet  & 
arrogans,  imprudens  admodum,  &  admodum  etiam  impu-  30 
dens,  bellum  contra  me  aper  tum  exorfus  eft,  &  poft  fe 
ducens  omnes  fratres  meos,  nihil  reliquit  intentatum,  quod 
ad  deilructionem  &  diffipationem  honoris  mei,  facultatum, 
&  per  confequens  vitae,  poffit  aliquid  opis  conferre.  Ifte 


Exemplar    Human^e   Vi  t  íe  iii 

impedivit  nuptias,  quas  jam  jam  eram  contracturus ;  hoc 
enim  tempus  orbatus  eram  uxore.  Is  fecit,  ut  frater  qui- 
dam  meus  retineret  bona  mea,  quae  in  manibus  habebat, 
&  commercium,  quod  inter  nos  erat,  pervertit ;  quod  mihi 
5  adeò  nocuit  propter  ftatum,  in  quo  tunc  res  meae  erant, 
ut  vix  dici  pofiit.  Nunc  fatis  fit  dicere,  hunc  mihi  fuiffe 
infeftifiimum  hoftem  contra  honorem,  contra  vitam,  contra 
bona.  Praeter  hoc  bellum  domefticum,  ut  ita  dicam,  aliud 
erat  publicum  bellum,  nempe  Rabbinorum  &  populi,  qui 

10  novo  odio  me  odifle  caeperunt,  &  multa  impudenter  in 
me  commiferunt,  quos  ideò  mérito  faftidiebam.  Inter 
haec  accidit  adhuc  aliud  novum:  Nam  fortè  fortunâ  fer- 
monem  habui  cum  duobus  hominibus,  qui  ex  Londino 
in  hanc  civitatem  venerant,  Italo  uno,  altero  vero  Hifpano, 

15  qui  Chriftiani  cum  effent,  nec  ex  Judseis  originem  ducerent, 
inopiam  indicantes,  confilium  à  me  poftularunt  fuper 
ineundâ  eum  Judaeis  focietate,  &  tranfeundo  in  religionem 
illorum.  His  ego  confului,  ne  tale  quid  facerent,  fed  potius 
ita  manerent :  nefciebant  enim,  quäle  jugum  fuis  cervicibus 

20  imponebant.  Interim  monebam  eos,  ne  Judaeis  aliquid 
meo  nomine  indicarent;  quod  &  illi  promiferunt.  Maligni 
homines  ifti,  intenti  ad  turpe  lucrum,  quod  indè  fe  per- 
cepturos  fperabant,  gratiarum  loco,  omnia  aperuerunt 
Pharifeis  chariffimis  amicis  meis.  Tunc  congrega  ti  funt 

25  príncipes  Synagogae,  exarferunt  Rabbini,  &  petulans  turba 
clama vit  voce  magnâ,  crucifige,  crucifige  eum.  Vocatus 
fum  ad  confilium  magnum,  propofuerunt  ea,  quae  contra 
me  habebant,  fubmiffâ  &  trifti  voce,  quafi  de  vitâ  ageretur ; 
&  tandem  pronuntiarunt,  debere  me,  fi  Judaeus  eram, 

30  illorum  exfpectare  &  implere  Judicium:  quod  fi  non,  ex- 
communicandus  iterum  eram.  O  egregii  judices,  qui  qui- 
dem  judices  eftis,  ut  mihi  noceatis,  fi  verò  ego  indigeam 
judicio  veftro,  ut  me  liberetis  ab  alicujus  violentiâ  &  illae- 
fum  fervetis,  tunc  judices  non  eftis,  fed  fervi  viliffimi,  alieno 


ii2        Exemplar    Humaníe   Vi  t  ä 

fubjecti  império;  quod  eft  veftrum  judicium,  cui  vultis,  ut 
ego  paream?  Tunc  praelectus  eft  libellus,  in  quo  contine- 
batur,  debere  me  vefte  lugubri  indutum  Synagogam  intra- 
re,  cereum  nigrum  in  manu  tenentem,  &  certa  qusedam 
verba,  per  illos  fcripta,  foeda  fatis,  palam  coram  concione  5 
evomere,  quibus  iniquitates  iftas,  quas  commiferam,  ufque 
in  ccelum  efferebant.  Poft  hsec  debebam  pati  publicè  in 
Synagogâ  flagellari  coreaceo  flagello,  ceu  ligaculo;  deinde 
in  ipfius  Synagogae  limine  me  profternere,  ut  omnes  fuper 
me  tranfirent,  &  certis  infuper  diebus  jejunare.  Perlecto  10 
libello  exarferunt  vif  cera  mea,  &  interius  irâ  flagrabam 
inextinguibili ;  continens  tarnen  me,  fimpliciter  refpondi, 
non  pofíe  talia  implere.  Audito  refponfo,  deliberarunt  me 
iterum  à  communione  feparare,  nec  eo  contenti,  multi 
eorum  tranfeunte  me  in  plateâ  fpuebant,  quod  etiam  &  15 
pueri  illorum  faciebant,  ab  illis  edocti:  tantum  non  lapi- 
dabar,  quia  facultas  deerat.  Duravit  item  pugna  ifta  per 
annos  feptem,  intra  quod  tempus  incredibilia  paffus  fum: 
Duo  enim  agmina,  ut  dixi,  pugnabant  contra  me,  agmen 
unum  populi,  &  alterum  propinquorum,  qui  ignominiam  20 
meam  quaerebant,  ut  vindictam  de  me  fumerent.  Ifti  non 
quieverunt,  donec  me  à  ftatu  priori  dejicerent :  Dixerunt 
enim  inter  fe,  non  faciet  quicquam  nifi  coactus,  &  debet 
cogi.  Si  aegrotabam,  folus  segrotabam.  Si  aliquod  aliud 
onus  incumbebat,  hoc  inter  fibi  valdè  optata  expetebant.  25 
Si  dicebam,  ut  efíet  aliquis  judex  ex  medio  ipforum,  qui 
inter  nos  judicaret,  nihil  minus.  Agere  coram  Magiftratu 
de  talibus  rebus,  quod  etiam  caepi  tentare,  res  erat  valdè 
molefta.  Longa  enim  erat  via  lites  perfequi  in  judicio,  cui, 
praeter  multa  alia  onera,  tot  dilationes  &  procraftinationes  3° 
inhaerent.  Dixerunt  ifti  faepius,  fubjice  te  nobis,  omnes 
enim  patres  fumus,  nec  putes  aut  timeas  nos  tecum  fcedè 
acturos.  Die  jam  femel  paratum  te  efíe,  omnia  implere, 
quae  nos  tibi  impofuerimus,  &  tunc  relinque  nobis  exitum 


Exemplar    Humane   V  i  r  m  113 

rei,  nos  enim  omnia  faciemus,  quemadmodum  decet.  Ego, 
licet  fuper  hoc  ipfo  quaeftio  vertebatur,  &  talis  fubjectio  & 
acceptio,  per  vim  extorta,  mihi  erat  valdè  ignominiofa, 
tarnen,  ut  rem  ufque  ad  finem  perducerem,  &  exitum  ejus 
5  oculis  comprobarem,  meipfum  devici,  conftanter  deli- 
berans,  omnia,  quae  vellent,  acceptare  &  experiri.  Si  enim 
fceda  mihi  imponerentur  &  inhonefta,  caufam  meam  contra 
ipfos  magis  juftificabant,  &  palam  faciebant,  quinam  illo- 
rum  erga  me  erat  animus,  quae  fides  in  ipfis.  Et  tandem 

10  palam  fiebat,  quam  fcedi  &  execrandi  fmt  hujus  gentis 
mores,  qui  honeftifíimis  hominibus,  quafi  vilifiimis  manci- 
piis,  ita  fcedè  abutuntur.  Ergo,  dixi,  omnia  implebo,  quae- 
cunque  mihi  impofueritis.  Nunc  animum  .mihi  praebete, 
quicunque  honefti,  prudentes  &  humani  eftis,  &  defixis 

15  mentis  oculis  iterum  atque  iterum  expendite,  quäle  judi- 
cium  ifti  in  me  exercuerunt,  particulares  homines  alienae 
poteftati  fubjecti,  iine  ullo  peccato  meo. 

Intra  vi  Synagogam,  quae  hominibus  &  mulieribus  plena 
erat,  convenerant  enim  ad  fpectaculum,  &  quando  tempus 

20  fuit  adfcendi  fuggeftum  ligneum,  quod  eft  in  medio  Syna- 
gogae  ad  concionandum,  &  alia  officia,  &  clarâ  voce  per- 
legi  fcripturam  ab  illis  exara  tarn,  in  quâ  continebatur 
confeffio,  me  fcilicet  dignum  eile,  millies  mori  propter  ea, 
quae  commiferam,  nempe  violationem  Sabbathi,  fidem  non 

25  fervatam,  quam  in  tantum  viola  vi,  ut  etiam  aliis  fuaíifíem, 
ne  Judaifmum  intrarent,  &  pro  quorum  fatisf actione 
illorum  ordinationi  parere  volebam,  &  ea  implere,  quae 
mihi  effent  impoiita,  promittens  de  reliquo  in  iimiles  ini- 
quitates  &  fcelera  non  reincidere.  Peractâ  lectione  defcendi 

30  à  fuggeftu,  &  acceffit  ad  me  Sacra tifiimus  praefes,  fufur- 
rans  mihi  in  aurem,  ut  diverterem  ad  angulum  quendam 
Synagogae.  Contuli  me  ad  angulum,  &  dixit  mihi  janitor, 
ut  me'  nudarem.  Nudavi  corpus  ad  cincturam  ufque, 
linteum  capiti  fubligavi,  calceos  depofui,  &  brachia  erexi, 


Da  Costa  Opera. 


3 


ii4        Exemplar    Humane  VitjE 

manibus  tenens  quandam  quafi  columnam.  Acceffit  janitor 
ille,  &  manüs  meas  ad  columnam  illam  quâdam  fafciâ 
colligavit.  His  ita  peractis  acceffit  praecentor,  &  accepto 
corio  percufíit  latera  mea  triginta  &  novem  percufíionibus 
fecundum  traditionem :  nam  judicium  Legis  eft,  ut  nume-  5 
rus  quadragenarium  non  excedat,  &  cum  viri  ifti  adeo 
religiofi,  &  obfervantes  fint,  cavent  Tibi,  ne  contingat,  ut 
peccent  excedendo.  Inter  percutiendum  pfalmus  decan- 
tabatur.  Hoc  impletur,  humi  fedi,  &  acceffit  concionator, 
ceu  fapiens  (quam  ridiculae  funt  res  mortalium),  qui  me  ab  10 
excommunicatione  abfolvit,  &  ita  jam  porta  Cceli  mihi  erat 
aperta,  quae  antea  fortiffimis  feris  claufa  me  à  limine  & 
ingreffu  excludebat.  Poft  haec  indui  veftes,  &  abii  ad 
limen  Synagogae,  proftravi  me,  &  cuftos  ipfius  fuftentabat 
caput  meum.  Tunc  omnes,  qui  defcendebant,  tranfibant  15 
fuper  me,  fcilicet  elevabant  pedem  unum,  &  tranfibant 
ad  inferiorem  partem  crurum  meorum;  quod  omnes  tarn 
pueri,  quam  fenes  fecerunt  (nullae  funt  fimiae,  quae  actiones 
magis  abfonas,  aut  geftüs  magis  ridendos  hominum  oculis 
poffint  exhibere):  &  peracto  opere,  quando  jam  nullus  20 
reftabat,  furrexi  è  loco,  &  mundatus  à  pulvere  per  illum, 
qui  mihi  affiftebat  (nemo  jam  dicat  iftos  me  non  honoraffe, 
fi  enim  me  flagro  percufferunt,  lugebant  tarnen,  &  demul- 
cebant  caput  meum)  domum  me  contuli.  O!  impudentif- 
fimi  omnium  hominum.  O!  patres  execrandi,  à  quibus  25 
non  erat  timendum  fcedum  quidquam!  Hoc  te  percu- 
tiemus?  dicebant,  abfit  hoc  cogitare.  Judicet  nunc  qui 
haec  audierit,  quäle  eilet  fpectaculum,  videre  hominem 
fenem,  for  tis  non  abjectae,  naturaliter  verecundum  fuper 
omnem  modum,  in  concione  publicâ  coram  omnibus  tarn  30 
viris  quam  mulieribus  &  pueris  nudatum,  &  flagro  caefum 
ex  mandato  judicum,  &  talium  judicum,  qui  fervi  potius 
abjecti,  quam  judices  funt.  Confideret,  qualis  dolor 
cadere  ad  pedes  infeftiffimorum  hoftium,  à  quibus  tot 


Exemplar    Humane   V  i  t  m  115 

mala,  tot  injuria?  acceptae  fmt,  &  fe  conculcandum  pro- 
fternere.  Cogitet  (quod  majus  eft,  &  miraculum  porten- 
tofum,  ac  monftrum  horrendum,  cujus  intuitum  &  fcedi- 
tatem  exhorrefcas  &  fugias  dici  merito  poteft)  fratres 
5  naturales  &  uterinos,  ex  eodem  patre  &  matre  genitos, 
in  eâdem  domo  fimul  educatos,  in  hunc  finem  omnem 
operam  impendiffe,  oblitos  dilectionis,  quâ  à  me  fuerunt 
perpetuo  dilecti,  mihi  enim  erat  hoc  proprium  &  nativum, 
Sc  oblitos  multorum  beneficiorum,  quae  per  me  in  vitâ 
10  acceperant,  quorum  loco  pro  retributione  habui  igno- 
miniam, damnum,  mala,  tot  foeda  &  nefanda,  ut  referre 
pudeat. 

Dicunt  nunquam  fatis  deteftandi  ofores  mei,  fe  ad 
aliorum  exemplum  juftè  de  me  pcenas  fumpfiffe,  ne  dein- 

15  ceps  aliquis  audeat  fe  opponere  ipforum  placitis,  &  contra 
fapientes  fcribat.  O  fceleratiffimi  mortalium  &  totius 
mendacii  parentes!  quanto  juftius  poffem  ego  de  iftis 
pcenas  fumere  ad  exemplum,  ne  deinceps  talia  auderetis 
impudenter  contra  viros  veritatis  amantes,  ofores  frau- 

20  dum,  totius  humani  generis  indiff  erenter  amicos,  cujus  vos 
communes  hoftes  eftis,  cum  omnes  gentes  pro  nihilo 
aeftimetis,  &  inter  beftias  numeretis,  vos  autem  folos  in 
caelum  ufque  efferatis  protervè,  vobis  ipiis  mendaciis  blan- 
dientes,  cum  nihil  habeatis,  de  quo  verè  gloriari  pofiitis; 

25  niíi  fortè  gloria  vobis  eft  exulare,  ab  omnibus  contemni  & 
odio  haberi,  propter  ridiculos  &  exquifitos  veftros  mores, 
quibus  à  caeteris  hominibus  feparari  vultis.  Si  enim  de 
fimplicitate  vitae  Sc  juftitiâ  gloriari  velitis,  vae  vobis,  qui 
non  obfcurè  multis  inferiores  in  his  apparebitis.  Dico 

30  igitur,  potuiífe  me  juftè,  íi  vires  adeífent,  de  iftis  fumere 
vindictam  pro  gravi ffimis  malis,  &  atrociffimis  injuriis,  qui- 
bus me  repleverunt,  Sc  propter  quae  vitam  meam  exofus 
fum.  Quis  enim  honefti  amans  libenter  fuftineat  vitam 
vivere  ignominiofam  ?  Et  ut  aliquis  bene  dixit,  aut  bene 


nó       Exemplar   Hüman/e  Vitje 

vivere,  aut  honeftè  mori,  ingenuum  decet.  Tanto  autem 
juftior  eft  caufa  mea  caufâ  iftorum,  quantum  veritas  prae- 
cellit  mendacio.  Ifti  pro  mendacio  contendunt,  ut  homines 
capiant  &  fervos  faciant :  ego  verò  pro  veritate  &  naturali 
hominum  libertate,  quos  magis  decet,  à  falfis  fuperftitio-  5 
nibus  &  ritibus  vanifiimis  liberos,  vi  tarn  agere  hominibus 
non  indignam.  Fateor  magis  ex  re  meâ  fuiíTe,  fi  à  prin- 
cipio tacuiffem,  &  agnofcens  ea,  quse  in  mundo  fiunt,  potius 
filerem ;  ita  enim  expedit  iis,  qui  inter  homines  acturi  funt, 
ne  à  multitudine  ignarâ  vel  à  tyrannis  injuftis  opprimantur,  10 
ut  fieri  folent :  unusquifque  enim  commodis  fuis  confulens 
veritatem  ftudet  opprimere,  &  laqueos  parvulis  tendens, 
juftitiam  fub  pedibus  terit;  tarnen  poftquam  incautus  à 
vanâ  religione  deceptus  in  arenam  cum  iftis  prodii,  fatius 
eft  cum  laude  occumbere,  vel  faltem  fine  dolore  mori,  qui  15 
turpis  fugae,  aut  ineptse  patientiae  in  honeftis  hominibus 
comes  eft.  Solent  ifti  pro  fe  allegare  multitudinem.  Tu 
unus  nobis,  qui  multi  fumus,  debes  cedere.  Amici,  utile 
quidem  eft,  ut  unus  multis  cedat,  ne  ab  illis  lanietur;  fed 
non  omne,  quod  utile  eft,  pulchrum  ftatim  eft.  Pulchrum  20 
profectò  non  eft,  cum  ignominiâ  dif cedere,  ac  violentis  & 
injuftis  trophaeum  relinquere.  Debetis  igitur  fateri,  vir- 
tutem  effe  laude  dignam,  fuperbis  refiftere,  quantum  fieri 
poffit,  ne  malè  facientes  &  utilitatem  ex  malitiâ  capientes 
indies  magis  fuperbiant.  Pulchrum  quidem  eft,  &  viro  pio  25 
ac  generofo  dignum,  cum  parvulis  parvulum  eíTe,  cum 
ovibus  ovem;  ftultum  autem,  ignominiai  &  reprehenfioni 
obnoxium,  cum  leonibus  in  conflictu  manfuetudinem  o  vis 
induere.    Quod  fi  inter  res  pulcherrimas  habetur  pro 
patriâ  pugnare  ufque  ad  necem,  quia  pátria  eft  aliquid  30 
noftrum,   quare  pulchrum  non  eilet  pro  propriâ  hone- 
ftate,  quae  propriè  noftra  eft,  &  fine  quâ  bene  vivere  non 
poíTumus,  niíi  fortè  tanquam  porei  fcediffimi  volutemur  in 
fcediffimo  luto  lucri.   Sed  dicunt  nefarii  illufores  mei, 


Exemplar    Humane   Vi  t  íe  117 

totum  jus  fuum  in  multitudine  conftituentes,  quid  tu 
unus  contra  tarn  muitos  poffes?  Fateor,  &  lugeo  me  à 
multitudine  veftrâ  oppreffum  eile;  tarnen  propter  cogi- 
tationes  iftas,  &  fermones  veftros,  aeftuat  magis  ira  in  prae- 
5  cordiis  meis,  &  clamat,  impium  effe  erga  impios,  fuperbos, 
contumaces,  &  perfeverantes,  pietate  uti.  Unum  dixi, 
defunt  vires. 

Scio  adver farios  iftos,  ut  nomen  meum  coram  indoctâ 
plebe  dilanient,  folitos  effe  dicere,  ifte  nullam  habet  reli- 

io  gionem,  Judaeus  non  eil,  non  Chriftianus,  non  Mahome- 
tanus.  Vide  prius  Pharifee  quid  dicas;  caecus  enim  es, 
&  licet  malitiâ  abundes,  tarnen  ficut  caecus  impingis. 
Quaefo,  die  mihi,  fi  ego  Chriftianus  effem,  quid  fuiffes 
dicturus?  Planum  eft,  dicturum  te,  feediffimum  me  effe 

15  idololatram,  &  cum  Jefu  Nazareno  Chriftianorum  doctore 
peenas  vero  Deo  foluturum,  à  quo  defeceram.  Si  Maho- 
metanus  effem,  norunt  etiam  omnes,  quibus  me  honoribus 
fuiffes  cumulaturus :  &  ita  nunquam  linguam  tuam  poifem 
evadere,  unicum  hoc  effugium  habens,  nempe  ad  genua 

20  tua  procumbere,  Sc  feediffimos  pedes  tuos,  tuas  inquam 
nefarias  &  pudendas  inftitutiones,  ofeulari.  Nunc,  precor, 
doceas  me,  aliamne  noveris  religionem  praeter  illas,  quarum 
meminifti,  &  quarum  duas  ultimas  tu  pro  adulterinis  habens, 
non  tarn  religiones  vocas,  quam  à  religione  receffum.  Jam 

25  audio  te  f atentem,  unam  te  adhuc  nofeere  religionem, 
quae  verè  religio  eft,  &  cujus  medio  homines  poffunt  Deo 
placere.  Si  enim  gentes  omnes,  excep tis  Judaeis  (oportet, 
ut  vos  femper  ab  aliis  feparemini,  nec  cum  plebeis  Sc 
ignobilibus  conjungamini)  fervent  praeeepta  feptem,  quse 

30  vos  dicitis  Noam  fervaffe,  &  alios,  qui  ante  Abrahamum 
fuerunt,  hoc  illis  fatis  eft  ad  falutem.  Iam  ergo  eft  aliqua 
religio  per  vos  ipfos,  cui  ego  poffum  inniti,  etiamfi  à  Judaeis 
originem  ducam:  preeibus  enim  à  vobis  impetrabo,  ut 
patiamini  me  cum  aliâ  turbâ  mifeeri,  vel  fi  non  obtineam 


1 1 8        Exemplar    Humane  Vitü 

apud  vos,  per  me  licentiam  fumam.  O!  caece  Pharizsee, 
qui  oblitus  illius  legis,  quse  primaria  eft,  &  à  principio  fuit, 
&  erit  femper,  tantummodo  mentionem  facis  aliarum 
legum,  quse  poftea  efle  cseperunt,  &  quas  tu  ipfe  damnas, 
tuâ  exceptâ,  de  quâ  etiam,  velis  nolis,  alii  judicant  fecun-  5 
dum  rectam  rationem,  quse  vera  norma  eft  illius  naturalis 
legis,  quam  tu  oblitus  fuifti,  &  quam  libenter  vis  fepelire, 
ut  graviffimum,  &deteftandum  jugum  tuum  fuper  cervices 
hominum  imponas,  &  eos  à  fanâ  mente  deturbes,  ac 
infanientibus  fimiles  reddas.  Sed  quando  in  ifta  venimus,  10 
libet  hic  aliquantulum  immorari,  &  laudes  hu  jus  primaria? 
legis  non  omninò  tacere.  Dico  igitur  hanc  legem  Omni- 
bus hominibus  effe  communem  &  innatam,  eo  ipfo  quod 
homines  funt.  Haec  omnes  inter  fe  mutuo  amore  colligat, 
infcia  divifionis,  quae  totius  odii,  &  maximorum  malorum  15 
caufa  &  origo  eft.  Haec  magiílra  eft  bene  vivendi,  difcernit 
inter  juftum  &  injuftum,  inter  foedum  &  pulchrum.  Quic- 
quid  optimum  eft  in  lege  Mofis,  vel  quâcumque  aliâ,  hoc 
totum  perfectè  in  fe  continet  lex  naturae;  &  Ii  tantifper 
ab  hâc  naturali  normâ  declinatur,  ftatim  oritur  contentio,  20 
ftatim  fit  animorum  diviíio ;  nec  quies  inveniri  poteft.  Si 
verò  mui  tum  declinatur,  quis  fatis  erit  ad  recenfenda 
mala  &  monftra  horrenda,  quae  ab  hoc  adultério  originem 
fuam  trahunt,  &  incrementa?  Quid  habet  optimum  lex 
Mofis,  vel  quaecumque  alia,  quod  refpiciat  focietatem  25 
humanam,  ut  homines  inter  fe  bene  vivant  &  bene  con- 
veniant?  Profectò  primum  eft,  parentes  honorare,  dein- 
ceps  aliena  bona  non  invadere,  five  hoc  bonum  pofitum 
fit  in  vitâ,  five  in  honore,  five  in  bonis  aliis  ad  vi  tarn 
conducibilibus.  Quid,  quaefo,  horum  in  fe  non  continet  30 
lex  naturae  &  norma  recta  mentibus  inhaerens?  Natura- 
liter  filios  diligimus,  &  parentes  filii,  frater  fratrem, 
amicus  amicum.  Naturaliter  volumus  omnia  noftra  falva 
effe,  &  odio  habemus  illos,  qui  pacem  noftram  turbant, 


Exemplar    Humane   Vitje  119 

qui  ea,  quae  noftra  funt,  à  nobis  aut  vi  aut  fraudibus 
auferre  volunt.  Ex  hâc  voluntate  noftra  naturali  fequitur 
apertum  Judicium,  fcilicet  non  debere  nos  ea  committere, 
quae  in  aliis  damnamus.  Si  enim  alios  damnamus,  qui 
5  noftra  invadunt,  jam  nos  ipfos  damnamus,  fi  aliena 
invaferimus.  Et  ecce,  jam  facile  habemus,  quidquid  pra> 
cipuum  eft  in  quâcumque  lege.  Quod  adtinet  ad  cibos, 
hoc  Medicis  relinquamus;  illi  enim  nos  fatis  appofitè 
docebunt,  quis  cibus  fit  falutaris,  quis  per  contrarium 

10  noceat.  Quod  verò  ad  alia  ceremonialia,  ritus,  ftatuta, 
facrificia,  decimas  (infignis  fraus,  ut  quis  alieno  labore 
fruatur  otiofus)  heu,  heu,  ideo  ploramus,  quia  in  tot 
labyrinthos  conjecti  fumus  ex  malitiâ  hominum.  Agnof- 
centes  hoc  veri  Chriftiani,  magnâ  laude  digni  funt,  qui 

15  ifta  omnia  in  exilium  migrare  fecerunt,  retinentes  folum 
ea,  quse  ad  bene  vivendum  moraliter  fpectant.  Non  bene 
vivimus,  quando  multas  vanitates  obfervamus,  fed  vivi- 
mus  bene,  quando  rationabiliter  vivimus.  Dicet  aliquis, 
legem  Mofis  vel  Evangelicam  aliquid  altius  &  perfectius 

20  continere,  nempe  ut  inimicos  diligamus,  quod  lex  natu- 
ralis non  agnofcit.  Huic  refpondeo,  quemadmodum 
fuperius  dixi:  Si  à  naturâ  declinamus,  &  aliquid  majus 
volumus  invenire,  ftatim  oritur  contentio,  turbatur  quies. 
Quid  prodeft,  fi  mihi  imperentur  impoffibilia,  quae  ego 

25  implere  non  poffim !  Nullum  aliud  bonum  inde  fequetur, 
quam  animi  triftitia,  fi  ponimus  impoffibile  effe  natura- 
liter  inimicum  diligere.  Quod  fi  non  orimino  impoffibile 
fit  naturaliter  inimicis  benefacere  (hoc  citra  dilectionem 
accidere  poteft),  quia  homo  ad  pietatem  &  mifericordiam, 

30  generaliter  loquendo,  naturalem  habet  propenfionem ;  jam 
non  debemus  negare  abfolutè  talem  perfectionem  in  lege 
naturae  comprehendi. 

Illud  nunc  videamus,  nempe  quae  mala  oriantur,  quando 
à  naturali  lege  plurimum  declinatur.    Diximus  inter 


i2o        Exemplar    Humane   Vi  t  íe 

parentes  &  filios,  fratres  &  amicos,  naturale  effe  amoris 
vinculum.  Tale  vinculum  difíòlvit  &  diíTipat  lex  pofitiva, 
five  illa  fit  Mofis,  five  cujuscumque  alterius,  quando  prae- 
cipit,  ut  pater,  frater,  conjux,  amicus,  filium,  fratrem, 
conjugem,  amicum,  occidat  vel  prodat  Religionis  ergo,  &  5 
aliquid  vult  talis  lex  majus  &  fuperius,  quam  ut  poffibile 
fit  per  homines  impleri;  &  fi  impleretur,  fummum  elTet 
contra  naturam  fcelus:  illa  enim  talia  horret.  Sed  quid 
jam  ifta  memorem,  quando  in  tantum  vefaniae  homines 
devenerunt,  ut  próprios  filios  idolis,  quae  vanifíimè  cole-  10 
bant,  pro  holocaufto  obtulerint,  à  naturali  illâ  normâ 
adeò  difcedentes,  &  naturales  paternos  affectüs  adeò  ma- 
culantes.  Quanto  dulcius  foret,  fi  mor  tales  inter  naturales 
limites  fe  cohibuiffent,  &  inventa  adeò  fceda  nunquam 
invenifíent?  Quid  dicam  de  terroribus  &  anxietatibus  15 
graviffimis,  in  quos  hominum  malitia  alios  conjecit;  à 
quibus  unusquifque  über  erat,  fi  naturam  tantum  audiret, 
quae  talia  omnino  nefcit.  Quot  funt,  qui  de  falute  defpe- 
rant?  qui  martyria  variis  imbuti  opinionibus  fubeunt? 
qui  vitam  omnino  miferam  f ponte  agunt,  corpus  miferè  20 
macerantes,  folitudines  &  recefíus  à  communi  aliorum 
focietate  quaerentes,  internis  cruciatibus  perpetuo  vexa  ti ; 
quippe  qui  mala,  quae  futura  timent,  jam  tanquam  prae- 
fentia  lugent!  Haec  &  alia  mala  innumera  falfa  religio, 
ab  hominibus  malitiofè  inventa,  mortalibus  adduxit.  25 
Nonne  ego  ipfe  unus  fum  ex  multis,  qui  per  tales  impofto- 
res  valde  deceptus  fui,  &  illis  credens  me  peíTumdedi? 
Loquor  tanquam  expertus.  At  dicunt,  fi  non  alia  fit  lex 
quam  naturae  lex,  nec  homines  ex  fide  habeant  alteram 
reftare  vitam,  &  timeant  pcenas  aeternas,  quid  eft,  cur, 30 
non  perpetuo  malefaciant?  Vos  talia  inventa  excogi- 
taftis  (fortaffis  aliquid  amplius  latet,  timendum  eft  enim, 
ne  propter  utilitates  veftras  onus  fuper  alios  imponere 
volueritis),  in  hoc  fimiles  illis,  qui  ut  infantes  terrefaciant, 


Exemplar    Humaníe  Vitíe  121 

larvas  fingunt,  vel  aliqua  nomina  atrocia  excogitant,  donec 
pueruli  metu  perculfi  eorum  voluntati  acquiefcant,  volun- 
tatem  propriam  capti vantes  cum  taedio  &  mserore.  Sed 
profunt  ifta  quidem,  quamdiu  infans  infans  eft;  quam- 
5  primum  tarnen  óculos  mentis  aperit,  ridet  fraudem,  nec 
jam  larvam  timet.  Sic  veílra  iíla  ridicula  funt,  quse 
folum  infantibus  aut  bardis  poffunt  timorem  injicere; 
alii  autem,  qui  veftra  norunt,  vos  rident.  Mitto  nunc  de 
juftitiâ  fraudis  hujus  differere;  cum  vos  ipíi,  qui  talia 

10  fingitis,  inter  juris  regulas  habeatis,  non  effe  facienda 
mala,  ut  veniant  bona.  Niíi  fortè  inter  mala  non  numeratis, 
mentiri  in  grave  aliorum  prsejudicium,  occafionem  puíillis 
dantes  infaniendi.  Quod  íi  vel  umbra  Religionis  verae, 
aut  timoris  in  vobis  effet,  procul  dubio  non  modice  timere 

15  debuiffetis,  quando  tot  mala  in  orbem  terrarum  induxiftis : 
tot  diffidia  inter  homines  excitaftis:  tot  iniqua,  &  impia 
inftituiftis,  adeò  ut  parentes  contra  filios,  &  filios  contra 
parentes  impiè  incitare  non  dubitaveritis.  Unum  vellem 
à  vobis  interrogare,  nempe,  íi  quando  ifta  fingi  tis  propter 

20  hominum  malitiam,  ut  illos  fictis  terroribus  in  officio 
contineatis,  alioquin  malè  victuros,  fubit  vobis  in  men- 
tem vos  íimiliter  homines  effe  malitiâ  repletos,  qui  nihil 
boni  poteftis  praeftare,  nihil  niíi  malum  perpetuo  exequi, 
aliis  nocere,  in  neminem  mifericordiam  exercere?  Video 

25  jam  vos  mihi  irafci,  qui  tale  quidquam  aufus  fum  à 
vobis  interrogare,  &  unumquemque  veftrum  ftrenuè  con- 
tendere  pro  juftitiâ  actionum  fuarum.  Nullus  eft,  qui  non 
dicat  fe  effe  pium,  mifericordem,  veritatis  &  juftitiae 
amantem.  Aut  igitur  falfa  loquimini  talia  de  vobis  annun- 

30  dantes;  aut  falfò  accufatis  omnium  hominum  malitiam, 
cui  veftris  larvis  &  fictis  terroribus  mederi  vultis,  con- 
tumeliofi  in  Deum,  quem  tanquam  crudeliffimum  carni- 
ficem  &  horribilem  tortorem  oculis  hominum  exhibetis, 
contumeliofi  in  homines,  quos  ad  tam  deplorandam  mife- 


122        Exemplar    Humane  Vitíe 

riam  natos  efíe  vultis,  quafi  illa  fatis  non  íint,  quae  cui- 
que  in  vitâ  accidunt.  Sed  eito,  quod  magna  fit  hominum 
malitia,  quod  &  ipfe  fateor,  &  vos  ipfi  mihi  teftes  eftis, 
cum  fitis  extremè  malitiofi,  alioquin  talia  commenta  com- 
minifci  non  valeretis;  quaerite  remedia  efficaciffima,  quae  5 
citra  majorem  lsefionem  mor  bum  hunc  ab  hominibus 
omnibus  generaliter  expellant,  &  deponite  larvas,  quae 
tantum  contra  infantes  &  ftolidos  vim  habent.  Si  verò 
morbus  hic  in  hominibus  infanabilis  eft,  defiftite  à  men- 
daciis,  nec  tanquam  inepti  mediei  promittatis  fanitatem,  10 
quam  non  poteftis  praeftare.  Contenti  eftote  inter  vos 
leges  juftas  &  rationabiles  ftabilire :  bonos  praemiis  ornáre, 
maios  digno  fupplicio  afficere:  eos,  qui  vim  patiuntur,  à 
violentis  liberate,  ne  clament  juftitiam  non  íieri  in  terra, 
nec  efíe,  qui  infirmum  eripiat  à  manu  fortioris.  Profectò  15 
fi  homines  rectam  rationem  fequi  vellent  &  vivere  fecun- 
dum  naturam  humanam,  omnes  fe  mutuo  diligerent, 
omnes  íibi  mutuo  condolerent.  Unusquifque  alterius  cala- 
mitatem,  quantum  poffet,  fublevaret,  vel  faltem  nullus 
alium  gratis  offenderet.  Quae  contra  fiunt,  contra  huma-  20 
nam  naturam  fiunt;  &  multa  fiunt,  quia  homines  diverfas 
leges  à  naturâ  abhorrentes  íibi  invenerunt,  &  alius  alium 
irritat  malefaciendo.  Multi  funt,  qui  fictè  ambulant,  &  fe 
extremè  religiofos  fimulant,  &  incautos  decipiunt,  tegu- 
mento Religionis,  ad  capiendos,  quos  pofíint,  abutentes;  25 
qui  rectè  comparari  pofíunt  furi  nocturno,  qui  fomno 
fopitos,  nec  tale  quid  cogitantes,  per  iníidias  adoritur.  Hi 
in  ore  folent  habere,  Judaeus  fum,  Chriftianus  fum,  crede 
mihi,  non  te  decipiam.  O!  malae  beftiae:  ille,  qui  nihil 
horum  dicit,  &  fe  tantum  hominem  profitetur,  multo  melior  30 
vobis  eft.  Si  enim  ei  tanquam  homini  non  vultis  credere, 
poteftis  cavere;  vos  autem  quis  cavebit,  qui,  amicti  ficto 
pallio  fanctitatis  fictae,  tanquam  fur  nocturnus  incautos  & 
dormientes  per  foramina  invaditis  ac  mifere  ftrangulatis  ? 


Exemplar    Humane   Vit  íe  123 

Unum  inter  multa  miror,  &  verè  mirandum  eft,  quo- 
modo  poffunt  Pharizaei  inter  Chriftianos  agentes  uti  tantâ 
übertäte,  ut  etiam  judicia  exerceant ;  &  verè  dicere  poffum, 
quod  fi  Jefus  Nazarenus,  quem  Chriftiani  adeò  colunt, 
5  hodie  concionaretur  Amitelrodami,  &  placeret  Pharizaeis 
illum  denuò  flagris  csedere,  propterea  quod  traditiones 
illorum  impugnaret  &  hypocryiim  objiceret,  hoc  liberè 
facere  poíTent.  Certè  hoc  ignominiofum  eft,  &  quod  tolerari 
non  debuit  in  civitate  liberâ,  quae  profitetur  homines  in 

10  libertate  &  pace  tueri,  &  tarnen  non  tuetur  à  Pharizae- 
orum  injuriis.  Et  quando  quis  non  habet  defenforem  au t 
vindicem,  nil  mirum,  ii  ipfe  per  fe  quaerat  fe  defendere, 
&  injurias  acceptas  vindicare.  Habetis  vitae  meae  hifto- 
riam  veram;  &  quam  perfonam  in  hoc  mundi  vanifiimo 

15  theatro  ego  egi,  in  vaniffimâ  &  inftabilifíimâ  vitâ  meâ, 
exhibui  vobis.  Nunc  juftè  judicate  filii  hominum,  &  fme 
ullo  affectu,  liberè  fecundum  veritatem  judicium  pro- 
ferte :  hoc  enim  imprimis  viris  dignum  eft,  qui  verè  viri 
funt.   Quod  fi  aliquid  inveneritis,  quod  vos  ad  commi- 

20  ferationem  rapiat,  miferam  hominum  conditionem  agno- 
fcite  &  deplorate,  cujus  &  ipfi  participes  eftis.  Ne  hoc 
etiam  defit,  nomen  meum,  quod  habui  in  Portugalliâ 
Chriftianus,  Gabriel  à  Cofia,  inter  Judaeos,  quos  utinam 
nunquam  acceffiffem,  paucis  mutatis,  Vriêl  vocatus  fum. 


124      Ein   Beispiel  menschlichen  Lebens 


eboren  bin  ich  in  Portugal,  in  der  Stadt  eben  diefes 


\J.  Namens,  die  gemeinhin  Porto  genannt  wird.  Meine 
Eltern  waren  von  adligem  Stande;  fie  leiteten  ihrenUrfprung 
von  den  Juden  her,  die  man  einft  in  jenem  Lande  gewalt- 
fam  zür  chriftlichen  Religion  gezwungen  hatte.  Mein  Vater  5 
war  ein  gläubiger  Chrift,  dabei  ein  peinlich  ftrenger  Ehren- 
mann, der  auf  Rang  und  Stand  größten  Wert  legte.  In 
feinem  Haufe  wurde  ich  dem  Stande  gemäß  erzogen.  An 
Dienern  fehlte  es  nicht,  und  auch  nicht  an  einem  edlen 
fpanifchen  Pferd  im  Stall  zur  Übung  des  Reitens,  worin  10 
mein  Vater  Meifter  war,  während  ich  früh  feinem  Vorbild 
folgte.  Nachdem  ich  endlich  in  manchen  Künften  unter- 
richtet war,  die  junge  Leute  von  Stand  pflegen,  habe  ich 
mich  der  RechtswiiTenfchaft  gewidmet.  Nach  Charakter 
und  natürlichen  Neigungen  war  ich  von  Natur  fehr  15 
gefühlvoll  und  fo  zu  Mitleid  geneigt,  daß  ich  mich  der 
Tränen  nicht  erwehren  konnte,  wenn  ich  von  fremdem 
Unglück  reden  hörte.  Das  Ehrgefühl  lag  mir  fo  im  Blute, 
daß  ich  nichts  mehr  fürchtete  als  eine  Ehrenkränkung. 
Mein  Sinn  war  in  keiner  Weife  unedel,  aber  nicht  frei  von  20 
Zorn,  wenn  eine  gerechte  Urfache  Veranlagung  gab. 
Daher  war  ich  hochmütigen  und  unverfchämten  Menfchen, 
die  anderen  durch  Verachtung  und  Gewalt  Unrecht  zu 
tun  pflegen,  von  Herzen  feind  und  mochte  nur  die  Partei 
der  Schwachen  nehmen,  und  lieber  mit  ihnen  mich  ver-  25 
bünden.  Um  der  Religion  willen  habe  ich  im  Leben 
Unglaubliches  dulden  müffen.  Nach  dem  Herkommen 
jenes  Landes  wurde  ich  in  der  römifch-katholifchen  Reli- 
gion unterwiefen;  und  da  ich  bis  in  meine  Jünglingsjahre 
große  Angft  vor  der  ewigen  Verdammnis  hatte,  war  ich  30 
beftrebt,  alles  genau  zu  beobachten.  Ich  befchäftigte 
mich  mit  dem  Lefen  des  Evangeliums  und  anderer  geift- 
licher  Bücher,  durchlas  die   Summen  der  Glaubens- 


Ein   Beispiel   menschlichen   Lebens  125 


Verteidiger,  und  je  mehr  ich  über  ihnen  brütete,  defto 
größere  Schwierigkeit  erwuchs  mir  daraus.  Schließlich 
verfiel  ich  in  unüberwindliche  Verwirrung,  Ângft  und  Be- 
drängnis. Kummer  und  Schmerz  verzehrten  mich.  Un- 
5  möglich  fchien  es  mir,  die  Sünden  nach  römifchem 
Brauche  zu  beichten,  um  angemeffene  Abfolution  erlangen 
zu  können  und  unmöglich,  alles  zu  erfüllen,  was  gefordert 
wurde.  InfolgedeiTen  verzweifelte  ich  am  Seelenheil,  wenn 
es  nur  nach  folchen  Vorfchriften  zu  erreichen  war.  Weil 

10  es  aber  fchwer  war,  eine  Religion  aufzugeben,  an  die  ich 
von  der  Wiege  an  gewöhnt  war,  und  die  durch  den  Glau- 
ben fchon  tiefe  Wurzeln  gefchlagen  hatte,  erwachte  in  mir 
der  Zweifel  (damals  war  ich  gegen  zweiundzwanzig  Jahre 
alt),  ob  wirklich  auch  das,  was  man  vom  anderen  Leben 

15  fagte,  in  allen  Stücken  wahr  fei,  und  ob  fich  der  Glaube 
daran  mit  der  Vernunft  vertrüge,  da  doch  die  Vernunft 
felbft  vieles  behauptete  und  immer  wieder  ins  Ohr  flüfterte, 
was  alledem  ganz  und  gar  entgegen  war.  Bei  diefem 
inneren  Zweifel  blieb  ich  ftehen  und  entfchied,  wie  dem 

20  auch  fei,  daß  ich  auf  dem  eingefchlagenen  Wege  nicht 
zum  Seelenheil  gelangen  könne.  Während  diefer  Zeit 
widmete  ich  mich  wie  gefagt  dem  Rechtsftudium  und 
erlangte  mit  meinem  fünfundzwanzigften  Jahre  bei  fich 
bietender  Gelegenheit  ein  kirchliches  Amt,  nämlich  die 

2 5  Würde  des  Schatzmeisters  an  einer  Stiftskirche. 

Da  ich  aber  in  der  römifch-katholifchen  Religion  keine 
Ruhe  hatte  finden  können,  und  mich  danach  fehnte,  in 
irgend  einer  Religion  Halt  zu  gewinnen,  durchlas  ich  die 

.   Bücher  Mofis  und  der  Propheten,  wohlbewußt,  daß  zwi- 

30  fchen  Chriften  und  Juden  ein  großer  Wettftreit  beftehe. 
Dort  fand  ich  manches,  was  dem  neuen  Bund  vollkommen 
wider fprach,  und  was  dort  von  Gott  gefagt  wurde,  bot 
weniger  Schwierigkeit.  Zudem  haben  dem  alten  Bund 
fowohl  Juden  als  Chriften  Glauben  gefchenkt,  dem  neuen 


126      Ein   Beispiel   menschlichen  Lebens 

Bund  aber  nur  die  Chriften.  Indem  ich  fchließlich  dem 
Mofes  glaubte,  entfchied  ich,  daß  ich  dem  Gefetze  gehor- 
chen mülTe,  weil  jener  doch  alles  von  Gott  empfangen  zu 
haben  behauptete,  wobei  er  fich  als  einfachen  Vermittler 
erklärte,  den  Gott  felbft  zu  diefem  Amt  berufen  oder  viel-  5 
mehr  gezwungen  habe.  (So  täufcht  man  die  Kinder.)  In 
folcher  Überlegung  gedachte  ich,  da  keine  Freiheit  be- 
ftand,  jene  Religion  irgendwie  in  diefem  Lande  zu  be- 
kennen, meinen  Wohnfitz  zu  vertauf chen  und  meine  und 
meiner  Väter  Heimat  zu  verlaffen.  Zu  diefem  Zwecke  10 
trug  ich  kein  Bedenken,  auf  mein  kirchliches  Amt  zu- 
gunften  eines  anderen  zu  verzichten,  ohne  mich  dabei  um 
Vorteil  und  Anfehen  zu  kümmern,  die  der  Sitte  jenes 
Volkes  gemäß  damit  verbunden  find.  Auch  mein  fchönes, 
in  der  beften  Lage  der  Stadt  gelegenes  Haus,  das  mein  15 
Vater  gebaut  hatte,  ließ  ich  im  Stich.  So  beftiegen  wir 
das  Schiff  unter  der  größten  Gefahr  (die  von  Juden  Ab- 
ftammenden  dürfen  das  Land  nicht  ohne  eine  befondere 
königliche  Genehmigung  verlaffen),  meine  Mutter  und  ich 
famt  meinen  Brüdern,  denen  ich  in  brüderlicher  Liebe  die  20 
trotz  mancher  Zweifel  neugewonnenen  Überzeugungen 
über  die  Religion  mitgeteilt  hatte,  ein  Wagnis,  das  für 
mich  fehr  übel  hätte  ausfchlagen  können,  fo  gefährlich  ift 
es  in  diefem  Land,  über  derartige  Fragen  zu  reden.  Nach 
überftandener  Seefahrt  langten  wir  fchließlich  in  Amfter-  25 
dam  an,  wo  wir  die  Juden  in  freier  Lage  fanden,  und  um 
das  Gefetz  zu  erfüllen,  erfüllten  wir  fogleich  das  Gebot 
über  die  Befchneidung. 

Schon  nach  wenigen  Tagen  machte  ich  die  Erfahrung, 
daß  die  Sitten  und  Einrichtungen  der  Juden  durchaus  30 
nicht  mit  denen  übereinftimmten,  die  Mofes  vorgefchrie- 
ben  hat.  Wenn  aber  das  Gefetz  genau  zu  beobachten 
war,  wie  es  felbft  verlangt,  dann  hatten  die  fogenannten 
Weifen  der  Juden  zu  Unrecht  fo  viele  vom  Gefetz  gänz- 


Ein   Beispiel   menschlichen   Lebens  127 


lieh  abweichende  Dinge  erfunden.  Ich  konnte  mich  dabei 
nicht  enthalten,  ja  ich  glaubte  ein  Gott  gefälliges  Werk 
zu  tun,  wenn  ich  frei  und  offen  das  Gefetz  verteidigte. 
Die  heutigen  Weifen  der  Juden  haben  fowohl  ihre  Sitten 
5  als  ihren  bösartigen  Charakter  noch  immer  beibehalten; 
hartnäckig  ftreiten  he  für  die  Secte  und  die  Einrichtungen 
der  verabfeheuenswerten  Pharifäer,  nicht  ohne  Aus- 
ficht auf  eignen  Vorteil,  und  wie  man  es  ihnen  fonft 
mit  Fug  vorgehalten  hat,  um  im  Tempel  die  erften  Plätze 

10  einzunehmen  und  auf  dem  Markte  zuerft  gegrüßt  zu  wer- 
den. Sie  ließen  es  in  keiner  Weife  zu,  daß  ich  auch  nur 
im  mindeften  von  ihnen  abwiche,  vielmehr  follte  ich  in 
allen  Stücken  ihren  Spuren  unverbrüchlich  folgen.  An- 
dernfalls drohten  fie  mir  mit  der  Ausfchließung  aus  der 

15  Gemeinde  und  völliger  Excommunication  fowohl  in  gött- 
lichen wie  menfehlichen  Dingen.  Da  es  aber  einem  Manne, 
der  für  die  Freiheit  Heimatboden  und  allen  äußeren 
Vorteil  dahingegeben  hatte,  durchaus  nicht  angeftanden 
wäre,  von  folchen  Drohungen  fich  einfehüchtern  zu  laffen, 

20  und  da  es  unter  folchen  Umständen  weder  recht  und  billig 
noch  männlich  gewefen  wäre,  fich  Menfchen  zu  unter- 
werfen, denen  nicht  einmal  die  Recht fprechung  zuftand, 
entfehloß  ich  mich,  lieber  alles  auf  mich  zu  nehmen,  aber 
auf  meiner  Meinung  zu  beharren.  So  wurde  ich  denn  von 

25  jenen  aus  aller  Gemeinfchaft  exeommuniciert,  und  felbft 
meine  Brüder,  deren  Lehrer  ich  früher  gewefen  war, 
gingen  an  mir  vorüber  und  wagten  es  aus  Furcht  vor 
jenen  nicht,  mich  auf  der  Straße  zu  grüßen. 

In  diefer  Situation  befchloß  ich,  ein  Buch  zu  fchreiben, 

30  um  die  Gerechtigkeit  meiner  Sache  darzutun  und  aus 
dem  Gefetze  felbft  die  Nichtigkeit  der  pharifäifchen  Tra- 
dition und  Obfervanz,  und  denWiderftreit  ihrer  Traditionen 
und  Einrichtungen  mit  dem  mofaifchen  Gefetz  offen  nach- 
zuwerfen. Nachdem  ich  mein  Werk  begonnen  hatte,  kam 


128      Ein   Beispiel   menschlichen  Lebens 

es  (ich  muß  ja  den  ganzen  Hergang  fchlicht  und  wahr- 
heitsgetreu berichten),  daß  ich  mit  Entfchiedenheit  und 
auf  Grund  beharrlichen  Nachdenkens  mich  der  Meinung 
derer  anfchloß,  die  den  Lohn  und  die  Strafe  des  alten 
Gefetzes  in  zeitlichem  Sinne  begreifen  und  dabei  gar  nicht  5 
an  ein  anderes  Leben  und  an  die  Unfterblichkeit  der 
Seele  denken.  Von  anderen  Gründen  abgefehen  ftützte 
ich  mich  darauf,  daß  das  mofaifche  Gefetz  völlig  darüber 
fchweigt  und  denen,  die  das  Gefetz  beobachten  und  über- 
treten, nur  zeitliche  Belohnung  oder  Strafe  in  Ausficht  10 
ftellt.  Meine  Gegner  frohlockten,  als  fie  erfuhren,  daß  ich 
zu  diefer  Anficht  gekommen  war,  denn  fie  meinten,  nun 
genügenden  Rückhalt  bei  den  Chriften  fchon  deshalb  zu 
finden,  weil  deren  befonderer  Glaube  fich  auf  das  evange- 
lifche  Gefetz  gründet,  in  dem  ausdrücklich  vom  ewigen  15 
Heil  und  von  der  ewigen  Strafe  die  Rede  ift  und  fie  darum 
die  Unfterblichkeit  der  Seele  glauben  und  anerkennen. 
In  diefer  Abficht  und  um  mich  mundtot  zu  machen  und 
den  Haß  der  Chriften  auf  mich  zu  ziehen,  gaben  fie,  bevor 
das  von  mir  verfaßte  Buch  in  den  Druck  kam,  eine  Schrift  20 
von  der  Hand  eines  Arztes  heraus  unter  dem  Titel:  Über  die 
Unfterblichkeit  der  Seele.  In  diefer  Schrift  verunglimpfte 
mich  jener  Arzt  ausgiebig  als  einen  Anhänger  Epikurs 
—  zu  jener  Zeit  dachte  ich  gering  von  Epikur  und  brachte 
gegen  den  mir  Fernliegenden  und  Unbekannten  auf  25 
Grund  unbilliger  Berichte  anderer  unbedacht  meine  Mei- 
nung vor;  nachdem  ich  aber  das  Urteil  einiger  Wahr- 
heitsfreunde über  ihn  und  nachdem  ich  feine  Lehre  in 
ihrer  wirklichen  Geftalt  kennen  gelernt  habe,  tut  es  mir 
leid,  daß  ich  einmal  einen  folchen  Mann  töricht  und  30 
uniinnig  genannt  habe,  über  den  ich  auch  heute  noch 
kein  ausreichendes  Urteil  habe,  weil  feine  Schriften  mir 
unbekannt  find  — :  wer  einmal  die  Unfterblichkeit  der 
Seele  leugne,  bei  dem  fehle  doch  nicht  viel,  daß  er  Gott 


Ein   Beispiel   menschlichen   Lebens  129 


felbft  abgeleugnet  hätte.  Ihre  Kinder,  von  den  Rabbinern 
und  ihren  Eltern  angelernt,  rotteten  iich  auf  der  Straße 
zufammen,  fchrien  mir  Verwünfchungen  nach  und  reizten 
mich  mit  Schimpfreden  aller  Art,  wobei  fie  mich  einen 
5  Ketzer  und  einen  Abtrünnigen  nannten.  Bisweilen  fchar- 
ten  fie  iich  auch  vor  meiner  Tür  zufammen,  warfen  mit 
Steinen  und  ließen  nichts  unverfucht,  um  mich  zu  ftören, 
damit  ich  fogar  in  meinem  eignen  Haufe  keine  Ruhe 
finden  möchte.   Nachdem  jene  Schrift  gegen  mich  er- 

10  fchienen  war,  fchickte  ich  mich  fogleich  zur  Verteidigung 
an  und  fchrieb  eine  Gegenfchrift,  in  der  ich  die  Unfterb- 
lichkeit  mit  aller  Macht  bekämpfte,  wobei  ich  im  Vorüber- 
gehen auf  manches  hinwies,  worin  die  Pharifäer  von 
Mofes  abweichen.  Sobald  diefe  Schrift  herauskam,  traten 

15  die  Älteften  und  Deputierten  der  Juden  zufammen  und 
erhoben  gegen  mich  Anklage  bei  der  ftädtifchen  Obrig- 
keit, indem  fie  erklärten,  ich  hätte  ein  Buch  gefchrieben, 
in  dem  ich  die  Unfterblichkeit  der  Seele  leugne,  und  nicht 
fie  allein  angreife,  fondern  auch  die  chriftliche  Religion 

20  untergrabe.  Auf  ihre  Denunciation  hin  wurde  ich  in  Haft 
genommen,  aber  nach  acht  bis  zehn  Tagen  gegen  Caution 
entlaffen:  der  Richter  verhängte  eine  Buße  über  mich 
und  ich  wurde  endlich  zu  einer  Geldftrafe  von  300  Gulden 
bei  Verluft  der  Bücher  verurteilt. 

25  Später  im  Verlaufe  der  Zeit,  wie  Erfahrung  und  Jahre 
vieles  enthüllen  und  demgemäß  das  Urteil  eines  Menfchen 
wandeln  — -  ich  darf  wie  gefagt  frei  reden,  denn  warum 
follte  einer,  der  gleichfam  fein  Teftament  auffetzt,  um 
den  Menfchen  den  Sinn  des  Lebens  und  ein  wahres  Beifpiel 

30  menfchlicher  Leiden  zu  hinterlaffen,  im  Angeflehte  des 
Todes  nicht  die  Wahrheit  reden  dürfen?  —  da  kam 
mir  der  Zweifel,  ob  das  mofaifche  Gefetz  wirklich  als 
Gottes  Gefetz  gelten  dürfe,  denn  es  gab  vieles,  was  da- 
gegen fprach,  oder  vielmehr  das  Gegenteil  anzunehmen 

Da  Costa  Opera.  9 


130      Ein   Beispiel   menschlichen  Lebens 

zwang.  Endlich  kam  ich  zur  Überzeugung,  das  Gefetz  fei 
nicht  von  Mofes,  fondern  bloß  eine  menfchliche  Erfindung, 
wie  es  deren  noch  unzählige  in  der  Welt  gab.  Vieles  darin 
widerftritt  nämlich  dem  Naturgefetz,  und  Gott,  der 
Schöpfer  der  Natur,  konnte  doch  nicht  mit  fich  felbft  im  5 
Wider fpruch  fein,  was  der  Fall  gewefen  wäre,  wenn  er  den 
Menfchen  etwas  vorgefchrieben  hätte  im  Widerfpruch  mit 
der  Natur,  als  deren  Schöpfer  er  doch  galt.  Nachdem  ich 
darüber  mit  mir  ins  Reine  gekommen  war,  fagte  ich  mir : 
was  hilft  es  —  o  wäre  mir  doch  nie  ein  folcher  Gedanke  10 
in  den  Sinn  gekommen  —  wenn  ich  bis  zum  Tode  in 
diefer  Lage  verbliebe,  ausgefchloffen  von  der  Gemein- 
fchaft  jener  Priefter  und  jenes  Volkes,  da  ich  doch  ein 
Fremdling  in  jenem  Lande  bin,  und  mit  feinen  Bürgern 
keine  Beziehungen  habe,  ja  deren  Sprache  nicht  einmal  15 
verftehe?  Beffer  wird  es  fein,  ich  kehre  zu  ihrer  Gemein- 
fchaft  zurück,  und  folge  ihrem  Beifpiel,  wie  iie  es  wollen, 
und  fpiele,  wie  man  fagt,  den  Affen  unter  Affen.  Aus  diefer 
Erwägung  heraus  kehrte  ich  in  ihre  Gemeinfchaft  zurück, 
indem  ich  meine  Ausfprüche  widerrief  und  unter fchrieb,  20 
was  fie  für  gut  fanden.  Fünfzehn  Jahre  waren  fchon 
vergangen,  feit  ich  von  ihnen  gefchieden  lebte.  Ein  Vetter 
von  mir  fpielte  gewiffermaßen  den  Vermittler  bei  diefem 
Übereinkommen. 

Einige  Tage  vergingen,  da  wurde  ich  von  einem  Knaben,  25 
einem  Sohn  meiner  Schwefter,  den  ich  bei  mir  im  Haufe 
hatte,  denunciert  wegen  der  Speifen,  ihrer  Bereitung  und 
anderer  Dinge,  aus  denen  hervorginge,  daß  ich  kein  Jude  fei. 
Wegen  diefer  Denunciation  entftand  ein  neuer  erbitterter 
Krieg  gegen  mich.  Denn  jener  Vetter,  der  wie  gefagt,  der  30 
Vermittler  des  Übereinkommens  gewefen  war,  meinte, 
mein  Handeln  könne  ihm  zum  Vorwurf  gemacht  werden, 
und,  da  er  fehr  ftolz  und  anmaßend  war,  zudem  äußerft 
unwiffend  und  unverfchämt,  ftiftete  er  einen  offenen  Krieg 


Ein   Beispiel   menschlichen    Lebens  131 

gegen  mich  an,  brachte  alle  meine  Brüder  auf  feine  Seite 
und  ließ  nichts  unverfucht,  was  zur  völligen  Vernichtung 
meiner  Ehre,  meines  Vermögens  und  folglich  meines 
Lebens  beitragen  konnte.  Er  verhinderte  eine  Heirat,  die 
5  ich  gerade  fchließen  wollte,  da  ich  damals  Witwer  war. 
Er  brachte  es  dahin,  daß  einer  meiner  Brüder  mir  mein 
Vermögen,  das  er  in  Händen  hatte,  vorenthielt,  und 
zerftörte  die  zwifchen  uns  beftehende  Gefchäfts Verbindung, 
was  mir  bei  dem  damaligen  Stand  meiner  Angelegenheiten 

10  unfagbar  fchadete.  Kurzum,  er  war  der  erbittertste  Feind 
meiner  Ehre,  meines  Lebens,  meines  Vermögens.  Neben 
diefem  fozufagen  häuslichen  Krieg  ging  ein  öffentlicher 
Krieg  einher,  nämlich  von  feiten  der  Rabbiner  und  des 
Volkes,  die  mich  mit  neuem  Haffe  zu  verfolgen  begannen 

15  und  fo viele  Schändlichkeiten  gegen  mich  begingen,  daß 
mich  darum  berechtigter  Ekel  gegen  fie  erfaßte. 

Inzwifchen  trat  etwas  Neues  ein.  Zufällig  nämlich  hatte 
ich  ein  Gefpräch  mit  zwei  Leuten,  die  aus  London  nach 
Amfterdam  gekommen  waren,  Italiener  der  eine,  der 

20  andere  Spanier,  Chriften  und  auch  nicht  von  jüdifcher 
Herkunft.  Indem  fie  mir  ihre  Notlage  klarlegten,  frugen 
fie  mich  um  Rat  über  den  Eintritt  in  die  jüdifche  Gemeinde 
und  den  Übertritt  zur  jüdifchen  Religion.  Ich  riet  ihnen 
von  diefem  Schritt  ab,  fie  möchten  bleiben,  was  fie  wären, 

25  denn  fie  wüßten  nicht,  welches  Joch  fie  fich  auf  den  Nak- 
ken  legten.  Dabei  erfuchte  ich  fie,  den  Juden  nichts  von 
unferer  Unterredung  zu  fagen,  was  fie  auch  verfprachen. 
Diefe  Schurken  verrieten  alles,  auf  fchändlichen  Gewinn 
erpicht,  den  fie  fich  zum  Dank  dafür  verfprachen,  an 

30  meine  lieben  Freunde,  die  Pharifäer.  Sofort  traten  die 
Vorfteher  der  Synagoge  zufammen,  die  Rabbiner  ent- 
brannten vor  Zorn,  und  die  zügellofe  Menge  tobte:  kreu- 
zige, kreuzige  ihn!  Man  berief  mich  vor  den  großen  Rat, 
hielt  mir,  was  man  gegen  mich  hatte,  mit  dumpfer,  trau- 

9* 


132      Ein   Beispiel  menschlichen  Lebens 

riger  Stimme  vor,  als  ginge  es  ums  Leben,  und  verkündete 
fchließlich,  ich  müffe,  wenn  ich  Jude  wäre,  ihr  Urteil 
erwarten  und  erfüllen ;  andernfalls  müffe  man  mich  wieder 
excommuni eieren.  O  ihr  vortrefflichen  Richter,  die  ihr 
wohl  Richter  feid,  um  mir  zu  fchaden;  wenn  ich  aber  5 
euren  Rechtsfpruch  brauchte,  um  mich  gegen  einen 
Gewaltact  zu  fchützen  und  vor  Schaden  zu  wahren,  dann 
feid  ihr  keine  Richter,  fondern  die  feilen  Knechte  eines 
fremden  Willens,  und  das  nennt  ihr  einen  Rechtsfpruch, 
und  verlangt,  daß  ich  ihm  gehorche?  Dann  las  man  eine  10 
Schrift  vor,  in  der  ftand,  ich  mülTe  in  Trauerkleidern  in 
die  Synagoge  kommen,  eine  fchwarze  Kerze  in  der  Hand, 
und  gewiffe  von  ihnen  vorgefchriebene,  höchft  fchmach- 
volle  Worte  in  öffentlicher  Verfammlung  herfagen,  in 
denen  die  von  mir  begangenen  Vergehen  als  himmel-  15 
fchreiend  hingeftellt  wurden.  Danach  follte  ich  mich  in 
der  Synagoge  öffentlich  mit  einer  Ledergeißel  oder  einem 
Stock  geißeln  laffen,  dann  mich  auf  die  Schwelle  der 
Synagoge  hinftr ecken,  damit  alle  über  mich  hinweg- 
fchritten,  und  obendrein  an  beftimmten  Tagen  faften.  20 
Nachdem  ich  die  Schrift  gelefen  hatte,  kochte  es  in  mir 
und  ein  unauslöfchlicher  Zorn  durchloderte  mich.  Ich  be- 
herrfchte  mich  indes  und  erwiderte  einfach,  ich  könne 
etwas  derartiges  nicht  erfüllen.  Nachdem  he  meine  Ant- 
wort vernommen,  befchloffen  fie,  mich  wiederum  aus  der  25 
Gemeinde  auszufchließen,  und  nicht  damit  zufrieden  fpien 
mich  viele  an,  wenn  fie  auf  der  Straße  an  mir  vorüber- 
gingen, ebenfo  auch  ihre  Kinder,  von  ihnen  angelernt. 
Bloß  gefteinigt  wurde  ich  nicht,  weil  ihnen  dazu  dieMöglich- 
keit  fehlte.  Diefer  Kampf  dauerte  wieder  heben  Jahre  lang,  3° 
eine  Zeit  unglaublicher  Leiden  für  mich.  Zwei  Fronten 
kämpften  wie  gefagt  gegen  mich,  die  eine  das  Volk,  die 
andere  die  Verwandten,  die  meine  Schande  fuchten,  um 
fich  an  mir  zu  rächen.  Sie  ruhten  nicht  eher,  als  bis  fie 


Ein   Beispiel   menschlichen   Lebens  133 

mir  den  Boden  unter  den  Füßen  weggezogen  hatten.  Sie 
Tagten  nämlich  unter  fich :  er  wird  nichts  tun,  wenn  er 
nicht  gezwungen  wird,  und  gezwungen  muß  er  werden. 
Lag  ich  krank,  dann  lag  ich  allein  krank.  Drückte  mich 
5  irgend  eine  andere  Laft,  fo  begrüßten  fie  es  als  etwas 
höchft  Erwünfchtes.  Sagte  ich,  es  folle  aus  ihrer  Mitte 
ein  Richter  beftellt  werden,  um  zwifchen  uns  zu  richten, 
kein  Gedanke  daran.  Vor  der  Obrigkeit  darüber  Klage  zu 
führen,  wie  ich  anfänglich  auch  verfuchte,  war  fehr  fchwie- 

10  rig ;  denn  es  bedeutet  einen  weiten  Weg,  den  Prozeß  vor  Ge- 
richt durchzuführen,  ein  Weg,  der  abgefehen  von  vielen 
anderen  Laften  mit  gar  manchen  Verzögerungen  und  Ver- 
tagungen verbunden  ift.  Öfters  fagten jene:  „Unterwirf  Dich 
uns,  wir  find  ja  alle  Priefter ;  du  darfft  nicht  glauben  oder 

15  fürchten,  daß  wir  fchimpflich  mit  dir  verfahren  werden. 
Sag  nur  endlich  einmal,  du  feieft  bereit,  alles  zu  erfüllen, 
was  wir  dir  auferlegt  haben,  und  überlaß  uns  dann  alles 
weitere,  und  wir  werden  fchon  alles  machen,  wie  es  recht 
ift."  Und  obwohl  gerade  das  in  Frage  ftand,  und  obwohl 

20  eine  folche  mit  Gewalt  erzwungene  Unterwerfung  und 
Wiederaufnahme  eine  große  Schande  für  mich  war,  über- 
wand ich  mich  felbft,  um  der  Sache  ein  Ende  zu  ma- 
chen und  den  Ausgang  felbft  zu  erleben,  feft  entfchloffen, 
alles,  was  fie  nur  wollten,  anzunehmen  und  zu  ertragen. 

25  Denn  wurde  mir  Schmach  und  Schande  zugemutet,  dann 
rechtfertigte  es  noch  mehr  meine  Sache  gegen  fie  felbft, 
und  es  käme  an  den  Tag,  welche  Gefmnung  fie  gegen  mich 
hegten  und  wie  es  bei  ihnen  um  Treu  und  Glauben  be- 
ftellt fei.  Und  wirklich  kam  es  an  den  Tag,  wie  fchändlich 

30  und  abfcheulich  der  Charakter  diefes  Volkes  ift,  das  mit 
Männern  von  Ehre  fo  fchändlich  umfpringt,  als  ob  fie  die 
gemeinften  Sklaven  wären.  ,,Gutu,  fagte  ich,  ,,ich  will 
alles  erfüllen,  was  ihr  mir  auferlegen  werdet Jetzt  fchenkt 
mir  eure  Aufmerkfamkeit,  alle,  denen  Ehrgefühl,  Ein- 


134      Ein    Beispiel   menschlichen  Lebens 


ficht  und  Menfchlichkeit  eigen  ift,  und  überlegt  wieder  und 
wieder  mit  gefpannter  Aufmerksamkeit,  was  für  ein  Urteil 
jene  gegen  mich  vollftreckt  haben,  Privatleute,  Unter- 
tanen einer  fremden  Macht,  ohne  jedes  Verfchulden  von 
meiner  Seite.  5 

Ich  trat  in  die  Synagoge  ein,  die  voll  von  Männern  und 
Frauen  war ;  denn  fie  waren  zu  dem  Schau  fpiel  zufammen- 
geftrömt.  Sobald  es  an  der  Zeit  war,  beftieg  ich  die  Holz- 
eftrade, die  für  die  Predigt  und  andere  gottesdienftliche 
Handlungen  mitten  in  der  Synagoge  ift,  und  las  mit  lauter  10 
Stimme  eine  von  ihnen  aufgefetzte  Schrift,  in  der  meine 
Beichte  enthalten  war:  ich  fei  wert,  taufendfachen  Todes 
zu  fterben  für  das,  was  ich  begangen,  nämlich  Sabbath- 
fchändung,  Untreue  gegen  den  Glauben,  den  ich  fo  fchwer 
verletzt,  daß  ich  fogar  anderen  den  Eintritt  ins  Judentum  15 
widerraten  hätte;  zur  Sühne  wolle  ich  mich  ihrer  Ver- 
fügung unterwerfen  und  alles  erfüllen,  was  man  mir  auf- 
erlegte ;  im  übrigen  verfpräche  ich,  in  derartige  Frevel  und 
Verbrechen  nicht  mehr  zurückzufallen.  Nach  dem  Lefen 
ftieg  ich  von  der  Eftrade  herab,  und  der  Vorfitzende  der  20 
Gemeinde  trat  an  mich  heran,  um  mir  ins  Ohr  zu  flüftern, 
ich  möge  mich  in  irgend  einen  Winkel  der  Synagoge 
ftellen.  Ich  begab  mich  in  einen  Winkel,  worauf  mir  der 
Synagogendiener  fagte,  ich  folle  mich  entblößen.  Ich 
entblößte  meinen  Leib  bis  zum  Gürtel,  band  mir  ein  Tuch  25 
um  den  Kopf,  legte  die  Schuhe  ab  und  ftreckte  die  Arme 
aus,  indem  ich  mit  den  Händen  eine  Art  Säule  erfaßte. 
Der  Synagogendiener  kam  herzu  und  band  mir  die  Hände 
mit  Stricken  an  jene  Säule.  Hierauf  kam  der  Vorfänger 
herzu  und  nachdem  er  eine  Lederpeitfche  erhalten,  ver-  30 
fetzte  er  mir  der  Tradition  gemäß  neununddreißig  Schläge 
an  die  Seiten,  denn  das  Gefetz  beftimmt,  die  Zahl  vierzig 
nicht  zu  überfchreiten,  und  da  diefe  Leute  fo  gewiiTenhaft 
und  genau  find,  nehmen  fie  fich  in  Acht,  durch  Über- 


Ein   Beispiel   menschlichen    Lebens  135 


fchreitung  der  Zahl  (ich  zufällig  einmal  zu  verfündigen. 
Während  der  Schläge  wurde  ein  Pfalm  gefungen.  Nach- 
dem das  erfüllt  war,  fetzte  ich  mich  auf  den  Boden,  der 
Prediger  oder  Weife  (wie  lächerlich  find  doch  die  menfch- 
5  liehen  Dinge)  kam  zu  mir  und  löfte  mich  von  dem  Bann,  und 
damit  war  mir  fchon  die  Pforte  des  Himmels  aufgetan,  die 
vorher  mit  den  ftärkften  Riegeln  verfchloiTen  war  und  mich 
von  Schwelle  und  Eingang  ausgefchloffen.  Danach  legte 
ich  meine  Kleider  wieder  an,  ging  zur  Schwelle  der  Syna- 

10  goge  und  ftreckte  mich  dort  nieder,  während  der  Syna- 
gogendiener meinen  Kopf  ftützte.  Dann  fchritten  alle 
beim  Ausgang  über  mich  hinweg,  indem  fie  den  einen 
Fuß  erhoben  und  über  meine  Unterfchenkel  hinweg- 
fchritten,  und  alle  taten  es,  Knaben  wie  Greife  (kein 

15  Affe  könnte  den  Menfchen  ein  abgefchmackteres  Trei- 
ben oder  lächerlichere  Geften  vorführen).  Nachdem  das 
Gefchäft  verrichtet  und  als  niemand  mehr  da  war, 
erhob  ich  mich  vom  Platze,  wurde  von  dem,  der  mir 
beiftand,  vom  Staub  gereinigt  (niemand  foll  fagen,  fie 

20  hätten  mich  nicht  ehrenvoll  behandelt,  denn  wenn  ße 
mich  auch  erft  geißelten,  fo  beklagten  fie  mich  doch 
und  ftreichelten  mein  Haupt),  und  ich  begab  mich 
nach  Haufe.  Ihr  fchamlofeften  unter  allen  Menfchen!  ihr 
fluchwürdigen  Priester,  von  denen  nichts  Häßliches  zu  be- 

25  fürchten  war!  ,,Wir  follten  dich  fchlagen  ?"  fagtenfie,  ,,fern 
fei  jeder  Gedanke  daran."  Urteile  nun  jeder,  der  es  ver- 
nommen, was  für  ein  Schaufpiel  es  ift,  einen  alten  Mann 
zu  fehen,  von  nicht  geringer  Herkunft  ,  von  Natur  überaus 
f chamhaft,  in  öffentlicher  Verfammlung  vor  allen,  Män- 

30  nern,  Frauen  und  Kindern  entblößt  und  gegeißelt  auf  das 
Geheiß  von  Richtern,  und  zwar  von  Richtern,  die  eher 
verächtliche  Sklaven  find  als  Richter.  Er  überlege,  was 
für  ein  Schmerz,  den  wütendften  Feinden  zu  Füßen  zu 
fallen,  von  denen  man  fo  viel  Übel,  fo  viel  Unrecht  er- 


136      Ein   Beispiel   menschlichen  Lebens 

fahren  hat,  und  fich  niederzuwerfen,  um  fich  von  ihnen 
mit  Füßen  treten  zu  laffen.  Er  bedenke  (was  noch  fchlim- 
mer  ift,  ja  ein  widernatürliches  Wunder,  eine  entfetzliche 
Ungeheuerlichkeit,  vor  deren  Anblick  und  deren  Abfcheu- 
lichkeit  einem  geradezu  graut  und  fchaudert) :  meine 
eignen  leiblichen  Brüder,  von  gleichem  Vater  und  gleicher 
Mutter  erzeugt,  im  gleichen  Haufe  mit  mir  erzogen,  haben 
auf  diefes  Ziel  mit  aller  Kraft  hingearbeitet,  uneingedenk 
der  Liebe,  die  ich  ihnen  ftändig  erwiefen  —  denn  fo  war  es 
mir  eigen  und  angeboren  — ,  und  uneingedenk  der  vielen 
Wohltaten,  die  fie  zeitlebens  von  mir  empfangen  hatten, 
für  die  ich  ftatt  Erkenntlichkeit  Schmach,  Schaden,  Übel 
erntete,  fo  unfäglich  fchimpflich,  daß  ich  mich  fchäme,  es 
zu  berichten. 

Meine  nicht  genug  zu  verabfcheuenden  Widerfacher  be- 
haupten, fie  hätten  mich  mit  Recht  geftraft  zum  Exempel 
für  andere,  damit  nicht  noch  einmal  einer  es  wage,  fich 
ihren  Verordnungen  zu  wider  fetzen,  und  gegen  die  Weifen 
zu  fchreiben.  Ihr  fchurkifchften  Menfchen,  fähig  zu  jeder 
Lüge!  Wie  viel  mehr  Recht  hätte  ich,  euch  zum  Exempel 
zu  ftrafen,  damit  ihr  euch  nicht  noch  einmal  derart  gegen 
Männer  erfrecht,  die  die  Wahrheit  lieben,  den  Betrug 
haffen,  und  ohne  Unterfchied  dem  ganzen  Menfchen- 
gefchlechte  freund  find,  deíTen  gemeinfame  Feinde  ihr 
feid,  da  ihr  alle  Völker  für  nichts  achtet  und  fie  dem 
Vieh  gleichftellt,  euch  allein  aber  dreift  in  den  Himmel 
hebt,  indem  ihr  euch  mit  euren  eigenen  Lügen 
fchmeichelt,  während  ihr  doch  nichts  habt,  deffen  ihr 
euch  wirklich  rühmen  könntet,  außer  etwa  es  wäre 
euer  Ruhm,  heimatlos  zu  fein,  von  allen  verachtet 
und  gehaßt  wegen  eurer  lächerlichen  und  gefuchten 
Bräuche,  durch  die  ihr  euch  von  den  übrigen  Menfchen 
abfondern  wollt.  Denn  wenn  ihr  in  der  Einfachheit  des 
Lebens  und  der  Gerechtigkeit  euren  Ruhm  fuchen  wolltet, 


Ein   Beispiel   menschlichen    Lebens  137 


dann  wehe  euch,  da  ihr  ganz  offenfichtlich  darin  hinter 
vielen  zurückfteht.  Ich  fage  alfo:  ich  hätte  das  Recht 
gehabt,  wenn  ich  die  Kraft  dazu  gehabt  hätte,  an  ihnen 
Rache  zu  nehmen  für  das  harte  Leid  und  das  graufame 
5  Unrecht,  mit  dem  fie  mich  überhäuften  und  wegen  deffen 
mir  mein  Leben  verhaßt  worden  ift.  Denn  welcher  Mann 
von  Ehrgefühl  ertrüge  es  willig,  ein  fchmachbedecktes 
Leben  zu  leben  ?  Und  wie  jemand  gut  gefagt  hat :  ent- 
weder recht  zu  leben  oder  in  Ehren  zu  fterben  ziemt  dem 

10  Edlen.  Um  fo  viel  gerechter  aber  ift  meine  Sache  als  die 
ihrige,  als  die  Wahrheit  iich  über  die  Lüge  erhebt.  Jene 
ftreiten  für  die  Lüge,  um  die  Menfchen  einzufangen  und  zu 
Sklaven  zu  machen,  ich  aber  für  die  Wahrheit  und  die 
natürliche  Freiheit  der  Menfchen,  denen  es  mehr  ziemt, 

15  von  trügerifchem  Aberglauben  und  eitlen  Ceremonien  frei 
ein  menfchenwürdiges  Leben  zu  führen.  Ich  gebe  zu, 
beffer  wäre  es  für  mich  gewefen,  hätte  ich  von  Anfang  an 
gefchwiegen,  hätte  die  Dinge  gelten  laffen,  wie  fie  nun  ein- 
mal in  der  Welt  find,  und  hätte  lieber  den  Mund  gehalten. 

20  So  müffen  es  die  machen,  die  unter  den  Menfchen  leben 
wollen,  wenn  fie  nicht  wie  gewöhnlich  von  der  unwiffenden 
Menge  oder  von  ungerechten  Tyrannen  unterdrückt  wer- 
den wollen :  jeder  ift  ja  nur  auf  feinen  Vorteil  bedacht  und 
beftrebt,  die  Wahrheit  zu  unterdrücken,  legt  den  Schwa- 

25  chen  Schlingen  und  tritt  die  Gerechtigkeit  mit  Füßen. 
Dennoch,  nachdem  ich  unvorfichtig  genug  war,  getäufcht 
durch  eine  nichtige  Religion  mich  mit  ihnen  in  Kampf  ein- 
zulaufen, ift  es  beffer,  rühmlich  zu  erliegen  oder  wenigftens 
ohne  den  Kummer  zu  fterben,  der  bei  Männern  von  Ehre 

30  eine  fchmähliche  Flucht  oder  eine  törichte  Nachgiebigkeit 
begleitet. 

Jene  pflegen  die  Menge  für  fich  geltend  zu  machen.  „Du, 
ein  einzelner,  mußt  uns,  den  vielen,  weichen/'  Freunde, 
es  ift  zwar  vorteilhaft,  daß  einer  den  vielen  weicht,  um 


138      Ein    Beispiel   menschlichen  Lebens 

nicht  von  ihnen  zerriffen  zu  werden,  aber  nicht  alles,  was 
vorteilhaft  ift,  ift  ohne  weiteres  auch  fchön.  Schön  ift  es 
wahrhaftig  nicht,  in  Schmach  das  Feld  zu  räumen  und 
der  Gewalt  und  Ungerechtigkeit  den  Triumph  zu  laffen. 
Ihr  müßt  mir  alfo  zugeftehen,  daß  es  mannhaft  und  lobens-  5 
wert  ift,  den  Übermütigen  Wider ftand  zu  leiften,  foviel  man 
kann,  damit  nicht  die  Böfewichte,  die  aus  ihrer  Schurkerei 
Gewinn  ziehen,  von  Tag  zu  Tag  noch  übermütiger  werden. 
Zwar  ift  es  fchön  und  eines  rechten,  edlen  Mannes  würdig, 
ein  Geringer  mit  den  Geringen,  mit  den  Lämmern  ein  10 
Lamm  zu  fein;  töricht  aber  ift  es,  und  dem  Schimpf  und 
Tadel  ausgefetzt,  wenn  man  mit  Löwen  im  Streite  die 
Sanftmut  eines  Lammes  zeigt.  Wird  es  zum  Schönften 
gerechnet,  für  das  Vaterland  zu  fallen,  weil  das  Vaterland 
ein  Teil  unferes  Selbft  ift,  wie  follte  es  da  nicht  fchön  fein  15 
für  die  eigene  Ehre,  die  doch  ganz  eigentlich  unfer  ift,  und 
ohne  die  wir  nicht  wahrhaft  leben  können,  wollen  wir  uns 
nicht  wie  die  fchmutzigften  Schweine  im  fchmutzigften 
Kot  unferer  Gewinnfucht  wälzen. 

Freilich,  die  Elenden,  die  mit  mir  ihren  Spott  treiben,  20 
leiten  ihr  Recht  allein  von  der  Menge  her,  indem  fie  fagen : 
,,was  vermagft  du  als  einzelner  gegen  fo  viele  ?"  Ich  geftehe 
es  voll  Schmerz,  daß  ich  von  eurer  Menge  erdrückt  wor- 
den bin,  und  doch  lodert  der  Zorn  bei  diefen  Gedanken 
und  bei  euren  Reden  heftiger  in  mir  und  fchreit  es  in  die  25 
Welt  hinaus  :  fchlecht  ift  es,  fchlechten,  übermütigen,  hals- 
ftarrigen  und  verftockten  Menfchen  mit  Güte  zu  begegnen. 
Nur  eines  habe  ich  gefagt:  mir  fehlt  die  Kraft. 

Ich  weiß,  meine  Gegner  fagen  immer  wieder,  um  meinen 
Ruf  bei  dem  ungebildeten  Volke  zu  zerfetzen:  ,,er  hat  gar  30 
keine  Religion,  ift  weder  Jude,  noch  Chrift,  noch  Muham- 
medaner".  Bedenke,  Pharifäer,  was  du  redeft.  Du  bift  ja 
blind,  und  wenn  du  auch  von  Bosheit  Überfließeft,  rennft  du 
doch  wie  ein  Blinder  gegen  die  Mauer.  Sag  mir  doch  bitte : 


Ein   Beispiel   menschlichen    Lebens  139 


wenn  ich  ein  Chrift  wäre,  was  hätteft  du  dann  gefagt  ?  Es 
liegt  auf  der  Hand,  du  hätteft  gefagt,  ich  fei  der  fchänd- 
lichfte  Götzendiener  und  werde  mitfamt  Jefus,  dem  Naza- 
rener,  dem  Lehrer  der  Chriften,  vom  wahren  Gotte,  von 
5  dem  ich  abgefallen  bin,  meine  Strafe  erhalten.  Wenn  ich 
Muhammedaner  wäre,  weiß  doch  jeder,  mit  welchen  Ehren 
du  mich  überhäufen  würdeft.  Und  fo  könnte  ich  deiner 
Zunge  niemals  entgehen  und  meine  einzige  Ausflucht 
bliebe,  mich  vor  dir  auf  die  Knie  zu  werfen  und  deine 

10  elenden  Füße  zu  küffen,  ich  meine  deine  ruchlofen  und 
fchändlichen  Einrichtungen.  Kläre  mich  doch  bitte  ein- 
mal darüber  auf :  kennft  du  denn  keine  andere  Religion 
als  die  erwähnten,  von  denen  du  die  beiden  letzten  für 
unächt  erklär ft  und  nicht  eben  Religionen,  fondern  Abfall 

15  von  der  Religion  titulierft?  Da  höre  ich  dich  zugeben,  daß 
du  doch  noch  eine  Religion  kennft,  die  wirklich  Religion 
ift  und  durch  die  die  Menfchen  Gott  wohlgefällig  fein 
können.  Wenn  nämlich  alle  Völker,  mit  Ausnahme  der 
Juden  (ihr  müßt  euch  ja  immer  von  den  anderen  abfon- 

20  dern,  um  nicht  mit  Gemeinen  und  Niedrigen  in  Verbin- 
dung gebracht  zu  werden),  die  heben  Gebote  halten,  die, 
wie  ihr  fagt,  Noah,  und  die  anderen  vor  Abraham  gehalten 
haben,  dann  genügt  es  für  ihr  Heil.  Es  gibt  alfo  doch  nach 
eurer  eigenen  Meinung  eine  Religion,  zu  der  ich  mich 

25  bekennen  darf,  auch  wenn  ich  von  jüdifcher  Abkunft  bin. 
Darum  bitte  ich  euch  inftändig :  laßt  mich  jener  anderen 
Schar  mich  gefeilen,  oder  wenn  ihr  es  mir  nicht  erlauben 
wollt,  dann  will  ich  mir  felbft  die  Freiheit  nehmen.  O  blin- 
der Pharifäer,  der  du  jenes  Gefetz  vergeffen  haft,  das  doch 

30  das  urfprüngliche  ift  und  von  Anfang  an  war  und  immer 
fein  wird.  Immer  nur  fprichft  du  von  anderen  Ge fetzen, 
die  erft  fpäter  entftanden  find  und  die  du  felbft  verdammft, 
das  deinige  ausgenommen,  über  das  doch  andere,  du  magst 
wollen  oder  nicht,  ihr  Urteil  fällen  auf  Grund  der  geraden 


i4o      Ein    Beispiel   menschlichen  Lebens 

Vernunft,  die  die  wahre  Norm  jenes  natürlichen  Gefetzes 
ift,  das  du  vergeffen  haft  und  gerne  begraben  möchteft, 
um  dein  fchweres  und  abfcheuliches  Joch  den  Menfchen 
auf  den  Nacken  zu  legen,  und  fie  um  die  gefunde  Vernunft 
zu  bringen,  daß  fie  Wahnwitzigen  gleichen.  5 

Da  wir  aber  darauf  gekommen  find,  möchte  ich 
dabei  ein  wenig  verweilen  und  die  Vortrefflichkeit 
diefes  urfprünglichen  Gefetzes  nicht  ganz  mit  Still- 
fchweigen  übergehen.  Ich  fage  alfo,  daß  diefes  Gefetz 
allen  Menfchen  gemeinfam  und  eingeboren  ift,  eben  10 
weil  fie  Menfchen  find.  Es  verbindet  alle  miteinander 
in  gegenfeitiger  Liebe,  fremd  der  Zwietracht,  die  allen 
Haffes  und  der  fchlimmften  Übel  Urfache  und  Wurzel 
ift.  Es  lehrt  uns,  recht  zu  leben,  fcheidet  zwifchen 
gerecht  und  ungerecht,  zwifchen  häßlich  und  fchön.  Was  15 
immer  das  mofaifche  Gefetz  oder  irgend  ein  anderes  an 
Gutem  enthält,  fchließt  das  Naturgefetz  alles  in  vollkom- 
mener Form  in  fich,  und  wenn  man  auch  nur  ein  wenig 
von  diefer  natürlichen  Norm  abweicht,  entfteht  fogleich 
Streit,  tritt  fogleich  Zwietracht  der  Gemüter  ein,  und  20 
man  kommt  zu  keiner  Ruhe  mehr.  Wenn  man  aber  weit 
davon  abweicht,  wer  vermöchte  dann  noch  die  entfetz- 
lichen  Übel  und  Ungeheuerlichkeiten  aufzuzählen,  die 
diefer  Verfälfchung  Entftehung  und  Wachstum  verdan- 
ken? Was  ift  das  befte  im  mofaifchen  Gefetz  oder  in  25 
irgend  einem  anderen,  im  Hinblick  auf  die  menfchliche 
Gefellfchaft,  damit  die  Menfchen  gut  miteinander  leben 
und  fich  gut  vertragen?  Sicherlich  ift  es  das  erfte,  die 
Eltern  ehren,  dann  fich  nicht  an  fremdem  Gut  vergreifen, 
mag  es  fich  ums  Leben,  um  die  Ehre  oder  um  andere  fürs  30 
Leben  nützliche  Güter  handeln.  Was  von  alledem,  frage 
ich,  ift  nicht  fchon  im  Naturgefetz  und  der  dem  Geifte 
innewohnenden  rechten  Norm  befchloffen?  Von  Natur 
aus  lieben  wir  unfere  Kinder,  lieben  die  Kinder  die  Eltern, 


Ein   Beispiel   menschlichen   Lebens  141 


der  Bruder  den  Bruder,  der  Freund  den  Freund.  Von 
Natur  aus  wollen  wir  alles,  was  unfer  ift,  unverfehrt  erhal- 
ten, und  haffen  diejenigen,  die  unferen  Frieden  ftören,  die 
uns  das  unfrige  mit  Gewalt  oder  Lift  nehmen  wollen.  Aus 

5  diefem  unferen  natürlichen  Willen  folgt  offenbar  die  Er- 
kenntnis, daß  wir  nicht  felbft  das  begehen  dürfen,  was  wir 
bei  anderen  verdammen.  Denn  wenn  wir  andere  verdam- 
men, weil  fie  iich  an  unferem  Belitz  vergreifen,  verdammen 
wir  auch  uns  felbft,  wenn  wir  uns  am  fremden  vergreifen. 

10  Und  fieh  da,  fchon  haben  wir  ohne  Mühe  die  Hauptfache 
in  jedem  Gefetz.  Was  die  Speifen  angeht,  fo  wollen  wir 
das  den  Ärzten  überlaffen,  denn  die  werden  uns  am  paf- 
fendften  darüber  belehren,  welche  Speife  uns  heilfam  und 
welche  hinwieder  uns  nachteilig  ift.  Was  aber  das  andere 

15  Ceremoniell  angeht,  die  Riten,  Vorfchriften,  Opfer,  Zehn- 
ten (ein  rechter  Betrug,  damit  ein  Müßiggänger  von  frem- 
der Arbeit  leben  kann),  fo  können  wir  es  nicht  laut  genug 
beklagen,  daß  wir  durch  menfchliche  Schlechtigkeit  in  fo 
viele  Labyrinthe  geraten  find.  Die  wahren  Chriften,  die 

20  das  erkannt  haben,  find  jeden  Lobes  wert,  daß  fie  all  das 
beifeite  gefchoben  und  bloß  das  zurückbehalten  haben, 
was  moralifch  zu  rechtem  Leben  gehört.  Wir  leben  nicht 
recht,  wenn  wir  viele  Nichtigkeiten  beobachten,  fondern 
nur  dann,  wenn  wir  vernunftgemäß  leben. 

25  Vielleicht  fagt  man,  das  mofaifche  oder  evangelifche 
Gefetz  enthielte  etwas  Erhabeneres  und  Vollkommeneres, 
nämlich  das  Gebot,  unfere  Feinde  zu  lieben,  wovon  das 
natürliche  Gefetz  nichts  weiß.  Darauf  erwidere  ich,  wie 
ich  fchon  oben  getan :  wenn  wir  von  der  Natur  abweichen 

30  und  etwas  Größeres  erfinden  wollen,  entfteht  fofort  Streit 
und  die  Ruhe  wird  geftört.  Was  nützt  es,  wenn  mir 
Unmögliches  befohlen  wird,  das  ich  nicht  zu  erfüllen  ver- 
mag? Nichts  Gutes  weiter  kann  daraus  folgen,  nur  feeli- 
fche  Bedrängnis,  wenn  wir  feftftellen,  daß  es  von  Natur 


142      Ein    Beispiel   menschlichen  Lebens 

aus  unmöglich  ift,  den  Feind  zu  lieben.  Allerdings  iftes  von 
Natur  aus  nicht  völlig  unmöglich,  den  Feinden  wohlzutun 
(was  auch  ohne  Liebe  gefchehen  kann),  weil  der  Menfch, 
allgemein  genommen,  zu  Pietät  und  Barmherzigkeit  eine 
natürliche  Neigung  beiitzt.  Wir  können  alfo  durchaus  5 
nicht  leugnen,  daß  eine  folche  Vollkommenheit  im  Natur- 
gefetz  begriffen  ift. 

Sehen  wir  nun  zu,  welche  Übel  entftehen,  wenn  man 
vom  natürlichen  Gefetze  ftark  abweicht.  Zwifchen  Eltern 
und  Kindern,  Brüdern  und  Freunden,  fagten  wir,  beftehe  10 
ein  natürliches  Band  der  Liebe.  Diefes  Band  löft  und 
zerreißt  das  poiitive  Gefetz,  mag  es  das  Gefetz  des  Mofes 
fein,  oder  irgend  eines  anderen,  fobald  es  vorfchreibt,  daß 
Vater,  Bruder,  Gatte,  Freund  den  Sohn,  Bruder,  Gatten, 
Freund  um  der  Religion  willen  töte  oder  verrate.  Ein  1S 
folches  Gefetz  verlangt  etwas  Größeres  und  Erhabeneres, 
als  daß  Menfchen  es  zu  erfüllen  vermöchten,  und  würde  es 
erfüllt,  dann  wäre  es  das  größte  Verbrechen  wider  die 
Natur :  denn  die  Natur  weift  alles  das  mit  Abfcheu  zurück. 
Aber  was  brauche  ich  das  zu  erwähnen,  wenn  bei  den  20 
Menfchen  ein  folches  Maß  des  Wahnfinns  möglich  war,  daß 
fie  ihre  eigenen  Söhne  den  Götzen,  die  fie  törichterweife 
verehren,  als  Brandopfer  dargebracht  haben,  wobei  fie 
f o  weit  von  jener  natürlichen  Norm  abweichen  und  ihre 
natürlichen  Vatergefühle  beflecken.  Wieviel  erquickender  2  5 
wäre  es,  wenn  die  Menfchen  fich  in  den  natürlichen  Gren- 
zen gehalten  hätten  und  niemals  auf  fo  abfcheuliche  Er- 
findungen gekommen  wären  ?  Was  foll  ich  fagen  von  den 
furchtbaren  Schrecken  und  Ängften,  in  die  Menfchen  in 
ihrer  Schlechtigkeit  andere  Menfchen  hineingejagt  haben?  30 
Ein  jeder  wäre  frei  von  ihnen,  wenn  man  bloß  auf  die 
Natur  hören  wollte,  die  von  alledem  nicht  das  Geringfte 
weiß.  Wie  viele  gibt  es,  die  an  ihrem  Heile  verzweifeln? 
Die  unter  der  Herrfchaft  aller  möglichen  Meinungen  Mar- 


Ein   Beispiel   menschlichen   Lebens  143 


tyrien  auf  iich  nehmen  ?  Die  aus  freien  Stücken  ein  ganz 
elendes  Leben  führen,  ihren  Körper  elend  zerfleifchen, 
Einfamkeit  und  Einöde  fern  von  aller  menfchlichen  Gefell- 
fchaft  auffuchen,  ftändig  von  Seelenqual  gepeinigt,  wobei 
5  fie  alle  die  Übel,  die  fie  für  die  Zukunft  fürchten,  fchon  in 
der  Gegenwart  erleiden.  Diefe  und  zahllofe  andere  Übel 
hat  eine  falfche,  von  den  Menfchen  in  ihrer  Schlechtigkeit 
erfundene  Religion  über  die  Sterblichen  gebracht.  Bin 
ich  nicht  f elber  einer  von  den  vielen,  der  von  folchen 
10  Betrügern  aufs  fchlimmfte  hintergangen  wurde  und  der 
durch  den  Glauben  an  fie  zugrunde  ging?  Ich  fpreche  aus 
Erfahrung. 

Dagegen  fagen  fie,  wenn  es  kein  anderes  Gefetz  gäbe 
als  das  Naturgefetz  und  wenn  die  Menfchen  nicht  an  ein 

lS  anderes,  künftiges  Leben  glaubten,  und  die  ewigen  Strafen 
fürchteten,  was  follte  fie  abhalten,  ftändig  Böfes  zu  tun? 
Ihr  habt  folche  Erfindungen  ausgedacht  (vielleicht  fteckt 
noch  etwas  anderes  dahinter,  denn  es  ift  zu  beforgen,  daß 
ihr  um  eures  Vorteils  willen  anderen  die  Laft  habt  auf- 

20  erlegen  wollen),  darin  denen  ähnlich,  die  die  Kinder  zu 
fchrecken  Larven  erfinnen  oder  andere  graufige  Namen 
ausdenken,  bis  die  Kleinen,  von  Furcht  gefchüttelt,  den 
eigenen  Willen  mit  Widerftreben  und  Betrübnis  gefangen 
geben  und  ihrem  Willen  fich  fügen.  All  das  hilft  aber 

25  nur  folange,  als  das  Kind  Kind  ift;  fobald  es  einmal  das 
geiftige  Auge  aufgetan  hat,  lacht  es  des  Betrugs  und 
fürchtet  keine  Larven  mehr.  So  ift  euer  Treiben  lächer- 
lich und  kann  bloß  Kindern  oder  Einfaltspinfeln  Furcht 
einjagen ;  die  anderen  aber,  die  euer  Treiben  durchfchaut, 

30  verlachen  euch.  Ich  verzichte  darauf,  hier  von  der  Recht- 
mäßigkeit folchen  Betruges  zu  reden.  Habt  ihr  doch  felbft, 
die  ihr  dergleichen  erfinnt,  unter  euren  Rechtsregeln  auch 
die,  man  dürfe  nicht  Böfes  tun,  um  das  Gute  herbeizu- 
führen. Vielleicht  rechnet  ihr  es  nicht  unter  das  Böfe, 


144      Ein   Beispiel   menschlichen  Lebens 

andere  in  fchweres  Vorurteil  hineinzulügen  und  fo  den 
Geiftesfch wachen  Gelegenheit  zur  Tollheit  zu  geben.  Wenn 
auch  nur  eine  Spur  von  wahrer  Religion  oder  Furcht  in 
euch  wäre,  dann  hättet  ihr  ohne  Zweifel  nicht  geringe 
Furcht  empfinden  muffen,  als  ihr  fo  viel  Unheil  über  die  5 
Welt  gebracht,  fo  viel  Zwift  unter  den  Menfchen  erregt, 
fo  viel  Ungerechtigkeiten  und  Verruchtheiten  ins  Werk 
gefetzt  habt,  daß  ihr  keinen  Anftand  nahmt,  in  verruchter 
Weife  Eltern  gegen  ihre  Kinder  und  Kinder  gegen  ihre 
Eltern  aufzuhetzen.  10 

Eines  möchte  ich  von  euch  erfahren,  nämlich  wenn  ihr 
das  wegen  der  Bosheit  der  Menfchen  erdichtet,  um  fie 
durch  erdichtete  Schreckbilder  bei  ihrer  Pflicht  zu  halten, 
während  fie  fonft  fchwer  zu  bezwingen  wären,  kam  es 
euch  dabei  nicht  in  den  Sinn,  daß  ihr  gleichfalls  Menfchen  15 
voll  Bosheit  feid,  die  nichts  Gutes  leiften  können,  immer 
nur  Böfes  verrichten,  anderen  fchaden,  gegen  niemand 
Mitleiden  üben?  Ich  fehe  fchon  euren  Zorn,  weil  ich  eine 
folche  Frage  an  euch  zu  ftellen  wage,  und  wie  jeder  von 
euch  voller  Eifer  die  Gerechtigkeit  feiner  Handlungen  20 
beteuert.  Es  gibt  keinen,  der  fich  nicht  für  fromm,  barm- 
herzig, wahrheits-  und  gerech tigkeitsliebend  ausgäbe.  Ent- 
weder aber  redet  ihr  falfch,  wenn  ihr  von  euch  derartiges 
auspofaunt,  oder  ihr  befchuldigt  fälfchlich  alle  Menfchen 
der  Bosheit,  die  ihr  mit  euren  Larven  und  erdichteten  25 
Schreckbildern  heilen  wollt,  wobei  ihrGott  ebenfo  fchmäht, 
den  ihr  in  den  Augen  der  Menfchen  als  den  graufamften 
Henker  und  fchrecklichften  Folterknecht  hinftellt,  wie  ihr 
die  Menfchen  fchmäht,  die  ihr  zu  fo  kläglichem  Elend 
geboren  fein  laßt,  als  ob  nicht  genug  an  dem  wäre,  was  30 
jeden  im  Leben  trifft.  Aber  zugegeben,  die  menfchliche 
Bosheit  ift  groß,  wie  ich  felbft  anerkenne  und  wofür  ihr 
mir  Zeugen  feid,  denn  ihr  feid  ja  von  ausnehmender  Bos- 
heit, fonft  wäret  ihr  nicht  imftande,  folche  Hirngefpinfte 


Ein   Beispiel  menschlichen   Lebens  145 

zu  eriinnen,  fo  fuchet  doch  die  wirkfamften  Heilmittel,  die 
ohne  noch  größere  Verletzung  diefe  Krankheit  den  Men- 
fchen  ein  für  allemal  austreiben,  und  legt  die  Larven  bei- 
feite, die  doch  nur  auf  Kinder  und  Dummköpfe  Eindruck 

5  machen.  Wenn  aber  diefe  Krankheit  bei  den  Menfchen 
unheilbar  ift,  fo  gebt  die  Lügen  auf  und  verfprecht  nicht 
wie  alberne  Ärzte  eine  Heilung,  die  ihr  doch  nicht  bewir- 
ken könnt.  Begnügt  euch  damit,  unter  euch  gerechte  und 
vernünftige  Gefetze  aufzuteilen,  die  Guten  zu  belohnen, 

10  die  Schlechten  geziemend  zu  beftrafen.  Befreit  alle,  die 
Gewalt  erleiden,  von  den  gewalttätigen  Menfchen,  damit  iie 
iich  nicht  darüber  beklagen  müifen,  daß  es  keine  Gerech- 
tigkeit auf  Erden  gibt,  und  daß  niemand  da  ift,  der  den 
Schwachen  den  Händen  des  Stärkeren  entreißt.  Wahr- 

15  haftig,  wenn  die  Menfchen  der  geraden  Vernunft  folgen 
wollten  und  der  menfchlichen  Natur  gemäß  leben,  dann 
würden  alle  einander  lieben  und  alle  einander  Leid  tragen 
helfen.  Jeder  würde  das  Unglück  des  anderen  nach  Kräf- 
ten erleichtern,  oder  wenigftens  würde  keiner  den  anderen 

20  grundlos  verletzen.  Was  dawider  gefchieht,  gefchieht 
gegen  die  menfchliche  Natur,  und  vieles  gefchieht,  weil 
die  Menfchen  verfchiedene,  von  der  Natur  abweichende 
Ge fetze  erfunden  haben,  und  weil  der  eine  den  anderen 
durch  Übeltaten  reizt.  Viele  gibt  es,  die  verftellt  einher- 

25  gehen,  und  fo  tun,  als  ob  fie  ausnehmend  gottesfürchtig 
wären,  während  fie  arglofe  Gemüter  täufchen,  indem  fie 
den  Deckmantel  der  Religion  mißbrauchen,  um  einzu- 
fangen,  wenn  fie  können.  Man  darf  fie  mit  Recht  dem 
Dieb  bei  Nacht  vergleichen,  der  die  Schlafenden  und 

30  Nichtsahnenden  heimlich  befchleicht.  Eben  diefe  führen 
gewöhnlich  im  Munde:  ,,ich  bin  Jude,  ich  bin  Chrift,  ver- 
traue mir,  ich  werde  dich  nicht  betrügen".  O  ihr  fchlimmen 
Beftien!  Wer  nichts  von  alledem  fagt  und  iich  bloß  als 
Menfchen  bekennt,  ift  viel  beffer  als  ihr.  Denn  wenn  ihr 


Da  Costa  Opera. 


146     Ein   Beispiel  menschlichen  Lebens 

ihm  als  Menfchen  nicht  trauen  wollt,  könnt  ihr  euch  vor 
ihm  hüten.  Wer  aber  wird  fich  vor  euch  hüten,  die  ihr  in 
dem  erlogenen  Mantel  einer  erlogenen  Heiligkeit  wie  der 
Dieb  in  der  Nacht  die  arglofen  Schläfer  durch  Schlupf- 
löcher überfallt  und  elend  erwürgt?  5 

Über  eines  wundere  ich  mich  vor  allem  und  es  ift  auch 
in  der  Tat  zu  verwundern :  wie  können  die  unter  Chriften 
lebenden  Pharifäer  eine  fo  große  Freiheit  genießen,  daß 
he  fogar  Urteile  vollftrecken.  Und  in  Wahrheit  darf  ich 
fagen:  wenn  heute  Jefus  von  Nazareth,  den  die  Chriften  10 
fo  fehr  verehren,  in  Amfterdam  predigen  wollte,  und  es 
gefiele  den  Pharifäern,  ihn  abermals  zu  geißeln,  weil  er 
ihre  Überlieferungen  bekämpfte  und  fie  der  Heuchelei 
ziehe,  fo  könnten  fie  es  ungehindert  tun.  Sicher  ift  es  eine 
Schande  und  darf  in  einem  freien  Staate  nicht  geduldet  15 
werden,  der  fich  rühmt,  die  Menfchen  in  ihrer  Freiheit 
und  in  ihrem  Frieden  zu  fchützen,  und  der  fie  doch  nicht 
gegen  das  Unrecht  der  Pharifäer  fchützt.  Und  wenn  einer 
keinen  Verteidiger  und  keinen  Rächer  hat,  dann  ift  es 
nicht  zu  verwundern,  wenn  er  felbft  fich  zu  verteidigen  und  20 
erlittenes  Unrecht  zu  rächen  fucht. 

Da  habt  ihr  die  wahre  Gefchichte  meines  Lebens ;  und 
welche  Rolle  ich  in  diefem  nichtigen  Welttheater  gefpielt, 
in  meinem  nichtigen  und  unftäten  Leben,  habe  ich 
euch  dargeftellt.  Nun  urteilt  gerecht,  ihr  Menfchen-  25 
kinder,  und  ohne  Leidenfchaft,  frei  nach  der  Wahrheit 
fprecht  mir  das  Urteil ;  denn  fo  allein  geziemt  es  Männern, 
die  in  Wahrheit  Männer  find.  Findet  ihr  etwas,  was  euer 
Mitleid  wachruft,  dann  erkennt  und  beklagt  das  trau- 
rige Los  der  Menfchen,  an  dem  auch  ihr  euer  Teil  habt.  30 

Damit  auch  das  nicht  fehle  —  mein  Name,  den  ich  als 
Chrift  in  Portugal  trug,  war  Gabriel  a  Cofta ;  bei  den  Juden 
—  o  wäre  ich  niemals  zu  ihnen  gekommen  —  hieß  ich  mit 
geringer  Änderung  Uriel. 


REGESTEN. 


IO' 


/ 


i6o4 — 1608. 

Livro  de  Matriculas,  Coimbra,  l.  5,fl.  18,  v.°  3. 

Gabriel  da  Cofta,  filho  de  Bento  da  Coita,  do  Porto, 
matriculou-fe  em  Cânones  a  4  novembro  de  1604. 

Ibid.,  I.  6,fl.  10,  v.° 

Matriculou-fe  em  10  outubre  1605. 

Provas  de  Curfo,  1605 — 1606,  Coimbra,  Vol.  7,  /.  2, 
fl.  105. 

Gabriel  da  Cofta,  do  Porto,  curfou  6  de  Cânones. 
Ibid.,  fl.  113  v.° 

Gabriel  da  Cofta  curfou  5  de  Cânones. 
Livro  de  Matriculas,  l.  ?,fl.  150. 
Matriculou-fe  a  15  outubre  1607. 
Ibid.  I.  8,fl.  16,  v.° 
Matriculou-fe  a  12  dezembro  1608. 

*  *  * 

Matrikelbuch  der  Univerßtät  Coimbra,  Buch  5,  S.  18 
ver/o  3. 

Gabriel  da  Cofta,  Sohn  des  Bento  da  Cofta,  aus  Porto 
immatriculierte  fich  für  kanonifches  Recht  am  4.  Novem- 
ber 1604. 

Ebend.,  Buch  6,  S.  10  ver/o. 

Er  immatriculierte  fich  am  10.  October  1605. 

CurJ us- Prüfungen  1605 — 1606,  Coimbra,  Bd.  7,  Buch  2, 
S.  105. 

Gabriel  da  Cofta  aus  Porto  befuchte  fechs  Curfe  cano- 
nifchen  Rechts. 

Ebend.,  S.  113  ver/o. 


Regesten 


Gabriel  da  Cofta  befuchte  5  Curfe  canonifchen  Rechts. 
Matrikelbuch,  Buch  7,  S.  150. 
Er  immatriculierte  fich  am  15.  October  1607. 
Ebend.,  Buch  8,  S.  16  ver/o. 

Er  immatriculierte  fich  am  1 2 .  December  1 608 .  5 


1616I17. 

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njn  nn  aanbnpa  t^sa  nn  nap  *a  uaab  dm  uyat^ 
*pm  ,y'ran  •nau  sryatr  niin  to  nyin  lanb  myaa  I0 
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•paj  rpan  ipk  V't  umai  nn  im  wa  iryna  sin  iita 
h?k  uyat^  mai  n«i  ,0/Tmwbm  ^aa  ^ki^  ma  nrpty 
by  nbwn  baa  du:  nwm  wsn  naa  anaa  hb  nto 
^a  jiubkj  mawn  win  arvty  ipk  ft^i  ma^  ^aa  inn  15 
as  ^a  ^antya5?  man  am  m  pai  4na*n  paa  nas 
mpni*  ite  maitwi  v^s  aiaa  aipt^i  v^y  uijn  a^nn 
wp^  "maa  Tior      as  ,aia      mdkh     mvi  ^mai 
Tai  tew  ^pbs  'n  atra  v^ayai  nnya  uru«  ron  isny 
*<a  tei  ims  D^rmm  a^bpai  afinai  an:a  ntya  btr  20 
mten  ^a  lainai  ,imaa  nio  imbi  panb  mn«  im  wnw 
arrw  a^rui  rwy  njn  n"jna  wd  latnnttf  m^pm 
bab         my  bnp  baa  maiai  bnaia  ana  nna  ba  jvw 
ina  aw  iay  tnaT  fc^i  um  íst^  ab  am  nmpatr  nai 
•»jfia  njnn  ia-ia  aw  ipk  ny  mia*  tew  atra  ibw  25 
^ö«nb  rty  topi  jra  umaiai  ana  n^na  tetn  mm  top 
ibw  bp  iai         abiya  ns  mnsi?  atoi  nman  baa 
•n^  isatr  aa^nib^a         nn«  asi  ,aana  ^ai  an^a 
•»nai  ^ab  mn  aw      ^a  nisin  op^^i  ,nb«n  mawnn 
ík  ,itDKn  ^aa  rsa  pny         ^atr^  iijn  B"yai^  nnn  30 
mi:a  :n:a  rsa  aaba  ia  wmm  aab^  a,rnaa  umra  laoisn 
aaraa      nsna  ta^  na^t^  naitrn  ai^  im  19  nmm 


Regesten 


Tn*n  imkti  iran«  iv  nwi  unpö  p«n  s1?  iid^  th  — 

*  *  * 

5     ^4    den  Schreiben  des  Rabbiners  Leon  da  Modena . 

An  die  Vorfteher  der  hl.  Gemeinde  in  Hamburg  betreffs 
eines  Ketzers. 

Wir  vernahmen  zu  unferem  großen  Leidwefen,  daß  ein 
böfer  Geift  in  einem  Manne  aus  Eurer  Gemeinde  erftanden 

io  ift,  der  ihn  verwirrt,  daß  er  gegen  die  mündliche  Lehre 
und  gegen  die  Worte  unferer  Weifen  Falfches  redet,  ein 
Sadducäer,  Boethufeer  oder  Qaräer,  was  er  denkt,  wiffen 
wir  nicht.  Es  genügt  zu  fagen,  daß  er  ein  vollkommener 
Epikuräer  und  Gottesleugner  ift,  da  er  mit  frecher  Stirn 

15  gegen  die  Worte  unferer  Rabbinen  auftritt,  auf  denen 
doch  das  Haus  Ifraels  f eftgegründet  ift,  überall  wo  fich 
Ifraeliten  zerftreut  finden.  Seine  Worte  haben  wir  ver- 
nommen, die  er  hierher  fchriftlich  eingefandt  hat,  viel 
Torheiten  und  Einwände  gegen  jene,  wie  es  ihm  in  den 

20  Sinn  kommt,  ohne  Grundlage  und  Beweis,  denen  bereits 
treifende  Antworten  entgegengefetzt  wurden,  denn  die 
Wahrheit  Spricht  aus  der  Erde.  Wir  haben  alfo  Euer  Ehr- 
würden folgendes  zu  fagen :  Kommt  er  zur  Vernunft  und 
beruhigt  fich  dabei,  fobald  diefe  gerechten  und  guten  Ant- 

25  Worten  ihn  erreichen,  und  er  bekennt  die  Wahrheit,  dann 
ift  es  gut.  Verharrt  er  aber  in  feiner  Wider fpenftigkeit  und 
bleibt  hartnäckig,  fo  tun  wir  ihn  fchon  von  jetzt  an  in 
Bann  im  Namen  des  Gottes  Ifraels,  excommunicieren  ihn, 
verfluchen  ihn  und  jeden,  der  fein  Anhänger  ift,  indem  er 

30  folche  Abtrünnigkeit  glaubt  und  ausfpricht,  mit  der 
Schwere  aller  Eide  und  Flüche,  die  von  den  Zeiten  Mofis 
bis  heute  auferlegt  wurden.  Wir  beftimmen,  daß  er  und 


152 


Rege  STEN 


jeder  einzelne  von  ihnen  getrennt  und  abgefondert  fei  von 
der  ganzen  Gemeinde  Ifraels  in  bezug  auf  alle  Gemeinde- 
angelegenheiten, und  daß  niemand  mit  ihm  verhandeln 
noch  fprechen  darf,  der  mit  dem  Namen  Ifraels  genannt 
wird,  bis  jener  öffentlich  vor  der  Gemeinde  feine  böfen  5 
Reden  widerruft  und  von  ihr  fowohl  wie  von  unferen  Rab- 
binen  Verzeihung  erbittet  und  es  auf  iich  nimmt,  alle 
ihre  Worte  anzuerkennen  und  niemals  mehr  den  Mund 
gegen  fie  auf  zu  tun,  felbft  gegen  das  geringfügigfte  Wort, 
das  von  ihrem  Munde  oder  aus  ihren  Schriften  hervorgeht.  i0 
Wenn  dann  Euer  Ehrwürden  wifíen,  daß  diefe  Entgeg- 
nungen ihn  erreichten  und  Eure  Augen  fehen,  daß  er 
nicht  reuig  eingefteht,  indem  er  alle  Worte  der  münd- 
lichen Lehre  anerkennt,  und  wenn  Ihr  ferner  hört,  daß  er 
die  genannten  Angriffe  fortfetzt,  dann  könnt  Ihr  unferen  15 
Befchluß  in  Eurer  Synagoge  veröffentlichen  und  von  da 
an  ihn  behandeln  als  in  Acht  und  Bann  getan,  bis  er  nach 
dem  Urteil  Euer  Ehrwürden  vollkommene  Rückkehr  zeigt. 

Möge  Gott  das  fteinerne  Herz  aus  unferem  Inneren  ent- 
fernen, in  uns  feine  Liebe  und  feine  Ehrfurcht  fenken,  und  20 
möge  er  Euer  Ehrwürden  und  fein  ganzes  Volk  fegnen 
mit  Frieden. 

Führer  des  Volkes,  berühmte  Männer,  denen  Lobes- 
erhebung gebührt,  Vorfteher  und  Beamte,  die  den  oberften 
Sitz  in  der  Gemeinde  Hamburg  einnehmen.  25 


1616/17. 

Titel  der  Gegenschrift  Leon  da  Modenas. 
rp  in  p  0 

nvi  ,wd  tps  rryn  nsn  •»mdöi  nw  e^kö  V'tn  lya 
iffpm  ,vvwn  *w  rfr«  vmteff  rm  nbm  irmos*  w  n 

i'jniM  ^u^n  *p  piro  xbv  bwbi  30 


Rege  sten 


153 


Schild  und  Tartjche 

für  unfere  Weifen  vor  einem  irrenden  und  thörichten 
Manne,  einem  Weifen  in  feinen  Augen,  ein  törichter  Mann 
ift  fein  Name.  Er  wohnte  damals  in  Hamburg  und  fchickte 
5  diefe  feine  Fragen  hierher  im  Jahre  161 6,  und  es  baten 
mich  angefehene  Sephardim,  ihm  zu  antworten  nach 
meinem  Sinne,  und  dem  unwürdigen  Fragefteller  habe  ich 
folgendes  würdig  geantwortet. 


I6l8. 

10     Proclamation  der  jüdifchen  Gemeinde  inVenedig. 

^Kiea  o^tsn  DJWöja  nbxn  a^jsn  nuy  bip  atijn 

nnn  \t  anmn  maitn  ^in  a^nn  nan  a^K 
a^xani  a^yi  n^iK  n*p  bvw  n5?  nnn  an  miau  yatr: 
^ibi  ,anba  ^sb  ia^i  anvrm  o^n       nTnsen  'ib 

I5  u^n  asb  ^         nmpn  aiuan  pi  nnsoen  nws 
eniBon  atray  nnb  m  anatai  anu  nsn  anaisi  a^nnaa 
abip  B/Tbd  n^mt?     mtíu  majr  bip  a;as  .aiia  rwa 
innia^  teil  IHM  nwni  tensi  tenb  n^n^a  isin  ^  ffnia 
an  ikpi  •»a  n^n  animai  omni  &nn  in«  wrw  Ty 

20  ^sit^  TP^  rtw  fiato  ™>k  V^* s^  ^  trsim  hvew** 
imo  y'mtr  ^a  a,Trm  affrr»  asm  ,mate  mwi  a^iy  an  ^ 
in&w  •»a  nnnn  mi  ten  \pyi>  n^iis  ^if  te  nnabi 
im  te1?  ^ns  iNip1*  ann  •pasay  irqn  mn1?  b*mn  te 
tei  nannD  iiat^m  an^yn  limai  roan  ^yn  amb  am 

25  tti?  vv  pan  ps  m&a  did3  an^yn  attfni  amma  pnnan 
a^san  Ian»  pbi  ,a^pn  te  imn  ip  na:  annn  te 
iniin  uii  'i  Iii  anante  nynn  bip  írya^a  amnn  by 
iBTsi  atk  a^ip  nsxai  vn  p  ukt  np*i  vm  irsn 
npinai  npn  p«n  wyn  rni  npbi        x1?  sin  npn 

30  nam  nx^bi  bpnb  a^ait?  ayn  tei  bpbpna  inn  ^ 
te5?  amt?  paa  Wpfffl  tdii  nain  iy  n^mt?  msi 


154 


Rege  STEN 


rrnnn  pwi  um  pbi  rn  ömT  by  ww  bbnw 
bs  ay  irr»  imki  in«  n  a^m  pi  ceton  a^aann 
a^:sn  itrs  imn  nie  s^i  a^ryn  ma  as  annn  bsw 
aanibtr  mm1?  ans  ans  pb  n  ay  nn^yo  n^w  nten 
bip  «fimpn  d^jiö  mnö  aan^n  nrpff}i  itt*  iprnn  5 
amaina  n^Dsn  n"1?  inyoi  K"a«nn  nnnntp  amm  nan  "i 
a^sn  tivtói  nnnnb  iam  a  nbyn  i^s  iay  n^e^Dön 

:V"n  Vrm  a^pasa  w;in 

nfi^ff  n:wrin  pnw^      naa  itpi  naa  ^  t'äs  ntyo  10 
Kimn  ^ja  Vrmi  nmna  low  t^i  ntes^  Tip  iw»  kVi 
ö/Tto  a^rnam  an  nn  yanfi  ^  asi  ntan 

.V'sy  annm  vn:n 
^  mnn  Wmi  inis  a^&nna  msft  csan  uruKi 
naa  a^no  nvp  im       nr«  ^a  ya&"  ntrs  15 

min  sin  ipk  T»yn  ^anbi  tois5?  nais5?  mann  mfan 
nrvw  nrai  pai  tyi  tew»  aib^  nr  n\Ti  nwia 
mnaa  rfi^  umai  a^j  trpte  toi  ,anvv  a^at^n  p 
nana  w  ^  ^nn^  saa  «nnw  nt^na  'np  tow 
umsem  iranp  rpa  ma^i  uanv  ai^i  írpto  n  njnn  20 
finiö  ra  0  ar  ns^rn  njD  n^fimnn  ^n  ••Ty*  as:  .ps 
jaa^pto  1  mvo  ns  jvöffn       na-ian  ns  noa  n"yw 

*  *  * 

Und  nun  wurde  die  Läßerßimme  diefer  Männer  gegen 
fich  felbft,  die  läfterlich  reden  gegen  die  Engel  Gottes,  als 
welche  die  Weifen  find,  die  die  Schriftverfe  mündlich  er-  25 
klären,  in  unferem  Lande  und  auch  außerhalb  vernom- 
men, daß  es  manche  fchlechte  und  fündhafte  Menfchen 
gibt,  die  die  Worte  unferer  Weifen  und  ihre  Auslegung 
leugnen  und  gegen  ihre  Worte  mit  Gewalt  auftreten. 
Hätte  fich  diefe  Ausfatzplage  nur  in  ihrem  Innern  aus-  30 
gebreitet,  hätte  fie  nur  ihren  eigenen  Sinn  berührt,  fo 
hätten  wir  gefchwiegen  und  uns  gefagt :  ihr  Geift  und  ihre 


Rege  STEN 


155 


Seele  wird  zugrunde  gehen  und  fie  werden  genug  der 
Strafe  haben  in  diefer  und  in  jener  Welt.  Jedoch  eine 
Stimme  der  Macht  hören  wir  aus  ihrem  Munde.  Ihre 
Stimme  dringt  vor  gleich  einer  Schlange,  die  der  Ver- 
5  derber  gefchaffen  hat  zu  verderben,  und  wie  eine  Pro- 
phetenfchar  durchziehen  fie  die  Stadt  mit  Harfen  und 
Cimbeln,  jagen  dem  Nichtigen  nach,  betrachten  ihre 
Worte  und  Leichtfertigkeiten  als  erhaben  in  Ifrael  und 
auf  allen  Straßen  fagen  he  von  dem  nicht-wahren  Gotte : 

10  das  find  deine  Götter,  Ifrael ;  denn  fie  fälfchen  das  Gefetz. 
Als  weife  wird  bei  ihnen  betrachtet,  was  den  Worten 
unferer  Weifen  widerfpricht,  und  ganz  Ifrael  zum  Ärgernis 
reißen  fie  öffentlich  alle  Schutzmauern  des  Gesetzes 
nieder.   Alle  Worte  unferer  Weifen  betrachten  fie  als 

15  nichtig  und  öde,  nennen  denjenigen,  der  an  iie  glaubt: 
Tor  glaubt  alles.  Sie  allein  halten  fich  für  weife.  Wir  find 
wie  Vieh  in  ihren  Augen,  und  wer  es  nicht  mit  ihnen  hält, 
wird  von  ihnen  als  Pferd  und  Maultier  ohne  Verftand  be- 
trachtet. Darob  klagen  alle  voller  Jammer,  daß  eine  eitle 

20  Maßfchnur  über  alle  richtigen  Maße  gelegt  fei.  Darum 
haben  wir,  die  Unterzeichneten,  als  wir  ihr  Kriegs- 
gefchrei  gegen  Gott  und  feine  Lehrer  hörten  und  ein 
Feuerlodern  fahen,  gefürchtet,  das  Feuer  griffe  vielleicht 
um  fich  und  fände  zu  feiner  Nahrung  Dornen,  Menfchen, 

25  deren  Seele  leer  ift  und  die  nichts  wiifen,  und  diefe  möchten 
Schaden  nehmen  und  die  Erde  würde,  was  Gott  verhüte, 
kahl  und  öde ;  denn  das  Gefchlecht  ift  verderbt  und  gerne 
hört  jedes  Erleichterungen.  Um  unfere  Pflicht  zu  erfüllen, 
müffen  wir  fie  bis  zur  Verurteilung  verfolgen,  müffen  ihre 

30  Läfterreden  aus  ihren  Zähnen  entfernen,  damit  nicht,  was 
Gott  verhüte,  der  Name  Gottes  durch  fie  entweiht  werde. 
Darum  ihr;  Horte  des  Rechtes,  Fürften  der  Thora,  wirk- 
liche Weifen  und  alle  die  vielen  in  den  verfchiedenen 
Orten  zufammen  mit  allen  Brüdern  in  Ifrael,  fo  es  Euch 


Regesten 


recht  ift:  da  doch  die  Sache,  die  jene  vertreten,  um  das 
Volk  Gottes  zur  Sünde  zu  verleiten,  Euch  nicht  Wohl- 
gefallen kann,  so  unterftützet  uns,  Ihr  felbft  und  Eure 
Sendboten,  damit  wir  Feuer  anlegen  an  ihre  Nahrung,  die 
giftige  Ottergalle  in  ihrem  Innern.  Die  Stimme  Gottes  5 
ift  voll  Kraft  und  in  dem  Banne,  den  der  Rafchba  und 
feine  Folgfchaft,  32  Weife,  die  mit  ihm  übereinftimmen, 
befchloffen  haben,  um  in  Acht  und  Bann  zu  tun  alle, 
die  nicht  an  die  Worte  unferer  Weifen  glauben.  Folgendes 
ift  der  Wortlaut:  Auf  Befehl  der  Oberen,  nach  dem  Aus-  10 
fpruch  der  Heiligen  tun  wir  fie  in  Acht  und  Bann  fowohl 
beim  himmlifchen  als  beim  irdifchen  Gericht:  immer  tiefer 
mögen  fie  finken,  bis  fie  vollkommen  reuig  zurückkehren  und 
nicht  mehr  in  ihre  Torheit  verfallen  und  keinen  Tadel  mehr 
auf  unfer  Gefetz  und  auf  die  Weifen,  die  Verfaß  er  des  15 
Thalmud  werfen.  Kehren  fie  nicht  zurück  zu  Gott  von  ihrer 
Bosheit,  fo  follen  fie  und  alle,  die  fie  fchützen,  in  Acht  und 
Bann  bleiben.  Soweit  der  Wortlaut.  Und  wir,  die  wir  auf 
ihn  geftützt  kommen,  erneuern  diefen  Bann  und  begreifen 
in  den  Befchluß  ein :  jeder,  der  von  einem  anderen  ein  20 
Wort  gegen  unfere  Rabbinen  hört,  foll  auf  Grund  er- 
wähnten BefchluiTes  gehalten  fein,  es  den  Vorftehern  und 
Rabbinern  der  Stadt,  in  der  er  wohnt,  zur  Anzeige  zu 
bringen.  Das  bringt  Frieden  über  Ifrael  und  feine  Weifen. 
Und  wer  zurückkehrt  und  iich  eines  Belferen  beiinnt,  25 
wird  bei  Gott  Erbarmen  finden,  und  wir  fetzen  unfere 
Hoffnung  auf  Gott,  daß  er  hören  laife  im  Lager  Ifraels 
die  Stimme  des  Verkünders  einer  guten  Nachricht  für  die 
Juden,  daß  fie  von  ihrem  fchlechten  Lebenswandel  zu 
unferem  Gotte  zurückgekehrt  find,  und  daß  er  fich  unferer  30 
wieder  erbarmen  möge  und  das  Haus  unferer  Heiligkeit 
und  unferes  Glanzes  wiederaufbauen.  Amen. 

Dies  fprechen  aus  die  Geringften  der  Schafe,  die  hier 
unterzeichnen,  Venedig,  Dienstag  den  14.  Auguft  16 18 


Regesten  157 

im  Wochenabschnitt  den  Segen,  wenn  ihr  höret  auf  die 
Gebote  eures  Gottes. 

Vor  1623. 

Feuille  d'un  livre  de  contribution  de  la  communauté  port. 
5  ifraél.  à  Amsterdam. 

Os  Sflors  Irmãos  q  firmarão  e  refeberão  Mefeberah  e  não 
hão  pago  ategora  e  ficão  em  Rol:  Ao  s  Jeuda  fegnhor: 
para  cobrar  de  les  fão  os  fegintes 

148  Vriel  da  Cofta 


S 


10     Blatt  aus  einem  Beitragsbuch  der  port.-ifrael.  Gemeinde 
in  Amflerdam. 

Die  Herren  Brüder,  die  unterzeichnet  und  Mefeberah 
empfangen  haben  und  die  bisher  noch  nicht  gezahlt  haben 
und  in  der  Lifte  bleiben :  für  Herrn  Jeuda  Segnhor,  um 
15  von  ihnen  einzutreiben,  find  die  folgenden: 
148  Vriel  da  Cofta. 


1622. 

Opgave  van  per  Jonen,  op  het  Beth-Haim  te  Ouderkerk 
begraven,  volgens  het  regißer,  aangelegd  door  Daniel  Tenório 
20  (eerße  adminißrateur  van  wege  de  gemeente  Newê-Sjalom), 
gecopiêerd  door  Abraham  Farrar  (adminißrateur  van  wege 
de  gemeente  Beth-  Jahacob )  en  ver  der  bijgehouden  door  hem 
en  volgende  adminißrateurs . 

A°  5383  Tebet  Sara  da  Cofta,  mulher  de  Gabr.da  Cofta. 
*  *  * 


158 


Regesten 


Lifte  der  auf  dem  Friedhof  Beth-Chajim  zu  Ouderkerk  be- 
flatteten  Perforiert,  angelegt  von  Daniel  Tenório  (dem  erflen 
Verwalter  feitens  der  Gemeinde  Neweh-Schalom) ,  von  Abra- 
ham Farrar  (  Verwalter  feitens  der  Gemeinde  Beth-  Jahakob ) 
copiert  und  von  ihm  und  den  folgenden  Verwaltern  weiter 
geführt. 

Im  Jahre  1622  December  Sara  da  Cofta,  Frau  des 
Gabr.  da  Cofta. 


1623. 

Tratado  da  Immortalidade: 

Da  alma  Compoßo  polo  Doutor  Semuel  da  filua,  em  que 
também  fe  moftra  a  ignorância  de  certo  contrariador  de  nojfo 
tempo  que  entre  outros  muytos  erros  deu  nefle  delírio  de  ter 
para  fi  &  publicar  que  a  alma  de  homem  acaba  juntamente 
com  o  corpo.  A  Amfterdam,  Impreso  em  cafa  de  Paulo  de 
Raveßeyn.  Anno  da  criacaõ  do  mundo  5383. 

[Pag.  3]  Ao  benigno  Leitor. 

Coftume  he  vfado  nas  cidades  politicas  degradar  os 
empeftados,  ou  polomenos  trãcarlhes  as  portas,  &  vedar- 
lhes  o  commercio,  &  ynda  para  preferuar  os  faõs  ordenar 
defeníions  contra  a  peite :  &  fenaõ  os  ares  fe  corrompem, 
o  mal  fem  fer  fentido  vai  laurando,  &  quando  menos  fe 
imagina  leua  as  cidades,  &  as  vezes  prouincias  inteiras. 
Pois  tendo  oje  entre  nos  hum  pior  que  empeftado  ja  que 
pareceo  bem  fazelo  degradar,  agora  fera  conueniente  pre- 
uenir  &  ordenar  triaga  contra  a  peçonha  que  vai  vomi- 
tando, de  que  he  bem  nos  precatemos,  &  temamos  pois 


Rege  sten 


159 


com  o  nome  de  yudeo  &  capa  de  fingidas  virtudes  & 
modeftia  poderia  ir  deftruindo  &  contaminando  alguns 
íingelos  &  pouco  acautelados  ânimos,  em  quem  dezeja  & 
procura  imprimir  as  falfas  &  reprouadas  opinions  em 
5  que  anda ;  &  aos  tais  fo  pretendemos  efpertar  &  aduertir 
porque  nam  periguem  fe  por  ventura  em  algum  tempo, 
ou  lugar  vierem  ao  trato,  ou  companhia  defte  hypocrita, 
ou  doutros  tais  monftros,  que  yndaque  raramente,  toda 
via  alguãs  vezes  degeneram  de  feus  paes.  Pois  vendo,  & 

10  notando  o  discurfo  das  coufas  defte  homem  que  nam 
nomeyo  por  honra  do  fangue  donde  pro-[4]  cede,  yndaque 
elle  o  nam  merece  pola  foltura  &  foberba  com  que  fala, 
olhando  as  diffimulacions  &  enganos  com  que  por  algum 
tempo  frequentou  noffas  congregaçoins  fingindo  eftar  polas 

15  fantas  ordés  &  eftatutos  delias,  &  os  termos  com  que 
começou  a  dar  moftras  do  veneno  que  trazia,  &  como 
chegado  à  proua  nam  duuidou  dar  papel  de  fua  maõ  & 
o  deu  negando  nelle  a  tradiçam  &  ley  de  boca  dada  por 
Deus  à  Mofeh  en  monte  Synai,  na  qual  confifte  a  verda- 

20  deira  declaraçam  da  ley  efcrita,  dizendo  que  fam  fingi- 
mentos &  falfidades,  &  que  a  ley  nam  ha  mifter  tal  expli- 
cação, &  que  elle,  &  outros  como  elle  a  podem  dar :  affir- 
mou  que  os  dinim  porque  fe  gouernou  &  gouerna  Yfrael 
foram  tudo  inuençoís  de  homés  ambiciofos  &  malinos: 

25  repugnou  o  modo  aprouado  &  vfado  da  circumcifam, 
gracejou  das  condicoís  de  fazer  &  vfar  os  thephilim  & 
mezuzah,  publicou  por  grande  maldade  celebrar  dous 
dias  de  Pafchoa  mandando  a  ley  celebrar  fo  hum,  nam 
admitiu  a  legitima  rezam  que  para  iffo  tiueram  prophetas 

30  &  varões  fantos  na  primeira  &  fegunda  caza ;  deuffelhe 
pouco  de  ouuir  que  a  ley  daua  lugar  a  fazer  contra  din 
quando  os  que  tinham  authoridade  viffem  que  a  coufa, 
&  a  hora  o  pedia  como  fez  Elyahu  Reys.  1.  cap.  18. 
facrificando  no  monte  carmel  contra  ley  que  manda  que 


i6o 


Regelten 


so  no  templo  fanto  fe  faça  facrificio:  como  fez  Guiddon 
juyz.  8.  mandando  matar  varoins  de  penuel  por  lhe  nega- 
rem paõ  para  feus  foldados,  nam  auendo  ley  que  por  tal 
mande  matar  homés.  Naõ  faltarão  amigos,  &  Ze-  [5]  lofos 
de  feu  bem  que  lhe  pedirão  &  amoeftaraõ  huã  &  muytas  5 
vezes  tornaffe  ao  caminho  que  deuia  muytos  efcritos,  de 
homés  fabios  lho  moftrauam,  muyto  fe  trabalhou  por  naõ 
chegar  a  rigor,  naõ  baftou  nada,  &  ynda  affi  fe  procedeu 
com  toda  a  brandura  a  que  o  feo  cafo  deu  lugar  confen- 
tindo  que  íicaffe  na  terra  por  ver  fe  tornaua  em  contriçam  10 
&  emenda  de  feus  erros :  mas  em  lugar  diíTo  vi  eu  &  viraõ 
outras  peffoas  dos  noffos  efcritos  de  fua  maõ  de  tantos 
efcandalos  &  infolencias  que  com  rezaõ  pudéramos  rasgar 
as  veftiduras  como  faziaõ  &  devem  fazer  os  bõs  yudeus 
quando  ouuem  blasfemar  o  nome  do  fnòr  pois  quando  15 
menos  dis  que  todo  Yfrael  faz  culto  eftranho,  o  qual  eile 
dezeja  deftruir,  como  deftruyo,  Guiddon  a  ara  de  Bahal; 
&  a  ifo  ajunta  o  que  era  proprio  de  quem  tal  diffe  que 
he  naõ  ter  temor  de  Deus  nem  ter  alma,  que  tanto  monta 
como  nam  nacer  pois  dis  que  a  alma  do  homem  he  mortal  2o 
&  corruptiuel,  &  que  acaba  juntamente  com  o  corpo 
affi  como  as  almas  dos  caualos  &  dos  mulos  em  quem 
naõ  ha  entendimento.  Beftial,  &  injuriofa  opinião,  que 
nos  obriga  a  prouar  a  immortalidade  da  alma,  yndaque 
nos  parece  impofíiuel  que  efte  mal  fe  pegue  a  nenhum  25 
verdadeiro  yudeu ;  toda  via  por  que  affi  como  ouue  hum 
poderá  auer  outros  que  fe  deixem  leuar  por  ignorância, 
ou  foberba  como  fez  efte,  moftraremos  primeiro  a  verdade, 
&  defpois  refutaremos  as  falfas  rezois  em  contrario :  &  tu 
amigo  &  bem  zelofo  leitor  coníiderãdo  tudo  com  teu  bom,  30 
&  desintereffado  juyzo  abraçandote  fo  com  a  verdade  [6] 
&  ley  fanta  do  fenor  dame  credito  no  que  agora  digo,  que 
para  tomar  efte  trabalho  entre  as  mais  caufas  me  moueu 
&  moue  muyto  o  dezejo  de  tornar  ao  grémio  efta  ouelha 


Regesten 


i6i 


desgarrada  &  perdida  em  cuja  reftauraçaõ  te  peço  que 
de  tua  parte  te  empregues  &  ajudes  com  todas  tuas  forças 
afíi  Deus  tas  de  &  conferue  muytos  annos  para  as  empregar 
em  feu  feruiço. 
5  [i  i]  .  .  a  efta  opinião  foi  totalmente  contraria  a  dos  que 
tinhaõ  que  a  alma  era  taõ  catiua  do  corpo  &  tam  depen- 
dente delle  que  de  nenhum  modo  podia  eftar  fem  eile,  & 
que  de  tal  maneira  o  informaua  &  lhe  eftaua  vnida,  que 
por  nenhum  cafo  podia  eftar  feparada,  mas  antes  em 

10  fe  feparando  logo  acabaua  &  perdia  feu  fer,  &  em  fim  era 
mortal  &  corruptiuel  fem  ter  mais  duraçam  nem  exiftencia 
da  que  tinha  o  corpo  de  quem  dependia,  &  que  com  elle 
fe  confumia  &  acabaua:  &  defta  mà  feita  foi  Epycuro  & 
feu  vil  rebanho  na  Grécia :  defta  o  malino  &  obftinado 

*5  Sadok  na  Judea  com  a  abominauel  turba  dos  que  o 
feguiram  chamados  faduceos :  defta  nam  fabemos  que  aja 
rafto  oje  no  mundo,  ao  menos  nas  partes  onde  ha  cultura 
de  engenhos  &  exercicio  de  letras  humanas  ou  diuinas, 
faluo  for  em  algum  mal  inftituido  particular,  que  ja  por 

20  outras  deprauadas  opinioins  fe  deixou  leuar  tanto  da 
paxam  que  veyo  a  dar  na  total  miséria  &  cegueira  de 
fua  alma,  como  focede  agora  nefte  cafo  que  tratamos 
conftrangidos  da  própria  confciencia,  &  dezejos  de  redu- 
zir, &  emendar  efte  dantes  noffo,  &  agora  com  muyta 

2  5  noíTa  dor  corrupto  &  apartado  membro,  de  cujo  remédio 
nam  defefperamos  pois  ynda  tem  liure  aluedrio  &  liber- 
dade para  fazer  [12]  penitencia  &  emenda  de  feus  erros, 
&  tornar  fe  ao  Senor  que  a  ninguém  fe  nega,  antes  chama 
os  peccadores  para  lhes  dar  mezinha  de  feus  males  como 

30  elle  mefmo  difpor  yrmih.  cap.  3.  tornad  hijos  porfioços 
melizinare  vueftras  porfias. 

[20]  E  fe  nada  bafta  com  efte  pedernal  gelado  &  duro,  ja- 
que  dis  profeffa  fer  yudeu,  fe  inimigos  o  forçaffem  a  ydo- 
latrar  que  faria?   fe  efta  firme  em  fua  errónea?  nam 

Da  Costa  Opera.  n 


IÓ2 


Regesten 


duuidara  ydolatrar,  &  f e  o  faz,  digame  paraque  quer  fer 
yudeu :  &  fe  toda  via  fe  deixa  matar  por  honra  de  Deus 
&  da  ley,  onde  efta  entam  o  premio  de  obra  tam  meri- 
tória? oh  defenganefíe  ja  o  miferauel  &  infelice  bicho 
da  terra  tam  ignorante  que  por  [2 1]  pura  foberba  nega  a  5 
ventagem  com  que  Deus  o  apartou  das  beftias  fo  por  fe 
apartar  de  todo  Yfrael :  faiba  que  quem  nega  a  immortali- 
dade  da  alma  eftá  muyto  prefto  de  negar  o  mefmo  Deus, 
porq;  quem  nada  teme  nem  efpera  d 'outra  vida  nam 
tem  temor  de  Deus,  &  onde  efte  falta  nam  ha  conheci-  10 
mento  de  Deus  porque  o  temor  de  Deus  he  a  porta  da 
fabiduria  &  conhecimento  de  Deus.  Hora  nos  coftumes, 
nos  penf amentos,  nas  obras,  que  vicios,  que  infolencias, 
que  maldades  &  foberbas  nam  fe  acharam  em  quem 
cuda  que  despois  de  morrer  nam  ha  de  alcançar  nem  pof-  *5 
fuir  mais  do  que  tinha  antes  de  nacer  ?  enfim  fe  as  almas 
acabam  com  os  corpos  viua  &  triumphe  Epycuro  como 
diffe  hum  antigo  curiofo,  que  com  eftes  viuas  &  triumphos 
acabara  feus  triftes  dias,  quê  chegou  a  tam  infelice  eftado 
que  compara  fua  Leprofa,  &  immunda  alma  com  a  alma  20 
de  hüa  rapofa,  &  de  hum  cachorro. 

[26]  Ja  logo  fica  bem  de-  [27]  moftrado  por  argumentos 
infaliueis  &  forçofos,  &  confirmado  por  lugares  da  efcri- 
tura  que  conuencem  fer  a  alma  do  homem  imortal,  &  tudo 
o  que  alega  o  contrariador  negando  efta  verdade  prouar-  2S 
remos  fer  falfo,  abfurdo,  &  indino  de  bárbaros  &  brutos 
gentios,  quanto  mais  de  quem  dis  que  profeffa  fer  yudeu 
&  obferuar  a  ley,  a  qual  temos  por  fem  duuida  que  prefto 
negará  fe  nam  torna  fobre  íi  &  fe  arrepende,  porque 
como  dis  Dauid  Pfal.42.  abifmo  abifmo  chama.  30 

Tendo  noticia  que  o  contrariador  que  nos  obriga  a 
efcreuer,  trataua  de  imprimir  hum  liuro,  &  dezejãdo  muyto 
velo,  alcançamos  hum  fo  quaderno  que  teftemunhamos 
fielmente  fer  efcrito  de  fua  própria  maõ,  de  que  aqui 


Regesten 


163 


vai  o  treslado  palaura  por  palaura ;  fomente  o  diftinguimos 
por  partes  para  dar  repofta  mais  clara  a  cadahüa  delias. 

[38]  Naõ  fei  fe  algum  legislador  falou  mais  atreuido  & 
refoluto  que  efte  efpertador  da  torpe  &  ja  ha  muyto  fepul- 
5  tada  feita  de  Epycuro  que  por  fer  em  matéria  taõ  graue 
ou  por  milhor  dizer  [39]  taõ  leue  em  feus  olhos,  naõ  fe 
atreueu,  nem  lhe  pareçeu  alegar  lei  nem  rezois. 

[76]  Yndaque  efte  errado  &  atrevido  contrariador  naõ 
fabe  nada  de  hebraico,  nem  quis  nunca  aprendelo  por 

10  contumácia,  toda  via  he  forçado  aqui  tocarlhe  nelle  &  taõ 
claro  que  o  entenda. 

[79]  tu  contrariador  como  taõ  çego,  tés  arte  de  dizer 
que  também  pola  ley  padeçes  o  defterro  a  foledade,  a 
injuria,  o  odio  &  a  desa ventura  em  que  andas  affom- 

15  brado  de  phantafmas  que  te  inquietaõ  de  dia  &  de  noite, 
&  que  enfim  te  faraõ  perder  o  juyzo:  pois  tuas  contas 
fam  todas  de  vento,  &  milhor  te  fora  levar  boa  vida  ja 
que  naõ  efperas  nada  defpois  da  morte,  mas  enganafte  que 
o  acharas  muyto  em  que  te  peze,  &  aparecera  tua  alma 

20  em  juyzo  de  Deus  para  receber  feu  merecido,  &  affi  te 
acharas  com  dous  infernos,  mas  eu  que  dezejo  tirarte 
delles  te  amoefto  que  te  arrependas,  te  tires  de  teu  mao 
caminho,  peças  perdaõ  a  teu  criador  do  muyto  que  rebel- 
lafte,  a  fuas  criaturas  de  muyto  que  offendefte  &  efcandili- 

25  zafte:  os  verfos  que  alegas  fem  propoíito,  como  excla- 
mando :  louvarei  a  meu  Deus  em  minha  vida,  cantarei  a 
meu  Deus  em  quanto  eu;  applicaos  para  bem,  &  contriçam 
de  teus  peccados  &  tomate  delles  em  quanto  vives  com 
eftudo  verdadeiro  da  ley,  com  temor  de  Deus  &  enfino 

30  dos  mayores;  pergunta  a  teu  pay  &  denunçiartea,  a  teus 
velhos  &  diram  a  ti,  nam  quei-  [80]  ras  tu  fer  o  pay  &  o 
velho  aprende  primeiro  hebraico,  &  defaprende  tantos 
erros  em  quantos  te  engolfafte  por  pura  foberba  &  inueja : 
correte  de  dizer  que  o  homem  he  fnõr  de  hum  cachorro, 

11* 


IÓ4 


Regesten 


&  que  hum  cachorro  ha  medo  do  homem,  que  mais  medo 
terás  tu  dum  leaõ  &  dü  tigre :  envergonhate  de  em  maté- 
rias tam  graVes  &  importantes  nos  alegar  com  roman- 
çiftas;  da  te  ja  por  fatisfeito  de  tresladar  tanto  verfo  de 
Selomoh  &  de  Yob  fem  mais  que  provar,  que  o  homem  5 
morre:  o  que  nem  ha  mifter  proua  nem  encontra  a  ver- 
dade que  deves  ter  &  crer  a  cerca  da  alma  que  Deus  pos 
em  ti,  &  que  nam  he  em  tua  maõ  faltar  com  a  conta  delia 
que  darás  muyto  que  te  amargue  como  dis  Selomoh 
Kohel.  cap.  12.  porque  a  toda  fecha  &  Dio  traerà  in  juyzio  10 
/obre  todo  encubierto  fi  bueno  o  fi  maio. 

[90]  accufa  os  pharifeos  que  a  falíificaram  fem  nos  dizer 
por  que  intereffe,  que  fe  era  por  contradizer  aos  faduceos 
elle  a  diante  confeffa  que  nam  fabe  nada  delles,  nem  fabe 
quais  livros  admittem,  nem  quais  negam.  *5 

[95]  Mal  fe  pode  foffrer  a  ignorância  defte  çego  que  dis 
nos  moftrarà  os  livros  canónicos  &  aprovados  fe  falara 
com  os  Saduceos,  &  fe  informàra  delles,  como  fe  os  Sadu- 
ceos  tiveram  algua  authoridade  no  povo  &  nam  foram 
abominados,  ou  elle  pudera  falar  entre  gente,  &  nam  20 
merecera  exemplar  caftigo  pola  foltura  &  pouco  acata- 
mento com  que  fala,  ou  por  milhor  dizer  defatino  &  ce- 
gueira, pois  cre&  fegue  o  que  confeffa  que  naõ  vio,  nem  fabe. 

[121]  ao  paffo  que  alega  de  Yob  cap.  19.  naõ  respondo, 
mas  paraque  elle  fe  entenda  lhe  enfinarei  a  conftruyr  o  2 5 
primeiro  verfo  dos  que  alega  em  que  eftá  abufado  &  fe 
achará  corrido  de  nam  faber  buscar  a  fonte  limpa,  nem 
querer  darfe  à  lingua  fanta;  &  ficarfe  enganado  com  a 
errada  verfaõ  Latina,  que  tresladou  mal.  [122]  .  .  &  aqui 
fe  vé  bem  quantos  erros  nacem  de  nam  faber  a  lingua  30 
fanta  para  feguir  a  verdade  hebraica,  a  qual  nam  permite 
tomar  aqui  a  palaura  poftrero  polo  ultimo  dia  como  mal 
tomam  os  Latinos;  nem  polo  termo  &  fim  dos  males  de 
Yob  como  efte  audas  adverfario  explica,  moftrando  bem 


Regesuen 


165 


nefte  paffo  que  a  ninguém  refpeita,  pois  também  da  biblia 
Latina  que  fó  fabe  admitte  aquillo  em  que  errou  tomando 
a  terceira  peffoa  por  primeira  ....  [123]  E  o  que  comenta 
da  palaura  pofirero,  que  he  para  tempo  breve  moftra  o 
5  pouco  que  alcança  das  linguas  &  grammatica. 

[128]  Quem  poderá  logo  foffrer  a  obftinaçam  &  maldade 
de  quem  tudo  ifto  nega  por  que  dis  que  o  negaõ  os  Sadu- 
ceos  o  que  naõ  creo,  nem  elle  o  pode  faber,  mas  que  o 
neguem  importa  pouco  pois  os  Saduceos  tiueraõ  o  prin- 

10  cipio  &  nome  de  Sadok  perverfo  homem,  o  qual  por  paixão 
&  contumácia  deixou  feu  meftre  Antigno,  &  ajuntou  turba 
de  gente  perdida  a  quem  com  falfa  pregação  perfuadiu 
contra  os  Pharifeos  varois  fantos  eftudiofos  apartados  dos 
coftumes  &  ufança  do  vulgo,  &  por  ifíb  chamados  Peruf- 

15  fim,  Pharifeos  a  faber  apartados,  cuja  doutrina  foy  fempre 
folida,  fiel,  &  fundada  nas  verdadeiras  tradições,  &  como 
tal  foy  aceita  &  refpeitada  por  todas  ydades,  &  a  dos 
Saduceos  como  abominável  foy  regeitada  &  em  pouco 
tempo  totalmente  desfeita  &  efquecida  de  modo  que  naõ 

20  ouve  mais  memoria  delia,  nem  oje  fe  fabe  que  a  aja;  & 
elles  ficarão  maldiçoados  &  apregoados  por  malfins  he- 
reges, arrenegados,  &  por  feu  refpeito  em  tempo  de  Rabban 
Gamliel  fe  acrecentou  na  Hamidah  aquelle  verfo  que  diz : 
a  los  renegados  no  fea  efperança,  y  todos  los  hereges  y 

25  todos  los  malíines  como  punto  fean  perdidos  para  que  en 
todo  mundo  &  por  boca  de  todo  Yfrael  foffem  amaldiçoa- 
dos tres  vezes  no  dia  como  faõ.  .  .  .[129]  fo  por  nam 
decer  de  fua  obftinaçaõ  nega  o  livro  prophetico  aprovado 
&  recebido,  &  fou  çerto  que  todas  as  vezes  que  fe  vir 

30  atalhado  negara  todos  os  mais  livros,  &  afíi  vem  a  fer 
pior  que  os  arrenegados  porque  effes  quando  fe  fazem 
turcos  ou  mouros  he  por  algü  refpeito  ou  appetito,  de  que 
fe  arrependem  ao  outro  dia  &  tornam  em  contriçam ;  mas 
os  que  por  foberba  &  contumácia  deixam  o  caminho  da 


i66 


Regesten 


verdade  como  fez  efte,  difficultofamente  têm  emenda 
nem  remédio. 

[137]  tornome  a  ti  çego  &  incapas  Vriel,  &  peçote  que 
me  digas  que  furor  te  inflamma,  ou  que  veneno  te  per- 
turba o  miolo  &  os  fentidos  para  dares  credito  a  homês  5 
ignorantes  com  quem  te  vas  precipitar,  &  def prezares  a 
doutrina  dos  fabios  de  cujo  confelho  te  puderas  aprovei- 
tar ;  &  fe  tu  quizeras  tomar  o  que  eu  te  dava  ha  muytos 
annos  ou  veralos  gaftado  bem,  &  aprenderas  a  lingua  fanta, 
&  pois  agora  tês  tanta  rezaõ  de  ter  a  todo  efte  mundo  10 
por  fofpeito,  o  que  por  eíTa  caufa  nem  queres,  nem  ja 
podes  receber  dos  vivos  acharas  nas  liçois  &  doutrina  que 
nos  ficou  dos  mortos,  pois  deffes  nam  tinhas  que  temer 
que  te  enganavam,  nem  odiavam  que  nunca  lhes  lembrou 
fe  no  mundo  avia  de  nacer  hum  tal  &  tam  feo  monftro  15 
como  ti. 

[147]  quem  contra  efta  verdadeira  doutrina  confirmada 
por  ley  &  authoridades  falar,  claramente  aprova  &  pregoa 
a  torpeza  &  intemperança  que  tem  os  Epycuros  por 
brazam:  comamos  &  bebamos  que  a  menham  morreremos .  20 

[152]  aquella  peçonha  que  no  principio  era  contraria  & 
danava,  ja  no  fim  polo  coftume  fe  foy  fazente  femel- 
hante,  &  aproveita.  .  .  temos  nas  maõs  o  exemplo  claro 
nefte  enfermo  que  elle  mefmo  confeffa  que  algum  tempo 
andou  vacillando  com  as  anfias  da  peçonha  [153]  fem  fe  25 
faber  determinar,  &  como  foy  ufando  delia  tantos  annos 
entregandoífe  nas  falfas  &  depravadas  opiniões  com  tanta 
contumácia,  fem  querer  tomar  a  triaga  dos  bõs  confelhos 
&  doutrina,  veyo  a  confirmar  fe  de  maneira  que  nam 
fente  o  mal  ja  convertido  em  natureza;  &  affi  perfe-  30 
verando  nos  erros,  vem  a  dar  por  remate  na  ultima 
çegueira  affirmando  de  íi  que  tem  bês  por  feus  mereci- 
mentos, que  vive  contente,  &  alegre,  que  louva  a  Deus 
polo  fer  de  homem  que  lhe  deu  fazendoífe  eile  juyz  de  íi 


Rege  STEN 


167 


mefmo  contra  dereito  natural ;  mas  deixandoffe  julgar  por 
juyzes  fem  fofpeita  diram  elles  que  naõ  conhecem  nem 
fabem  de  homem  mais  infelice  &  miferavel;  o  diabo, 
aborrecido  ate  de  feus  yrmaõs,  expelido,  envergonhado, 

5  fem  confiança  por  fora,  fem  paz  em  caza,  fem  filhos,  fem 
mefufah,  fem  thephilah ;  enfim  fem  bem  nenhü  3  &  os  bês 
que  o  confolam,  ou  enfoberbeffem  tanto  de  ter  faude  & 
paõ  para  comer  faõ  gerais  a  todo  mundo,  quanto  mais 
que  também  iffo  perdera  prefto  como  elle  mefmo  confeffa 

10  que  nam  fe  engane  o  mao  vendoffe  com  bês  q;  naõ  lhe 
tardará  muyto  feu  caftigo,  &  effes  poucos  bês  que  agora 
poffue  que  çegueira  he  dizer  que  foy  porque  defprezou  o 
temor  dos  homês,  &  pos  fua  confiança  em  Deus,  enfim 
dar  a  entender  que  teve  bês  por  merecimentos  próprios, 

lS  fendo  iffo  contra  o  que  ufam  os  homês  [154]  bõs  &  fantos, 
que  ate  o  mefmo  Mofeh  pedia  a  Deus  o  deixaffe  paffar 
à  terra  fanta  por  fuas  piedades  podendo  alegar  muytos 
mereçimentos  próprios,  &  d 'elle  mefmo  teftemunha  a  ley 
que  era  humilde  muyto;  &  efta  era  &  foy  fempre  a  con- 

20  diçam  dos  bõs  temerofos  de  Deus  viverem  defconfiados  de 
íi,  &  confiar  fó  nas  mifericordias  do  Senor:  quanto  mais 
que  os  muytos  homês,  affi  do  povo  de  Ifrael  como  das 
gentes  que  poffuem  muyto  mais  dinheiro  &  mais  faude 
que  elle,  por  que  merecimentos  dira  que  os  poffuem? 

25  Que  alegria  he  logo  efta  em  que  vive?  porque  tras  bõs 
veftidos?  outros  os  trazem  milhores ;  porque  nam  efpera, 
nem  teme  males  de  outro  mundo  defpois  de  tantos  bês, 
como  goza  nefte?  .  .  [155]  affi  efte  contrariador  he  mais 
infeliçe,  &  pior  que  os  mefmos  bichos,  fobre  que  nam  ha 

30  que  alargar  fendo  coufa  tam  patente  &  notória  no  mundo . . . 
E  agora  nos  vamos  a  moftrar  a  verdade  que  efte  contra- 
riador trabalhou,  &  trabalha  offufcar  dizendo  que  nam 
ha  tradiçam  nem  ley  de  boca,  que  foy  a  rais  donde  lhe 
procederam  &  procedem  todos  feus  males,  &  efta  deve  fer 


i68 


Regesten 


a  propofiçam  que  eile  dis  da  por  bem  provada  &  que  tem 
lançada  no  cap.  7.  do  feu  livro  o  qual  também  refutare- 
mos moftrando  fer  em  tudo  falfo,  dandonos  Deus  vida  & 
podendo  avelo  fobre  que  poremos  toda  nofía  diligencia, 
&  cudado.  5 

[177]  Do  que  tudo  fe  moftra  a  ver-  [178]  dade  &  firmeza 
de  noffas  luas  novas  &  folenidades  que  pendem  delias,  a 
f ciência,  engenho,  &  eftudo  de  noffos  grandes  &  fabios 
authores  deftas  contas  infaliveis  aprovadas  &feguidas  ate 
dos  mais  expertos  fabios  das  gentes :  moftraffe  a  muyta  10 
ignorância  &  rudeza  de  quem  por  leves  argumentos  com 
foberba  &  contumácia  tomou  atrevimento  &  ouzadia  de 
fe  oppor  a  ellas  querendo  fubir  ao  ceo  a  tomarfe  com 
Deus  ao  modo  dos  gigantes  fundadores  da  torre  de  Babi- 
lónia; nam  podendo  elle  fundar  nem  hüa  efcura  &  mifera  *5 
cabana  que  Deus  deftruyrá  com  manifefto  &  temerofo 
caftigo  fe  prefto  nam  fe  emenda  de  feu  erro,  &  rebelliam 
pedindo  ao  Sefíor  mifericordia,  a  qual  eile  ufe  com  todo 
feu  povo  de  Ifrael  &  nos  redima  de  tantos  cativeiros  & 
cegueiras  por  fuas  infinitas  piedades,  Amen.  20 

*  *  * 

Abhandlung  über  die  Unßerblichkeit  der  Seele, 

verfaßt  von  Doctor  Semuel  da  Silva,  in  der  zugleich  die 
UnwiJJenheit  eines  gewijjen  zeitgenöjjifchen  Wider) r achers 
dargetan  wird,  der  unter  vielen  andren  Irrtümern  in  feinem 
Wahnfinn  der  Meinung  war  und  veröffentlichte,  daß  die  2  5 
Seele  des  Menfchen  zugleich  mit  dem  Körper  ende.  Amfier- 
dam,  gedruckt  bei  Paul  van  Raveßeyn,  im  Jahre  der  Welt- 
fchöpfung  5383  [1623]. 

[S.  3.]  An  den  wohlwollenden  Lefer. 

Es  ift  ein  in  den  politifchen  Gemeinwefen  geübter  30 
Brauch,  die  Peftkranken  auszuftoßen,  oder  zum  wenigften 


Regesten 


169 


ihnen  die  Tore  zu  verfperren  und  ihnen  den  Verkehr  zu 
verbieten  und  um  die  Gefunden  zu  fchützen,  Verteidi- 
gungsmaßnahmen gegen  die  Peft  anzuordnen,  fonft  wird 
die  Luft  verdorben,  das  Übel  greift  um  fich,  ohne  daß 
5  man  es  wahrnimmt,  und  wenn  man  es  fich  am  wenigften 
vorftellt,  rafft  es  die  Städte  und  bisweilen  ganze  Provinzen 
hinweg.  Da  es  heute  unter  uns  einen  gibt,  noch  fchlimmer 
als  ein  Peftkranker,  und  weil  es  doch  gut  fchien  ihn  aus- 
zuftoßen,  wird  es  jetzt  angemeffen  fein,  Gegengift  gegen 

10  das  Gift  vorzubereiten  und  zu  verordnen,  damit  es  aus- 
gebrochen wird.  Es  ift  gut,  daß  wir  uns  vor  ihm  vorfehen 
und  fürchten,  daß  er  mit  dem  Namen  eines  Juden  und 
unter  dem  Mantel  erheuchelter  Tugenden  und  erheuchel- 
ter Befcheidenheit  umhergehen  und  manche  einfache  und 

15  nicht  fehr  vorfichtige  Gemüter  zugrunde  richten  und  an- 
ftecken  könnte,  denen  er  die  von  ihm  vertretenen  falfchen 
und  verwerflichen  Anflehten  einzuprägen  wünfeht  und 
anftrebt.  Nur  diefe  wollen  wir  aufwecken  und  warnen,  da- 
mit fie  nicht  in  Gefahr  kommen,  wenn  fie  zufällig  irgend- 

20  wann  oder  irgendwo  zur  Bekannt fchaft  oder  Gefellfchaft 
diefes  Heuchlers  oder  anderer  derartiger  Ungeheuer 
kommen,  die  ob  zwar  feiten,  doch  hie  und  da  aus  der  Art 
ihrer  Väter  fchlagen.  Wenn  ich  nun  den  Verfolg  der 
Angelegenheiten  diefes  Mannes   wahrnehme,    den  ich 

2 5  nicht  nenne  um  der  Ehre  des  Blutes  willen,  aus  dem  er 
ftammt,  [4]  obfehon  er  es  gar  nicht  verdient  bei  der 
Ungebundenheit  und  dem  Hochmut,  mit  dem  er  fpricht; 
wenn  ich  die  Verftellung  und  den  Betrug  ins  Auge  faffe, 
mit  denen  er  eine  Zeit  lang  unfere  Verfammlungen  be- 

30  fuchte,  unter  dem  Vorgeben,  er  ftehe  zu  ihren  heiligen 
Ordnungen  und  Satzungen,  und  die  Ausdrücke,  mit  denen 
er  begann,  von  dem  Gift,  das  er  in  fich  barg,  Proben  zu 
geben,  —  und  wie  er,  als  wäre  er  zum  Beweis  ge- 
kommen,  nicht   zögerte,  ein   Schriftftück   von  feiner 


170 


Regesten 


Hand  zu  geben,  und  zwar  unter  Verneinung  der  Tradition 
und  des  mündlichen  Gefetzes,  das  Gott  dem  Mofe  auf  dem 
Sinai  gab  und  auf  welchen  die  wahre  Erklärung  des  ge- 
fchriebenen  Gefetzes  beruht,  indem  er  erklärte,  das  feien 
Erdichtungen  und  Fälfchungen,  und  das  Gefetz  habe  eine  5 
folche  Auslegung  nicht  nötig,  vielmehr  könnten  er  und 
andere  feinesgleichen  fie  geben.  Er  verficherte,  die  Dinim 
[Gefetze],  durch  die  Ifrael  regiert  wurde  und  regiert 
wird,  feien  allefamt  Erfindungen  ehrgeiziger  und  bös- 
artiger Menfchen.  >  Er  verwarf  die  anerkannte  und  10 
gebräuchliche  Art  der  Befchneidung,  fpottete  über  die 
Bedingungen  bei  der  Anfertigung  und  dem  Gebrauch  der 
Thephillin  und  der  Mefufah,  erklärte  es  als  großes  Ver- 
brechen, zwei  Tage  Paffah  zu  feiern,  wo  das  Gefetz  nur 
einen  zu  feiern  gebietet,  ließ  den  rechtmäßigen  Grund  r5 
nicht  gelten,  den  Propheten  und  heilige  Männer  zur  Zeit 
des  erften  und  zweiten  Tempels  dafür  hatten,  kehrte  fich 
wenig  daran  zu  hören,  daß  das  Gefetz  es  zuließ,  gegen  den 
Din  [die  Gefetzesvorfchrift]  zu  handeln,  wenn  die  Autori- 
täten fahen,  daß  die  Sache  oder  die  Stunde  es  forderte,  20 
wie  Elias  tat  1.  Könige,  Cap.  18.,  als  er  auf  dem  Berge 
Karmel  opferte  gegen  das  Gefetz,  das  gebietet,  daß  man 
bloß  im  heiligen  Tempel  Opfer  darbringe,  wie  es  Gideon 
tat  Richter  8,  indem  er  gebot,  die  Männer  von  Pnuel  zu 
töten,  weil  fie  ihm  Brot  für  feine  Soldaten  verweigert,  2 5 
obwohl  es  doch  kein  Gefetz  gibt,  das  darum  Menfchen  zu 
töten  gebietet.  Nicht  fehlte  es  an  Freunden  und  eifrig  [5] 
auf  fein  Wohl  Bedachten,  die  ein  über  das  andere  Mal 
ihn  baten  und  warnten,  er  möchte  doch  zurückkehren  zu 
dem  Wege  der  Pflicht,  den  viele  Schriften  weif  er  Männer  30 
ihn  wiefen.  Man  gab  fich  alle  Mühe,  um  nicht  zur  Strenge 
greifen  zu  müffen,  aber  es  half  nichts,  und  auch  fo  noch 
ging  man  mit  all  der  Sanftmut  vor,  die  der  häßliche  Fall 
verftattete,  indem  man  zuließ,  daß  er  im  Lande  blieb, 


Regesten 


171 


um  zu  fehen,  ob  er  zur  Reue  und  Verbefíerung  feiner 
Irrtümer  zurückkehrte.  Aber  ftatt  deffen  haben  ich  und 
andre  Perfonen  von  den  Unfrigen  Schriften  von  feiner 
Hand  ge fehen  voll  folcher  ÄrgerniiTe  und  Frechheiten, 
5  daß  wir  Grund  hätten  die  Kleider  zu  zerreißen,  wie  es 
die  guten  Juden  taten  und  tun  müffen,  wenn  fie  den 
Namen  des  Herrn  fchmähen  hören,  fo  wenn  er  noch 
dazu  fagt,  ganz  Ifrael  treibe  Götzendienft,  den  er  zer- 
ftören  wolle,  wie  Gideon  den  Altar  des  Baal  zerftörte, 

1°  und  dem  fügt  er  hinzu,  was  von  einem  Menfchen 
zu  erwarten  war,  der  derartiges  fagte,  daß  es  nichts 
fei  mit  der  Gottesfurcht  noch  auch  mit  der  Seele, 
daß  es  gleichviel  gelte,  nicht  geboren  fein.  Ferner  fagt 
er,  die  Seele  des  Menfchen  fei  fterblich  und  vergäng- 

15  lieh  und  ende  zugleich  mit  dem  Körper  ebenfo  wie  die 
Seelen  der  Pferde  und  der  Maultiere,  in  denen  keine 
Vernunft  ift.  Eine  tierifche  und  fchimpf liehe  Meinung, 
die  uns  zwingt,  die  Unfterblichkeit  der  Seele  zu  be- 
weifen,  obzwar  es  uns  unmöglich  fcheint,  daß  diefes 

20  Übel  irgend  einen  wahren  Juden  anfteckt.  Immerhin  weil 
es  ebenfo,  wie  es  einen  gibt,  noch  andere  geben  könnte, 
die  iich  durch  UnwiiTenheit  oder  Stolz  leiten  laffen,  fo 
wie  er  es  tat,  wollen  wir  zuerft  die  Wahrheit  zeigen  und 
dann  die  falfchen  Gegengründe  widerlegen.    Und  du, 

25  freundlicher  und  von  gutem  Eifer  befeelter  Lefer,  wenn 
du  alles  mit  deinem  guten  und  unparteiifchen  Urteil  be- 
trachteft  und  die  Wahrheit  [6]  und  das  heilige  Gefetz  des 
Herrn  annimmft,  fchenke  mir  Glauben  in  dem,  was  ich 
jetzt  fage:  daß  mich  zur  Inangriffnahme  diefer  Arbeit 

30  unter  den  vornehmften  Gründen  vor  allem  der  Wunfeh 
bewogen  hat  und  bewegt,  diefes  verirrte  und  verlorene 
Schaf  zur  Gemeinfchaft  zurückzuführen,  und  ich  bitte 
dich  deiner  feits,  zu  feiner  Wiederher  Heilung  dich  zu  be- 
mühen und  zu  helfen  mit  allen  deinen  Kräften,  fo  wie 


Rege  steh 


Gott  fie  dir  geben  und  erhalten  möge  durch  viele  Jahre, 
um  fie  in  feinem  Dienite  zu  verwenden. 

[u]  Diefe  Meinung  war  vollkommen  entgegengefetzt 
der  Meinung  derer,  die  dafür  hielten,  die  Seele  fei  fo  fehr 
vom  Körper  gefangen  und  fo  von  ihm  abhängig,  daß  fie  5 
in  keiner  Weife  ohne  ihn  fein  könne  und  daß  fie  fo  fein 
eigentliches  Wefen  ausmache  und  mit  ihm  vereint  fei,  daß 
fie  auf  keinen  Fall  von  ihm  getrennt  fein  könne,  fondern 
vielmehr,  indem  fie  fich  trenne,  fogleich  endigte  und  ihr 
Sein  verlöre,  kurz  daß  fie  fter blich  und  vergänglich  wäre,  10 
ohne  mehr  Dauer  und  Exiftenz  zu  haben  als  der  Körper, 
von  dem  fie  abhängt  und  der  mit  ihr  verbraucht  wird  und 
endigt.  Von  diefer  fchlimmen  Secte  war  Epikur  und 
feine  gemeine  Herde  in  Griechenland,  von  diefer  der  bös- 
artige und  halsftarrige  Zadok  in  Judäa  mit  dem  abfcheu-  J5 
liehen  Haufen  derer,  die  ihm  folgten,  Sadducäer  genannt; 
von  diefer  gibt  es,  foviel  wir  wiffen,  heute  keine  Spur 
mehr  in  der  Welt,  wenigftens  in  den  Teilen,  wo  es 
Geiftescultur  und  Übung  menfehlicher  oder  göttlicher 
Wiffenfchaften  gibt,  außer  etwa  bei  einem  fchlecht  unter-  2° 
richteten  Einzelmenfchen,  der  fich  fchon  infolge  andrer 
verderbter  Meinungen  fo  fehr  von  der  Leidenfchaft  leiten 
ließ,  die  er  in  dem  vollkommenen  Elend  und  der  voll- 
kommenen Blindheit  feiner  Seele  an  den  Tag  legte,  wie  es 
jetzt  in  diefem  Falle  gefchieht,  den  wir  behandeln,  gfe-  2 5 
zwungen  vom  eigenen  GewiiTen  und  dem  Verlangen, 
zurückzuführen  und  zu  beffern  diefes  Glied,  das  einft  das 
unfrige  war  und  jetzt  zu  unfrem  großen  Schmerz  ver- 
dorben und  abgetrennt  ift.  Wir  verzweifeln  nicht  an 
einem  Heilmittel  für  ihn,  denn  er  hat  freien  Willen  und  3° 
Freiheit  um  Buße  zu  tun  [12]  und  feine  Irrtümer  zu  ver- 
beffern  und  fich  zum  Herrn  zurückzuwenden,  der  fich 
niemandem  verfagt,  vielmehr  die  Sünder  ruft,  um  ihnen 
Arznei  für  ihre  Übel  zu  geben,  wie  er  felbft  es  verfügt 


Regesten 


173 


Jerem.  Cap  3.:  Kehrt  zurück,  ihr  abtrünnigen  Söhne;  ich 
will  eure  Abfallsfünden  heilen. 

[20]  Und  wenn  bei  diefem  gefrorenen,  harten  Flint- 
ftein  nichts  hilft,  obfchon  er  fich  zum  Judentum  bekennt : 
5  wenn  Feinde  ihn  nötigten,  Abgötterei  zu  treiben, 
was  würde  er  tun?  Wenn  er  ftandhaft  bei  feiner  irrigen 
Meinung  bleibt?  Dann  wird  er  keine  Bedenken  tragen, 
Abgötterei  zu  treiben,  und  wenn  er  es  tut,  dann  möge  er 
mir  fagen,  warum  er  Jude  fein  will.  Und  wenn  er  fich 

10  gleichwohl  zur  Ehre  Gottes  und  des  Gefetzes  töten  läßt, 
wo  bleibt  dann  die  Belohnung  für  ein  fo  verdienftliches 
Werk?  O  möge  fich  doch  jetzt  der  elende  und  unglück- 
liche Erden  wurm  eines  Belferen  belehren  laffen;  er,  der 
fo  unwiffend  ift,  daß  er  aus  [21]  bloßem  Hochmut  den 

l$  Vorteil  leugnet,  daß  Gott  ihn  von  den  Tieren  fchied, 
bloß  um  fich  von  ganz  Ifrael  zu  fcheiden.  Er  möge  wiffen, 
daß  wer  die  Unfterblichkeit  der  Seele  leugnet,  fehr  nahe 
daran  ift,  Gott  felbft  zu  leugnen,  denn  wer  nichts  vom 
andren  Leben  fürchtet  noch  hofft,  hat  auch  keine  Gottes- 

20  furcht,  und  wo  die  fehlt,  gibt  es  keine  Gotteserkenntnis, 
denn  die  Furcht  Gottes  ift  das  Tor  der  Weisheit  und 
Gotteserkenntnis.  Deshalb,  in  den  Sitten,  in  den  Gedan- 
ken, in  den  Handlungen  welche  Lafter,  welche  Anmaßun- 
gen, welche  Schlechtigkeit  und  Hoffart  werden  fich  nicht 

25  bei  dem  finden,  der  meint,  nach  dem  Tode  habe  er  nichts 
zu  erwarten  noch  zu  befitzen,  als  was  er  vor  der  Geburt 
hatte.  Kurz,  wenn  die  Seelen  zugleich  mit  den  Körpern 
aufhören,  foll  Epikur  hoch  leben  und  triumphieren,  wie 
ein  Liebhaber  der  Wiffenfchaft  in  alter  Zeit  es  fagte,  der 

3°  mit  folchem  Hochrufen  und  Triumphgefchrei  feine  trau- 
rigen Tage  befchloß,  der  in  einen  fo  unglücklichen  Zu- 
ftand  kam,  daß  er  feine  ausf ätzige  und  unreine  Seele  mit 
der  Seele  eines  Fuchfes  und  eines  Hundes  verglich. 
[26]  Es  ift  alfo  nun  durch  unfehlbare  und  zwingende 


174 


Regesten 


Argumente  wohl  bewiefen,  [27]  und  beftätigt  durch 
Schrif titeilen,  die  davon  überzeugen,  daß  die  Seele  des 
Menfchen  unfterblich  ift,  und  alles,  was  der  Wider facher 
anführt,  um  dièfe  Wahrheit  zu  beftreiten,  werden  wir 
dartun  als  falfch,  unhnnig  und  unwürdig  barbarifch  roher  5 
Heiden,  um  wie  viel  mehr  unwürdig  eines,  von  dem  es 
heißt,  daß  er  bekenne  Jude  zu  fein  und  das  Gefetz  zu 
halten,  das  er  aber  ohne  Zweifel  rafch  verleugnen  wird, 
wenn  er  nicht  umkehrt  und  bereut,  denn  wie  David 
Pfalm  42  fagt :  der  Abgrund  ruft  den  Abgrund.  10 

Da  wir  Kunde  davon  hatten,  daß  der  Widerfacher, 
der  uns  zu  fchreiben  nötigt,  im  Werke  hatte,  ein  Buch 
drucken  zu  laifen,  und  da  wir  fehr  wünfchten,  es  zu  fehen, 
erlangten  wir  ein  einziges  Heft,  das,  wie  wir  gewiffenhaft 
bezeugen,  von  feiner  eigenen  Hand  gefchrieben  ift,  wo-  r5 
von  hier  die  Abfchrift  Wort  für  Wort  folgt ;  bloß  trennen 
wir  fie  in  Teile,  um  auf  jeden  derfelben  klarer  die  Ent- 
gegnung geben  zu  können. 

[38]  Ich  weiß  nicht,  ob  irgend  ein  Gefetzgeber  dreifter 
und  entfchloffener  fprach  als  diefer  Wiedererwecker  der  20 
fchändlichen  und  fchon  längft  begrabenen  Secte  Epikurs, 
der,  weil  es  fich  um  eine  fo  fchwerwiegende  oder  belTer 
gefagt  in  feinen  Augen  fo  leichte  Materie  handelt,  fich 
nicht  erdreiftete,  wie  es  ihm  denn  auch  nicht  gut  fchien, 
Gefetz  noch  Gründe  anzuführen.  25 

[76]  Obgleich  diefer  irregehende  dreifte  Widerfacher 
nichts  vom  Hebräifchen  weiß  und  es  aus  bloßem  Starr- 
finn  auch  nie  lernen  wollte,  muß  man  ihn  notgedrungen 
dabei  faffen  und  zwar  fo  klar,  daß  er  es  verfteht. 

[79]  Und  du,  ebenfo  wider facherifch  wie  verblendet,  du  30 
bringft  es  fertig,  zu  fagen,  daß  du  um  des  Gefetzes  willen 
die  Verbannung,  die  Einfamkeit,  den  Schimpf,  den  Haß 
und  das  Unglück  erleideft,  in  dem  du  einhergehft,  entfetzt 
vor  den  Phantomen,  die  dich  Tag  und  Nacht  beunruhigen 


Regesten 


175 


und  dich  fchließlich  um  den  Verftand  bringen  werden, 
denn  deine  Rechnungen  find  alle  aus  Wind,  und  es  wäre 
beffer  für  dich,  ein  gutes  Leben  zu  führen,  weil  du  doch 
nichts  nach  dem  Tode  erhoffft,  aber  du  täufchft  dich,  denn 
5  du  wirft  es  finden,  wie  fehr  es  dich  auch  kränke,  und  be- 
reits deine  Seele  auf  das  Gericht  Gottes,  damit  fie  ihren 
Lohn  empfange,  und  fo  wirft  du  dich  zwei  Höllen  gegen- 
über finden;  aber  ich,  der  ich  dich  aus  ihnen  zu  ziehen 
wünfche,  ermahne  dich,  daß  du  bereueft,  dich  von  deinem 

i°  fchlimmen  Wege  abwendeft,  deinen  Schöpfer  um  Verzei- 
hung bitteft,  daß  du  dich  fo  fehr  aufgelehnt  haft,  feine  Ge- 
fchöpfe  um  Verzeihung,  daß  du  fie  fo  fchwer  gekränkt  und 
ihnen  fo  viel  Ärgernis  gegeben  haft.  Die  Verfe,  die  du 
unpaffenderweife  anführft,  indem  du  ausrufft:  loben  werde 

lS  ich  meinen  Gott  in  meinem  Leben,  fingen  werde  ich  meinem 
Gott }  Solange  ich  bin,  wende  fie  zum  Guten  an  und  zur  Buße 
für  deine  Sünden  und  kehre  dich  von  ihnen,  folange  du 
lebft,  mit  wahrhaftem  Gefetzesftudium,  mit  Gottesfurcht 
und  Unterricht  der  Vorfahren.  Frage  deinen  Vater  und  er 

20  wird  dir  erklären,  frage  deine  Ahnen  und  fie  werden  dir 
fagen :  du  mögeft  nicht  [80]  wünfchen,  der  Vater  und  der 
Ahne  zu  fein.  Lerne  erft  hebräifch  und  verlerne  folche  Irr- 
tümer, in  die  du  dich  verwickelt  haft  bloß  aus  Hoffart  und 
Neid,  beeile  dich  zu  fagen,  daß  der  Menfch  der  Herr  eines 

2 5  Hundes  ift,  und  daß  ein  Hund  Furcht  vorm  Menfchen  hat, 
denn  mehr  Furcht  wirft  du  vor  einem  Löwen  und  vor  einem 
Tiger  haben.  Schäme  dich,  bei  fo  fchwerwiegenden  und 
wichtigen  Materien  uns  Citate  aus  Romanzendichtern 
zu  bringen.  Gib  dich  fchon  zufrieden,  fo  viele  Verfe 

30  von  Salomo  und  Hiob  zu  über  fetzen,  ohne  damit  mehr 
zu  beweifen,  als  daß  der  Menfch  ftirbt,  was  weder  eines 
Beweifes  bedarf  noch  der  Wahrheit  wider fpricht,  die  du 
in  betreff  der  Seele,  die  Gott  in  dich  legte,  haben  und 
glauben  mußt   und  die  du  nicht  zu  verfehlen  in  der 


176 


Regesten 


Hand  haft  bei  der  Rechenfchaftslegung  über  fie,  denn 
du  wirft  vieles  angeben,  was  dir  Bitterkeit  verur fachen 
mag,  wie  Salomo  fagt  Prediger  Cap.  12.:  denn  alles 
Tun  wird  Gott  ins  Gericht  bringen  über  alles  verborgene, 
es  fei  gut  oder  es  fei  fchlecht.  5 

[90]  Er  klagt  die  Pharifäer  der  Fälfchung  an,  ohne  uns 
zu  fagen,  aus  welchem  Intereffe,  denn  wenn  es  das  wäre, 
den  Sadducäern  zu  widerfprechen,  fo  bekennt  er  von 
vorneherein,  daß  er  nichts  von  ihnen  weiß,  und  auch 
nicht  weiß,  welche  Bücher  fie  zulaffen,  noch  welche  fie  10 
verwerfen. 

[95]  Schlecht  läßt  iich  die  Unwiffenheit  diefes  Blinden 
ertragen,  der  fagt,  er  würde  uns  die  anerkannten  kanoni- 
fchen  Bücher  aufweifen,  fobald  er  fich  mit  den  Saddu- 
cäern beredet  und  iich  von  ihnen  habe  unterweifen  laffen,  15 
als  ob  die  Sadducäer  irgendwelche  Autorität  beim  Volke 
hätten  und  nicht  verabfcheut  würden,  oder  er  könnte 
unter  dem  Volke  fprechen  und  verdiente  nicht  eine 
exemplarifche  Strafe  für  die  Zügellofigkeit  und  den 
Mangel  an  Ehrfurcht,  womit  er  fpricht,  oder  beiTer  für  den  2° 
Unfmn  und  die  Verblendung,  da  er  dem  glaubt  und  folgt, 
was  er,  wie  er  bekennt,  weder  fah  noch  weiß. 

[121]  Auf  die  Stelle  Hiob  Cap.  19,  die  er  anführt,  er- 
widre  ich  nicht,  aber  damit  er  fich  klar  wird,  will  ich 
ihn  die  Conftruction  des  erften  der  angeführten  Verfe  2  5 
lehren,  die  er  verfehlt  hat,  und  er  wird  finden,  daß  er 
fich  fchämen  müffe,  daß  er  nicht  am  lauteren  Quell  zu 
fchöpf en  weiß  und  fich  nicht  der  heiligen  Sprache  hingeben 
will,  vielmehr  getäufcht  bleibt  durch  die  irrige  lateinifche 
Verfion,  die  er  fchlecht  über  fetzt  hat.  [122]  .  .  .  Und  hier  30 
fieht  man  fo  recht,  wieviel  Irrtümer  aus  der  Unkenntnis 
der  heiligen  Sprache  entftehen,  ftatt  der  hebräifchen  Wahr- 
heit zu  folgen,  die  nicht  erlaubt,  hier  das  Wort  letzter  für 
letzter  Tag  zu  nehmen,  wie  es  die  Lateiner  zu  Unrecht 


Regesten 


177 


genommen  haben,  auch  nicht  für  Ziel  und  Ende  der  Übel 
Hiobs,  wie  es  diefer  kühne  Gegner  auslegt,  indem  er  bei 
diefer  Stelle  zur  Genüge  dartut,  daß  er  vor  niemandem 
Refpekt  hat,  denn  gleichfalls  auf  Grund  der  latei- 
5  nifchen  Bibel,  die  er  allein  kennt,  kommt  er  zu  jenem 

Irrtum,  indem  er  die  dritte  Perfon  für  die  erfte  nimmt  

[123]  Und  was  er  erklärend  über  das  Wort  Letztes  als 
in  kurzer  Zeit  fagt,  zeigt,  wie  wenig  er  von  den  Sprachen 
und  der  Grammatik  verfteht. 

10  [128]  Wer  vermöchte  alfo  die  Halsftarrigkeit  und  Bös- 
willigkeit eines  Menfchen  zu  ertragen,  der  all  das  in 
Abrede  ftellt,  weil  er  fagt,  die  Sadducäer  hätten  es  in 
Abrede  ge ftellt,  was  ich  nicht  glaube  und  was  auch  er 
nicht  wiifen  kann.  Aber  mögen  fie  es  leugnen,  fo  bedeutet 

x5  es  wenig,  denn  die  Sadducäer  hatten  ihren  Urfprung  und 
Namen  von  Sadok,  einem  lafterhaften  Menfchen,  der  aus 
Leidenfchaft  und  Starrfinn  feinen  Lehrer  Antigonos  ver- 
ließ und  einen  Haufen  verworfenen  Volkes  um  iich  fam- 
melte,  das  er  mit  falfcher  Predigt  gegen  die  Pharifäer 

20  beredete,  heilige  Männer,  dem  Studium  ergeben,  abge- 
ändert in  Sitten  und  Gebrauch  vom  Volke  und  deshalb 
Perufßm,  Pharifäer,  d.  h.  Abgefonderte  genannt,  deren 
Lehre  immer  gründlich,  gewiffenhaft  und  auf  den  ächten 
Traditionen  begründet  war ;  als  folche  wurden  ihre  Lehre 

25  angenommen  und  hochgehalten  zu  allen  Zeiten,  während 
die  Lehre  der  Sadducäer  als  verabfcheuungswürdig  zurück- 
gewiefen  und  in  kurzer  Zeit  vollkommen  abgetan  und 
vergefíen  war,  derart  daß  keine  Erinnerung  an  he  blieb 
und  man  heute  nichts  mehr  von  ihr  weiß.    Und  jene 

3°  wurden  verflucht  und  verrufen  als  Unruheftifter,  Ketzer, 
Renegaten,  und  im  Hinblick  auf  fie  wurde  zur  Zeit  des 
Rabban  Gamliel  in  der  Hamidah  jener  Vers  hinzugefügt, 
der  befagt :  Auf  die  Renegaten  folle  man  keine  Hoffnung 
fetzen  und  alle  Ketzer  und  alle  Unruheftifter  insgefamt 


Da  Costa  Opera. 


12 


Rege  STEN 


Tollen  zu  Grunde  gehen,  damit  fie  in  der  ganzen  Welt  und 
durch  den  Mund  ganz  Ifraels  verflucht  würden  dreimal  am 
Tage,  fo  wie  fie  es  auch  werden  [129]  Einzig  um  von  fei- 
ner Halsftarrigkeit  nicht  abzugehen,  verwirft  er  das  aner- 
kannte und  angenommene  prophetifche  Buch,  und  ich  bin  5 
gewiß,  daß  er  jedesmal,  wenn  er  iich  in  Verlegenheit  lieht, 
die  gefamte  Mehrzahl  der  Bücher  verwerfen  wird,  und  fo 
ift  er  fchlimmer  als  die  Renegaten,  weil  diefe,  wenn  fie  Tür- 
ken oder  Mauren  werden,  es  aus  irgend  einer  Rücklicht  oder 
einem  Verlangen  tun,  worüber  fie  am  anderen  Tage  Reue  10 
und  Zerknirfchung  empfinden,  aber  diejenigen,  die  aus 
Übermut  und  Halsftarrigkeit  den  Weg  der  Wahrheit  ver- 
laffen,  wie  er  es  getan  hat,  für  die  gibt  es  fchwerlich  Bef- 
ferung  und  Heilmittel. 

[137]  Ich  wende  mich  zu  dir,  blinder  und  unfähiger  Uriel,  lS 
und  bitte  dich  mir  zu  fagen,  welche  Raferei  dich  in  Flam- 
men fetzt,  oder  welches  Gift  dir  Hirn  und  Sinne  ver- 
wirrt, daß  du  unwiffenden  Menfchen  übereilter  Weife 
Glauben   fchenkft  und  die  Lehre  der  Weifen  gering- 
fchätzeft,  deren  Rat  du  dir  hätteft  zu  nutze  machen  20 
können;  und  wenn  du  hätteft  nehmen  wollen,  was  ich 
dir  vor  vielen  Jahren  gab,  dann  hätteft  du  iie  wohl 
gebraucht  und  hätteft  die  heilige  Sprache  erlernt,  und 
dann  erft  haft  du  das  Recht  dazu,  diefe  ganze  Welt  für 
verdächtig  zu  halten;  was  du  darum  von  den  Lebenden  2 5 
weder  annehmen  willft  noch  überhaupt  kannft,  wirft  du 
im  Unterricht  und  in  der  Lehre  finden,  die  uns  von  den 
Toten  blieb,  denn  von  ihnen  brauchft  du  nicht  zu  fürchten, 
daß  fie  dich  betrogen  oder  gehaßt  haben,  denn  niemals 
fiel  es  ihnen  ein,  daß  je  ein  fo  großes  und  abfcheuliches  30 
Ungeheuer  wie  du  zur  Welt  kommen  würde. 

[147]  Wer  gegen  diefe  wahre,  durch  Gefetz  und  Autori- 
täten beftätigte  Lehre  fpricht,  bewährt  und  bekennt  klar 
die  Gemeinheit  und  Zügellofigkeit,  die  die  Epikuräer  im 


Regesten 


179 


Wappen  führen :  laßt  uns  ejjen  und  trinken,  denn  morgen 
werden  wir  fterben. 

[1 52]  Jenes  Gift,  das  im  Anfang  entgegenwirkte  und 
fchadete,  wurde  fchließlich  durch  die  Gewohnheit  afiimi- 
5  liert  und  bekömmlich.  Wir  haben  das  augenfcheinliche 
Beifpiel  dafür  in  Händen  bei  diefem  Kranken,  denn  er 
felbft  bekennt,  daß  er  eine  Zeitlang  gefchwankt  habe  in- 
folge der  vom  Gift  verurfachten  Übelkeit,  ohne  daß  [153] 
er  fich  zu  entfcheiden  wußte ;  wie  er  es  aber  fo  viele  Jahre 

10  hindurch  gebrauchte,  indem  er  fich  den  falfchen  und  ver- 
derbten Anflehten  mit  einer  folchen  Hartnäckigkeit  hin- 
gab, ohne  daß  er  das  Gegengift  der  guten  Ratfchläge  und 
Lehre  nehmen  wollte,  beftärkte  er  fich  allmählig  derart, 
daß  er  das  Übel  gar  nicht  fühlt,  das  ihm  fchon  zur  Natur 

x5  geworden  ift.  Und  fo  verharrt  er  in  feinen  Irrtümern  und 
krönt  diefe  fchließlich  in  feiner  vollkommenen  Blindheit, 
indem  er  von  fich  verfichert,  er  ernte  Gutes  für  feine  Ver- 
dienfte,  er  lebe  zufrieden  und  froh,  er  lobe  Gott  für  fein 
Menfchtum,  da  er  es  ihm  verliehen,  wobei  er  fich  felbft 

20  zum  Richter  über  fich  macht  gegen  das  natürliche  Recht. 
Wenn  er  fich  aber  durch  unverdächtige  Richter  richten 
ließe,  würden  fie  fagen,  fie  kennten  und  wüßten  keinen 
unglücklicheren  und  elenderen  Menfchen:  diefer  Teufel, 
verabfeheut  fogar  von  feinen  Brüdern,  ausgeftoßen,  be- 

25  fchämt,  ohne  Vertrauen  nach  außen,  ohne  Frieden  im 
Haufe,  ohne  Kinder,  ohne  Mefufah,  ohne  Thephillah,  kurz 
ohne  irgend  ein  Gut.  Und  die  Güter,  die  ihn  freuen  oder 
ihn  fo  ftolz  machen,  als  da  find  Gefundheit  zu  haben  und 
Brot  zu  effen,  find  der  ganzen  Welt  gemein,  um  fo  mehr, 

30  als  er  auch  das  bald  einbüßen  wird,  wie  er  felbft  bekennt, 
denn  der  Böfe  möge  fich  nicht  täufchen,  wenn  er  fich  im 
Befitz  von  Gütern  fieht,  denn  feine  Strafe  wird  nicht  lange 
auf  fich  warten  laffen.  Und  diefe  wenigen  Güter,  die  er 
jetzt  befitzt,  welche  Verblendung  liegt  darin,  daß  er  fagt, 

12* 


i8o 


Regesten 


fie  feien  ihm  zuteil  geworden,  weil  er  die  Menfchenfurcht 
verachtete  und  feine  Zuverficht  auf  Gott  fetzte,  kurz,  daß 
er  zu  verftehen  gibt,  er  habe  die  Güter  für  die  eigenen 
Verdienfte,  was  gegen  jeden  Brauch  bei  guten  und  heiligen 
Männern  ift.  [154]  Bat  doch  fogar  Mofe  felbft  Gott,  er  5 
möge  ihn  um  feiner  Barmherzigkeit  willen  ins  heilige  Land 
gelangen  laffen,  da  er  doch  viele  eigne  Verdienfte  anführen 
konnte,  und  von  ihm  felbft  bezeugt  das  Gefetz,  daß  er 
fehr  demütig  war.  Und  das  war  und  ift  immer  gewefen 
der  Charakter  der  Guten  und  Gottesfürchtigen,  daß  fie  10 
leben  mißtrauifch  gegen  fich  felbft  und  ihr  Vertrauen 
fetzen  allein  auf  die  Barmherzigkeit  des  Herrn.  Um  wie 
viel  mehr  die  vielen  Menfchen  fowohl  aus  dem  Volke  Ifrael 
als  aus  den  Nichtjuden,  die  viel  mehr  Geld  und  mehr 
Gefundheit  befitzen  als  er,  für  welche  Verdienfte  wird  er  15 
fagen,  befitzen  fie  fie?  Was  für  eine  Freudigkeit  ift  es  alfo, 
in  der  er  lebt?  Warum  trägt  er  gute  Kleider?  Andere 
tragen  noch  beffere.  Warum  erwartet,  warum  fürchtet  er 
nicht  die  Übel  einer  andren  Welt  nach  fo  vielen  Gütern, 
wie  er  fie  in  diefer  genießt?  .  .  [155]  So  ift  diefer  Wider-  20 
facher  unglücklicher  und  fchlimmer  als  felbft  die  Würmer, 
über  die  er  fich  nicht  erheben  kann,  was  etwas  fo  Sicht- 
bares und  Bekanntes  in  der  Welt  ift.  .  .  Und  jetzt  gehen 
wir  dazu  über,  die  Wahrheit  darzutun,  die  diefer  Wider- 
facher  zu  verdunkeln  fich  bemüht  hat  und  bemüht,  in-  2 5 
dem  er  fagt,  es  gebe  weder  Tradition  noch  mündliches 
Gefetz,  was  die  Wurzel  war,  aus  der  ihm  alle  feine  Übel 
hervorgegangen  find  und  hervorgehen,  und  zwar  muß  das 
die  Thefe  fein,  die  er  als  wohl  bewiefen  erklärt  und  die  er 
im  7.  Cap.  feines  Buches  aufgeteilt  hat.  Auch  dies  werden  30 
wir  widerlegen,  indem  wir  es  als  vollkommen  falfch  dar- 
tun, wenn  Gott  uns  das  Leben  läßt  und  wenn  wir  des 
Buches  habhaft  werden  können,  worauf  wir  all  unfren 
Fleiß  und  unfre  Sorge  richten  werden. 


Regesten 


i8i 


[177]  Aus  all  dem  gehen  die  Wahrheit  [178]  und  Halt- 
barkeit unfrer  Neumonde  und  der  davon  abhängenden 
Feftfeiern  hervor,  die  Wiffenfchaft,  das  Genie  und  Stu- 
dium unfrer  großen  und  gelehrten  Autoren  diefer  unfehl- 
5  baren,  fogar  von  den  erfahrenften  nicht jüdifchen  Weifen 
angenommenen  und  befolgten  Berechnungen.  Es  geht 
daraus  hervor  die  große  Unwiffenheit  und  Unbildung 
deffen,  der  auf  leichte  Argumente  hin  voller  Hoffart  und 
Hartnäckigkeit  fich  der  Kühnheit  und  Dreiftigkeit  unter- 

10  fing,  fich  diefen  entgegenzuftellen,  indem  er  zum  Himmel 
hinauf fteigen  wollte,  um  fich  nach  Art  der  Riefen,  die  den 
babylonifchen  Turm  gebaut,  mit  Gott  zu  meffen,  da  er 
doch  nicht  einmal  eine  obfcure,  elende  Hütte  bauen  kann, 
die  Gott  mit  offenbarer  und  furchtbarer  Strafe  zerftören 

15  wird,  wenn  er  fich  nicht  fchnell  beffert,  indem  er  den  Herrn 
wegen  feines  Irrtums  und  feiner  Auflehnung  um  Barm- 
herzigkeit bittet,  die  er  üben  wolle  an  feinem  ganzen  Volk 
Ifrael  und  er  möge  uns  erlöfen  aus  fo  vielen  Feffeln  und 
Verblendungen  durch  feine  unendliche  Gnade.  Amen. 


20  1623. 

Libro  dos  Termos  da  Ympofta  da  naçaó  Principiado  em 
24  de  Sebat.  5382,  fo.  12. 

Os  snnores  Deputados  da  nação  fazem  faber  a  Vfms. 
como  tendo  noticia  que  hera  vindo  a  efta  Cidade  hü  home 

25  que  fe  pôs  por  nome  Uriel  Abadat.  E  que  trazia  m.tas 
opiniões  erradas,  falfas  e  heréticas  cõtra  noffa  fantiff3, 
lei  pellas  quais  já  em  Amburgo  e  Veneza  foi  declarado  por 
herege  e  excomügado  e  dezejando  reduzilo  á  verdade 
fizerao  todas  as  dilig.as  neceffarias  por  vezes  cõ  toda  a 

30  fuavidade,  e  brandura  por  meo  de  Hahamim  e  Velhos  de 
noffa  nação,  a  q  ditos  snnrs  deputados  fe  acharão  prezen- 
tes.  E  vendo  q.  por  pura  pertinácia,  e  arrogância  perfifte 


I82 


Regesteis 


em  fua  maldade  e  falias  opiniões,  ordenão  cõ  os  Mahamadot 
das  chilot.  E  co  fobre  ditos  hahamim,  apartalo  como  home 
ja  enhermado,  e  maldito  da  L.  dei  Dio,  e  que  lhe  não 
fale  pefíba  algüa  de  nenhüa  qualidade,  ne  home  ne  molher, 
nê  parente  nê  eftranho,  nê  entre  na  cafa  onde  eftiver,  nê  5 
lhe  dem  fauor  algü  nê  o  comuniquem  cõ  pena  de  fer 
comprehendido  no  mefmo  herem  e  de  fer  apartado  de 
nofía  communicação.  E  a  feus  Irmãos  por  bons  refptos  fe 
concedeu  termo  de  outo  dias  pa  fe  apartarem  delle.  Am- 
fterdam  30  dei  homer  5383.  10 
Samuel  Abarvanel  Binhamin  Ifrael  Abraham  Curiel 
Jofeph  Abeniacar      Rafael  Jefurun      Jacob  Franco. 

*  *  * 

Buch  der  Auf lagenf eßf etzungen  der  Nation,  begonnen  am 
20.  Februar  1622,  BI.  12. 

Die  Herren  Deputierten  der  Nation  tun  euch  zu  wiffen,  15 
daß  ihnen  kund  geworden,  daß  nach  diefer  Stadt  ein 
Mann  gekommen  ift,  der  fich  den  Namen  Uriel  Abadat 
beilegte,  und  der  viele  irrige,  falfche  und  ketzerifche  Mei- 
nungen gegen  unfer  heiligftes  Gefetz  mitbrachte,  um 
deren  willen  er  fchon  in  Hamburg  und  Venedig  zum  20 
Ketzer  erklärt  und  excommuniciert  worden  war.  Von 
dem  Wunfche  befeelt,  ihn  zur  Wahrheit  zurückzuführen, 
unternahmen  fie  wiederholt  alle  notwendigen  Schritte  mit 
aller  Milde  und  Sanftmut  durch  Vermittlung  der  Hahamim 
und  Älteften  unfrer  Nation,  wobei  die  genannten  Herrn  25 
Deputierten  fich  gegenwärtig  fanden.  Da  fie  aber  fahen, 
daß  er  bloß  aus  Halsftarrigkeit  und  Dünkel  auf  feiner 
Schlechtigkeit  und  auf  feinen  falfchen  Meinungen  be- 
harrt, befchloflen  fie  zufammt  den  Vorftänden  der  Ge- 
meinden und  den  genannten  Hahamim,  ihn  auszuftoßen  30 
als  einen  Mann,  der  fchon  in  Bann  getan  und  vom  Gefetz 
Gottes  verflucht  ift,  und  daß  niemand  mit  ihm  fpreche, 


Rege  STEN 


183 


wer  immer  er  fei,  weder  Mann  noch  Frau,  weder  Verwand- 
ter noch  Fremder,  niemand  das  Haus  betrete,  in  dem  er 
fich  befindet,  niemand  ihm  eine  Gunft  erweife  noch  mit 
ihm  verkehre,  bei  Strafe,  in  denfelben  Bann  einbezogen 
5  und  aus  unfrer  Gemeinfchaft  ausgeftoßen  zu  werden. 
Und  feinen  Brüdern  wurde  eine  Refpektsfrift  von  acht 
Tagen  zugeftanden,  um  fich  von  ihm  zu  trennen.  Amfter- 
dam,  am  15.  Mai  1623. 

Samuel  Abarvanel  Binhjamin  Ifrael  Abraham  Curiel 
10  Jofeph  Abeniacar      Rafael  Jefurun       Jacob  Franco. 


1624. 

Jo.  Chrifloph.  Wolfii  Paftoris  ad  D.  Cathar.  Hambvrg.  et 
Scholar chce  Bibliothecce  Hebrcece  Volvmen  IV.  et  vltimvm. 
Hambvrgi  apvd  B.  Theod.  Chriftophori  Felgineri  vidvam. 

15  Anno  CIDIDCCXXXIII. 

[p.  774.]  SDDIpS  btf'H'lK  Vriel  Acofta,  cujus  commen- 
tationem  Ms.  de  mortalitate  animae  Vol.  III.  p.  83.  com- 
memoravi.  Hanc  ille,  poftquam  a  Samuele  de  Sylva  jam 
confutata  erat,  in  lucem  edidit  Amßelod.  384.  C.  1624.  8. 

20  fub  titulo :  Examen  das  tradiçoens  Pharifeas  conferidas  con 
à  Ley  ejcrita  por  Vriel  Jurifta  Hebreo,  com  repofta  à  hum 
Semuel  da  Silva,  feu  falfo  Calumniador.  Vidi  illum  ita 
memoratum  in  Catalogo  librorum  R.  Davidis  Nunnes 
Torres  pag.  33.  n.76.  Notandum  hic  eft,  auctorem  diferte 

25  vocari  Vrielem  Jurißam,  quam  in  rem  vide  quae  fcripta 
funt  Vol.  I.  p.  131.  132.  ubi  nonnulla  ex  his  poffunt 
emendari. 

*  *  * 

Hebräifche  Bibliothek  von  Johann  Chrifloph  Wolf,  Paflor 
an  der  Katharinenkirche  und  Schulleiter ,  4.  und  letzter 
30  Band.  Hamburg  bei  B.  Theod.  Felginers  Witwe.  1733. 


i84 


Regesten 


[S.  774.]  Uriel  Acofta,  deffen  handfchriftliche  Abhand- 
lung über  die  Sterblichkeit  der  Seele  ich  im  3.  Bd.  S.  83 
Erwähnung  getan.  Diefe  hat  er,  nachdem  fie  bereits  von 
Samuel  de  Sylva  widerlegt  war,  herausgegeben  Amflerd. 
1624,  in  8°,  unter  dem  Titel :  Prüfung  der  pharifäifchen  5 
Traditionen  in  Vergleichung  mit  dem  gefchriebenen  Gejetz 
von  Uriel,  hebräifchen  Jurißen,  mit  Entgegnung  auf  einen 
Semuel  da  Silva,  feinen  f alfchen  Verleumder.  So  fah  ich 
es  erwähnt  im  Katalog  der  Bücher  von  R.  David  Nunnes 
Torres,  S.  33,  Nr.  76.  Dabei  ift  zu  bemerken,  daß  der  10 
Verfaífer  verfchiedentlich  Uriel,  Jurift,  genannt  wird, 
worüber  man  nachfehe,  was  im  1 .  Bd.,  S.  131  f.  fteht,  wo 
einiges  hiernach  verbeffert  werden  kann. 

1624. 

Jußitie  boeck  Begonnen  den  8T  Julij  1623  eijndiget  den  *5 
271  novembJ  1624,  foi.  loja. 

Uriel  da  Cofta,  alias  Adam  Romez,  is  bij  fchepenen 
gerelaxeert  uijtte  ghevangeniffe  defer  ftede  onder  hand- 
taftinghe  en  belofte  van  t'  allen  tyden  op't  roepen  van 
den  heere  Offr.  in  rechten  te  compareren,  en  fyn  perfoon  20 
in  Juditio  te  fifteren,  waer  voor  fich  borghen  gheftelt 
hebben  Miguel  Efteuez  de  Pina  en  Juan  Perez  da  Cunha, 
belovende  by  faulte  van  Comparitie  in  rechte  van  den 
voorfz.  Uriel  da  Cofta  ten  behoeve  van  den  heere  Offr. 
te  betalen  twaelif  honderd  gldn.  Actum  den  leften  Maij,  25 
A°.  1624,  Piit.  Jacob  Pieterfz  Hooghcamer  en  Claes 
Pietersze  Schepenen. 

*  *  * 

Juftizbuck,  begonnen  am  8.  Juli  1623,  beendigt  am  27.  No- 
vember 1624,  fol.  ioja. 

Uriel  da  Cofta,  alias  Adam  Romez,  wird  von  den  Schöf-  30 
fen  aus  dem  Gefängnis  diefer  Stadt  entlaffen,  gegen  Hand- 


Regesten 


185 


fchlag  und  Verfprechen,  jederzeit  auf  Vorladung  der 
Herrn  Officiere  vor  Gericht  zu  erfcheinen  und  feine 
Perfon  gerichtlich  fiftieren  zu  laffen,  wofür  fich  als  Bürgen 
dargeboten  haben  Miguel  Eftevez  de  Pina  und  Juan  Perez 

5  da  Cunha,  indem  fie  verfprachen,  im  Falle  des  Nicht- 
erfcheinens des  vorgenannten  Uriel  da  Cofta  vor  Gericht 
zur  Verfügung  der  Herrn  Officiere  zwölfhundert  Gulden 
zu  bezahlen.  Gefchehen  am  letzten  Mai  im  Jahre  1624. 
Gez.  Jakob  Pieterfz  Hooghcamer  und  Claes  Pietersze, 

10  Schöffen. 


Zwifchen  1624  und  1628. 

rowma       nta  ma^  apm  nimaa  mauern  rwbm  idd 
aa  \wn  Wa  sxti  r\w 

m\m  i?aa  isia  sm  *a  ty^ai  m  b^k  irra  s*aj  nbm 

15  svn  Di  m«  rpiai  cpnai  to"n  *nan  gytei  ttfi  tyattf 
astrai  a\nan  n^nm  waan  nnxt^na  miasn  np'tfa  isia 
runm  nanam  man  pa  Wa  tmsn  ^  law  maa  t^:a 
yt^si  VTbs  pi  ana  t^nan  nmna  a^ainan  cwna 
aya  ppm      viffte  iBD  D^nnb  nsnp  ph  m»  na'ra  ir  sbi 

20  i'nrwn  p"pn  ^si  ntrs  -iy  mmm  manan  rrmias  ^a  bna 
iatn  traten  Bwa  aisnm  nsa  <?a  inp'n  maten  ay 
*a  T?n  p  ims  ni^rt  msa  i'nrwm  aniasn  jmaa  ims 
nmpn  aw  pai  miasn  nvwön  w  sinn  rna^aattf  mvrt 
a:asi  laipaa  wtomp  pi  vmrra^  jwn^  ama  nty  s5?  nrb 

25  írnteff  nm  1?nv  aipaa  atr  usip  jnmn  ns  pa^  rrmw 
a^ns  \>&>  p  an  napr  as  i5?  a>  nrn  t^s5?  *a  *on 

man  rn  am  nteis  njn  au?  rnsa  s*a:  sb  pi* 
\*a  iKff  ^a  10a  lay  a^ma  rn  sbi  mai     ims  a^snna 
nr  *a  isna  s\n  ias  ajasi  am  na1?  imrian  bnpn 

30  it»a  npmai  man  rem  isn  ma  ay  -rn^  nnaff 
•»nasn  amsan  am  nbaw  ma^ntra  nbais  rann  na^m 
pi  ma  patena  nbr  nt^s  amsan  ara  myna  s\m 


i86 


Regesten 


nr  bs\  te-w  napa  nnpn  sto  nviDn  j-nen  dk&> 
man  itrs  nnH  urwü  nppaa  uku  mb  na  Tirnb  rrt 
^awö  nn  ^  mmp1?  «toi  p«n  "hj     nrwft  bau  rmoa 

.ab  w  D^wn  ma  5 

*  *  * 

Buch  der  Fragen  und  Antworten  des  Ja'akob  aus  dem 
Haufe  Levi.  Venedig,  im  Jahre  1632. 

Frage:  Es  findet  fich  in  unferer  Mitte  ein  fchlechter 
und  nichtswürdiger  Mann,  der  die  ganze  mündliche  Lehre  10 
leugnet,  die  Worte  unfrer  Weifen  verfpottet  und  läfternd 
gegen  fie  auftritt,  der  auch  die  Grundlagen  des  Glaubens 
leugnet,  die  Fortdauer  der  Seele  und  die  Auferftehung  der 
Toten,  und  der  voller  Anmaßung  die  Anfchauung  ver- 
tritt, daß  es  zwifchen  Menfch  und  Vieh  keinerlei  Unter-  15 
fchied  gebe,  und  der  viele  von  den  in  den  Schriften  fich 
findenden  Wunder  einfach  leugnet,  ebenfo  die  Wunder 
der  Propheten  Elias  und  Elifa.  Zudem,  daß  er  all  dies 
tat,  wollte  èr  in  fremder  Sprache  ein  Buch  herausgeben, 
in  dem  er  unverhohlen  alle  feine  Lügenbehauptungen  und  2c 
fchlechte  Anflehten  zu  publicieren  gedachte,  fo  daß  die 
Spitzen  der  hl.  Gemeinde  gemeinfam  mit  der  Regierung 
alle  feine  Bücher  befchlagnahmten,  fie  öffentlich  ver- 
brannten, ihn  ins  Gefängnis  warfen  und  fich  alle  Mühe 
gaben,  ihn  der  Stadt  zu  ver  weifen.  Denn  da  bei  diefer  2  5 
Regierung  Glaubensfreiheit  herrfcht  und  dort  keine  Inqui- 
fition  befteht,  konnte  fie  es  nicht  zu  Wege  bringen,  die 
Todesftrafe  gegen  ihn  zu  erwirken,  fondern  nur  die  Aus- 
weifung  aus  feinem  Orte.  Es  mögen  aber  diefem  Böfe- 
wicht  feine  Sünden  ins  Unglück  verftricken,  daß  er  an  3° 
dem  Orte,    wohin  er  gekommen,    verendet.  Unfere 
Frage  geht  nun  auf  folgendes :  Diefer  Nichtswürdige  hat 
eine  alte  Mutter  und  ferner  zwei  fromme  Brüder,  bei 


Rege  STEN 


187 


denen  keinerlei  verwerfliche  Anficht  zu  finden  ift,  die  ihn 
vielmehr  wegen  feiner  Worte  ftändig  tadelten  und  nicht 
mehr  mit  ihm  fprachen,  ebenfo  wie  alle  Gemeindemitglie- 
der, die  ihn  als  in  Bann  getan  verkünden  ließen.  Im 

5  Gegenfatz  dazu  wohnt  aber  feine  Mutter  ftändig  im 
felben  Haufe  mit  ihrem  Sohne,  dem  böfen  Feinde,  unter- 
ftützt  ihn,  wandelt  auf  feinen  Wegen,  ißt  von  dem,  was 
er  gefchächtet,  ißt  am  richtigen  Verföhnungstag  und 
faftet  an  dem  von  ihrem  Sohn  errechneten  Verföhnungstag, 

0  und  entfprechend  in  bezug  auf  das  Gefäuerte  an  Peffach 
und  arbeitet  an  Feiertagen.  Man  hat  auch  fie  verftoßen 
und  in  Bann  getan  und  ihr  weiterhin  eröffnet,  daß,  im 
Falle  fie  in  folcher  Auflehnung  ftürbe,  fie  nicht  unter 
Ifraeliten  begraben  würde.  Dies  alles  nützte  nichts,  fie 

5  zur  Rückkehr  zu  bewegen.  Darum  bitten  wir  Sie,  uns 
mitzuteilen,  ob  wir  fie,  falls  fie  in  diefer  Auflehnung  ftürbe, 
auf  der  Erde  liegen  laifen  follen,  ohne  fie  überhaupt  zu 
begraben,  oder  nicht  und  zwar  dies  in  Rückficht  auf  ihre 
frommen  Söhne. 


o  1628. 

Opgave  van  per  Jonen,  op  het  Beth-Haim  te  Ouderkerk 
begraven  enz. 

A°  5389  [1628]  4  oct  Sara  da  Cofta  rij  10  No  10 

*  *  # 

5     Lifte  der  auf  dem  Friedhof  Beth-Chajim  zu  Ouderkerk 
beftatteten  Perfonen  uff. 

Im  Jahre  5389  [1628],  4.  Oct.  Sara  da  Cofta,  Reihe 
10  Nr.  10. 

*  *  * 

Infchrift  des  Grabfieins, 
0     Sa  de  Sarah  da  Cofta  falefeo  em  7  de  Tisri  5389. 


1 88  Regesten 

Grab  von  Sarah  da  Cofta,  ftarb  am  4.  October  1628. 


1636. 

Menaffeh  ben-I/rael  de  Re/urrectione  Mortuorum 

Libri  III.  Quibus  animce  immortalitas  &  corporis  re~ 
Jurrectio  contra  Zaducceos  comprobatur:  caujjce  item  mira-  5 
culofce  refurrectionis  exponuntur:  deque  judicio  extremo,  & 
mundi  inflauratione  agitur:  Ex  Sacris  Liter is,  &  veter ibus 
Rabbinis.    nDXfl   fHKD  Veritas   e   terra  orietur. 

Pfal.  85.  11.  Amflelodami,  Typis  &  fumptibus  Auctoris. 
CDIDCXXXVI.  .  10 

[Epiftola  Dedicatória.]  Magnificis,  ampliffimis,  doctiffi- 
misque  viris  D.  D.  Laurentio  Reael,  .  .  &  Alberto  Con- 
radi  van  der  Burch  .  .  Dominis  fuis  omni  officio  colendis, 
Menaffeh  ben-Ifrael  S.  P.  D. 

.  .  Unum  enim  Deum  colimus,  ejus  praeceptis  nos  fubji-  15 
cimus,  &  poft  hujus  vitge  difficultates  meliorem  vi  tarn 
exfpectamus.  Atque  huc  univerfa  primi  libri  opera  tendit, 
ut  cuncti  intelligant,  in  doctrina  hac  tarn  neceffaria  omnes 
nos  contra  Zaducseos,  animarum,  &  Rerumpublicarum 
peites,  penitus  con venire.  .  .  20 

Amftelodami  CDIDCXXXVI. 
XX.  Februarii  St.  N. 

[36]  Cap.VI.  De  objectionibus  Zaducceorum,  eorumque 
refutatione. 

Reperti  funt  homines  improbi,  &  male  feriati,  qui  aufi  25 
funt  dogma  hoc  excelentiffimum  negare.  Inter  hos  fue- 
runt  Zaducaei,  qui  uti  negabant  animas  effe  immortales, 
ita  etiam  non  credebant  fore  refurrectionem  mortu- 
orum. 

[44]  Cum  enim  propter  aliquod  bonum  opus,  dignus  30 
habitus  fit  nomine   Ifraélis:  idcirco  partem  aliquam 


Rege  STEN 


189 


gloriae  in  mundo  refurrectionis  obtinebit.  Portio  illa  erit 
magna,  aut  parva,  pro  ratione  operum,  quae  iinguli  prae- 
ftiterant.  Sed  tria  hominum  genera  funt,  qui  inde  exclu- 
duntur;  primo  illi,  qui  negant  refurrectionem ;  nam 
5  juftum  &  aequum  eft  ut  tales  ea  beatitudine  non  fruantur. 
Deinde  qui  negant  legem  a  Deo  effe  datam,  five  qui  Legi 
divinitatem  derogent :  cum  enim  hi  nullam  vitae  normam 
ac  regulam  fibi  propofitam  [45]  habeant,  fecundum  quam 
actiones  dirigant,  fieri  non  poteft,  ut  operibus  falventur. 

10  Denique  Epicuraei,  qui  negant  Providentia  divina,  infe- 
riora  haec  gubernari.  Triplex  itaque  illud  hominum  genus, 
non  poteft  particeps  fieri  futuri  feculi,  licet  bona  quaedam 
opera  fecerint.  Ex  his  apparet,  quam  grave  peccatum 
fit,  negare  refurrectionem  mortuorum. 

15  Cap.  VII.  Argumenta  Zaducceorum,  &  quorundam  atheo- 
rum  pro  mortalitate  animce  &  contra  refurrectionem  mortu- 
orum proponuntur . 

Ut  hoc  dogma  de  refurrectione  plenius  intelligatur, 
operae  pretium  me  facturum  exiftimo,  fi  proponam  quoque 

20  argumenta  eorum,  qui  contra  fentiunt  &  eam  inficiantur 
(veritas  enim  oppofito  mendacio  contrario  magis  elucefcit) 
eaque  deinde  refutem;   imprimis  argumenta  Zadducae- 
orum  quibus  ii  folent  perverfam  opinionem  fuam  adftruere. 
I.  Anima  humana,  inquiunt,  nihil  aliud  eft,  quam  fpiri- 

25  tus  Vitalis,  inhaerens  fanguini :  nam  per  hunc  vivimus, 
agimus,  &  movemur.  Neque  alia  differentia  intercedit  in- 
ter [46]  animam  hominis  &  bruti,  quam  quod  anima  hujus 
fit  irrationalis :  illius  vero  rationalis :  caeterum  origine,  vi  ta, 
morte  prorfus  paris  funt  &  aequalis  conditionis. 

3°  II.  Non  repugnat  legi  divinas,  animam  eile  mortalem. 
Imo  immortalitatis  animarum  nufpiam  mentio  fit  in  Lege. 
At  neutiquam  verifimile  eft,  Legem  ejus  mentionem  nul- 
lam facturam  fuiffe,  imprimis  cum  res  fit  tanti  momenti  ac 
ponderis. 


i9o  Regesten 

III.  Omnes  promifiiones  &  benedictiones,  quae  manent 
cultoribus  legis,  funt  temporales :  neque  ulla  vel  poena  vel 
prsemium  vitae  futuras  in  lege  expreíTum  eft,  quod  dan- 
dum  vel  exfpectandum  fit  poft  mortem,  obfervantibus 
legem.  Nam  Ifac  benedicens  Iacobo,  non  alia  ei  promittit  5 
bona,  quam  caduca  &  temporalia.  Quis  autem  credat 
eum,  fi  credidiffet  aliam  poft  hanc  vi  tarn  effe,  etiam  non 
mentionem  facturum  fuiffe  vitse  iftius  &  bonorum  ejus 
fpiritualium  ? 

IV.  Prophetae  ipfi  crediderunt  animas  eile  mortales,  uti  10 
ex  variis  locis  obfervare  eft.  David  cum  mortuus  effet 
filiolus  quem  ei  pepererat  Bat  Seba  fic  infit  (2.  Sem.  12): 
Nunc  autem,  cum  obierit,  quid  eft,  cur  jejunem?  nunquid 
potero  r evocar e  eum  amplius?  ego  vado  ad  illum,  &  ille 
non  redibit  ad  me}  inquit,  non  revertar,  [47]  ad  illum,  quia  *5 
eo  defuncto,  nihil  ejus  reliqui  erat.  Pfalmi  etiam  Davidici 
manifeftum  hujus  fententiae  patrocinium  praebent.  Pfal.  6. 
quia  in  morte  non  eft  memoria  tua,  in  fojja  quis  laudabit 
te?  Pfal.  29.  Quce  utilitas  in  fanguine  meo,  cum  de/cendam 
in  foffam?  nunquid  laudabit  te  pulvis,  aut  annuntiabit  veri-  20 
tatem  tuam?  item  88.  An  mortuis  facies  miracula?  an 
defuncti  re/urgent,  te  laudabunt?  Praeterea  115.  mortui  non 
laudabunt  Deum,  neque  ulli  ex  defcendentibus  in  foffam. 
Denique  Pfal.  78.  nam  memini,  quod  caro  ipfi,  fpiritus 
vadens,  &  non  redibit.  2  5 

V.  Eandem  fententiam  quoque  fequitur  Selomoh  filius 
ejus:  nam  in  Ecclefiafte  aperte  fic  dicit:  Quod  eventus  fili- 
orum  hominis,  &  eventus  quadrupedis  &  eventus  unus 
eis:  ficut  moritur  hic,  ita  moritur  ille,  &  fpiritus  unus 
omnibus;  &  prceßantia  hominis  prae  quadrúpede  nulla:  3° 
quia  omnia  vanitas.  Omnis  vadens  ad  locum  unum,  omne 
fuit  de  pulvere,  &  omne  revertitur  ad  pulverem.  Quis  feit, 
an  fpiritus  filiorum  hominum,  afeendens  ipfe  furfum,  & 
fpiritus  quadrupedis  defeendens  fubius  terram.    Et  alio 


Regesten 


191 


in  loco :  Nam  viventes  fciunt,  quod  morituri  funt,  &  mortui 
non  fciunt  quicquam;  &  non  ultra  eis  [48]  prcemium,  quia 
oblivioni  tr adita  eft  memoria  eorum.  Denique  ibidem  paulo 
inferius :  Omne  quod  invenerit  manus  tua,  ad  faciendum  in 

5  virtute  tua,  fac:  quia  nullum  opus  eft,  neque  computatio, 
neque  fapientia  vel  fcientia  in  fepulchro,  quo  vadens  tu.  Ex 
his  omnibus  concluditur  animam  effe  mortalem. 

VI.  Diferte  etiam  Iobus  hoc  agit,  ut  evertat  thefin  de 
refurrectione  mortuorum:  idcirco  cap.  7.  7.  ait.  Memento 

o  quod  ventus  vitaz  meae,  non  rever tetur  oculus  meus  ad  viden- 
dum  bonum.  Non  me  intuebitur  oculus  videntis  me,  oculi 
tut  in  me,  &  non  ego.  Defecit  nubes  &  abiit,  fic  defcendens 
ad  fepulchrum,  non  afcendet.  Non  revertetur  amplius  domum 
Juam,  &  non  cogno/cet  eum  amplius  locus  ejus.  Et  alibi 

5  (Cap.  14. 12.);  Et  vir  dormivit,  non  refurget,  ufque  dum  non 
cceli,  non  refurgent,  &  non  fufcitabuntur  ex  fomno  fuo.  Atque 
haec  fumma  eft  opinionis  Zaducseorum  &  atheorum,  prseci- 
puaque  argumenta,  quse  pro  fe  ex  facris  adducere  folent. 
*  *  * 

MenaJJeh  ben-Ifrael.  Drei  Bücher  über  die  Auferftehung 

o  der  Toten,  in  denen  die  Unfterblichkeit  der  Seele  und  Auf- 
erftehung des  Körpers  gegen  die  Sadducäer  bewiefen  wird, 
in  denen  ferner  die  wunderbaren  Urfachen  der  Aufer- 
ftehung dargelegt  werden  und  über  das  jüngfte  Gericht  und 
die  Wieder  her ftellung  der  Welt  gehandelt  wird:  aus  den 

5  Heiligen  Schriften  und  den  alten  Rabbinen.  Die  Wahrheit 
fleht  aus  der  Erde  auf.  Pfalm  85,  11.  Amfterdam,  in  Druck 
und  auf  Koflen  des  Verfaffers.  1636. 

[Widmungsbrief.]  An  die  Edlen,  Hochanfehnlichen  und 
Hochgelahrten  Herren  Lorenz  Reael, .  .  und  Albert  Conrad 

o  van  derBurgh  .  .  .  feinen  in  jedem  Dienfte  zu  verehrenden 
Herren  Menaffeh  ben-Ifrael  zum  Gruß. 

.  .  Denn  wir  verehren  einen  Gott,  unterwerfen  uns 
feinen  Geboten  und  erwarten  nach  den  Mühfalen  diefes 


192 


Regesten 


Lebens  ein  befferes  Leben.  Und  dahin  ftrebt  die  ganze 
Arbeit  des  erften  Buchs,  daß  alle  begreifen,  daß  wir  alle 
in  diefer  fo  notwendigen  Lehre  gegen  die  Sadducaeer, 
diefe  Peft  der  Seelen  und  Staaten,  vollkommen  harmo- 
nieren ...  5 

Amfterdam  1636.  Am  20.  Februar  Neuen  Stils. 

[36]  6.  Cap.  Über  die  Einwürfe  der  Sadducäer  und  ihre 
Widerlegung. 

Es  haben  fich  fchlechte  und  müßige  Menfchen  gefunden, 
die  es  wagten,  diefes  vorzüglichfte  Dogma  zu  leugnen.  10 
Darunter  waren  die  Sadducäer,  die,  wie  fie  leugneten,  daß 
die  Seelen  unfterblich  feien,  fo  auch  nicht  glaubten,  daß 
es  eine  Auferftehung  der  Toten  geben  werde. 

[44]  .  .  Da  er  alfo  wegen  irgend  eines  guten  Werkes  des 
Namens  Ifraels^ gewürdigt  wird,  fo  wird  er  darum  einen  15 
Teil  der  Herrlichkeit  in  der  Welt  der  Auferftehung  er- 
langen. Diefer  Anteil  wird  groß  oder  klein  fein  im  Ver- 
hältnis zu  den  Werken,  die  die  einzelnen  vollbracht.  Aber 
drei  Arten  von  Menfchen  gibt  es,  die  davon  ausgefchloffen 
werden.  Zuerft  diejenigen,  die  die  Auferftehung  leugnen;  20 
denn  es  ift  recht  und  billig,  daß  fie  diefe  Glückfeligkeit 
nicht  genießen.  Dann  diejenigen,  die  leugnen,  daß  das 
Gefetz  von  Gott  gegeben  ift  oder  die  die  Göttlichkeit  des 
Gefetzes  in  Abrede  ftellen ;  denn  da  diefe  fich  keine  Norm 
und  Regel  für  das  Leben  vorgefetzt  haben,  [45]  nach  der  2 5 
fie  ihre  Handlungen  leiten,  können  fie  unmöglich  durch 
ihre  Werke  gerettet  werden.  Endlich  die  Epikuräer,  die 
leugnen,  daß  diefe  niedere  Welt  durch  göttliche  Vor- 
fehung  gelenkt  wird.  Diefe  dreifache  Menfchengattung 
alfo  kann  der  künftigen  Welt  nicht  teilhaft  werden,  auch  3° 
wenn  fie  gute  Werke  tun  follten.   Daraus  erhellt,  wie 
fchwere  Sünde  es  ift,  die  Auferftehung  der  Toten  zu 
leugnen. 


Regesten 


193 


7.  Cap.  Die  Beweisgründe  der  Sadducäer  und  einiger 
Atheiften  für  die  Sterblichkeit  der  Seele  und  gegen  die 
Auferßehung  der  Toten  werden  dargelegt. 

Damit  das  Dogma  von  der  Auferftehung  beffer  ver- 
5  ftändlich  wird,  halte  ich  der  Mühe  für  wert,  auch  die 
Beweisgründe  derer  darzulegen,  die  die  entgegengefetzte 
Meinung  vertreten  und  die  Auferftehung  leugnen  (denn 
die  Wahrheit  erhellt  durch  den  Gegenfatz  der  Lüge  noch 
mehr),  um  eben  diefe  Beweisgründe  dann  zu  widerlegen, 

10  in  erfter  Linie  die,  mit  denen  die  Sadducäer  ihre  verderbte 
Anficht  zu  ftützen  pflegen. 

1.  Die  menfchliche  Seele,  fagen  fie,  ift  nichts  anderes 
als  der  Lebensgeift,  der  dem  Blut  innewohnt :  denn  durch 
ihn  leben  wir,  handeln  wir  und  bewegen  wir  uns.  Kein 

15  anderer  Unterschied  befteht  zwifchen  [46]  der  Menfchen- 
und  der  Tierfeele,  als  daß  die  Tierfeele  unvernünftig,  die 
Menfchenfeele  aber  vernünftig  ift,  während  fie  im  übrigen 
nach  Urfprung,  Leben  und  Tod  von  völlig  gleichem  und 
übereinftimmendem  Charakter  find. 

20  2 .  Es  widerftreitet  nicht  dem  göttlichen  Gefetz,  daß  die 
Seele  fier blich  ift,  ja  der  Unfterblichkeit  der  Seele  ge- 
fchieht  nirgends  im  Gefetz  Erwähnung.  Aber  es  ift  durch- 
aus nicht  wahrfcheinlich,  daß  das  Gefetz  ihrer  nicht  Er- 
wähnung getan  hätte,  zumal  da  es  iich  um  eine  Sache 

25  von  folcher  Bedeutung  und  Wichtigkeit  handelt. 

3.  Alle  Verheißungen  und  Segensfprüche,  die  derer 
harren,  die  das  Gefetz  halten,  find  zeitlich,  denn  es 
findet  fich  nirgends  weder  Strafe  noch  Belohnung  im 
künftigen  Leben  im  Gefetz  ausgedrückt,  die  für  die- 

30  jenigen  nach  dem  Tode  zu  erwarten  wäre,  die  das  Gefetz 
beobachten.  Denn  Ifaac,  indem  er  Jakob  fegnet,  ver- 
fpricht  ihm  keine  anderen  Güter  als  vergängliche  und 
zeitliche.  Wer  möchte  aber  annehmen,  daß  er,  falls  er 


Da  Costa  Opera. 

Mi  v  %■  I 


13 


194 


Regesten 


an  ein  andres  Leben  nach  diefem  geglaubt  hätte,  diefes 
Lebens  und  feiner  geiftlichen  Güter  nicht  Erwähnung 
getan  hätte? 

4.  Die  Propheten  felbft  haben  die  Seelen  für  fterblich 
gehalten,  wie  aus  verfchiedenen  Stellen  zu  entnehmen  ift.  5 
David  fagt  nach  dem  Tcde  feines  Söhnchens,  das  ihm 
Bathfeba  geboren  hatte  (2.  Buch  Samuel  12):  Jetzt  aber, 
da  er  hingefchieden  ift,  warum  Jollte  ich  da  faflen?  Werde 
ich  ihn  wieder  zurückrufen  können?  ich  gehe  zu  ihm,  aber 
er  wird  nicht  zu  mir  zurückkehren;  er  fagt  alfo,  ich  werde  10 
nicht  zu  ihm  zurückkehren,  [47]  weil  von  ihm,  nachdem 
er  geftorben  ift,  nichts  zurückgeblieben  war.  Auch  die 
Pfalmen  Davids  geben  diefer  Meinung  offenbar  Stütze. 
Pfalm  6 :  Weil  im  Tode  keine  Erinnerung  an  dich  ift,  wer 
wird  in  der  Gruft  dich  preifen?  Pfalm  29 :  Welcher  Nutzen  15 
ift  in  meinem  Blute,  da  ich  in  die  Gruft  hinabfteige?  Wird 
dich  der  Staub  loben  oder  wird  er  deine  Wahrheit  ver- 
künden? Ebenfo  88 :  Wirft  du  an  den  Toten  Wunder  tun? 
Oder  werden  die  Abgefchiedenen  wieder  auferftehen,  werden 
fie  dich  preifen?  Außerdem  115:  Die  Toten  werden  Gott  20 
nicht  preifen,  noch  irgendwelcher  von  denen,  die  in  die 
Gruft  hinab fteigen .  Endlich  Pfalm  78 :  Denn  ich  gedachte, 
daß  fie  Fleifch  find,  Geift,  der  vorübergeht,  und  er  wird 
nicht  zurückkehren. 

5.  Diefelbe  Meinung  vertritt  auch  fein  Sohn  Salomo,  25 
denn  im  Prediger  äußert  er  fich  offen  in  folgender  Weife : 
Ein  Ende  gebe  es  für  die  Menfchenföhne  und  ein  Ende  für 
die  Tiere  und  das  Ende  fei  ein  und  dasfelbe  für  fie:  fo  wie 
diefer  ftirbt,  fo  ftirbt  auch  jener  und  ein  Geift  ift  für  alle, 
und  es  gibt  keinen  Vorzug  des  M<enfchen  vor  dem  Tier;  30 
denn  alles  ift  eitel.  Alle  gehen  zu  einem  Orte,  alles  war 
aus  Staub  und  alles  kehrt  wieder  zum  Staub  zurück.  Wer 
weiß,  ob  der  Geift  der  Menfchenföhne  felbft  aufwärts  fteigt, 
und  der  Geift  der  Tiere  hinab  fteigt  unter  die  Erde.  Und 


Regesten 


195 


anderwärts :  Denn  die  Lebenden  wijjen,  daß  fie  zum 
Sterben  kommen,  aber  die  Toten  wijjen  nichts,  und 
über  fie  hinaus  [48]  gibt  es  keine  Belohnung,  weil  ihr  Ge- 
dächtnis dem  VergeJJen  überantwortet  iß.  Schließlich  eben- 
5  da  etwas  weiter:  Alles,  was  deine  Hand  erfindet,  es  zu 
tun  in  deiner  Tüchtigkeit,  das  thue,  denn  es  gibt  kein 
Werk,  keine  Berechnung,  keine  Weisheit  noch  Wijjen  im 
Grab,  wohin  du  gehfi.  Aus  alledem  wird  erfchloffen,  daß 
die  Seele  fterblich  ift. 

10  6.  Verfchiedentlich  behandelt  das  auch  Hiob,  um  die 
Thefe  von  der  Auferftehung  der  Toten  zu  Fall  zu  bringen. 
So  fagte  er  Cap.  7,  7  darüber:  Gedenke  daran,  daß  Wind 
mein  Leben,  daß  mein  Auge  nicht  zurückkehren  wird, 
Gutes  zu  Jchauen.    Nicht  wird  mich  fchauen  das  Auge 

15  dejjen,  der  mich  fieht,  deine  Augen  find  auf  mich  gerichtet 
und  ich  bin  nicht.  So  wie  die  Wolke  fchwand  und  dahin- 
ging, fo  wird,  wer  ins  Grab  fieigt,  nicht  mehr  hervor fteigen. 
Nicht  wird  er  mehr  zurückkehren  zu  feinem  Haufe,  und  fein 
Ort  wird  ihn  nicht  mehr  kennen.  Und  anderswo  (Cap.  14, 12) : 

20  Und  der  Mann,  der  einfchlief,  wird  nicht  auf  erflehen;  fo 
lange  bis  die  Himmel  nicht  mehr  find,  werden  fie  nicht 
auferftehen  und  nicht  erweckt  werden  aus  ihrem  Schlaf. 
Das  alfo  ift  in  der  Hauptfache  die  Anficht  der  Sadducäer 
und  Atheiften,  und  ihre  vorzüglichften  Beweisgründe,  die 

25  fie  aus  den  Heiligen  Schriften  für  iich  anzuführen  pflegen. 

1639. 

Repofia  a  certas  propoflas  contra  a  tradição. 

Haõ  fe  me  prefentado  diz  propoftas,  ou  objecçoens,  de 
certa  peffoa  contra  a  ley  que  chamamos  de  boca,  &  alguns 
30  feus  particulares;  &  para  fazerlhe  repofta,  naõ  tive  muyta 
difficultade,  naõ  fendo  eile  o  primeiro,  nem  defte  tempo, 

13* 


196  Regesten 

que  haya  feito  femellantes  &  mayores  objecçoens,  âs 
quais  hão  refpondido  os  noffos  antepaffados  muy  fuffi- 
cientemente.  .  .  . 

Mas  com  tudo  para  mayor  fatisfaçao  fua,  refol veremos 
a  fetima  queftaõ  fua,  a  qual  he  contra  o  fundamento  da  5 
Ley  de  boca  univerfalmente,  com  cuja  refoluçaõ,  entendo 
que  ficarão  abfolvidas  todas  as  outras  propoftas  por  eile, 
ou  que  fe  pudefíem  propor,  naõ  deyxando  de  refponder 
também  as  outras  nove,  mas  farfea  fumarramente, .  .porque 
naõ  perda  a  prefente  a  fua  forma  de  carta,  e  foffe  hfía  "> 
obra,  ou  hum  volume,  como  pode  fer  que  foffe  nefte 
cafo  neceffario,  confiandonos,  que  fendo  (como  eftimamos) 
eífe  tal  fenor  que  faz  eftas  propoftas  peífoa  de  ingenio  & 
de  confciencia,  cederá  à  rezaõ,  e  juntamente  com  nos  dara 
gloria  a  Ds.  com  a  obediência  de  fua  Ley.  J5 

.  .  Ifto  he  aquilo  que  por  ora  nos  haõ  Ds.  B.  infpirado, 
e  parece  baftante  para  refponder  âs  propoftas  do  Pro- 
ponente fer  vindo  juntamente  por  apologia  e  defença  da 
Ley  de  boca  e  ordens  e  vallados  de  noífos  fabios,  prefu- 
pondo  que  fe  o  tal  proponente  pergunta  para  faber  2<> 
a  verdade,  confiamos  no  Ds.  da  verdade,  que  bem 
confiderando  eftas  noffas  repoftas  eile  B.  lhe  concedera 
efpirito  para  fatisfacerfe  com  ellas;  e  onrar  os  noífos 
fabios,  e  dar  a  devida  fe  â  ley  de  boca,  noffa  guia  e  farol 
para  a  obfervança  da  facra  efcritura.  E  quando  feja  que  2  5 
outro  umor  lhe  paífe  per  la  cabeça,  fe  abftenha  de  abrir 
a  boca  contra  fua  Divina  Doutrina,  culpando  antes  ao 
noffo  fragil  ingenio,  o  qual  de  tempo  em  tempo  fe  vay 
diminuendo  de  força,  e  confidere  que  os  antigos  fouberaõ 
mais  que  os  modernos,  os  muitos  que  os  poucos ;  e  os  experi-  30 
mentados  mais  que  os  caprichosos,  e  daqui  em  diante, 
vifto  que  para  milhares  de  annos,por  milhares  de  peífoas, 
ha  fido  fempre  afirmado  efte  dogma  e  doutrina,  e  por 
todos  ratif ficada  fe  una  pois,  antes  eile  com  elles,  e  com 


Regestes 


197 


nos:  vi  por  todos  nos,  como  diffe  David,  feja  o  nome  do 
fenhor  B.  desde  agora  para  in  eterno  amen. 
Amstam  5  de  Adar  Anno  5399  — 

Fim  MRel.  d 'Aguilar 

*  *  * 

5  Entgegnung  auf  gewijje  Thefen  gegen  die  Tradition. 
Man  hat  mir  zehn  Thefen  oder  Einwände  einer  gewiffen 
Perfönlichkeit  regen  das  fogenannte  mündliche  Gefetz 
und  einige  feiner  Befonderheiten  vorgelegt.    Es  hatte 
keine  große  Schwierigkeit,  ihnen  eine  Entgegnung  gegen- 

10  überzuftellen,  da  er  nicht  der  erfte  ift,  auch  nicht 
in  diefer  Zeit,  der  ähnliche  und  fchwerwiegendere  Ein- 
wände erhoben  hat,  auf  die  unfere  Vorfahren  vollkommen 
ausreichend  geantwortet  haben.  .  .  .  Aber  bei  alledem 
wollen  wir  zu  feiner  völligen  Befriedigung  feine  fiebente 

J5  Frage  löfen,  die  gegen  das  Fundament  des  mündlichen 
Gefetzes  im  allgemeinen  geht,  mit  deren  Löfung,  wie  ich 
annehme,  auch  alle  feine  übrigen  Thefen,  oder  die  fonft 
noch  aufgeteilt  werden  könnten,  erledigt  fein  werden, 
wobei  ich  nicht  unterlaffe,  gleichwohl  auf  die  übrigen 

20  neun  zu  antworten,  aber  in  fummarifcher  Weife,  .  .  damit 
das  Gegenwärtige  nicht  feinen  Briefcharakter  verliert  und 
ein  Werk  oder  ein  Band  wird,  wie  es  in  diefem  Falle  fich 
als  notwendig  erweifen  könnte,  in  dem  Vertrauen,  daß 
der  Herr,  der  diefe  Thefen  verfaßt,  da  er  (wie  wir  an- 

25  nehmen)  eine  Perfönlichkeit  von  Talent  und  Gewiffen  ift, 
der  Vernunft  weichen  und  gemeinfam  mit  uns  Gott  die 
Ehre  geben  wird  im  Gehorf  am  gegen  fein  Gefetz. 

.  .  Das  ift  es,  was  uns  für  jetzt  Gott  eingegeben  hat,  und 
es  fcheint  ausreichend,  um  auf  die  Thefen  des  Verfaffers 

30  zu  antworten,  indem  es  zugleich  zur  Apologie  und  Ver- 
teidigung des  mündlichen  Gefetzes  dient,  und  der  Ver- 
ordnungen und  Einfriedigungen  unfrer  Weifen.  In  der 
Vorausfetzung,    daß    jener   Verfaffer    fragt,    um  die 


Rege  STEN 


Wahrheit  zu  erfahren,  vertrauen  wir  auf  den  Goit  der 
Wahrheit,  daß  Gott  ihm  den  Geift  verleihen  möge,  daß 
er,  diefe  unfre  Entgegnungen  wohl  erwägend,  fich  mit  ihnen 
zufrieden  geben,  unfre  Weifen  ehren  und  den  fchuldigen 
Glauben  dem  mündlichen  Gefetz  geben  möge,  unfrem  5 
Führer  und  Leitftern  zur  Beobachtung  der  Heiligen 
Schrift.  Und  wenn  dem  fo  wäre,  daß  eine  andere  Stim- 
mung ihm  in  den  Sinn  käme,  dann  enthalte  er  fich, 
den  Mund  aufzutun  gegen  feine  göttliche  Lehre,  indem 
er  vielmehr  unfrem  hinfälligen  Geift  die  Schuld  gebe,  10 
der  von  einer  Zeit  zur  andren  an  Stärke  abnimmt, 
und  er  bedenke,  daß  die  Alten  mehr  wußten  als  die 
Modernen,  die  vielen  mehr  als  die  wenigen,  die  Erprobten 
mehr  als  Eigenfinnigen,  und  fo  fortan,  da  durch  taufende 
von  Jahren,  für  taufende  von  Menfchen  diefes  Dogma  15 
und  diefe  Lehre  immer  feftgeftanden  hat  und  von  allen  an- 
genommen war.  Es  möge  fich  nun  auch  er  mit  ihnen  und 
mit  uns  vereinigen,  und  für  uns  alle  fei,  wie  David  fagte, 
der  Name  des  Herrn  gefegnet  von  nun  an  bis  in  Ewig- 
keit. Amen.  20 
Amfterdam,  am  9.  Februar  1639. 

Ende .  M .  Rephael  d  'Aguilar . 


1639. 

Ten  jare  1639  (6  Juny)  heeft  Adam  Romez  al  zyn 
mobilar  overgedragen  aan  zijne  Dienftmaagd  Digna.  25 
*  -  *  * 

Im  Jahre  1639  (6.  Juni)  hat  Adam  Romez  fein  fämt- 
liches  Mobiliar  übertragen  an  feine  Dienftmagd  Digna. 

1640. 

Ex  epiftola  Philippi  a  Limborch  ad  Theodorum  Gras- 
winckel.  3° 


Regesten 


199 


 Addidi  doctiffimas  tuas  de  coercendis  et  in 

ordinem  redigendis  Judaeis  confiderationes  manufcriptas, 
quas  avunculo  meo  magno  Simoni  Epifcopio  p.  m.  olim 
commodato  dedifti,  et  quarum  lectio  mirifice  me  affecit, 
5  in  eo  praecipue,  quod  invicto  validifíimarum  rationum 
pondere  compendiofe  demonftras,  Judaeis  fecuram  in 
patria  noftra  habitationem  liberumque  religionis  exer- 
citium  concedendum  effe.  Utinam  eae  typis  exfcriptae 
omnium  manibus  tererentur !  ut  rigidos  illos  á&eoXóyouç, 

10  vel  Marpeiia  caute  duriores,  mitefcere  doceant,  quo  tan- 
dem pium  Chriftiani  Magiftratus  fui  inftitutum,  quo  fecure 
exfulibus  Judaeis  in  patria  noftra  degere  permittitur, 
fugillare  ac  invidiofe  traducere  definant.  Sed  quis  modera- 
tionem  erga  Judaeos  perfuadebit  illis,  qui  vel  Chriftianos 

15  ipfos,  in  minimo  tantum  a  fe  apice  diffentientes,  (alias 
licet  exemplari  pietate  summaque  vitae  innocentia  con- 
fpicuos)  tanquam  anathema  devovent,  extorres  ex  patria 
ejiciendos,  imo  tanquam  humani  generis  peftes,  quo  vis 
fupplicio  excruciandos  ac  enecandos  ciamitant,  atque  illud 

20  fuum  immite  Ure  feca,  ingeminant?  Illud  etiam  fumm- 
opere  placet,  quod  cautelas  quasdam  adhibes,  ac  liber- 
tatem  quidem  Judaeis  concedis,  fed  intra  cancellos  quos- 
dam  concluíam,  ne  in  licentiam  tranfeat.  Nam  et  hic 
fumma  prüden  tia  invigilandum  eft:  imprimis  quia  ex- 

25  communicandi  poteftate,  quae  jurisdictionem  aliquam 
fapit,  ipfis  conceffa  proclive  valde  eft  populo  huic  carnali 
ac  terreftri,  et  nil  nifi  dominatum  in  omnes  populos 
fpiranti,  Tibi  imperium  aliquod  arroga re,  formam  regiminis 
erigere,  non  abfimile  Uli,  quod  foli  fummo  competi t  magi- 

30  ftratui.  Atque  utinam  provida  eorum,  quorum  eft  curare 
ne  quid  publica  res  detrimenti  capiat,  infpectione  Judaeis 
omnis  inordinate  fe  gerendi,  et  jurisdictionem  coactivam 
ufurpandi  occaiio  ac  facultas  praecifa  fuiffet!  Habemus 
fane  horrendum  exemplum,  ac  faevitiae  dominationisque 


200 


Regesten 


Judaicae  documentum  illuftre  Amftelodami,  in  Gabriele 
Acofta ;  quem,  quia  a  lege  Moiis  deficiebat  ad  religionem 
Dei  naturalem,  anathemate  ferierunt;  poftea  cum  inopia 
fumma  preffus  in  gratiam  recipi  oraret,  fententia  quafi  pro 
tribunali  lata,  nudata  vefte  TsaaepáxovTa  rcapà  (xíav  plagas  5 
homini  in  fynagoga  fua  inflixerunt.  Sane  haec  fummae 
jurisdictionis,  quae  uni  fupremo  competit  magiftratui, 
ufurpatio  maxime  videtur,  utpote  quae  Remp.  et  qui- 
dem  vi  coactiva  armatam,  in  Rep.  erigat,  ac  Majeftatem 
Magiftratus  directe  laedat.  Verum  enimvero  inhumanus  10 
fum  et  in  publica  commoda  pecco,  qui  tam  longo  ac 
taediofo  fermone  graviffima  tua  negotia  interpellare 
fuftineo :  tu  quaefo  hanc  7uapp7jcíav  meam  boni  confulas, 
meque  (fi  dignus  fum)  inter  tui  cultores  ac  admiratores 
habe.  15 

Tibi  omni  obfequio  addictifíimus 
Dabam  Goudae  4  Idus  Mart.  1662. 

Philippus  a  Limborch. 

*  *  * 

Aus  einem  Brief  Philipps  van  Limborch  an  Theodor 
Graswinckel. 

Ich  habe  dem  beigefügt  deine  gelehrten  handfchrift-  20 
liehen  Betrachtungen  über  die  Zügelung  der  Juden  und 
ihre  Zurückführung  zur  «Ordnung,  die  du  feiner  Zeit 
meinem  Großoheim  Simon  Episcopius  feiigen  Andenkens 
zur  Verfügung  geftellt  haft,  und  deren  Lecture  mir  tiefen 
Eindruck  machte,  vor  allem  darin,  daß  du  mit  dem  25 
unwiederlegbaren  Gewicht  ftärkfter  Gründe  eingehend 
nachweift,  daß  man  den  Juden  in  unfrem  Vaterlande 
fichere  Wohnftatt  und  freie  Religionsübung  gewähren 
müffe.    Ich  wünfehte,   diefe  Ausführungen  gingen  ge- 
druckt von  Hand  zu  Hand,  um  jene  unbeugfamen  Atheo-  30 
logen,  die  härter  find  als  marpefifcher  Stein,  mildere 


Regesten 


20 1 


Sinnesart  zu  lehren,  damit  fie  endlich  aufhören,  die  fromme 
Ordnung  ihrer  chriftlichen  Obrigkeit,  nach  der  den  ver- 
bannten Juden  iicherer  Aufenthalt  in  unfrem .Vaterlande 
gewährt  wird,  zu  befchimpfen  und  hämifch  zu  verläftern. 
5  Aber  wer  wird  ihnen  Mäßigung  gegen  die  Juden  bei- 
bringen, die  felbft  Chriften,  die  nur  im  kleinften  Tüpfel- 
chen andrer  Meinung  find  als  fie  (mögen  fie  im  übrigen 
durch  muftergültige  Frömmigkeit  und  fleckenlofen  Lebens- 
wandel ausgezeichnet  fein),  als  Verfluchte  verwünfchen, 

10  und  fchreien,  man  müffe  fie  als  Landflüchtige  aus  dem 
Vaterland  vertreiben,  ja  fie  als  eine  Peft  des  menfchlichen 
Gefchlechts  mit  allen  Qualen  martern  und  töten,  und  ihr 
graufames  Verbrenne  und  fchneide  immer  wiederholen. 
Auch  das  gefällt  mir  außerordentlich,  daß  du  gewiffe 

15  Cautelen  anwendeft  und  den  Juden  zwar  Freiheit  ge- 
währ ft,  aber  doch  innerhalb  gewiffer  Schranken,  damit 
fie  nicht  zur  Willkür  wird.  Denn  auch  hier  muß  mit 
äußerfter  Umficht  darüber  gewacht  werden,  vor  allem 
weil  in  der  ihnen  eingeräumten  Macht  zu  excommuni- 

20  eieren,  die  irgendwie  nach  Jurisdiction  fchmeckt,  für 
diefes  fleifchliche  und  irdifche  Volk,  das  nach  nichts  als 
der  Herrfchaft  über  alle  Völker  trachtet,  eine  große  Ge- 
fahr liegt,  fich  eine  Amtsgev/alt  anzumaßen  und  eine  Art^ 
Regierung  zu  errichten,  nicht  unähnlich  der,  die  allein 

25  der  höchften  Regierungsbehörde  zufteht.  Wäre  doch  durch 
die  vorausfehauende  Aufficht  derer,  die  dafür  zu  forgen 
haben,  daß  der  Staat  keinen  Schaden  erleidet,  den  Juden 
jede  Gelegenheit  und  Möglichkeit,  fich  ungeordnet  zu 
betragen  und  jurisdictionelle  Zwangsgewalt  zu  ufurpie- 

30  ren,  benommen  worden!  Wir  haben  dafür  das  abfeheu- 
liche  Beifpiel  und  das  bekannte  Document  jüdifcher  Härte 
und  Herrfchfucht  zu  Amfterdam  in  Gabriel  Acofta,  den  fie, 
weil  er  vom  mofaifchen  Gefetz  zur  natürlichen  Gottes- 
religion abgefallen  war,  mit  dem  Fluche  getroffen,  dann, 


202 


Regesten 


als  er  durch  vollkommene  Mittelloiigkeit  gezwungen  fie 
bat,  ihn  in  Gnaden  aufzunehmen,  ein  Erkenntnis  wie  vor 
Gericht  über  ihn  fällten  und  dem  Menfchen,  von  Kleidern 
entblößt,  vierzig  weniger  einen  Schlag  in  ihrer  Synagoge 
erteilten.  Ohne  Frage  erfcheint  das  im  höchften  Maße  als  5 
die  Ufurpation  einer  oberften  Jurisdiction,  die  einzig  und 
allein  der  höchften  Regierungsbehörde  zufteht,  eine  Ufur- 
pation, die  einen  Staat,  und  zwar  einen  mit  Zwangsgewalt 
bewehrten  im  Staate  aufrichtet  und  die  Souveränität  der 
Regierungsbehörde  unmittelbar  verletzt.  Aber  ich  bin  10 
fehr  unhöflich  und  fündige  gegen  das  öffentliche  Intereffe, 
daß  ich  es  wage,  deine  höchft  wichtigen  Gefchäfte  mit 
einer  fo  langen  und  läftigen  Rede  zu  unterbrechen :  dich 
bitte  ich,  diefe  meine  Redefreiheit  nicht  übel  zu  nehmen 
und  mich  (wenn  ich  deffen  würdig  bin)  unter  deine  Ver-  15 
ehrer  und  Bewunderer  zu  zählen. 

Dir  zu  jedem  Dienfte  ergeben 
Gouda,  am  12.  März  1662. 

Philipp  van  Limborch. 

1640.  20 
Judaismus  oder  Jüdenthumb  / 

Das  ifl  ausführlicher  Bericht  von  Jüdifchen  Volckcs 
Vnglauben  j  Blindheit  und  Verftockung  /  Durch  Johannem 
Müllern  /  der  H.  Schrift  Doctorem  und  Paftorem  der 
Haupt- Kirchen  zu  S.  Peter  in  Hamburg.  Hamburg  In  25 
Verlegung  Zacharias  Hertels  /  Buchhändlers  dafelbft  Im 
Jahr  Chrifli  chhcxniu. 

[S .  7 1]  Zu  den  Zeiten  Chrifti  gingen  diefe  Secten  in  vollem 
Schwange  /  Die  Effeer  aber  haben  fich  bald  darauff  ver- 
lohren.  Pharifeer  find  noch  vnter  den  Juden  /  vn  findet  30 
man  etliche  Sect  zugethan  in  diefen  Landen  /  welche 
nicht  allein  Mofis  /  fondern  auch  der  Rabbinen  Gefetz 
wollen  vollkômlich  halten  /  vnd  dadurch  feiig  werden. 


Regesten  203 

Die  Sadduceer  haben  fich  auch  meiften  Theils  verlohren  / 
doch  follen  in  Welfch-Land  vnd  Túrckey  noch  etliche 
iibrig  feyn.  Gewiß  ift  es  /  daß  vnter  den  Hifpanifchen 
Juden  noch  Sadduceer  feyn.   Bekant  ift  Uriel  Jurifla 

5  Hebrceus,  welcher  gefchrieben  in  Spanifcher  Sprache  Exa- 
men Traditionum  Pharifaicarum  Collatarum  cum  lege  /crip- 
ta, gedruckt  zu  Ambfterdam  durch  Paul  von  Ravenftein  / 
im  felbigen  Buch  vertheidiget  er  mit  vielen  Argumenten 
vnd  Spruchen  /  daß  die  Seele  fterblich  fey :  wider  welchen 

10  gefchrieben  ein  ander  Jude  /  namens  Samuel  de  Sylva, 
ein  Buch  de  Immortalitate  anima?,  auch  zu  Ambfterdam 
gedrucket  /  bey  Paul  von  Ravenftein.  R.  Menajje  er- 
zählet die  argumenta  der  Sadduceer  lib.  I,  de  refurr.  c.  6 
vnd  widerleget  fie.  Sonften  ift  eine  hefftige  Feindfchafft 

15  zwifchen  den  Sadduceern  vnd  Pharifeern.  R.  Menaffe 
Ben-Ifrael,  nennet  die  Sadduceer  Civitatum  &  Rerum- 
publicarum  peftes  lib.  1  de  Resurr.  c.  1.  p.  4.  Das  ift  der 
Seelen  und  gantzen  Gemeine  Gifft  und  Peftilentz.  Als 
vorgedachter  Uriel  Jurifta  ein  Sadduceer  diefes  Orthes 

20  fich  auffgehalten  /  haben  die  andern  Juden  /  als  welche 
der  Pharifeifchen  Secte  zugethan  feyn  /  ihn  eyferig  ver- 
folget. Zu  Ambfterdam  ift  er  von  der  Synagoge  excom- 
municiret  vnd  in  Bann  gethan  /  daß  er  bey  heben  Jahren 
vnter  die  andern  Juden  nicht  kommen  dôrfTen.  Endlich  ift 

25  er  aufT  Bitte  wieder  aufgenommen  /  vnd  öffentlich  in  der 
Synagoga  gegeiffelt  worden  /  darüber  er  in  folche  Trawrig- 
keit  gerahten  /  daß  er  Anno  1640  im  Monat  April  fich 
felber  entleibet  /  vnd  ein  klägliches  Schreiben  hinter  fich 
gelaffen  /  welches  mir  zu  handen  kommen  /  darinne  er 

30  hefftig  klaget  über  [72]  der  Juden  große  Freyheit  /  daß  /  wo 
JEfus  von  Nazareth  noch  auff  Erden  ginge  /  vnd  wider 
ihre  Satzungen  predigte  /  wurden  fie  ihn  noch  einmal 
geiffeln.  Seine  Wort  lauten  alfo.  Unum  inter  multa 
miror,  &  verè  mirandum  eß,    quomodo  poffunt  Judcei 


204 


Regesten 


inter  Chriflianos  agentes  uti  tanta  libertate,  ut  etiam 
judicia  exerceant:  &  verè  dicere  pojjum,  quòd  fi  Je/us 
Nazarenus ,  quem  Chrißiani  adeò  colunt,  concionaretur 
Amfielrodami,  &  placeret  Pharifceis  ilhtm  denuò  flagris 
ccedere,  J>roptereà  quòd  traditiones  Worum  impugnarei,  5 
&  hypccrifin  objiceret,  hoc  liberè  f acere  pojjent.  Certè 
hoc  ignominio/um  eft  &  quod  tolerari  non  debuit  in 
civitate  libera,  quae  profitetur  fubditos  in  libertate  ô°  pace 
fueri,  &  tarnen  non  tuetur  à  Pharisa3orum  injuriis.  Et 
quando  quis  non  habet  defensorem  aut  vindicem,  quid  mifer  10 
faciet. 

[S.  141 5]  Sie  hatten  auch  Kirchen-Difciplin  in  ihren 
Synagogen  /  vnd  geiffeln  die  Vbertreter  ihres  Gefetzes: 
Den  armen  Juden  Vriel  deffen  droben  pag.  71  gedacht 
worden  /  hat  die  Synagoga  zum  Amfterdam  dermaüen  15 
gegeiffelt  /  daß  er  ihm  folches  zu  Hertzen  gezogen  /  vnd 
ihm  f elber  das  Leben  genommen,  inmaffen  Er  folches  in 
einer  Schrifft  entdecket  /  die  Er  für  feinem  Tode  ver- 
fertiget /  vnd  hernach  auff  dem  Tifch  bey  feinem  tôdten 
Côrper  gefunden  worden.  20 

1640. 

Philippi  a  Limborchi  de  Veritate  Religionis 
Chrißiance 

Amica  Collatio  cum  erudito  Judceo.  Goudce,  apud  Juftum 
ab  Hozve.  cIjIoclxxxvil  25 

[Pag.  343]  Omnis  veritas  homini  cara  effe  debet,  maxime 
au  tem  illa,  quae  ad  aeternam  fseli  cita  tem  ducit.  Ignorantia 
quippe  aliarum  veritatum  licet  noxia  effe  queat,  multorum- 
que  in  hac  vita  commodorum  impedimentum,  modo  quae 
unice  falutaris  eft  cognita  fit,  viam  ad  veram  falutem  prae-  30 
cludere  nequit :  Hujus  autem  ignorantia  nullam  homini 
fpem,  cui  plena  cum  animi  perfuafione  acquiefcat,  de  falute 


R  EG  EST  E  N 


205 


fua  reli  quam  facit.  Quare  cum  inter  omnes  Chriftianos  in- 
dubitatum  fit,  unicam  illam  falutarem  veritatem  effe  reli- 
gionem  Chriftianam ;  ac  proinde  unicum  falutem  aeternam 
confequendi,  &  à  Deo  plena  animi  7uXy)pocpopia  fperandi, 
5  medium  effe  fidem  illi  religioni  adhibitam,  quae  ex  fefe 
obedientiam  ejus  praeceptorum  fmceram  producit ;  in  hoc 
eniti  quammaxime  fmgulos  Chrifti  nomen  profitentes 
oportet,  ut  doctrinae  Chriftianae  veritatem  argumentis 
quam  lblidifiimis  adftruant,  &  ab  objectionibus,  quibus 
10  illius  veritas  oppugnatur,  vindicent ;  ut  ita  omnibus  eam 
non  amplexis  luculentifiima  fuppeditetur  occafio  ejus 
divinitatem  agnofcendi,  eamque  obfequiofa  fide  reci- 
piendi . 

Sunt  quidem  varii  qui  illius  veritatem  oppugnent  per 

15  totum  terrarum  orbem  difperfi  adver farii:  in  hac  autem 
pátria  noftra  duo  potiffimum  eorum  genera,  ludsei,  & 
Athei  feu  Deiftse.  Iudaei  negant  Euangelii  veritatem,  & 
Iefum  Chriftum  Salvatorem  fuum  agnofcere  recufant: 
Attamen  agnofcunt  verum  Deum  creatorem  caeli  ac  terrae, 

20  &  divinam  Mofis  legem  vitae  fuae  regulam  habent.  Athei 
vero,  feu  Deiftae  (quos  conjungo,  non  quia  Atheum  & 
Deiftam  idem  fignificare  credo,  fed  quoniam  plerumque 
Deifmus  ab  Atheifmo  vix  differt,  &  [344]  qui  Deiftas  fe 
profitentur  ordinarie  Atheifmum  animo  fovent)  aut  nulluni 

25  agnofcunt  Deum,  aut  illum  in  agens  naturale  &  necef- 
farium  convertunt,  atque  ita  omnem  funditus  religionem 
tollunt:  Praeterea,  cum  omnem  revelationem  refpuant, 
nullam  certam  vitae  regulam  habent,  neque,  fi  quam 
habent,  perfectiorem  agnofcunt,  quam  ex  folius  natura? 

30  principiis  deductam. 

Contra  utrofque  Religionis  Chriftianae  veritatem  tutari 
imprimis  Christiani  hominis  officium  eft:  tum  ut  eam 
oppugnantibus  luculenta  eam  ut  divinam  amplectendi 
praebeatur  occafio;  tum  ut  Chriftianorum  animi  in  fide 


206 


Regesten 


veritatis  femel  per  gratiam  divinam  agnitae  confirmentur, 
neque  argutis  eam  oppugnantium  ratiociniis  à  lide  falu- 
tari  deturbentur.  Haec  caufa  fuit,  ut  commoda  fefe 
offerente  occafione  amicam  cum  erudito  Iudaeo  collationem 
non  fubterfugerim ;  qua?  cum  in  justae  difputationis  molem  5 
excreverit,  eam  in  lucem  emittere  confultum  duxi.  Verum 
cum  jam  editionem  ejus  adornarem,  commodum  in  manus 
meas  incidit  fcriptum,  quod  diu  apud  me  latuit,  quo 
orrmis  generatim  religio  revelata,  tarn  Mofaica  quam  Chri- 
ftiana,  impugnatur :  Cujus  refutationem  fi  adjungerem  huic  10 
Collationi,  rem  me  Chriftiano  orbi  nec  inutilem  nec  in- 
gratam  facturum  credidi. 

Autor  illius,  ut  ex  fine  fcripti  liquet,  fuit  Gabriel,  poftea 
inter  Iudseos  vocatus  Uriel  Acofla.  Qua  occafione  illud 
fcripferit,  ipfe  fatis  indicat.  Titulum  illi  prsefixit,  quem  15 
praefixum  vides,  Exemplar  humance  vitce.  Paucis  ante 
mortem  fuam  diebus,  &  cum  jam  mori  decreverat„  fcrip- 
tum hoc  exaraffe  videtur.  Etenim  vindicta  aeftuans  primo 
fratrem  (alii  dicunt  amitinum)  à  quo  fe  maxime  laefum 
credidit,  deinde  feipfum  trajicere  ftatuit :  itaque  in  fratrem,  20 
feu  amitinum,  aedes  fuas  praetereuntem,  fclopetum  vibra- 
vit ;  fed  cum  fruftrato  ictu  non  exploderetur,  fe  detectum 
videns,  fubito  domus  fuae  januâ  claufâ  alterum,  eum  in 
finem  paratum,  in  fe  fclopetum  explofit,  ac  feipfum  mife- 
randum  in  modum  trajecit.  In  defuncti  aedibus  fcriptum  25 
hoc  fuit  repertum,  cujus  apographum  proavunculo  [345] 
meo  SimoniEpifcopio  ab  eximio  quodam  hujus  civitatis  viro 
communicatum  ego  inter  fcedas  ejus  reperi.  Quo  tempore 
hiftoria  haec  contigerit,  ex  ipfo  fcripto  dijudicare  licet : 
Etenim  Medici  illius  libellus  de  lmmortalitate  animarum,  30 
cujus  mentionem  facit,  editus  eft  Amftelodami  apud  Rave- 
fteinium  anno  à  creatione  mundi  5383  juxta  communem 
Iudaeorum  calculum,  qui  refpondet  anno  Chrifti  vulgari 
1623.  Si  nunc  confideremus  bina  illa  têmpora,  quibus  à 


Regesten 


207 


Iudseis  fegregatus  vixit,  inde  non  quidem  praecife,  fed 
aliquatenus  hiftorise  hujus  tempus  colligi  poteft. 

Animus  mihi  non  eft  quicquam  hic  de  Iudaeorum  Ex- 
communicatione,  aut  de  judicio  contra  hunc  fcriptorem 
5  lato,  differere:  fed  folummodo  argumenta,  quibus  Reli- 
gionis  revelatae,  &  nominatim  Chriftiance,  prsecepta  im- 
pugnat,  ad  examen  revocare,  &  quam  nullius  roboris  fmt 
ad  illius  divinitatem  convellendum  ostendere.  Nemo 
autem  credat,  quoniam  fcripti  hujus  refutationem  Amicce 

10  Collationi  cum  erudito  Judceo  conjungo,  quod  utrumque 
eodem  loco  habeam,  aut  erudito  Iudseo  invidiam  creare 
velim,  quaii  cum  hoc  homine  Religionem  Chriftianam 
oppugnet.  Minime  gentium.  Scio  enim  non  religionem 
folum  Chriftianam,  fed  &  Iudaicam,  ab  ipfo  impugnari,  & 

15  Iudaeum,  quo  cum  difputo,  ipfum  ut  hominem  peffimum 
detestari,  fibique  nihil  cum  ipfo  commune  effe  velle.  Ita- 
que  refutatio  mea,  qua  argumenta  ejus  diluo,  non  tantum 
Euangelii,  fed  &  Legis  Mofaicae  divinitatem  confirmat; 
cui  ß  quid  Doctifiimus  ludseus  addat,  quo  Legis  divinitas 

20  fortius  adftruatur,  gratiam  apud  me  inibit,  quam  &  apud 
ipfum,  Legem  contra  hujus  crimina tiones  vindicando, 
initurum  me  confido.  Verum  quoniam  refponfio  ad  argu- 
menta ludsei,  quibus  argute  ac  docte  contra  Religionem 
Chriftianam  difputat,  à  me  in  lucem  emittitur;  volui  hac 

25  occafione  etiam  hujus  hominis,  qui  longe  alia  quam 
Iudaeus  ratione  Religionem  Chriftianam  oppugnat,  argu- 
mentis  refutatis  Religionem  Chriftianam  à  quibufvis  ob- 
jectionibus  vindicare,  ut  tanto  evidentius  &  clarius  ejus 
veritas  ac  divinitas  patefcat. 

*  *  * 

/ 


208 


Regesten 


Philipp  van  Limborch  über  die  Wahrheit  der 
chrißlichen  Religion 

freundfchaft liehe  Unterredung  mit  einem  jüdif chen Gelehrten. 
Gouda,  bei  Joofl  van  Hceve.  i68j. 

[S.  343]  Je^e  Wahrheit  muß  dem  Menfchen  teuer  fein,  5 
vor  allem  aber  die  Wahrheit,  die  zum  ewigen  Glück 
führt.   Die  Unkenntnis  der  anderen  Wahrheiten  kann 
zwar  fchädlich  fein  und  ein  Hindernis  für  viele  Vorteile 
in  diefem  Leben,  kann  aber,  wenn  nur  die  erkannt  ift, 
die  allein  heilfam  ift,  den  Weg  zum  wahren  Heil  nicht  10 
verfchließen.  Die  Unkenntnis  diefer  Wahrheit  aber  läßt 
dem  Menfchen  keine  Hoffnung  auf  fein  Heil  übrig,  bei 
der  er  ßch  mit  voller  Gemütsüberzeugung  beruhigen 
könnte.  Da  es  nun  bei  allen  Chriften  über  allen  Zweifel 
war,  daß  jene  alleinige  Heilswahrheit  die  chriftliche  Reli-  15 
gion  fei,  und  darum  das  einzige  Mittel,  das  ewige  Heil  zu 
erlangen  und  von  Gott  mit  voller  Überzeugung  des  Ge- 
müts zu  erhoffen,  diefer  Religion  den  Glauben  zuzu- 
wenden, der  aus  fich  den  wahren  Gehör fam  gegen  feine 
Gebote  hervorbringt,  fo  müffen  alle,  die  den  Namen  20 
Chrifti  bekennen,  nach  Möglichkeit  beftrebt  fein,  die  Wahr- 
heit der  chriftlichen   Religion  mit  möglichft  ficheren 
Beweisgründen  zu  ftützen  und  gegen  Einwürfe,  mit  denen 
diefe  Wahrheit  beftritten  wird,  in  Schutz  zu  nehmen, 
damit  fo  allen,  die  fie  nicht  angenommen  haben,  die  reich-  25 
lichfte  Gelegenheit  geboten  wird,  ihre  Göttlichkeit  anzu- 
erkennen und  he  willigen  Glaubens  anzunehmen. 

Nun  find  die  Gegner,  die  ihre  Wahrheit  beftreiten,  ver- 
fchiedener  Art  über  die  ganze  Erde  zerftreut;  in  diefem 
unfrem  Vaterland  aber  gibt  es  in  der  Hauptfache  zwei  3« 
Arten,  Juden  und  Atheiften  oder  Deiften.  Die  Juden 
leugnen  die  Wahrheit  des  Evangeliums  und  weigern 
fich,  Jefus  Chriftus  als  ihren  Heiland  anzuerkennen.  Trotz- 


Regesten 


209 


dem  erkennen  fie  den  wahren  Gott  als  Schöpfer  des  Him- 
mels und  der  Erde  an  und  haben  das  göttliche  Gefetz 
Moßs  zu  ihrer  Lebensregel.  Die  Atheiften  aber  oder  die 
Deiften  (die  ich  zufammenftelle,  nicht  weil  ich  Atheiften 

5  und  Deiften  für  gleichbedeutend  halte,  fondern  weil  zu- 
meift  der  Deismus  fich  vom  Atheismus  kaum  unter- 
fcheidet,  und  weil  die,  [344]  die  fich  als  Deiften  bekennen, 
in  der  Regel  im  Herzen  dem  Atheismus  zugetan  find) 
erkennen  entweder  überhaupt  keinen  Gott  an,  oder  ver- 

10  kehren  ihn  in  eine  natürliche  und  notwendige  Wirkungs- 
kraft und  heben  damit  alle  Religion  grundfätzlich  auf. 
Da  ße  überdies  alle  Offenbarung  verwerfen,  haben  iie 
keine  gewiffe  Lebensregel,  und  wenn  fie  eine  haben, 
erkennen  fie  keine  vollkommenere  an  als  die  den  Grund- 

15  fätzen  allein  der  Natur  entnommene. 

Gegen  beide  die  Wahrheit  der  chriftlichen  Religion 
ficher  zu  ftellen,  fcheint  mir  vornehmfte  Pflicht  eines 
Chriften,  f o  wohl  damit  denen,  die  ße  beftreiten,  gute 
Gelegenheit  geboten  wird,  fie  als  göttliche  Wahrheit  an- 

20  zunehmen,  als  auch  um  die  chriftlichen  Gemüter  im 
Glauben  an  die  durch  göttliche  Gnade  einmal  erkannte 
Wahrheit  zu  beftärken  und  fie  durch  das  fchlaue  Raifon- 
nement  der  Gegner  nicht  vom  Heilsglauben  abdrängen 
zu  laffen.  Das  war  die  Ur fache,  daß  ich,  als  die  günftige 

25  Gelegenheit  fich  bot,  einer  freundfchaftlichen  Unter- 
redung mit  einem  jüdifchen  Gelehrten  nicht  aus  dem 
Wege  gegangen  bin,  und  als  fie  den  Umfang  einer  regel- 
rechten Difputation  annahm,  fie  herauszugeben  befchlof- 
fen  habe.  Als  ich  aber  fchon  ihre  Herausgabe  vorbereitete, 

30  fiel  mir  gerade  gelegen  ein  Schriftftück  in  die  Hand,  das 
lange  bei  mir  verborgen  lag,  in  dem  fchlechthin  jede 
Offenbarungsreligion,  mofaifche  wie  chriftliche,  bekämpft 
wird.  Wenn  ich  deffen  Widerlegung  diefer  Vergleichung 
beifügte,  habe  ich  geglaubt,  etwas  für  die  chriftliche  Welt 
weder  Unnützes  noch  Unerwünfchtes  zu  tun. 


Da  Costa  Opera. 


2IO 


Regestek 


Sein  VerfaíTer  war,  wie  aus  dem  Schluß  des  Schrift- 
ftücks  hervorgeht,  Gabriel,  fpäter  bei  den  Juden  genannt 
Uriel,  Acofta.  Bei  welcher  Gelegenheit  er  es  gefchrieben 
hat,  zeigt  er  felbft  zur  Genüge  an.  Als  Titel  gab  er  ihm, 
wie  man  auch  hier  vorangefetzt  findet :  Ein  Beifpielmenfch-  5 
liehen  Lebens.  Wenige  Tage  vor  feinem  Tode  und  als  er 
fchon  zu  fterben  ßch  entfchloffen  hatte,  fcheint  er  es  ent- 
worfen zu  haben.  Rachelodernd  befchloß  er  nämlich, 
zuerft  feinen  Bruder  (andere  fagen  feinen  Vetter),  von 
dem  er  fich  am  meiften  verletzt  glaubte,  dann  fich  felbft  10 
zu  erfchießen ;  darum  fchlug  er  gegen  feinen  Bruder  oder 
Vetter,  als  er  an  feinem  Haufe  vorüberging,  das  Piftol 
an,  aber  da  der  Hahn  verfagte  und  der  Schuß  nicht  los- 
ging und  er  fich  entdeckt  fah,  verfchloß  er  fogleich  feine 
Hausthür  und  drückte  ein  zweites  zu  diefem  Zweck  15 
bereitgehaltenes  Piftol  gegen  fich  felbft  ab  und  erfchoß 
fich  auf  jämmerliche  Weife.  Im  Haufe  des  Toten  wurde 
diefes  Schrift ftück  gefunden,  von  dem  mein  Großoheim 
Simon  Epifcopius  eine  Abfchrift  von  einem  ausgezeich- 
neten Manne  aus  diefer  Stadt  erhielt,  die  ich  unter  feinen  20 
Papieren  gefunden  habe.  In  welcher  Zeit  diefe  Gefchichte 
vorgefallen  ift,  kann  man  dem  Schriftftück  felbft  ent- 
nehmen. Das  Büchlein  jenes  Arztes  nämlich  Über  die 
Unfterblichkeit  der  Seele,  das  er  erwähnt,  ift  zu  Amfterdam 
bei  Raveftein  erfchienen  im  Jahre  der  Weltfchöpfung  25 
5383  nach  der  üblichen  jüdifchen  Berechnung,  was  dem 
allgemeinen  Jahr  nach  Chrifti  Geburt  1623  entfpricht. 
Wenn  wir  nun  die  beiden  Zeiträume  in  Betracht  ziehen, 
während  deren  er  von  den  Juden  getrennt  lebte,  kann 
man  daraus  zwar  nicht  genau,  aber  doch  einigermaßen  3° 
den  Zeitpunkt  diefer  Gefchichte  erfchließen. 

Meine  Ab  ficht  ift  nicht,  hier  etwas  über  die  Excommuni- 
cation  bei  den  Juden  oder  über  das  gegen  den  Schreiber 
gefällte  Urteil  darzulegen,  fondern  nur  die  Argumente, 


Regesten 


mit  denen  er  die  Vorfchriften  der  Offenbarungsreligion 
und  namentlich  des  Chriftentums  beftreitet,  einer  Prüfung 
zu  unterziehen  und  darzutun,  daß  fie  ohne  Kraft  find, 
deren  Göttlichkeit  zu  erfchüttern.  Niemand  aber  möge 

5  glauben,  weil  ich  die  Widerlegung  diefes  Schriftftücks  der 
Freundlichen  Unterredung  mit  einem  gelehrten  Juden  an- 
fchließe,  daß  ich  beide  gleichftellte  oder  gegen  den  gelehr- 
ten Juden  Haß  erregen  wolle,  als  ob  er  zufammen  mit 
diefem  Menfchen  die  chriftliche  Religion  beftritte.  Ganz 

o  und  gar  nicht!  Ich  bin  mir  bewußt,  daß  jener  nicht  nur 
die  chriftliche,  fondern  auch  die  jüdifche  Religion  be- 
ftreitet, und  daß  der  Jude,  mit  dem  ich  mich  auseinander- 
fetze, ihn  felbft  als  einen  grundfchlechten  Menfchen  ver- 
abfcheut  und  nichts  mit  ihm  gemein  haben  will.  Darum 

5  beftätigt  meine  Widerlegung,  mit  denen  ich  feine  Beweis- 
gründe entkräfte,  nicht  bloß  die  Göttlichkeit  des  Evan- 
geliums, fondern  auch  des  mofaifchen  Gefetzes.  Wenn 
dem  der  gelehrte  Jude  etwas  hinzufügt,  wodurch  die 
Göttlichkeit  des  Gefetzes  noch  ftärker  geftützt  wird,  fo 

o  tut  er  es  mir  zu  Dank,  wie  ich  vertraue,  daß  ich  auch 
ihm  zu  Dank  handle,  wenn  ich  das  Gefetz  gegen  jene 
Befchuldigungen  in  Schutz  nehme.  Da  aber  die  Antwort 
auf  die  Argumente,  in  denen  der  Jude  ßch  fcharf finnig 
und  gelehrt  mit  der  chriftlichen  Religion  auseinander- 
fetzt, von  mir  herausgegeben  wird,  habe  ich  bei  diefer 

5  Gelegenheit  auch  die  Argumente  diefes  Mannes,  der  in 
ganz  anderem  Sinne  als  der  Jude  die  chriftliche  Religion 
bekämpft,  widerlegen  und  die  chriftliche  Religion  gegen 
jederart  Einwände  in  Schutz  nehmen  wollen,  damit  ihre 
Wahrheit  und  Göttlichkeit  um  fo  einleuchtender  und 

o  klarer  offenbar  wird. 


2  12 


Regesten 


ANHANG:  MENASCHEH  BEN  ISRAEL 
IM  BANN. 

Libro  dos  Acordos  da  Naçam  Escamot,  E  Eleiçoems  do 
K.  K.  de  T.  T.  (A  A°  5398—544o),  fo.  55. 

16  de  Sebat.  9  de  feü.  5400.  5 

Termo  da  Refoluçaõ  que  fe  publicou  da  Tevah,  pa  fe 
defcubrir  quem  fez  e  fixou  certos  pasqins  e  papers  diffa- 
matorios  que  fe  fixarão  na  porta  da  Esnoga;  na  ponte; 
na  Bolfa ;  e  em  outra  parte  — 

Primramte  fe  leo  A  Afhamah  n°  43.  a  foi25,  defte  Io  e  10 
defpois  o  feginte. 

Os  fenhores  do  Mahamad  haõ  fabydo  como  fe  puzeraõ 
certos  pasquins  ou  papers  diífamatorios  nas  portas  da 
Esnoga,  na  Ponte,  na  Bolfa  e  em  outra  pte.  O  quaõ 
Abominável  feito  feja  efte,  quaõ  reprovado  e  digno  de  fe  15 
caftigar,  he  bem  entendido  de  todos.  Pelloque,  em  con- 
firmação da  Afhamah  que  aqui  fe  ha  lejdo,  Poem  em 
Herem  e  publicaõ  por  malditto  dei  Dio  e  apartado  da 
Nacaõ  a  Peffoa  ou  peffoas,  que  os  taos  papers  haõ  feito, 
e  fixado,  que  ninguém  fale  com  ellos,  nem  lhes  da  fauor  20 
e  ajuda  em  nada  Ordenaõ  com  a  mifma  pena  de  Herem 
que  qualquer  peffoa  que  fouber  ou  tiver  noticia  de  quem 
os  ha  feito,  efcritto,  ou  fixado  o  venha  logo  ou  tto  que  o 
fouber  a  declarar  a  qualqer  dos  sres  do  Mahamad,  os 
quais  fob  cargo  do  juramto  folene,  q  tem  tomado  lhe  guar-  25 
daraõ  involavel  fegredo  De  Modo  que  prometem,  que 
naõ  fe  faberá,  quem  o  haja  manifeftado  a  peffoa  que  eftiver 
complice,  fe  manda  que  venha  confeffar  feu  pecado  paraq 
dandofelhe  o  caftigo  q  convém,  có  iffo  felhe  leuante  o 
Herem  e  poffa  fer  feu  .delicto  perdoado.  E  de  outro  30 
modo  ficará  feu  pecado  fobre  fua  cabeça.  E  Os  sres  do 
Mahamad,  e  o  Kahal  Kados  ferâ  livre  e  fobre  o  povo  dos 
feus  temtea  pouzará  a  Bendicaõ  — . 


Regesten 


213 


Defpois  q  o  gabay  publicou  da  Tevah,  O  fobreditto  — 
fubyraõ:  O  Hazan:  E  Hagaõ  David  Pardo  e  Hag.  Ifak 
Aboaf.  e  diffe  o  Hazan  en  voz  Alta  en  Ebraico  —  na 
forma,  que  he  coftume 
5  Que  Ellos  cõ  a  Lca,  dos  de  Acima  e  dos  de  Abaxo;  e  com 
Lca  dos  sres  do  Mahamad,  e  com  Lca  de  todo  o  K.  Kados, 
punhao  em  Herem,  e  publicarão  p  Malditto  dei  Dio  e 
apartado  da  Nacao  a  peffoa  ou  pefíòas  que  havjaõ  feito, 
ou  fixado  aqillos  papers  diffamatorios.  El  Dio  os  caftige 
10  e  aparta  de  feu  Povo.  e  o  K.  Kados  feja  Benditto  E 
pouzefobre ellesa  Bendicaõ.  Edejtou  Miffeberah  Ao  Kahal. 

ibid.  f o.  55-56. 

Aquelle  mefmo  Dia  fe  manifeftou,  que  Danjel  Rachaõ 
fez  os  papers  fobredtos  e  os  mandou  fixar  por  Ifrael  da 

15  Cunha  pello  que  ao  dia  feg.e  17  de  Sebat  fe  publicarão 
por  Enheremados  —  E  f e  leo  da  Tevah  o  feguinte. 

Ontem  fe  publicou  defta  Tevah  e  um  Herem  fobre  quem 
ouviffe  fejto  ou  fixado  certos  papers  diffamatorios  que  fe 
acharão  poftos,  nas  Portas  da  Efhoga,  na  Ponte,  e  na 

20  Bolfa  e  em  outra  parte.  Os  sres  do  Mahamad  haõ  fido 
fabedores  que  danjel  Rachaõ  os  fez  e  efcreveo  e  que 
Ifrael  da  Cunha  os  levou,  e  fixou  em  dtas  partes,  e  ambos 
foraõ  convencidos  e  confeffaraõ  haverem  cometido  o 
acima.   Pelloque  os  sres  do  Mahamad  na  conformidade 

25  da  Afhamah,  Publicaõ  a  dtos  Danjel  Rachaõ,  e  Ifrael  da 
Cunha  por  poftos  em  Herem.  E  mandaõ  que  ningem  fale 
com  Ellos,  falve  agente  de  fua  cafa  feus  parentes  em 
poimnte  2o  grao- .  Em  Amfterdam  a  1 7  de  febat  A°  5400  — . 
ibid.  fo.  56. 

30  Termo  de  fe  haver  levantado  o  Herem  A  Daniel  Rachaõ. 
A  femana  paffada  fe  publicou  defta  Tevah,  haver  encor- 
rido  Daniel  Rachaõ  em  Herem,  por  haver  feito,  e  man- 
dado fixar  certos  papers.  Agora  por  peticaõ  que  fez,  ha 
manifeftado  eftar  mto  arrependido,  e  pede  lhe  levantem  dt0 
Herem.  O  que  confiderado  pellos  r|s  do  Mahamad.  E  viíto 


214 


Regesten 


eftar  em  cama  doente  de  hu* a  perna,  e  nao  pode  de  prezte 
cumprir  a  Sneã  —  Refolvêraõ,  fe  lhe  levante  o  Herem, 
a  condição,  que  tt0  que  eftiver  capaz  de  fahir  fora  de  caía, 
venha  a  Efnoga,  e  lea  da  Tevah  O  papel  que  fe  lhe  dará 
em  que  fignifige  feu  arrependimto,  e  que  pede  perdão  aos  5 
do  Mundo,  A  fua  sta  Ley,  E  a  misma  parte  e  ao  K.  K. 
do  Efcandalo  q  ha  dado.  Prometendo,  naõ  reencedir  em 
femilhante  delicto  feito  en  Amfterdam;  A  23  de  febat, 
A°  5400  — . 

Abraham  Salom    Semuel  Athias  10 
Abraham  Pharar  Samuel  Abrabanel 
Manoel  Franco 
Ifchack  Naar 
Jeofuah  Jefurum. 

3t.3f.3f 

Buch  der  Befchlüffe  der  Nation,  Escamot  und  Wahlen  der  15 
hl.  Gemeinde  Thalmud-Thora  (1638 — 1680),  BI.  55. 
9.  Februar  1640. 

Feftfetzung  der  Entfchließung,  die  von  der  Tevah  ver- 
kündet wurde,  um  zu  entdecken,  wer  gewiffe  Pafquille 
und  Schmähfchriften  verfaßte  und  anfchlug,  die  an  der  20 
Synagogenthüre,  an  der  Brücke,  der  Börfe  und  ander- 
wärts angefchlagen  wurden. 

Erft  wurde  die  Afhamah  Nr.  43  auf  Blatt  25  diefes 
Buches  vorgelefen  und  dann  wie  folgt. 

Die  Herren  vom  Mahamad  haben  erfahren,  daß  gewiffe  25 
Pafquille  oder  Schmähfchriften  an  den  Synagogenthür  en, 
an  der  Brücke,  der  Börfe  und  anderwärts  angebracht 
worden  find.  Was  für  eine  abfcheuliche  Tat  das  ift,  wie 
verworfen  und  ftrafwürdig,  ift  allen  wohl  bekannt.  Da- 
rum, in  Beftätigung  der  Afhamah,  die  hier  verlefen  worden  30 
ift,  verfetzen  wir  in  Cherem  und  verkünden  als  von  Gott 
verflucht  und  vom  Volke  gefchieden  die  Perfon  oder  die 


Regesten 


215 


Per  fönen,  die  derartige  Papiere  verfertigt  und  ange- 
fchlagen  haben,  daß  niemand  mit  ihnen  rede  noch  ihnen 
Gunft  erweife  und  ße  in  irgend  etwas  unterftütze.  Wir 
verfügen  bei  der  gleichen  Strafe  des  Cherem,  daß  jede 
5  Perfon,  die  weiß  oder  Kenntnis  erhielt  von  dem,  der  fie  ver- 
fertigt, gefchrieben  oder  angefchlagen  hat,  der  möge  fo- 
gleich  kommen,  was  er  weiß,  irgend  einem  der  Herren  des 
Mahamad  anzuzeigen,  die  unter  der  Verpflichtung  des  feier- 
lichen Eides,  den  fie  geleiftet,  es  als  unverbrüchliches  Ge- 

10  heimnis  bewahren  werden,  dergeftalt,  daß  fie  verfprechen, 
daß  man  nicht  wiffen  foll,  wer  es  offenbart  hat;  falls  die 
Perfon  Mittäter  ift,  wird  verordnet,  daß  er  feine  Sünde  be- 
kennen foll,  um  iich  der  zukommenden  Strafe  zu  über- 
geben, daß  damit  der  Bann  aufgehoben  wird  und  fein  Ver- 

15  gehen  vergeben  fein  kann.  Im  anderen  Falle  aber  wird 
feine  Sünde  über  feinem  Haupte  bleiben,  und  die  Herren 
des  Mahamad  und  die  hl .  Gemeinde  werden  frei  fein  und  auf 
das  Volk  derer,  die  Ihn  fürchten,  wird  er  den  Segen  legen. 
Nachdem  der  Gabay  das  Obige  von  der  Tevah  ver- 

20  kündet,  erhoben  fich  der  Chazan  fowie  der  Chacham 
David  Pardo  und  der  Chacham  Ifak  Aboaf,  und  es 
fagte  der  Chazan  mit  lauter  Stimme  auf  Hebräifch  in 
der  gebräuchlichen  Form : 

Daß  fie  mit  Erlaubnis  der  Oberen  und  Unteren,  mit 

25  Erlaubnis  der  Herren  des  Mahamad  und  mit  Erlaubnis 
der  ganzen  hl.  Gemeinde  in  Cherem  ver  fetzen  und  für 
von  Gott  verflucht  und  von  der  Nation  gefchieden  er- 
klären die  Perfon  oder  die  Per  fönen,  die  jene  Schmäh- 
fchriften  gemacht  oder  angefchlagen  haben.  Gott  ftrafe 

30  fie  und  fcheide  fie  von  feinem  Volke.  Die  hl.  Gemeinde 
aber  fei  gefegnet  und  er  legte  auf  fie  den  Segen.  Und  er 
fprach  Miffeberach  über  die  Gemeinde. 
ebend.  Blatt  55-56. 

An  eben  dem  gleichen  Tage  wurde  kund,  daß  Daniel 


2l6 


Regesten 


Rachaõ  die  erwähnten  Papiere  verfertigt  und  fie  durch 
Ifrael  da  Cunha  anfchlagen  laffen,  wofür  fie  am  folgenden 
Tag,  den  10.  Februar,  als  in  Cherem  getan  erklärt  wurden 
und  es  wurde  von  der  Tevah  das  Folgende  verlefen. 

Geftern  wurde  von  dieser  Tevah  ein  Cherem  über  den  5 
verkündet,  der  gewiffe  Schmähfchriften  verfertigt  oder 
angefchlagen,  die  fich  an  den  Synagogenthüren,  an  der 
Brücke  und  der  Börfe  und  anderwärts  angebracht  fanden. 
Die  Herren  des  Mahamad  find  unterrichtet  worden,  daß 
Daniel  Rachaõ  fie  verfertigt  und  gefchrieben  und  daß  10 
Ifrael  da  Cunha  fie  hingebracht  und  an  den  erwähnten 
Stellen  angefchlagen  hat,  und  beide  waren  überführt  und 
geftanden,  das  Obige  begangen  zu  haben.   Deshalb  er- 
klären die  Herren  des  Mahamad  kraft  der  Afhamah  die 
genannten  Daniel  Rachaõ  und  Ifrael  da  Cunha  als  in  15 
Cherem  ver  fetzt.   Und  fie  verfügen,  daß  niemand  mit 
ihnen  rede,  ausgenommen  foweit  es  iich  handelt  um 
ihr  Haus  und  ihre  Verwandten  bis  zum  zweiten  Grad. 

Amfterdam,  am  10.  Februar  1640. 

ebend.  Blatt  56.  20 
Feftfetzung  über  die  Aufhebung  des  Cherems  über 
Daniel  Rachaõ. 

In  der  vergangenen  Woche  wurde  von  diefer  Tevah 
Daniel  Rachaõ  als  in  Cherem  verfallen  verkündet,  weil  er 
gewiffe  Papiere  verfertigt  und  anfchlagen  laffen.  Jetzt  25 
hat  er  durch  ein  von  ihm  verfertigtes  Gefuch  kundgetan, 
daß  er  tiefe  Reue  empfindet,  und  er  bittet,  den  erwähnten 
Cherem  gegen  ihn  aufzuheben.  Nachdem  es  von  den 
Herren  des  Mahamad  erwogen  worden,  und  da  er  im  Bett 
liegt  mit  einem  kranken  Bein  und  fich  augenblicklich  3^ 
nicht  zur  Synagoge  begeben  kann,  haben  fie  befchloffen, 
den  Cherem  gegen  ihn  aufzuheben,  unter  der  Bedingung, 
daß  er,  fobald  er  im  Stande  fein  wird  auszugehn,  zur 
Synagoge  kommt  und  von  der  Tevah  das  Papier  verlieft, 


R  E  G  E  S  T  E  N 


217 


daß  man  ihm  geben  wird,  worin  er  feine  Reue  bezeugt 
und  den  Herrn  der  Welt  um  Verzeihung  bittet, 
fein  heiliges  Gefetz,  und  zugleich  die  hl.  Gemeinde 
für  das  Ärgernis,  das  er  gegeben  hat,  indem  er  ver- 
5  fpricht,  nicht  mehr  in  ein  ähnliches  Vergehen  zurück- 
zufallen. 

Gegeben  Amfterdam,  am  16.  Februar  1640. 

Abraham  Salom    Semuel  Athias 
Abraham  Pharar  Samuel  Abrabanel 
10  Manoel  Franco 

Ifchak  Naar 
Jeofuah  Jefurum. 

Escamoth  Gerais  do  K.  K.  d.  T.  T.  a  folha  21  do  Livro  A. 
Termo  de  Rezuluçaõ  em  16  de  Jar  que  fe  tomarão  os 

15  fres  do  Mahamad  de  hums  Papeis  que  fe  fifjeraõ  fobre  o 
fugeito  do  Brazil  nomeando  muitas  Peffoas  nellas  e  out- 
tros  emcubertos  examinando  o  cafo  acharão  avelo  feito 
Jona  Abarbanel  hum  delles  Mofeh  Belmonte  dous  no  que 
em  coreraõ  na  Pena  de  Her  em,  como  pareçe  da  Escamah 

20  que  fobre  ifto  trata,  os  mandarão  chamar  elhes  mani- 
feítaraõ  a  culpa  em  que  aviaõ  emcurido  a  qual  deraõ 
fatisfaçaõ  a  dos  SSres  do  MMd  em  tal  maneira  que  clara- 
mente entenderão  &  conheferaõ  averem  feito  por  erro  & 
fem  malifia  alguma,  nem  tençaõ  de  efcandelifarem  a  parti- 

2^5  cular  algum  &  imaginarem  naõ  eraõ  femelhantes  papeis 
prohibidos  de  que  fe  moftraraõ  muy  fentidos,  que  enten- 
derão outra  coufa  por  nemhum  cafo  o  fifjeraõ,  o  qual  vifto 
por  d 055  SSres  lhes  mandarão  logo  levantar  o  Herem  e  os 
condenarão  na  Pena  que  lhes  pareçeraõ  e  no  tocante  a 

30  d08  Papeis  os  quais  que  outros  que  fe  ayaõ  feito  nomeando 
peffoa  ou  peffoas  ordenarão  dos  SSres  com  Pena  de  Be- 
racha,  a  quem  os  tiver,  os  entregue  todos  ao  gabay  dentro 
de  vinta  e  quatro  oras,  e  fe  alguém  tiver  dado  ou  mandado 
fora,  com  a  mefma  pena  declare  e  precure  retiralo  para  que 


218 


Reges  Ten 


naõ  fique  copia  nemhuma,  e  venhaõ  todos  a  maõ  de  ditto 
Gabay  o  que  fe  ordena  por  muitos  rezoims.  Rezuluçaõ 
que  os  Sre8  do  Mahamad  tomarão  fobre  que  fes  Menafeh 
ben  Ifrael  na  Efnoga  em  prefençia  de  d08  SSr^8  do  Maha- 
mad, em  d°  dia  havendo  lido  o  gabay  por  ordem  de  d08  5 
SSres  na  Tebah  hum  papel,  tocante  a  Jona  abarbanel  & 
Mofeh  Belmonte,  fobre  os  papeis  que  íifjeraõ  contra  a 
ascamah  43 :  Estando  d°  gabay  na  Banca  com  os  mais 
SSres  Veu  de  feu  lugar  d°  Menafeh  &  em  vos  alta  &  alte- 
rada reprendeu  por  naõ  haver  nomeado  a  feu  cunhado  10 
por  Senhor  dandole  o  titulo  que  le  devia  com  outros 
palavaras  femelhantes,  a  qual  refpondeu  o  gabay  que 
mereçe  nao  falava  com  elle,  mais  que  os  Sres  do  MMd  e 
que  na  Tebah  fe  dava  Titulo  dé  Senhor  aos  fres  do  Ma- 
hamad fomente,  muita  parte  da  Congregação  aparde  feu  15 
lugar  depois  detornado  a  ella  fem  le  querer  aquietar  por 
mais  que  fe  lhe  advertiu  a  tanto  que  dous  Parnaffes  fe 
fahiraõ  da  Banca  para  lhe  fazer  callar,  e  naõ  podendo  com 
baftantes  palavras  com  Pena  d.  Herem  lho  mandarão, 
que  o  íifjeffe  e  fe  fora  para  a  cafa,  refpondeõ  que  naõ  20 
queria  em  vos  alta,  convindo  os  mais  Sres  que  eftavaõ  na 
Banca  e  que  a  inquietação  hera  pordiante  pr  que  fefafem, 
comíirmaraõ  a  pena  de  Herem,  y  que  nimgem  falaffe  com 
elle  Juntos,  os  fres  do  Mahamad  entro  na  Camara,  fem 
fer  chamado  dentro,  alevantando  a  boz  e  batendo  na  mefa,  25 
feriozamente  dixe  as  Liberdades  que  quis,  a  tanto  que 
mandandolhe  hums  dos  Parnaffim  a  fer  elle  o  Inftrumento 
&  ocaziaõ  de  femelhtes  defturbos  que  fufedeõ  y  que  ahaçaõ 
eftiveffe  embrulhada  e  perturbada  a  Congregação  o  que 
Vifto  por  os  de  mais  SSres  para  que  a  Coufa  naõ  fora  mais  3° 
adiante  o  íifjeraõ  fahir  da  Camara  e  que  o  aviaõ  por 
apartado,  que  em  bos  alta  refpondeõ  que  elle  os  punha 
em  Herem  a  elles,  e  dittos  SSre8  naõ  a  eile,  e  outtros 
cumpufturas  femelhantes. 


Regesten 


219 


Depois  de  Ifto  ficarão  d08  SSres  Juntos  &  coníiderando 
bem  o  cafo  livre  de  paixaõ  &  Dezeyos  de  afertar,  havendo 
largamente  discurido  o  cafo,  e  ponderado  as  rezoims  de 
hum  &  outro  parte  de  cumun  acordo  com  a  authoridade 
5  que  tem  elles  deõ  o  K.  K.  de  T.T.  particularmente  como 
pareçe  da  Escamah  primeira  ordenaõ  o  feguinte  a  faber: 
que  fe  lhe  mandafe  dizer  logo  por  o  Samas  que  naõ  venha 
a  Esnoga  fem  ordem  de  dittos  SSres  que  aõ  outtro  dia 
apella  manha  fe  lhe  alevantaffe  o  Herem,  em  hora  pre- 

10  cenca  os  mais  HHm  depois  diffo  difjeffe  o  gabay  na 
Tebah  as  palavras  feguintes  a  Nottifia  de  MM,  venha  que 
Menafeh  ben  Ifrael  naõ  efta  em  Herem  pellas  defobie- 
diencias  motins  Palavras  afrontas  que  por  4  vezes  f aliou, 
como  aíima  pareçe  foffe  condenado  em  f  60:  y  naõ  fuba 
a  Tebah  adarfar  em  todo  o  discurffo    defte  anno  the 

15  Sabath  a  gadol  que  vem  embora  para  que  íirve  por 
exfemplo  dos  demais  enyaõ  Paz  &  Uniaõ  entre  ho  tudo 
em  Servifcio  do  Altifimo. 

A  outro  dia  fe  lhe  alevantou  ô  Herem,  y  aos  mais  que 
falarão  com  eile  e  fe  dixe  da  Tebah  ô  afima  ditto,  N.  B. 

20  efta  folha  efta  cuberta  na  capa  em  8  d.  Elul  a.  5407:  foy 
refolvido  por  as  fres  do  Mahamad  que  por  bom  refpeitos 
fe  cubriffe  efta  folha  e  ifto  firmarão. 

*  *  * 

Allgemeine  Escamoth  der  hl.  Gemeinde  Thalmud-Thora  auf 
Blatt  2 1  von  Buch  A . 
25    Feftfetzung  der  Entfchließung  am  8.  Mai,  die  die  Herren 
des  Mahamad  über  einige  Papiere  faßten,  die  hergeftellt 
waren  über  die  brafilianifche  Affaire,  in  denen  viele  Per- 
fonen  benannt  wurden  und  andere  verfteckt.  Indem  fie 
30  den  Fall  unterfuchten,  fanden  fie,  daß  Jona  Abarbanel 
eines  davon  gemacht  hatte  und  Mofeh  Belmonte  zwei, 
wodurch  fie  in  die  Strafe  des  Bannes  verfielen,  wie  aus 


220 


Regesten 


der  Escamah  hervorgeht,  die  darüber  handelt.  Jene  be- 
fahlen, fie  vorzuladen  und  ße  bekannten  die  Schuld, 
in  die  ße  verfallen,  wofür  ße  den  Herren  des  Maha- 
mad  Genugtuung  gaben,  in  einer  Weife,  daß  diefe  klar 
einfahen  und  erkannten,  daß  ße  aus  Irrtum  und  ohne  5 
irgendeine  fchlechte  Abficht  gehandelt,  auch  nicht  in 
dem  Vorhaben,  irgendwelche  Privatleute  zu  beleidigen, 
fondern  daß  fie  fich  nicht  vorgeftellt,  daß  derartige  Papiere 
verboten  feien.  Sie  zeigten  fich  darüber  fehr  bekümmert; 
denn  hätten  fie  etwas  anderes  gewußt,  dann  hätten  10 
fie  es  keinesfalls  getan.  In  Anfehung  deffen  ord- 
neten die  Herren  an,  den  Bann  über  fie  aufzuheben  und 
verurteilten  fie  zu  der  ihnen  angemeffen  erfcheinenden 
Strafe,  und  hinfichtlich  jener  und  anderer  etwa  ver- 
faßten Papiere,  in  denen  eine  Perfon  oder  Per  fönen  be-  15 
nannt  wurden,  befahlen  die  Herren  unter  der  Strafe  der 
Beracha  für  jeden,  der  fie  befäße,  fie  f ämtlich  dem  Gabai 
innerhalb  von  vierundzwanzig  Stunden  zu  übergeben,  und 
wenn  jemand  eines  weitergegeben  oder  gefchickt  hätte, 
fo  folle  er  unter  derfelben  Strafe  fich  erklären  und  fuchen,  20 
es  zurückzuziehen,  damit  keinerlei  Abfchrift  davon  bliebe, 
vielmehr  alle  zu  Händen  des  genannten  Gabai  kämen, 
was  aus  vielen  Gründen  verordnet  wird. 

Entfchließung,  die  die  Herren  des  Mahamad  faßten 
über  das,  was  Menafeh  ben  Ifrael  in  der  Synagoge  in  25 
Gegenwart  der  Herren  des  Mahamad  am  genannten  Tage 
getan,  nachdem  der  Gabai  auf  Befehl  der  Herren  auf  der 
Tebah  ein  Papier  verlefen  in  Bezug  auf  Jona  Abarbanel 
und  Mofeh  Belmonte  über  die  Papiere,  die  fie  entgegen 
der  Ascamah  43  hergeftellt.  Als  der  Gabai  in  der  Bank  30 
war  mit  den  Herren,  kam  Menafeh  von  feinem  Platz  und 
fchalt  mit  lauter  Stimme  und  aufgeregt,  daß  man  feinen 
Schwager  nicht  Senhor  genannt,  ihm  den  Titel  gebend, 
der  ihm  zuftände,  mit  andern  ähnlichen  Worten.  Darauf 


Regesten 


221 


erwiderte  der  Gabai,  er  verdiene,  daß  er  nicht  mit  ihm 
fpräche,  ebenfo  wenig  die  Herren  des  Mahamad :  auf 
der  Tebah  gebe  man  den  Titel  Senhor  allein  den  Herren 
des  Mahamad.  Ein  großer  Teil  der  Verfammlung  verließ 
5  feinen  Platz,  worauf  er  fich  an  fie  wandte,  ohne  daß  er 
fich  beruhigen  wollte,  je  mehr  man  ihn  warnte,  bis  fchließ- 
lich  zwei  Parnaffen  von  der  Bank  aufftanden,  um  ihn  zum 
Schweigen  zu  bringen,  und  zwar  da  fie  es  mit  hinreichen- 
den Worten  nicht  konnten,  mit  der  Strafe  des  Bannes. 

io  Sie  befahlen  ihm  anzuhalten  und  fich  nach  Haufe  zu  be- 
geben. Er  entgegnete  mit  lauter  Stimme,  er  wolle  nicht. 
Da  traten  die  Herren,  die  in  der  Bank  waren,  zufammen 
und  da  die  Beunruhigung  weiter  dauerte,  beftätigten  fie, 
um  ihn  aufhören  zu  machen,  die  Strafe  des  Bannes  fowie 

15  daß  niemand  mit  ihm  fpräche.  Als  die  Herren  des  Maha- 
mad beifammen  waren,  trat  er  in  die  Kammer  ein,  ohne 
hereingerufen  zu  fein,  und  die  Stimme  erhebend  und  auf 
den  Tifch  fchlagend,  fagte  er  ernfthaft  all  das  Ungezügelte, 
das  ihm  in  den  Sinn  kam,  fodaß  fchließlich  einer  der  Par- 

20  naffim  ihm  verwies,  daß  er  das  Werkzeug  und  die  Veran- 
laffung  derartiger  Unruhen,  wie  fie  vorgefallen,  fei,  und 
daß  die  Verhandlung  verwirrt  und  die  VerfammJung  be- 
unruhigt worden  fei.  Im  Hinblick  darauf,  damit  die  Sache 
nicht  weiter  gehe,  hießen  ihn  die  Herren  die  Kammer  ver- 

2  5  laffen  und  daß  fie  ihn  als  abgefondert  betrachteten.  Er 
erwiderte  darauf  mit  lauter  Stimme,  er  verfetze  fie  in 
Bann  und  nicht  die  Herren  ihn,  und  andere  dergleichen 
Unverfchämtheiten. 

Nachdem  blieben  die  Herren  beieinander,  und  indem  lie 

30  den  Fall  wohl  betrachtet,  frei  von  Leidenfchaft  und  mit  dem 
Wunfche,  das  Rechte  zu  treffen,  nachdem  fie  eingehend  den 
Fall  erörtert  und  die  Gründe  der  einen  und  anderen  Seite 
erwogen,  ordneten  fie  in  gemeinfamer  Übereinkunft  auf 
Grund  der  ihnen  von  der  hl.  Gemeinde  Thalmud -Thora 


222 


Regesten 


verliehenen  Autorität,  insbefondere  in  Anfehung  des  erften 
Escamah  das  folgende  an :  es  möge  ihm  fogleich  durch  den 
Synagogogendiener  eröffnet  werden,  daß  er  nicht  ohne  An- 
ordnung der  Herren  zur  Synagoge  komme,  daß  am  anderen 
Tage  morgens  früh  der  Bann  über  ihn  in  Gegenwart  der 
Rabbiner  aufgehoben  werden  folle ;  darauf  folle  der  Gabai 
auf  den  Tebah  die  folgenden  Worte  als  Verkündigung  des 
Mahamad  fprechen :  es  möge  gefchehen,  daß  Menafeh  ben 
Ifrael  nicht  im  Banne  fei;  für  die  Wider fetzlichkeiten, 
die  Auftritte  und  Schimpf worte,  die  er  zu  viermalen  ge- 
fprochen,  wie  oben  fich  ergibt,  werde  er  zu  fl.  60  ver- 
urteilt und  er  betrete  die  Tebah  nicht  im  ganzen  Verlauf 
diefes  Jahres  bis  zum  kommenden  großen  Sabbath,  damit 
es  den  Anderen  zum  Beifpiel  diene,  auf  daß  Friede  und 
Eintracht  bei  allen  fei  im  Dienfte  des  Höchften. 

Am  anderen  Tage  wurde  der  Bann  aufgehoben  auch 
über  die,  die  mit  ihm  gefprochen  hatten  und  von  der 
Tebah  wurde  das  Obige  gefagt.  N.B.  diefes  Blatt  wurde 
mit  einer  Umhüllung  verdeckt  am  8.  September  1647;  es 
wurde  durch  die  Herren  des  Mahamad  befchloffen,  daß 
aus  Rückfichtnahme  diefes  Blatt  zugedeckt  werde  und 
fo  unterfchrieben  fie  es. 


ANMERKUNGEN 


Anmerkungen 


225 


ZUR  DA  COSTA-LITERATUR. 

Die  Literatur  über  Uriel  da  Cofta  ift,  feiner  Celebrität  entfpre- 
chend,  fehr  umfangreich,  befteht  aber  zum  weitaus  größten  Teil  aus 
mehr  oder  weniger  belanglofen  Notizen  in  Sammelwerken,  Lexiken 
oder  Gefchichtscompendien. 

Den  Quellwerken  ift  in  den  Regeften  diefes  Buches  alles  ent- 
nommen, was  für  die  Gefchichte  da  Coitas  von  Bedeutung  ift;  in 
den  Anmerkungen  findet  fich  zu  den  einzelnen  das  bibliographifch 
Bemerkenswerte  gefagt.  Das  hauptfächlichfte  biographifche  Quel- 
lenwerk ift  natürlich  Philipp  van  Limborchs  De  Veritate  Religionis 
Chriftianae  Amica  Collatio  cum  erudito  Judaeo  (Gouda  1687,  hol- 
ländifche  Ausgabe  Amfterdam  1723),  die  das  Exemplar  Humance 
vitce  publiciert  und  in  der  Einleitung  wichtige  biographifche  Nach- 
richten gibt.  Daneben  tritt  Johannes  Müllers  Judaismus  (Ham- 
burg 1644,  Neue  Edition,  ebend.  1707),  dem  wir  Nachrichten  über 
da  Coitas  Hamburger  Aufenthalt  und  fein  Lebensende  verdanken. 
Wichtige  biographifche  Ergänzungen  liefern  zwei  Brief-  und  Re- 
fponfenfammlungen,  Leon  da  Modenas  Briefe  und  Schriftftücke  in 
der  Ausgabe  von  Blau  (Budapeft  1905,  1906)  und  das  Buch  der 
Fragen  und  Antworten  des  Ja'aqob  aus  dem  Haufe  Levi  (Venedig 
1632).  Was  wir  von  da  Coitas  Lehre  befitzen,  ift  uns  im  wefent- 
lichen  durch  Gegenfchriften  überliefert:  abgefehen  von  Limborch 
durch  Leon  da  Modenas  HJXl  pft  in  der  Ausgabe  von  Geiger 
(Breslau  1856),  vor  allem  in  der  bisher  wegen  ihrer  Seltenheit 
wiffenfchaftlich  noch  unbenutzt  gebliebenen  Gegenfchrift  Semuel 
da  Silvas,  Tratado  da  Immortalidade  (Amfterdam  1623),  in  Mofe 
Rephael  d'Aguilars  handfchriftlichen  Repoftas  a  certas  propoftas 
contra  a  tradiçaô(i6S9)  und  in  gewiffemSinn  auch  inMenafcheh  ben- 
Ifraels  deRefurrectione  Mortuorum  (Amftercam  1636),  während  die 
Schriften  d'Aguilars  und  Saul  Levi  Morteiras  über  die  Urifterb- 
lichkeitsfrage  kaum  etwas  für  da  Coitas  Gefchichte  Belangreiches 
enthalten.  Den  Titel  des  Hauptwerkes  da  Coitas  hat  uns  Wolfs 
Bibliotheca  Hebrcea  (Vol.  IV.,  Hamburg  1733)  aufbewahrt,  wäh- 
rend die  übrigen  bei  Wolf  fich  findenden  Nachrichten  nur  den 
andern  Quellen  entlehnt  find. 

Das  Schickfal  da  Coitas  hat  alsbald  nach  dem  Bekanntwerden 
des  Exemplar  Humance  Vitce  großes  Auffehen  erregt  und  in  vielen 

Da  Costa  Opera.  15 


226 


Anmerkungen 


Schriften,  die  über  jüdif che  Dinge  der  Zeit  von  Chriften  gefchrieben 
wurden,  wird  feiner  gedacht,  auch  wohl  in  folchen  Schriften,  die 
fich  mit  dem  Atheismus  auseinanderfetzen.  Johann  Jacob  Schudt 
widmet  in  feinen  Jüdif chen  Merckwürdigkeiten  (Franckfurt  und 
Leipzig  17 14)  da  Cofta  eine  ausführliche  auf  das  Exemplar  und 
Johannes  Müller  zurückgehende  Betrachtung,  wobei  er  fein  Todes- 
jahr richtig  angibt.  Befonderes  Intereffe  für  da  Cofta  wegen  feines 
Aufenthalts  in  Hamburg  hatte  der  Flensburger  Gelehrte  Johannes 
Möller  (Mollerus),  der  in  feiner  Ifagoge  ad  Hiftoriam  Cherfonefi 
Cimbricce  (II.  Pars,  Leipzig  1692,  S.  96),  in  feiner  Homonymoj 'copia 
Hiftorico- Philologico- Critica  (Hamburg  1697,  S.  89)  und  fchließlich 
am  ausführlichften  in  feiner  Cimbria  Literata  (Tom.  See.  Kopen- 
hagen 1744,  S.  954 — 957)  da  Coitas  gedenkt.  Im  letzteren  Werk 
gibt  er  einen  Auszug  aus  Müller,  wobei  er  bezweifelt,  daß  diefer 
das  Autograph  des  Exemplar  befeffen.  Dabei  gibt  er  einen  Über- 
blick über  die  da  Cofta-Literatur  jener  Zeit,  die  noch  heute  von 
bibliographifchem  Intereffe  ift: 

Adr.  Baillet  Tr.  des  Auteurs  degvifez,  P.  III.,  c.  15.,  p.  422; 
Joh.  Müllerus,  Atheismus  devictus  p.  13.  30.  246;  Tob.Wagnerus, 
Examen  Atheismi  fpeculativi,  c.  31.,  p.  75;  Joh.  Fechtius,  Diss.  de 
Ecclefia  Judaica  p.  62;  Joh.  Chriftoph.  Rumetfchius,  Schediasm. 
de  Conjecturis  ultimi  temporis,  Sect.  HL,  §  2.,  p.  60.  61 ;  Joh.  Cle- 
ricus,  Biblioth.  univ.  Hiftor.  Tom.  VIL,  M.  Nor.  A.  1687.,  p.  327 
bis  330;  Pierre  Bayle,  Diction.  Hiß.  &  Crit.  T.  I.  p.  68.  &  sq.  edit. 
fec;  Acta  Erud.  Lipf.  M.  Apr.  A.  1688.,  p.  221.  222;  Wilh.  Ern. 
Tenzelius,  in  Dialogis  menftruis  Germanicis,  M.  Sept.  A.  1698. 
p.  815 — 818;  Joh.  Franc.  Buddeus  Lefici  Hiftorici  GermaniciT.  L 
p.  25.  26;  Andr.  Carolus  in  Memorabilibus  See.  XVII.  ecclefiafticis, 
Lib.  V.,  c.  19.,  p.  978.  979;  Joh.  Upmarkius  in  Atheomaftige, 
A..  1709.,  cap.  L;  Mart.  Diefenbachius,  in  Judceo  convertendo  p.  132 ; 
Joh.  Jac.  Schudtius  in  den  Jüdifchen  Merkwürdigkeiten,  P.  I., 
Lib.  4.,  c.  18.,  p.  286 — 291 ;  Joh.  FabriciusP.  III.  Hiftorice  Biblioth. 
Fabriciance  p.  400.  Diefen  Werken  kann  noch  Reitzmann,  Hift. 
theol.  Judaicce,  Henr.  Scharban,  Judaismus  detectus,  Lübeck  1722, 
und  Joh.  Helvicus  Willemer us,  Differtat.  philologica  de  Sadducceis 
beigefellt  werden. 

Für  uns  ift  (neben  Schudt)  davon  in  erfter  Linie  bedeutfam 


Zur  da  Costa-Literatur  227 


Pierre  Bayles  Dictionaire  hiftorique  et  critique  (1.  Ausg.  Rotterdam 
1695,  2.  Ausg.  1702,  3.  Ausg;.  1720,  4.  Ausg.  1730,  5.  Ausg.  1740, 
Genfer  Ausg.  17 15,  deutfche  Überfetzung  von  Gottfched,  Leipzig 
1741).  Bayle  gibt  einen  kaum  gekürzten  Auszug  aus  dem  bio- 
graphifchen  Teil  des  Exemplar,  den  er  mit  Anmerkungen  begleitet, 
in  denen  er  den  Conflict  zwifchen  Vernunftgebrauch  und  Offen- 
barung im  Sinne  des  Skeptikers  hervorhebt.  Die  Lebensfkizze  des 
weitverbreiteten  Dictionaire  hat  am  meiften  zur  Berühmtheit  da 
Coitas  beigetragen.  Übrigens  findet  fich  auch  die  (erit  durch  Graetz 
richtig  geitellte)  Jahreszahl  1647  für  das  Todesjahr  da  Coitas  bei 
Bayle. 

Von  Bayles  Dictionaire  ab  fehlt  da  Coita  in  keinem  Gelehrten-, 
Univerfal-  oder  Converfations-Lexicon,  in  keiner  Encyclopädie,  in 
keinem  Handbuch  des  Wiffens  dergeitalt,  daß  eine  vollitändige 
da  Cofta-Bibliographie  zugleich  eine  vollitändige  Bibliographie 
der  encyclopädifchen  Literatur  in  fich  fchließen  müßte.  Erwäh- 
nung verdient  allenfalls  Barbofa  Machados  Bibliotheca  Lufitana 
(II,  311 — 313),  Peignots  Dictionaire  Critique  des  Principaux  Livres 
condamnêes  au  feu  (II,  208)  und  Erich  und  Grubers  Encyclopädie. 

Als  David  Franco  Mendes  feine  große,  1769  datierte  Chronik 
der  Amiterdamer  fephardifchen  Gemeinde  Memorias  do  eftabeleci- 
miento  e  progreffos  dos  Judeus  Portuguezes  &  Hefpanhoes  nefta 
famofa  cidade  de  Amfterdam  fchrieb,  war  keine  unmittelbare  Er- 
innerung an  da  Coita  mehr  in  der  Gemeinde  lebendig,  und  was 
Franco  Mendes  über  ihn  fagt,  iit  in  der  Hauptfache  aus  Bayle 
gefchöpft  und  ohne  Quellwert.  So  gibt  er  das  Todesjahr  unrichtig 
mit  1647  an  und  läßt  das  Attentat  da  Coitas  gegen  den  Bruder, 
nicht  gegen  den  Vetter  erfolgen. 

Die  erite  Überfetzung  des  Exemplar  war  (nach  der  holländifchen 
Ausgabe  des  Limborchfchen  Werkes)  eine  englifche,  Thomas  Whi- 
itons  The  remarkablc  Life  of  Uriel  Acofta  an  eminent  Freethinker 
(London  1740).  Ins  Deutfche  wurde  das  Exemplar  zum  eritenmal 
übertragen  in  Johann  Georg  Müllers  Bekenntniffe  merkwürdiger 
Männer  von  fich  felbft  (Winter thur  1793,  2.  Bd.  S.  155),  unter  Weg- 
laffung  der  theoretifchen  Betrachtungen  des  Schluffes. 

Durch  Müllers  Übertragung  trat  da  Coitas  Schickfal  in  den 
Gefichtskreis  Weimars.  Herder  widmet  in  feinen  Briefen  zur  Be- 

15* 


1 


228 


Anmerkungen 


V 


förderung  der  Humanität  (5.  Sammlung,  Riga  1795,  S.  22 ff.)  da 
Colla  folgende  Worte:  So  angenehm  mir  Petrarca  war,  fo  weh  that 
mir  Uriel  Acofta  in  feinem  letzten  Selbft-  Bekenntniss.  Der  arme 
Jude,  von  Zweifeln  über  feine  Religion  ergriffen,  gab  alle  Verhält- 
niffe  feiner  edlen  Geburt,  [eines  Glückes  und  Standes  auf,  fuchte  Ruhe 
hie  und  dort,  fand  an  feinen  nächften  Verwandten  die  ärgften  Feinde, 
und  endigte  damit,  daß  er  als  ein  Neuaufgenommener  in  der  Syna- 
goge feiner  Glaubens  genoffen,  fchimpflich  entblößt,  mit  Füßen  ge- 
treten, gepeitfcht,  verfpeiet,  es  nicht  länger  ertragen  zu  dürfen  glaubte 
und  [ich  felbft  den  Tod  gab.  Die  Auffchrift  feines  Urlaubes  aus  dem 
Leben,  exemplar  humanae  vitae  rühreien  mich  von  jeher;  und  fo 
möchte  ein  jeder,  der  von  Menfchen  aus  der  Welt  gedrängt,  zuletzt 
noch  einige  Worte  für  Menfchen  zu  fchreiben,  guten  Willen  und  Kraft 
hat,  fein  Exemplar  des  menfchlichen  Lebens  dem  Exemplar  des 
Acofta  hinzufügen!  Die  Menfchheit  erhielte  damit  eine  Anzahl  fonder- 
barer  Exemplare.  Von  Kindheit  auf  ift  mir  nichts  abfcheulicher  ge- 
wefen,  als  Verfolgungen  oder  per  fönliche  Befchimpfungen  eines  Men- 
fchen über  feine  Religion.  Wen  geht  diefe,  als  ihn  felbft  und  Gott  an? 
ja,  wer  weiß  nicht,  was  an  dem  Wort  Religion,  fobald  es  innere  Über- 
zeugung und  Gefühl  betrifft,  für  tiefe  Skrupel  und  Schwierigkeiten 
haften?  Dem  ift  Diefes,  einem  andern  Das  aufs  innigfte  anftößig; 
zu  diefem  Ausdruck  kann  er  fich  nicht  gewöhnen,  von  jener  früh  er- 
faßten Vorftellungsart  auf  keine  Weife  fondern.  An  ihr  hangen  feine 
moralifchen  Begriffe;  an  ihr  vielleicht  feine  vornehmfte  Triebfeder,  ja 
fein  Ideal  der  Moralität  felbft.  Diefer  findet  Zweifel,  wo  keiner  fie 
findet,  die  fchwarze,  phantaftifche  Fliege  verfolgt  ihn,  ohne  daß  ein 
andrer  als  Er  fie  fiehet.  Wie  graufam  ifts  alfo,  wie  unvernünftig, 
nutzlos  und  unmenfchlich,  wenn  fich  ein  Menfch,  ein  Gericht,  eine 
Synagoge  das  V erdammungs- ,  das  V erfolgungs-Urtheil  über  die  Re- 
ligion eines  andern,  wäre  er  auch  ein  Neger  und  Indier,  anmaßt! 
Mit  Schauder  liefet  man  Acofta 's  Erzählung  Klagen  und  Seufzer, 
die  er  im  tiefen  Schmerz  über  die  ihm,  einem  Rückkehrenden,  in 
einem  Gotteshaufe  zugefügte  peinliche Befchimpfung  ausftößt,  und  die 
mit  dem  traurigen  Gefühl  der  völligen  Verla ffenheit  und  Ohnmacht 
enden.  Goethe  hat,  fo  viel  ich  fehe,  von  da  Cofta  nicht  Notiz  ge- 
nommen. . 

Das  Intereffe  für  da  Cofta  wurde  dadurch  allgemein,  daß  Karl 


f 


Zur  da  Costa-Literatur  229 

Gutzkow  ihn  zum  Helden  erft  einer  Novelle  Der  Sadducäer  von  Am- 
[ter dam  (in  feinen  Soireen,  2.Th.  Frankfurt  a.M.  183 5)  und  dann  eines 
Dramas  Uriel  Acofta  (Leipzig  1847)  machte.  Perfönliches  Erlebnis 
des  Dichters  —  feine  Braut  hatte  wegen  feines  Schleiermacher- 
Nekrologs  fich  von  ihm  als  Gottesleugner  losgefagt  —  verband  fich 
mit  der  Tendenz  einer  Zeit,  die  fich  in  Strauß'  Leben  Jefu  (1835) 
und  Feuerbachs  Wefen  des  Chriftentums  (1841)  von  der  pofitiven 
Religion  löfte.  So  wurde  da  Cofta,  getrennt  von  feinem  Jahrhun- 
dert, von  dem  das  junge  Deutfchland  wenig  wußte,  mit  feinem 
Bekenntnis  der  Toleranz  und  der  Vernunft  zum  Helden  der  Zeit, 
fein  Schickfal  zur  Tragödie  der  Gewiffensfreiheit,  im  Stil  einer 
Hiitoricnmalerei,  für  die  die  fchöne  Pofe  alles,  das  Individuell- 
Seelifche  wenig  bedeutete.  Am  13.  December  1846  hat  Gutz- 
kows Drama  mit  unerhörtem  Erfolg  feine  Eritaufführung  auf  dem 
Dresdener  Hof theater,  an  das  Gutzkow  als  Dramaturg  berufen  war, 
erlebt  und  trat  von  dort  nach  kurzem  Kampfe  mit  der  Cenfur  fei- 
nen Triumphzug  über  die  deutfchen  Bühnen  an.  Gutzkows  Drama 
wurde  oft  überfetzt,  nach  feiner  eignen  Angabe  ins  Franzöfifche, 
Italiänifche,  Ungarifche,  Polnifche,  Böhmifche,  Schwedifche  und 
ins  Hebräifche.  (Auch  eine  Jiddifche  Überfetzung  exiftiert.) 

Das  durch  Gutzkow  geweckte  Intereffe  wandte  fich  nun  der 
Lebensbefchreibung  da  Coitas  felbft  zu,  ohne  daß  hiervon  irgend 
eine  wefentliche  Bereicherung  der  wiffenfchaftlichen  Forfchung 
ausgegangen  wäre.  1847  erfchienen  gleichzeitig  drei  Wieder- 
gaben der  Lebensgefchichte  da  Coitas.  Die  eine  itellt  eine  Publi- 
cation  Wellers  dar,  der  auch  eine  andre  ketzerifche  Schrift,  das 
berüchtigte  Büchlein  De  tribus  impoftoribus  veröffentlicht  hat, 
unter  dem  Titel  Uriel  Acofta's  Selbftbiographie.  Lateinifch  und 
deutfch  (Leipzig  1847,  zweite  <Titel->  Auflage  ebend.  1849);  fie  ent- 
hält neben  einer  ganz  kurzen  Einleitung  einen  Abdruck  des  Exem- 
plar und  eine  Übertragung  desfelben.  Die  zweite  Publication  cha- 
rakterifiert  fich  bereits  durch  ihr  Titelblatt:  Uriel  Acofta,  ein  Opfer 
des  Zelotismus.  Das  Leben  Uriel  Acofta's  von  ihm  felbft  kurz  vor 
feinem  Tode  in  lateinifcher  Sprache  befchrieben.  U eberfetzt  und  mit 
einem  Vor-  und  Schlußwort  verfehen  von  L.  Weiß,  Berlin  1847,  *w 
Selbftverlag  des  Verfaffers.  Den  Manen  des  Spinoza  in  Ehrfurcht 
gewidmet.  Die  Schrift,  die  für  Freidenkertum  und  Judenemanci- 


230 


Anmerkungen 


pation  eintritt,  hat  als  Kern  eine  ziemlich  willkürliche  Paraphra- 
fierung  des  Textes  des  Exemplar.  Die  dritte  Schrift,  die  übrigens 
auch  größere  Partien  des  Exemplar  in  Überfetzung  bringt,  hat  zu 
ihrem  Verfaffer  den  1848  als  ein  Opfer  der  Revolution  in  Wien 
erfchoffenen  Herrmann  Jellinek;  fie  nennt  fich  auf  dem  Titelblatt: 
Uttel  Acofta' s  Leben  und  Lehre.  Ein  Beitrag  zur  Kenntnis  feiner 
Moral,  wie  zur  Berichtigung  der  Gutzkow' fchen  Fiktionen  über  Acofta, 
und  zur  Char akter iftik  der  damaligen  Juden.  Aus  den  Quellen  dar- 
geftellt.  (Zerbft,  1847.)  Jellinek  lehnt  es  ab,  Acoita- als  liberalen 
Phrafenmacher  zu  fchildern;  immerhin  fieht  er  fein  eignes  Zerwürf- 
nis mit  dem  Judentum,  auch  mit  feinem  Bruder,  dem  bekannten 
Gelehrten  Adolf  Jellinek,  in  da  Coitas  Conflict  hinein.  Ein  fpäter 
Nachfolger  diefer  Gutzkow-da  Coíta-Literatur  iit  Alfred  Klaars 
Buch  Uriel  Aco/ta,  Leben  und  Bekenntnis  eines  Freidenkers  vor  300 
Jahren  (Berlin  1909).  In  diefem  für  die  Forfchung  völlig  unergiebi- 
gem Buche,  das  auch  einen  Abdruck  des  Exemplar  (nach  Lim- 
borch)  nebit  einer  Übertragung  bringt,  wird  da  Coita  mit  einiger 
Sentimentalität  als  Märtyrer  des  freien  Gedankens  dargeitellt,  ohne 
Voritellung  von  der  befonderen  Eigenart  feines  Marranenfchickfals. 
Klaar  hat  übrigens  auch  in  der  Einleitung  und  den  Anmerkungen 
zur  Ausgabe  des  Uttel  Acofta  in  den  von  Witkowski  herausgegebenen 
Meiftetwetken  det  deutfchen  Bühne  (Leipzig  1908)  die  Beziehungen 
zwifchen  der  Novelle  und  dem  Drama  Gutzkows  dargelegt. 

Es  veriteht  fich,  daß  da  Coita  zu  den  Vordergrundsfiguren  der 
neueren  jüdifchen  Gefchichte  gehört  und  demnach  in  allen  Dar- 
ftellungen  diefer  Gefchichte  feine  Würdigung  findet.  Hervorzu- 
heben iit  darunter  Izaac  da  Coitas  Ifrael  en  de  volken  (Harlem  1848 
bis  1849,  deutfche  Ausgabe  Frankfurt  a.  M.  1855)  und  Kayferlings 
Gefchichte  der  Juden  in  Portugal  (Leipzig  1867),  ferner  der  Artikel 
Acofta  von  de  Sola  Mendes  in  der  Jewish  Encyclopedia  und  von 
Eifenitein  in  ^iOfc^  In  feiner  Gefchichte  der  Juden  hat  H. 

Graetz  da  Coita  feine  Stelle  in  dem  Capitel  Die  Wühler  gegeben 
(10.  Bd.,  3.  Aufl.,  Leipzig  1897,  S.  120 — 128,  399 — 401);  er  hat 
zuerit  nach  Müllers  Judaismus  das  Todesdatum  fichergeitellt,  aber 
feine  Geburt  um  1595  zweifellos  zu  fpät  angefetzt.  Über  feine 
Perfönlichkeit  urteilt  er:  Er  war  iveder  ein  theoretischer  Denker, 
noch  ein  praktischer  Weiser,  noch  ein  mannhafter  Charakter. 


Zur  da  Costa-Literatur  231 


Eine  neue  Ausgabe  des  Exemplar  veranftaltete  Volkmann  (in 
Feftfchrift  zur  250  jährigen  Jubelfeier  des  Gymnafiums  zu  St.  Maria 
Magdalena  zu  Breslau,  Breslau  1893,  77.  Teil.  Uriel  Acofta  eine 
Skizze- von  Oberlehrer  Dr.  Walther  Volkmann,  S.  55 — 90).  Er  gab 
dem  Textabdruck  eine  Einleitung  bei,  in  der  er  Graetzens  allzu 
ungünftige  Charakteriftik  da  Cottas  zurückwies,  aber  auch  die 
pofitive  Religion  gegen  da  Cottas  Naturreligion  in  Schutz 
nahm,  ferner  Anmerkungen,  die  das  Exemplar  auf  Grund 
von  Basnages  Hiftoire  des  Juifs  erläuterten.  Eine  Übertragung  des 
Exemplar  erfchien  1909  in  Temefvar  {Uriel  Acofta' s  Selbftbio- 
graphie). 

Auch  das  fteigende  Intereffe  für  die  Lehre  und  die  Lebensfchick- 
f ale  Spinozas  kam  da  Cotta  zu  gute.  In  den  Einleitungen  der  meiften 
ausführlichen  Darftellungen  Spinozas  findet  da  Cotta  eine  Würdi- 
gung, fo  bei  Kuno  Fifcher  (Spinozas  Leben,  Werke  und  Lehre,  5.  Aufl. 
Heidelberg  1909,  S.  1 14 f.),  Sir  Frederick  Pollock  (Spinoza,  his  life 
und  philo fophy,  1.  Aufl.  London  1880,  S.  8 ff.),  Freudenthal  (Spi- 
noza, fein  Leben  und  feine  Lehre,  I.  Bd.  Stuttgart  1904,  S.  58 f.), 
Dunin- Bor kowski  (Der  junge  De  Spinoza,  Münfter  1910,  S.  104  bis 
107,  197,  540,  551).  Förderfam  war  die  Betrachtung,  die  Meinsma 
in  feinem  Buche  Spinoza  en  zijn  Kring  ('s  Gravenhage  1896,  S.  44 
bis  54)  dem  Schickfal  da  Cottas  gewidmet,  vor  allem  weil  er  auch 
einen  unbekannten  Brief  Limborchs  darüber  beibringen  konnte. 

Unter  der  außerdeutfchen  da  Cotta- Literatur  ift  hervorzuheben 
des  fpanifchen  Hiftorikers  und  Philofophen  Marcellino  Menendez  y 
Pelayo  Hiftoria  de  los  heterodoxos  efpanoles  (Madrid  1880 f.),  der  in 
dem  Capitel  Judaizantes.  La  finagoga  d'  Am / 'ter dam(2. Bd.  S. 586 -620) 
die  Autobiographie  da  Cottas  reproduciert.  Von  Intereffe  ift  ferner: 
Uriel  da  Cofta.  Efpelho  da  vida  humana  verfão  de  A.  Epiphanio  da 
Silva  Dias  com  uma  introducção  fobre  a  autobiographia  de  um  livre 
penfador  por  Theo  philo  Braga.  Lisboa  Imprenfa  Lucas,  içoi.  Braga 
macht  hier  den  Verfuch,  Uriel  da  Cofta  mit  einem  Rechtsgelehrten 
und  Theologen  Dr.  Gabriel  da  Cofta  an  der  Univerfität  Coimbra  zu 
identificieren,  der  1564  geboren  wurde  und  deffen  Tod  im  Jahre 
1616  gemeldet  ift.  Braga  möchte  diefe  Todesnachricht  als  fingiert 
erweifen,  um  die  Auswanderung  da  Coftas  zu  maskieren.  Diefer 
Verfuch  fcheitert  aber  an  den  Angaben  des  Exemplar  und  den 


2  32 


Anmerkungen 


urkundlichen  Funden  Mendes  dos  Remédios'.  Eine  (mir  nicht  zu- 
gängliche) Befchreibung  der  Schrift  da  Silvas  nach  einem  in  feinem 
Befitze  befindlichen  Exemplar  gab  Joaquim  de  Aranjo  in  feinen 
Judeus  Portuguefes.  Notas  de  Bibliographia  (Famalicão  1901,  S4  47). 

In  diefem  Zufammenhang  muß  auch  von  einer  Myftification  die 
Rede  fein,  diefich  fchon  als  ächte  Urkunde  in  die  da  Cofta-Literatur 
eingefchlichen  hat.  In  einer  Feimummer,  die  die  fpanifche  Zeitung 
El  Dia  zur  200- Jahr- Feier  Calderons  am  25.  Mai  1881  herausgab, 
veröffentlichte  Menendez  y  Pelayo  einen  fingierten  Brief,  den  der 
Chroniit  de  Barrios,  der  im  Jahre  der  Buße  da  Cofias  erft  15  Jahre 
alt  und  noch  nicht  in  Amfterdam  war,  an  den  marranifchen  Schau- 
fpieldichter  und  Soldaten  Antonio  Enriquez  de  Gomez  (1600 — 1650) 
in  Liffabon  gefchrieben  haben  foll.  In  diefem  Brief  gibt  de  Barrios 
von  den  Motiven  feiner  Niederlaffung  in  Amfterdam  Rechenfchaf t, 
erzählt  die  Execution  da  Coitas  (nach  dem  Exemplar)  und  berichtet 
am  Schluß  vom  Widerfpruchsgeift  eines  (damals  8jährigen)  Schü- 
lers mit  Namen  Spinoza.  Eine  fcherzhafte  Einkleidung,  in  der  der 
Name  Menendez  y  Pelayo  veríteckt  ift,  kennzeichnet  die  Spielerei. 
Diefen  Brief  grub  nun  die  Berliner  Voffifche  Zeitung  vom  18.  Juli 
1886  als  ächt  aus,  und  von  hier  aus  fcheinen  ihn  mehrere  jüdifche 
Blätter  übernommen  zu  haben.  Dazu  gehörte  auch  der  Amiter- 
damer  Ifraelitifche  Nieuwsbode,  der  den  Brief  am  6.  Auguft  1886 
abdruckte  und  am  13.  Auguft  durch  feinen  Redacteur  Roeft  in 
Einzelheiten  berichtigte.  Der  ausgezeichnete  Kenn  er  der  Gef  chichte 
der  fephardifchen  Gemeinde,  Henriquez  de  Caitro  erhob  im  gleichen 
Blatt  vom  20.  Auguft  Zweifel  an  der  Ächtheit,  wandte  fich  an  Me- 
nendez y  Pelayo,  von  dem  er  die  Beitätigung  der  literarifchen  Phan- 
tafie  erhielt  und  legte  den  Sachverhalt  im  Ifraelitifche  Nieuwsbode 
vom  4.  März  1887  klar;  im  Anfchluß  daran  erklärte  Roeft,  im  Ver- 
trauen auf  das  kurze  Gedächtnis  des  Lefers,  der  Nieuwsbode  habe 
denBrief  immer  für  unächt  gehalten  und  nie  abgedruckt.  In  neuerer 
Zeit  ift  die  auf  da  Coita  bezügliche  Stelle  des  Briefes  von  Benito  F. 
Alonfo  in  feiner  kleinen  Schrift  Los  Judios  en  Orenfe  (Orenfe  1904, 
S.  27 f.)  als  ächt  abgedruckt  und  auch  von  Dunin-Borkowski  (Der 
junge  De  Spinoza,  Münfter  1910,  S.  105,  540)  als  ächt  genommen 
worden.  Mir  ergab  fich  die  hiftorifche  Unmöglichkeit  des  Briefes 
und  die  umfaffende  Sachkunde  Sigmund  Seeligmanns  lieferte  die 
Daten  der  Myftification. 


Zur  Einleitung  233 

Erft  das  letzte  Jahrzehnt  hat  eine  wiffenfchaftlich  fundierte  da 
Cofta-Literatur  gezeitigt  und  damit  die  urkundlich  geficherte  Grund- 
lage für  feine  Lebensbefchreibung  geliefert.  Nachdem  J.  Perles 
zum  erften  Mal  in  der  zeitgenöffifchen  Literatur  documentarifche 
Nachrichten  über  da  Cofta  nachgewiefen  (Eine  neuer fchlo ff  ene  Quelle 
über  Uriel  Acofta  in  Monatsfchrijt  für  Gefchichte  und  Wiffenfchaft 
des  Judentums,  26.  Jg.,  Krotofchin,  1877,  S.  193 — 213)  —  ein  Nach- 
weis, der  lange  dadurch  wirkungslos  gemacht  wurde,  daß  ihm  fo- 
gleich  mit  anfeheinend  triftigem  Grund  Güdemann  widerfprach  (Be- 
merkung und  Ergänzung  zu  der  Abhandlung:  „Eine  neuer  fchlo  ff  ene 
Quelle  über  Uriel  Acofta1',  ebend.  S.  327 — 329)  —  gelang  es  dem 
portugiefifchen  Gelehrten  J.  Mendes  dos  Remédios  die  Spur  da 
Coitas  in  feiner  portugiefifchen  Heimat  nachzuweifen  und  in  Amfter- 
dam  das  Protokoll  des  Banns  gegen  ihn  zu  finden  (Os  Judeus 
Portuguefes  em  Amfterdam,  Coimbra  191 1,  Capitulo  VI.  Uriel  da 
Cofta.  Alguns  dados  inéditos  e  desconhecidos  para  a  fua  biographia, 
S.  157 — 168).  Das  Hauptverdienft,  die  Lebensdaten  da  Coftas 
fichergeftellt  zu  haben,  gebührt  Sigmund  Seeligmann  (Recenfion 
von  Mendes  dos  Remédios'  Buch  in  Zeitfchrift  für  Hebräifche 
Bibliographie,  Frankfurt  a.  M.  191 1,  XV.  Jg.  S.  41 — 43),  der  auf 
Grund  von  Müllers  Judaismus  zuerft  den  Hamburger  Aufenthalt 
da  Coftas  nachwies,  und  N.  Porges  (Leon  Modena  über  Uriel  da 
Cofta,  ebend.  S.  80 — 82,  Das  Wort  Pharifäer  bei  Spinoza  in  Monats- 
fchrift  für  Gefchichte  und  Wiffenfchaft  des  Judentums,  61.  Jg. 
Breslau  1917,  S.  150 — 165,  Zur  Lebens  gefchichte  Uriel  da  Coftas, 
ebend.  62.  Jg.  Breslau  1918,  S.  37 — 48,  108 — 124,  199 — 218),  der 
in  Leon  da  Modenas  Gegenfchrift  die  Propoftas  da  Coftas  wiederfand 
und  mit  umfaffender  Sachkunde  die  Einzelheiten  feiner  Biographie 
erörterte. 


ZUR  EINLEITUNG. 
VII.  Die  Abbildung  ftellt  die  Synagoge  der  1639  vereinigten  Ge- 
meinde nach  dem  Stich  von  Pieter  Perfoy  dar,  in  der  der  Bann 
über  da  Cofta  gefprochen  wurde.  (Vgl.  J.  S.  da  Silva  Rofa,  Over  de 

In  den  Anmerkungen  verweifen  die  vorangehenden  Ziffern  auf  die 
Seiten  die f es  Buches,  die  beigedruckten  Ziffern  auf  die  Zeilenzählung. 


234 


Anmerkungen 


VII-IX 


Oiidfte  Portugeefche  Synagoges  in  Chronicon  Spinozanum,  Tom.  I, 

Hagae  192 1,  S.  267-272.  VII.  2.  Karl  Gutzkow,  Der  Sadducäer 

von  Amsterdam  in  Soireen  (1835);  derf.,  Uriel  Acofta,  Trauerfpiel 
in  fünf  Aufzügen  (1846);  J.  Zangwill,  Uriel  Acofta  in  Dreamers  of 
the  Ghetto  (1898);  E.  G.  Kolbenheyer,  Amor  Dei,  ein  Spinoza- 
Roman  (1908).  VIII.  14  bis  IX.  18.   Im  fpanifchen  Urtext: 

Todos  los,  que  invocaren  el  nombre  dei  Sr.ferán  e/capados:  publicalo 
el  Propheta  Joel:  y  entrelos  horrores  de  la  cruel  Inquificion  lo  in- 
voco Mayor  Rodriguez  para  escapar  con  fu  marido  Gafpar  Lopez 
Homem  y  fus  hijos  Manuel  y  Antonio  Lopez  Pereyra:  y  fus  hijas 
Maria  Nunez  y  Jufta  Pereyra.  Manuel,  y  Maria  fe  embarcar on 
para  Holanda  con  fu  tio  Miguel  Lopez  en  el  Ano  Judayco  de  5353. 
que  correfponde  al  de  1593.  de  la  Chriftiandad.  Tomaron  los  Inglefes 
que  tenian  guerra  contra  Efpana  aios  propueftos  Navegantes:  y  un 
Duque  Inglês  enamorado  de  la  rara  hermofura  de  Maria  Nufíes  la 
folicitò  con  tan  amante  extremo  que  la  Reyna  Ifabela  de  Inglaterra, 
informada  de  fu  Amor,  ordeno  que  fe  la  traxefen  afu  prefencia:  ad- 
miro fu  hermofura  como  fu  modeftia  y  dexando  libre  al  Navio  por 
fu  refpecto  con  benignas  promefas  la  llevó  en  fu  Carroza  para  moftrar 
a  los  de  Londres  un  prodígio  de  belleza  que  no  rindiendofe  a  los  amo- 
rofos  Ruegos,  y  a  los  ofrecimientos  honorijicos,  y  proveckofos;  dexò 
toda  la  pompa  Inglefa  por  el  Judaifmo  que  obfervó  en  Amfterdam. 
Y  en  el  Ano  de  1598.  viniendo  de  Portugal  fu  madre  Mayor  Rodrigues 
con  fus  hijos  Antonio  Lopes  Pereyra,  y  la  famofa  Jufta  Pereyra  fe 
ajuftáron  los  Cafqmientos  de  Manuel  Lopes  Homem,  con  la  heroyca 
Maria  Nunes,  y  de  Jufta  Pereyra  con  fu  Primo  Francifco  Nunes 
Pereyra.  Y  en  fus  bodas  24.  primos  hermanos  de  los  defpofados  todos 
adultos;  las  folenizaron,  con  danças,  con  Muficas  y  juegos  differen- 
tes.  Antonio  Lopes  Pereyra  paffó  defpues  adonde  fue  Contador  Mayor 
dei  Rey  de  Efpana  y  balido  dei  Conde  Duque.  Y  la  celebre  Jufta 
Pereyra,  con  el  fentimento  de  haverfele  muerto  dos  hijos  atribuyendo 
fu  muerte  ala  detencion  de  no  circuncidarfe  fu  marido,  fe  aparto  de  el, 
hafta  que  fe  circuncido  por  mano  de  Uri  Levi.  Llamofe  en  la  circun- 
cifion  David  Abendana,  y  fu  muger  Jufta,  Abigail:  y  defte  fanto 

matrimonio  naciò  el  Jaxam  Manuel  Abendana.  VIII.  14 — 15. 

Joel  3,5.  —  VIII.  22.  De  Barrios,  deffen  Bücher  namentlich  in  den 
Jahreszahlen  von  Druckfehlern  wimmeln,  hat  5350  und  1593.  Es 


IX-XI 


Zur  Einleitung 


235 


muß  aber  heißen  5350  und  1590,  oder  5353  und  1593.  Sicherlich  ift 
die  letztere  Lesart  richtig,  wie  auch  Sigmund  Seeligmann  [Über  die 
er  fie  jüdifche  Anfiedlung  in  Amfterdam,  in  Mitteilungen  zur  jüdifchen 
Volkskunde,  herausg.  von  Dr.  M.Grunwald,  Breslau  1906)  annimmt, 
denn  Maria  Nufiez  ift,  wie  aus  ihrer  Trauungsurkunde  hervorgeht, 

1575  geboren,  war  alfo  1590  erft  15  Jahre  alt.  IX.  21  bis  X.  II. 

Die  Urkunden  lauten  im  Text  der  Puyboecken  der  Stadt  Amfter- 
dam: den  i$en  Augufti  1598  Compareerden  voor  Lauris  Jacobsz 
en[de]  D  Pieter  Schar -p,  Duarte  Serayva  van  Amarante  in  Portugal 
oudt  XXVI  Jaren  wonende  tot  Liffabon  wede  van  brüte  rodrigues, 
ter  eenre,  Ende  Maria  nunnez,  de  Saa  do  Porto  in  Portugal,  oudt 
XIX  Jaren  geaffifteerd  met  S.  Pedro  homem  hare  vader  en[de]  branca 
nunnez  hare  moeder  ter  andere  zijde  Ende  gaven  aen  [dat  fe  aen  mal- 
canders  verlovet  en  de  met  trouwe  verbünden  waren]  v[er]foekende  haere 
drie  fondaegfche  uytroepingen  omme  naedeflve  de  voorf[chreven]  trou- 
we te  folemnif eren  en[de]  in  alles  te  voltrecken  foe  verre  daer  anders 
geene  verhinderinge  voor  en  valle  Ende  naar  dien  fy  op  alles  naar 
behooren  geantwordt  hadden  fyn  hun  haere  geboden  v[er]williget. 
[w.  g.]  Maria  nunez.  [w.  g.]  Duarte  Sarajua.  —  DenXXV III  en 
Novembris  i$g8.  Compareerd[en]  voor  D.  Jacob [z  Rofencranz  ende 
D.  Pieter  Schaep,  Manuel  Lopez  home,  van  Porto  a  porto  oudt 
XXVII  Jaren  [wonende]  op  de  oude  zyds  voorburghwal,  geaffifterte 
met  Sr.  Pero  home  zyn  vader  en[de]  maria  nunnez  fyn  moeder  en[de] 
miguei  Lopes  home  fyn  00m  ter  eenre  ende  Maria  nunez  van  Liffe- 
boen  oudt  XXIII  Jaren  won[ende]  alsvoren,  geaffif teert  met  Sr.  duarte 
fernandez  dewelcke  v[er]claarde  prefent  geweeft  te  hebben  in  Lifbona, 
dat  de  vader  int  huwel[yk]  conf enteerde  ende  met  manoel  Lopez  pereira 
hare  br oeder  ter  andere  zyde  e[nde]  gaven  [aen  .  .  enz.]  [w.  g.]  Manuel 

lopez  home.  [w.  g.]  Maria  nunez.  Die  beiden  Urkunden  find 

von  Seeligmann  in  de  Joodfche  Courant,  I.  Jg.  1902,  Nr.  6  publi- 

ciert.  XI.  Die  Abbildung  ftellt  die  Synagoge  des  Bannfluchs 

in  der  Innenanficht  nach  dem  Stich  von  J.  Veenhuyfen  dar.  (Vgl. 

J.  S.  da  Silva  Roía,  a.  a.  O.)  XI.  4  bis  XV.  27.  Die  Denkfchrif t 

lautet  nach  dem  einzig  erhaltenen  Druck  der  erften  Ausgabe  im 
Befitze  des  Archivs  der  portugiefifch-ifraelitifchen  Gemeinde  in 
Amfterdam  folgendermaßen: 


236 


Anmerkungen 


XI 


MEMORIA  PARA  OS  S1GL0S  FUTUROS. 
Os  lluftres  H.  H.  A  falem,  R.  MOSSEH  URI  LEVI  que  Deos 
tem,  e  ò  feu  filho  AHARÔN  URI  ALEVI,  meu  Pay  e  fenhor  foram 
moradores  de  EMDEM,  na  Província  de  OOSTFRISLAND,  ei  in- 
hám  efcrito  [obre  á  porta  de  fua  caza  D^I^H  TlD**  Dlbt&H  fIDK  (que 
quer  dizer  Averdade  e  à  paz  he  o  fundamento  do  mundo,)  è  embaxo 
fuá  traducçam  em  língua  latina.  Sufedeo  que  no  Anno  5364.  arri- 
baram à  efta  cidade  dois  navios  vindos  de  Efpanha,  os  quais  traziam 
dez  Judeus  de  Efpanha  (àfabev  forfados)  e  quatro  meninos,  cargados 
de  mercadorias  e  com  os  moreis  e  alhajas  de  caza  que  traziam,  montava 
grande  cabedal;  è  faindo  a  terra  alguns  daqueles  Judeos  ,ou  pafagey- 
ros  dos  navios,  pafeandofe  por  a  cidade,  viram  levar  hum  pato  dego- 
lado para  à  caza  de  meu  Avó;  è  repararam  à  deviza  que  era  efcritura 
Hebrayca,  a  qual  elles  naõ  fouberam  leer,  chegando  dittos  à  fua  pou- 
zada,  dixeram  à  o  Ofpede,  que  queriam  aquelle  dia  jantar  hum  pato 
foy  ò  tal  ofpede  a  compralo  è  entrando  em  caza  de  meu  Avó  viu  ahi 
hum  pato  muy  gordo  degolado  pofto  fobre  hua  meza,  e  procurando 
comprar  ditto  pato,  dizendo  que  haviam  chegado  huns  Mercadores 
ricos  de  Efpanha,  os  quais  tinham  grandes  de[ 2 Jzejos  de  comer  hum 
pato  gordo  meu  Avó  fe  efcuzou  dizendo,  que  aquelle  ò  havia  man- 
dado fovár  para  elle  mefmo,  è  fazendo  ò  tal  ofpede  muitas  inftancias 
para  que  lho  vendeffe,  lhe  deu  o  pato  de  baixo  de  condigam,  que  por 
elle  lhe  daria  outro  pato  vivo  também  acondicionado  como  aquelle; 
foyfe  ò  goy  para  caza  muy  contente  com  ò  tal  pato,  e  prezentandoò 
diante  dos  ofpedes  Judeos,  dixeram  fer  taô  gordo  que  o  naõ  podiam 
comer;  e  preguntandolhe  dondeo  havia  comprado,  refpondeu  que  do 
Judeo  dixeram,  (como  admirados  os  forçados)  pois  como  ay  aqui 
Judeos?  refpondeo  b  goy,  que  fi,  è  que  tinha  à  fua  porta  huma 
diviza  em  Hebrayco;  Dois  dos  tais  Paffageyros  foram  o  dia  figuinte 
à  caza  de  meu  Avó  que  Deos  tem,  è  falando  com  elle  em  efpanhol 
naó  os  pode  elle  entender,  ê  chamou  á  feu  filho  Aharon,  (que  hera 
meu  pay  que  Deos  tem)  paraque  falaffe  com  elles,  lhe  dixeram  que 
queriam  falar  com  elle  ocultamente,  e  entrados  todos  em  hum  apofento, 
fe  declaram  com  meu  Paè.  dizendo  haviam  arribado  ahi  com  dois 
navios  fahidos  de  Efpanha,  que  entre  todos  eram  dez  Mercadores,  e 
quatro  meninos,  é  que  fe  queriam  circoncidar  porque  eram,  dos  filhos 
de  Ifrael;  à  o  que  lhes  refpondeu  meu  Pae,  nam  poder  executar  iffo 


XI 


Zur  Einleitung 


237 


neffa  cidade,  porque  todos  eram  Luteranos,  que  feguiam  à  religiam 
de  Lutero,  porem  que  lhes  mo  [traria  hum  paynel  que  tinha  em 
sua  caza  donde  eftava  pintada  á  cidade  de  [3]  Amfterdam  è  lhes  mo- 
[traria  na  tal  pintura  huma  torre  chamada  Monquelbaens  toren;  è 
que  quando  chêgaffem  à  ditta  cidade,  alugdffem  huma  caza  no  Jonker- 
ftraat,  de  fronte  da  ditta  torre  nomeada  arriba,  e  que  fiffeffem  um 
fenho  para  poder  f ab  er  achar  a  caza;  que  em  tempo  de  2  ou  3. f emanas 
combem  eftaria  la;  è  affi  fe  foram  para  Amfterdam  e  tomaram  huma 
caza  a  donde  lhes  dixe  defronte  da  torre  a  qual  torre  chamaó  os 
portuguefes  aynda,  a  torre  de  Aharon,  e  affi  foy  meó  avo  e  meó 
pay  que  Deos  tem  para  Amfterdam  a  vi) fitar  a  eftes  fenhores,  e  os 
acharam  na  rua  com  o  fenho  como  lhes  dixeram;  os  quais  quando 
vieram,  fe  alegraram  muito,  e  os  ferconfidaron  a  todos  os  10:  hommes 
e  4:  crianzas  e  tomaram  hua  camará  Donde  faziaòfua  horafam  todos 
os  dias  com  grande  devafam,  defpois  de  algumas  femanas,  foram,  os 
framengos  vezinhos  adar  conta  a  juftiça  como  moravam  áqui  gente 
que  viera  de  Efpanha  e  fedeixara  ferconfidar  de  dois  Judeos  que 
vieron  de  fora;  e  faziam  fua  orafam  todos  os  dias  em  uma  camará 
a  parte;  quando  ouviram  ifto  os  Sres  Búrgameftres,  deram  ordem  que 
tomaffen  Prefos  a  meó  avo  e  a  meó  pay  como  fizeram,  e  quando 
eftivéram  prefos  alguns  dias  defpois  os  trouxeram  diante  dos  Sres 
Búrgameftres,  elhes  perguntaram  quem  lhes  dava  effa  autoridade  de 
fazer  aquy  hua  religiam  nova  e  Judeus  e  ferconfidar  efta[4]  gente  que 
vieram  de  Efpanha,  vos  fondes  gente  que  mereçeis  amorte.  Refpon- 
deram  meos  Pais  a  os  Sres  Búrgameftres,  he  verdade  que  fizemos 
por  proveito  e  benefifio  de  efta  cidade  de  Amfterdam  para  fazella 
entrar  en  hum  grande  negofio,  bem  o  podíamos  ter  feito  en  otros 
lugares,  que  nos  quiferam  dar  toda  Libertade,  mais  ofizemos  para 
fazer  entrar  efta  cidade  em  grandes  negofios  por  mar  por  que  effa 
gente  defpanha  trouxeram  grandes  cabedais  y  riquefa  configo 
e  fè  os  Sres  forem  fervidos  de  dar  a  efta  gente  de  Efpanha  aliber- 
tade  de  poder  morar  aqui  libertamente  affeguramos  a  os  Sres  Búrga- 
meftres que  em  tempo  de  um  anno  teram  Vmds:  aqui  mais  de  50: 
Cazas  deffa  nafaó  de  Efpanha  e  Portugal  com  grandes  cabedais  e 
poraó  efta  cidade  de  Amfterdam  cabeça  de  todos  os  lugares  de 
Europa  de  negofio  por  que  de  antes  tinha  Amfterdam  poco  negofio, 
quando  ouviram  iffo  os  Sres  Búrgameftres  de  meó  avo  e  mèo  pay, 


238 


Anmerkungen 


XI 


pergutaram  donde  afßftia  effa  gente,  Ref ponderam  na  Caza  de  adonde 
os  Sres  nos  mandaram  tomar  prefos,  logo  os  mandaram  chamar 
diante  dos  Sres  Burgameftres,  e  quando  vieram  eftagente  de  Efpanha 
diante  dos  Sres  naó  fabiam  falar  fenaô  efpanhol  e  Latin  e  affi 
comeffaram  os  Sres  a  falar  Latin  com  elles  e  os  examinaram  e  acha- 
ram toda  a  verdade  como  lhes  dixeram  meos  pais  que  un  poco  tempo, 
dandolhes  effa  libértade  viriam  aquy  muytas  Cazas  principais  de 
Efpanha  y  Portugal  con[5 Jgrandes  cabedais,  quando  os  Sres  ouviram 
iffo  lhes  contentou  muito,  e  nos  mandaram  para  caza,  de f pois  man- 
daram os  Sres  chamar  a  meó  avo  e  a  meó  pay  que  Deus  tem  e  dixeram 
vofas  palabras  con  agente  defpanha  fe  acordaram  bem,  e  affim 
refolvemos  de  dar  os  toda  Libértade  do  mundo  de  morar  aqui  e 
obfervar  avoffa  ley  e  religiam  libertamente,  e  caza  de  faffer  voffa 
oraçam,  quando  oiviram  iffo  agradeceram  meos  pais  muyto  a  o 
Sres  Burgameftres,  e  foram  para  caza  com  grande  alegria,  e  trouxeram 
effa  nova  a  os  Judeus  de  Efpanha,  os  quais  os  abrafaram  e  choraron 
de  alegria  e  louvaram  a  Deus  bendito  por  amerce  que  lhes  fez,  e 
affi  efcreveram  para  Efpanha  e  portugal  da  libértade  q  os  Sres 
Burgameftres  de  Amfterdam  lhes  deram,  despois  diffo  vieram  muitas 
cazas  defpanha  e  portugal,  amorar  aqui  em  efta  cidade  e  meò  avo 
foy  feo  haham  e  meò  pay  seo  hafan,  e  os  ferconfidaram  e  foram  os 
autores  defte  K.  K.  e  lhes  ordenou  as  Refzas  e  as  efcamot  como  fe 
devem  governar  na  obfervanfa  dos  perfeytos  de  El  Dio  Bendito,  os 
quais  el  Dio  aumente  para  fempre  amen.  E  como  ouviram  os  Ju- 
deos  de  Alemanha,  e  Polónia  que  moravaò  aquy  Judeus  de  Efpanha 
e  portugal  vieraó  também  aquy  a  morar  é  fe  tomaram  toda  a  auto- 
ridade, ate  o  dia  de  oje.  Seja  o  fenhor  louvado  por  as  muitas  mercês 
que  nos  fez,  énos  aproxime  noffo  bem  con  a  vinda  de  noffo  Maffiah 
Amen.  Amfterdam  em  10  de  Kifleff  5471.  ÜRY  DE  ARON  ALEVY  [6 ] 
filho  do  H.  H.  a  Salem  R.  MOSSEH  VRY  LEVY  fundadores  defte  fanto 
K.  K.  que  el  Dio  aumente  por  muitos  Annos  Amen. 

Die  Denkfchrift  iít  von  einer  Approbation  begleitet,  die  folgen- 
den Wortlaut  hat:  Declaro  que  tive  conhecimento  no  tempo  de  minha 
mocidade  do  Infigne  e  venerando  H  H  Afalem  Mo  ff  eh  Uri  Levi, 
fendo  H  H  do  Beth  Jahacob,  nefte  illuftre  cidade  muitos  annos,  e 
Juntamente  lhe  ouvi  fua  pregação  por  via  de  Interprete,  fugeito  muy 
devoto  e  virtuofo;  também  conheci  [eu  filho  Aharon,  [er  Hazan  em 


XI 


Zur  Einleitung 


239 


Neve  Salom,  e  admirável  ferconcidador,  cujos  fugeytos  foram  fempre 
o  exemplo  da  virtude,  dotados  de  todas  as  excellencias  e  obras  illuftres, 
e  conhecidos  e  tidos  de  todos  por  tais,  fendo  o  lluftre  H  H  Aharon 
fempre  o  prymeiro  a  todos  os  actos  de  devoçam,que  fe  achavam  na  cidade, 
tanto  em  circoncidar  os  que  vieram  de  terras  eftranhas,  para  abrigar  fe 
debaxo  da  Protecçam  Divina;  como  também  feus  filhos,  tanto  para  ani- 
malos  ao  fervifo  da  Ley  de  Deos  e  como  fe  deviam  governar  na  fua 
obfervança  e  bons  coftumes;  e  por  paffar  affim  ha  verdade  o  firmey  de 
minha  mão,  Amfterdam  a  32  do  Homer  S433  e  e flava  firmado.  David 
filho  de  Ifhak  Cohen  de  Lara.  Também  eu  tive  conhecimento  do 
fugeito  afima,  e  fua  muita  virtude,  virtuozo  filho  de  virtuozos  e  fantos, 
e  fuy  [eu  particular  amigo  no  efludos  do  K.  K.  de  Neve  Salom, 
fendo  dotado  de  toda  a  perfeyçam,  e  virtude,  como  delle  dá  Fé  o  H.  H. 
afima,  o  que  confirmo  eu  também  [er  affim  verdade  aos  20,  do  Homer, 
de  5434  eflava  firmado.  Ifhak  Aboab.  (Ich  erkläre,  daß  ich  in  meiner 
Jugendzeit  den  ausgezeichneten  und  ehrwürdigen  fei.  Rabbi  Moffeh 
Uri  Levi  gekannt  habe,  der  in  die f er  vortrefflichen  Stadt  viele  Jahre 
hindurch  Rabbiner  von  Beth  Jahacob  war,  und  zugleich  hörte  ich  Pre- 
digten von  ihm  vermittels  eines  Dolmetfchers,  eine  [ehr  fromme  und 
tugendfame  Perfönlichkeit;  ebenfo  kannte  ich  feinen  Sohn,  der  Hazan 
in  Neve  Salom  und  bewundernswerter  Befchneider  war,  deren  Perfön- 
lichkeiten  immer  das  Beifpiel  der  Tugend  waren,  begabt  mit  allen 
Vorzügen  und  vortrefflichen  Werken,  als  folche  von  allen  gekannt 
und  gehalten,  indem  der  vortreffliche  Rabbi  Aharon  immer  der  erfte 
war  in  allen  Werken  der  Frömmigkeit,  die  in  der  Stadt  [ich  fanden, 
ebenfo  indem  er  die  aus  fremden  Ländern  kommenden  befchnitt, 
um  fie  unter  den  göttlichen  Schutz  zu  bergen,  wie  auch  feine 
Söhne,  als  auch  indem  er  fie  zum  Dienft  des  Gefetzes  Gottes  an- 
eiferte und  wie  fie  in  feiner  Beobachtung  und  in  guten  Sitten  fich 
regieren  müßten.  Und  zur  Bezeugung  der  Wahrheit  unter fchrieb  ich 
mit  eigner  Hand  Amfterdam  am  3.  Mai  1673  und  es  war 
unter  fchrieb  en.  David  Sohn  von  Ifhak  Cohen  de  Lara.  Auch  ich 
kannte  die  genannte  Perfönlichkeit  und  feine  befondere  Tugend, 
tugendfamen  Sohnes  tugendfamer  und  heiliger  Männer,  und  ich  war 
fein  befondrer  Freund  in  den  Studien  der  hl.  Gemeinde  Neve  Salom, 
indem  er  mit  aller  Vollkommenheit  und  Tugend  begabt  war,  wie  davon 
der  obengenannte  Rabbiner  Zeugnis  ablegt,  deffen  Wahrheit  ich  gleich- 


240 


Anmerkungen 


XI 


falls  bef tätige  am  Ii.  Mai  1674.  Ifhak  Aboab.)  Diefe  Appro- 
bation ift  nicht  authentifch,  fondern  nur  die  Nachbildung  eines 
Zeugniffes  der  beiden  Rabbiner  de  Lara  und  Aboab,  das  de  Bar- 
rios fchon  1684  veröffentlicht  hat,  in  dem  aber  Mofe  Uri  ha-Levi 
nur  als  Befchneider  und  Chazan  der  Gemeinde  Beth  Ja'aqob  be- 
zeugt wird.  Hillefum  (Uri-ha-Levi,  de  eerfte  Mohel,  Chazzan  en 
Predikant  der  Portugeefche  Joden  te  Amfterdam  in  het  Jaar  15^3, 
Overdruk  uit  het  Centraal  Blad  v.  Ifr.  in  Nederland,  Amfterdam 
1904)  hat  in  einer  Polemik  mit  Cardozo  de  Bethencourt,  der  für 
die  Rabbinerwürde  Mofe's  und  für  1604  als  Gründungsjahr  der 
Gemeinde  eingetreten  war,  mit  Recht  auf  diefe  gefälfchte  Appro- 
bation hingewiefen.  Indem  er  darin  einen  Verlegertrick  fieht,  zieht 
er  die  Authenticität  der  Memoria  überhaupt  in  Zweifel  und  möchte 
ihr  jeden  hiftorifchen  Quellwert  abfprechen  (a.  a.  0.  S.  6).  Darin  geht 
aber  Hillefum  m.  E.  viel  zu  weit.  Von  einem  Verlegertrick  kann  bei 
einem  Heftchen  von  acht  Seiten,  das  ficherlich  kein  Verlagsobject 
war,  kaum  die  Rede  fein.  Zudem  findet  die  Memoria  para  os  figlos 
futuros  in  der  (oben  S.  XVIII  reproducierten,  S.  XVI  überfetzten) 
Ehrenurkunde  für  Ifaak  Levi  eine  wertvolle  Beilätigung,  denn 
dort  wird  fie  ausdrücklich  als  Chronik  für  die  künftigen  Gefchlechter, 
und  zwar  als  Druckfchrift  (an  anderer  Stelle  gefchrieben  und  ge- 
druckt) citiert  und  ihr  ganze  Sätze  entnommen.  Daraus  wird  auch 
die  Entftehung  der  Memoria  verftändlich:  die  Familie,  insbefondere 
der  nach  Hamburg  auswandernde  Ifaak  Levi  brauchte  die  Ehren- 
urkunde als  Empfehlungsbrief  bei  auswärtigen  Sephardim,  und  dJe 
Gemeinde  beitätigte  in  der  Tat  den  Anfpruch  der  Familie,  foweit 
fie  ihn  für  hiftorifch  berechtigt  hielt,  wobei  fie  nur  den  Anfpruch 
des  fel.  Uri  ha-Levi  auf  die  Rabbinerwürde  nicht  gelten  ließ.  So 
gefehen  ift  aber  die  Memoria,  die  der  Ehren-Urkunde  zur  Unter- 
lage dienen  follte  und  wohl  für  folchen  Zweck  verfertigt  war,  ab- 
gefehen  von  den  der  Familieneitelkeit  entfprungenen  Zutaten  (wo- 
zu auch  die  fingierte  Approbation  gehört),  als  hiftorifche  Quelle 
durch  die  Gemeindebehörden  beftätigt,  die  in  der  lebendigen  Tra- 
dition die  einzige  mögliche  Controlle  befaßen.   XI.  10.  Die 

Jahreszahl  1604  iftficher  falfch,  denn  nach  dem  glaubhaften  Zeug- 
nis des  Chroniften  Franco  Mendes  wurde  fchon  1597  die  Synagoge 
Beth  Ja'aqob  eingeweiht  und  für  das  Jahr  1598  ift  die  fephar- 


XI-XVI 


Zur  Einleitung 


241 


difche  Kolonie  in  Amfterdam  durch  Hugo  Grotius  bezeugt.  Es 
fcheint  mir  daher  wahrfcheinlich,  daß  die  Aufzeichnung,  aus  der 
die  Memoria  fchöpfte,  5354  (ftatt  5364)  hatte,  und  das  Jahr  1594 

als  das  Jahr  diefer  (zweiten)  Einwanderung  anzunehmen  ift.   

XII.  1 — 5.  Fraglos  fcheint  mir,  daß  diefe  Expedition  mit  der  der 
Maria  Nunez  nichts  zu  tun  hat,  wie  es  wohl  fchon  Franco  Mendes 
in  feinen  handfchriftlich  im  Archiv  der  port.-ifr.  Gemeinde  in 
Amfterdam  aufbewahrten  Memorias  do  Eftabelecimiento  e  progref- 
fos  dos  Judeus  Portuguezes  e  Hefpanhoes  nefta  famofa  cidade  de 
Amfterdam  aus  dem  Jahre  1769  annimmt,  während  Graetz  (Ge- 
fchichte  der  Juden  3.  Aufl.,  9.  Bd.,  Leipzig  1891,  S.  479)  und  de 
Caitro  {De  Synagoge  der  Portugeefch-lfraelitifch  Gemeente  te  Amfter- 
dam, 's  Gravenhage  1875,  S.  3)  die  beiden  Expeditionen  iden- 

tificieren.  XIII.  29 — 31.  Nach  Franco  Mendes  wurde  die 

Gemeinde  am  Verföhnungstag  5357  (September  1596)  in  ihrem 

Bethaufe  überrafcht.  XV.  25.  Der  als  Autor  der  Memoria 

genannte  Uri  ift  der  als  Drucker  bekannte  Uri  Phoebus  ha-Levi, 
der  um  1700  in  Zolkiew  tätig  war  und  am  27.  Januar  171 5  in  Am- 
fterdam ftarb.  XV.  33  bis  XVI.  25.  Die  Urkunde  ift  im  Befitz 

von  Nachkommen  des  Mofe  Uri  ha-Levi,  1906  des  Dr.  jur.  J.E.Rofen 
Jacobfon  in  Amfterdam.  Der  Schluß  lautet:  Da  jetzt  auf  die  alte 
Freundfchaft  Anfpruch  erhoben  und  es  notwendig  wird,  das  Gute  der 
Eltern  die  Kinder  genießen  zu  laffen,  ift  vor  mich  gekommen  Ifaak, 
Sohn  von  Juda  Levi,  Sohn  Jacobs,  Sohn  des  fel.  Uri  ha-Levi,  indem  er 
mich  bat,  meinen  Namen  tinter  diefe  Schrift  zu  fetzen,  damit  ihm  fol- 
ches  zum  Beweis  bei  den  Parnaffim  der  fephardifchen  Gemeinde  in 
Hamburg  diene,  wohin  er  jetzt  fich  zu  begeben  vorhat,  daß  er  felbft  zur 
fephardifchen  Gemeinde  gehört  als  Urenkel  des  fel.  Uri  ha-Levi,  wie 
denn  auch  der  Vater  des  genannten  Ifaak  hier  auf  dem  beften  Teile 
des  Begräbnis  platze  s  begraben.  Da  nun  die  afchkenafifche  Gemeinde 
in  Hamburg  eine  befondre  Beftimmung  erlaffen  hat,  daß  niemand 
dort  zugelaffen  wird  um  Handel  zu  treiben,  wenn  er  nicht  Mitglied 
ihrer  Gemeinde  ift,  fo  diene  diefe  Erklärung  dem  Inhaber  als  Beweis 
feiner  Zugehörigkeit  zur  fephardifchen  Gemeinde,  wonach  er  alfo  in 
Hamburg  zugelaffen  werden  muß,  ohne  daß  man  ihn  daraus  ver- 
ftoßen  darf,  indem  er  zur  fephardifchen  Gemeinde  feine  Zuflucht  neh- 
men und  fie  ihn  gerade  wie  jeden  andren  Sepharden  befchützen  wird. 

Da  Costa  Opera.  16 


242 


Anmerkungen 


XVII-XXI 


Obfchon  allgemein  bekannt  ift,  daß  das  alles  der  Wahrheit  entfpricht, 
find  gleichwohl  unten flehende  Zeugen  vor  mir  erfchienen,  deren  Zeug- 
nis in  jeder  Hinficht  glaubwürdig  ift.  Gefchehen  Amfterdam,  am 

7.  März  ijiç.  Gez.  Samuel  da  Silva  Rofa.  Moffeh  Sanches.   

XVII.  32.  In  der  Verfchiedenheit  der  Ausfprache  liegt  das  Schick- 
fal  der  beiden  Raffen.  Die  fephardifche  Ausfprache  mit  ihrem  Vor- 
wiegen des  a-Lautes  ift  ein  ftolzes,  tönendes  Dur,  die  afchkena- 
fifche  mit  dem  Vorwiegen  des  o-Lautes  ein  dumpfes,  leidendes,  zu- 
weilen klagendes  Moll.  Im  jiddifchen  Jargon,  wie  er  heute  von  den 
Oftjuden  gefprochen  wird,  verbindet  fich  diefes  Hebräifch  mit  dem 
fpitzen  mittelalterlichen  Deutfch  zu  einer  Sprache  von  ficherem 
Rhythmus.  Wo  fich  diefer  in  fich  beruhende  Rhythmus,  unter 
gleichzeitigem  Zurücktreten  der  hebräifchen  Sprachbeftandteile,  in 
den  fingenden  Tonfall  der  Selbftironie  verwandelt,  kündet  fich  die 
innere  Unficherheit  und  das  Bewußtwerden  der  eigenen  Entwurze- 
lung.  XIX.  28.  Idolatria  ift  bei  den  Marranen  des  terminus 

technicus  für  die  katholifche  Religion.    XX.  4  bis  XXI.  25. 

Der  Arzt  Ifaak  (als  Chrift  Baltazar)  Orobio  de  Caftro,  geb.  ca. 
1620  in  Braganza,  verbrachte  drei  Jahre  in  den  Kerkern  der 
Inquifition  zu  Sevilla,  wurde  gefoltert  und  mußte  zwei  Jahre  lang 
das  Büßergewand  tragen;  dann  kam  er  über  Frankreich  (Tou- 
loufe)  nach  Amfterdam,  wo  er  1669  unter  den  Parnaffim  erfcheint 
und  1687  geftorben  ift.  Er  fchrieb  über  philofophifche  und  theo- 
logifche  Themata,  unter  anderem  auch  ein  Certamen  philofophicum 
gegen  Bredenburg  und  damit  gegen  Spinoza  (1684).  Von  befon- 
derem  Intereffe  ift  eine  in  Abfchriften  erhaltene  Streitfchrift  gegen 
einen  jungen  Amfterdamer  Arzt  Juan  de  Prado,  der  dem  Glauben 
an  die  hl.  Schrift  das  Bekenntnis  zu  Gott  und  Gefetz  der  Natuur  (la 
confefion  de  Dios,  y  Ley  de  naturaleza)  entgegenftellt.  (Die  Biblio- 
thek des  port.  ifr.  Seminars  in  Amfterdam  befitzt  drei  Copien,  eine 
unter  dem  Titel  Repuefta  a  un  Filo  fofo  Hebreo  1668  von  Abraham 
Machorro  hergeftellt,  eine  andere  unter  dem  Titel  Epiftola  Invectiva 
contra  Prado  un  Philo fopho  Medico.)  Der  angeführte  Text  ift  dem 
Anfang  diefer  Streitfchrift  entnommen.    Im  Original  heißt  es: 

Los  que  fe  retiran  de  la  Ydolatria  a  las  Provindas  donde  fe 
permete  libertad  a  el  Judaísmo,  fon  en  dos  maneras,  vnos  que  en 
llegando  a  el  deffeado  Puerto  recibiendo  el  fancto  firmamento  em- 


XXI-XXIV      Zur  Einleitung 


243 


plean  toda  fu  voluntad  en  amar  la  divina  Ley,  procurando  quando  al- 
catifa la  juerfa  de  fu  entender  à  aprender  lo  que  es  neceffario  para 
obfervar  religio famente  los  fagrados  preceptos,  fueros,  y  feremonias, 
que  con  el  mifero  captiverio  olvidaron  ellos,  y  fus  mayores,  oyen 
humildes  a  los  que  por  haver fe  criado  en  Judaísmo,  y  aprendido  Ley 
pueden  expiicarlo,  hazenfe  quanto  pueden  capazes,  de  los  eftilos,  tra- 
ducciones,  y  coftumbres  loables  que  obferva  Ifrael  por  todo  el  vni- 
verfo,  cadavno  conforme  fu  eftado,  y  poffiblidad  para  ordenar  fu  vida 
en  fervido  de  Dios,  y  evitar  los  errores  que  antes  ocafionava  la  igno- 
rância. Eftos  vinieron  enf irmos  de  ignorância,  mas  como  no  les  af- 
fiftia  la  horrible  enfirmidad  de  la  foberbia  facilmente  fanaria  guftando 
la  faludable,  y  fancta  medecina  que  le  ofrece  la  piedad  de  fus  hermanos; 
pues  enllegando  desde  el  mayor  Haham,  al  mas  Lego,  todos  procuran 
enfenarle,  paraque  no  yerre  en  la  obfervancia  de  la  Ley  divina. 

Otros  vienen  a  Judaísmo,  que  en  la  idolatria  eftudiaron  algunas 
[ciências  prophanas,  como  Lógica,  Philofophia,  Methaphifica,  y  Me- 
dicina, eftos  llegan  no  menos  ignorantes  de  la  Ley  de  Dios  que  los 
primeros,  mas  llenos  de  vanidad,  y  foberbia,  de  altives,  perfuadidos 
que  fon  doctiffimos  en  todas  matérias,  que  todo  faben,  y  aunque  igno- 
ran  lo  mas  effencial  creen  que  lo  faben  todo,  entran  debaxo  de  el  dichofo 
Jugo  dei  Judaismo  empieffan  a  oyr  de  los  que  faben  aquello  que  ellos 
ignoran,  no  les  permite  fu  vanidad,  y  foberbia  recebir  doctrina  para 
falir  de  la  ignorância,  pareceles  que  defcaecen  dei  credito  de  Doctos  fi 
fe  dexan  enfenar  de  los  que  verdaderamente  lo  fon  en  la  Ley  fancta, 
afectan  grande  ciência  en  contradezir  lo  que  no  entienden,  aunque 
và  todo  verdadero,  todo  fancto,  todo  divino,  pareceles,  que  con  hazer 
argumentos  fophif ticos  fin  fundamento  alguno  fe  acreditan  de  in- 
geniofos,  de  agudos,  de  cientes,  y  lo  peor  es  que  configuen  efta  opinion 
entre  algunos  que  por  fus  poços  anos,  ô  por  fu  mal  natural  prefumen  de 
discretos,  y  aunque  no  entienden  cofa  de  lo  que  dize  el  nuevo  Philo  - 
fopho  contra  la  Ley  de  Dios,  con  todo  hazen  como  que  lo  entienden, 
por  no  confeffar  que  no  lo  entienden,  y  quedar  calificados  de  enten- 
didos, eftos  acaban  de  enfoberbecer  al  tal  fophiftico,  crece  fu  foberbia, 
y  al  mifmo  paffo  fu  impiedad,  con  que  a  poços  lances  caen  en  el 
abismo  de  la  Apoftacia,  y  heregia. 

XXIII.  32  bis  XXIV.  34,  Die  Urkunde  findet  fich  in  den  Ref- 
ponfen  des  R.Joel  Sirkes  (1565— 1640)  EHn        JTDUtfMl  JTI^Ktf 

16* 


244 


Anmerkungen  XXIV-XXV 


(Frankfurt  a.  M.  1697,  Nr.  4).  Da  das  Gutachten  von  Breft  aus- 
ging und  Joel  Sirkes  1619  als  Rabbiner  nach  Krakau  kam,  ift  es 
161 8  zu  datieren.  Fränkel  hat  zuerft  (in  Literaturblatt  des  Orients, 
Leipzig  1847,  Nr.  47,  Sp.  747)  darauf  hingewiefen.  Hillefum  hat  fie 
(in  Nieuw  Ifrael.  Weekblad  vom  31.  März  1893)  zuerft  mit  der  Ab- 
fplitterung  der  Gemeinde  Beth  Jifrael  1618  in  Verbindung  ge- 
bracht, und  danach  fchrieb  Kayferling  im  gleichen  Sinne  über  Un 
Conflit  dans  la  communauté  Hifpano-Portugaife  d'  Am f ter  dam  —  [es 
conféquences  (in  Revue  des  Etudes  Juives,  Tome  XLIII,  Nr.  85, 
Paris  1901,  S.  275  f.).  Die  entfcheidende  Stelle  des  Refponfums 
lautet:  nty  ^  DTWDS  Ttf  Hpim  pSD  pM  ItyüW  MW  ^p 

my  mm  zrnt&n  .  ♦  ♦  pari  inao  sann  ^tes  sin  pian 
itw  idöiw  mty  . ♦  •  nWiiftn  nVna  njn  sin  rins  ppa 

sbo  ptói  nn5?  kbu  noa  n?  smi  tok 
i'w'?  t  n'w  n&pn  •»sann  arpfimas  b"i  wasn 
s5?  iösi  "»an  mty  liii  n&sn  fi^sn  mann  prftnai 
,ms  ^  S/T  nnnsi  s^ioVran  pi  as  "ü  prya  ntrn: 
ams  nnsöi  n^un  a^s  vbs  cps1?  irisaiBn  pnna  bijn 
ins  v*Kb  \r\i  abanana  nns  svn  nt^s5?  ^  jtwh  njnn  ,ifijrrt 
^nn  i&>s  nayan  •wjki  bnpn  -pi*1?  mann  aint^  mm 
tarnen  &"sn  ims  bistrt»  arwiff  a^aan  m^aja 
iasi  naisa  s1?  vnbst?  itrsai  na^n»  "»rna  sinn 
s"/im  in^vl  a^aanm  mnayan  maaann  Tai  ima  Tasn 
n'?^  s\n  sinn  t&"sn  *r  vnmn  ntran  p"pn  ^ntrn 
na1?  s1?  naw  mabn  V^ds  "O  a^-nas  ann  ltonruff  Detern 
^ipi  nasi  njw  nmss  bnsan  t^snb  nty  wan  sann  ^i^i 
iffsa  tyi  rty  ntran  V?as^i  s\nn  nrönn  lrw  s5?^  an 
amadas  Tya  a^pnma  a^m  nmtra  sroa  unrs5?  yun  nbs 
^•»toft  p"pn  t'äk  am  •»jös  ajwnn  na^prui 

XXIV.  1.  Nach  2.  Mofe  32,  18.  XXIV.  31.  Die  Rabbiner, 

von  denen  die  Anfrage  ausgegangen  fein  muß,  find  Jofeph  Pardo, 
Rabbiner  der  Gemeinde  feit  1597,  geftorben  1619,  Ifaak  Uziel, 
Rabbiner  feit  1610,  geftorben  1622,  und  Saul  Levi  Morteira,  Rab- 
biner feit  1616,  geftorben  1660.  XXV.  7 — 9.  Abraham  Farrar 

war,  wie  Cohen  (Spinoza  en  de  Geneeskunde,  Amfterdam  1920, 


XXV-XXVIII      Zu  r  Einleitung  245 

S.  45  f.)  feftftellt,  der  einzige  Arzt  jener  Zeit,  der  gleichzeitig  Ge- 
meindevorftand  war.  Er  iit  wie  da  Cofta  in  Porto  geboren,  hat  in 
Liffabon  practiciert,  war  (nach  de  Barrios)  feit  1614  Parnas  und 
ftarb  161 8.  (Von  einem  Abraham  Farrar  erfchien  1627  bei  Paul  van 
Ravefteyn  Declaração  das  6i 3  Ericomendangas  de  noffa  Sancta  Ley.) 
 XXV.  10 — 15.  Die  Gefchichte  des  Conflicts  und  der  Grün- 
dung der  dritten  Gemeinde  Beth  Jisrael  iit  noch  keineswegs  klar- 
geftellt.  Sicher  ift  eine  tiefgehende  Gärung  der  Gemeinde  im  Jahre 
1618  (nach  de  Barrios  durch  den  Rigorismus  und  die  Bußpredigten 
des  Rabbiners  von  Neweh  Schalom,  Ifaak  Uziel,  hervorgerufen). 
An  die  Spitze  der  Separation  trat  David  Oforio,  erfter  Rabbiner 
der  neuen  Gemeinde  wurde  David  Pardo  und  fpäter  neben  ihm 

Ifaak  Aboab.  XXV.  15—18.  Vgl.  153,  8—157,  2.  XXV. 

18 — 20.  Da  Farrar  älter  als  da  Cofta  und  fchon  bei  deffen  Ein- 
wanderung angefehen  war,  könnte  er  fehr  wohl  Einfluß  auf  da 
Cofta  geübt  haben.  XXVI.  12 — 13.  Vgl.  hierzu  meine  Ab- 
handlung Spinoza  und  der  Piatonismus  in  Chronicon  Spinozanum  I, 

Hagae  1921,  S.  178 — 234.  XXVI.  21 — 22.  Vgl.  Anm.  zu  105,  1 ; 

124,  1.  XXVI.  22—25.  'Vgl.  149,  I— 150, 5.  XXVI.  25 

bis  26.  Vgl.  106,  18 — 21;  125,  21 — 25.    XXVI.  26 — 27.  Vgl. 

106,  19 — 21  bezw.  125,  23 — 25  und  Anm.  dazu.  XXVI.  29 

bis  30.  Vgl.  105,  5—6;  124,  5—6.  XXVI.  30  bis  XXVII.  4. 

Vgl.  105,  23—106,  15;  124,  27—125,  18.  XXVII.  6—8.  Vgl. 

166,  6—9;  178,  19—23.  XXVII.  8—9.  Vgl.  164,  24—165,  3; 

176,  22 — 177,  6.  Die  Bibelcitate  da  Coftas  fcheinen  in  der  Tat  nach 

der  Vulgata  überfetzt  zu  fein.  XXVII.  13 — 17.  Vgl.  107,  10 

bis  18;  126,  19 — 28  und  Anm.  dazu.    XXVII.  15 — 16.  Vgl. 

110,  24;  130,  26.  XXVII.  22 — 23.  Vgl.  163,  8 — Ii;  174,  26 

bis  29.    XXVII.  29 — 33.  Vgl.  107,  19 — 25;  126,  29 — 127,  3. 

 XXVIII.  5 — 6.  Graetz,  Gefchichte  der  Juden,  10.  Bd.,  3.  Aufl. 

Leipzig  1897,  S.  17.  1612  erfcheint  da  Cofta  noch  nicht  in  der  Ham- 
burger Rolla  der  portugiefifchen  Nation.  XXVIII.  7 — 9.  Das 

Archiv  der  (feit  dem  Übertritt  des  Dichters  und  Gefchichtsfchrei- 
bers  Izaac  da  Cofta  chriftlichen)  Familie  da  Cofta,  in  das  mir  in  der 
bereitwilligften  Weife  Einficht  verftattet  wurde,  befindet  fleh  im 
Befitz  von  Herrn  A.  J.  da  Cofta  in  Amfterdam.  XXVIII.  11 

bis  13.  Vgl.  152, 27—153,  8.  xxviii.  13—15.  Vgl.  10,  4—7; 


246 


Anmerkungen 


XXVIII-XXX 


22,  1—7.  XXVIII.  15—18.  Vgl.  185,  31—186,  I;  187,  7— Ii. 

 XXVIII.  22 — 26.  Über  Leon  da  Modena  vgl.  u.  S.  249.  

XXVIII.  26—29.  Vgl.  150,  7—152,  25.    XXVIII.  29—34. 

Vgl.  153,  10—157,  2.  XXVIII.  34—35-  Vgl.  181,  27—28;  182. 

20 — 21.  XXIX.  3 — 4.  Dafür  fpricht  das  Document  157,  4 — 16, 

wenn  es  so  früh  datiert  werden  darf,  und  vor  allem  die  Schilderung 

64,  7 — Ii  bezw.  IOI,  I — 5.  XXIX.  4 — 5.  Vgl.  167,  5;  179,  26. 

 XXIX.  5—6.  Vgl.  157,  18—158,  8.  XXIX.  6—7.  Vgl. 

109,  15;  129,  8.  XXIX.  7-8.  Vgl.  182,  8-9;  183,  6-7; 

ferner  III,  2 — 6;  131,  6 — 10.  XXIX.  8 — Ii.  Vgl.  64,  7 — 11  ; 

101,  1 — 5.  XXIX.  18 — 22.  Vgl.  108,  10 — 23;  127,  29 — 128,  11. 

 XXIX.  22—25.  Vgl.  u.  S.  254 f.  XXIX.  25—28.  Vgl.  108, 

28 — 33;  128,  18 — 22;  ferner  162,  30 — 163,  2;  174,  Ii — 18.   

XXIX.  28— 32.  Vgl.u.  S.253ff.  XXIX.  34.  Vgl.109,  12;  129,  5. 

 XXX.  1—2.  181,  21—183,  10.  XXX.  2—7.  Vgl.  109,  15 

bis  20;  129,  9 — 14.  XXX.  8 — 9.  Vgl.  183,  12 — 184,  13.   

XXX.  9 — 13.  Vgl.  109,  20 — 25;  129,  14 — 20.   XXX.  13 — 14. 

Vgl.  109,  25 — 27;  129,  20 — 22;  ferner  184,  15 — 185,  10  und  Anm. 

 XXX.  15 — 17.  Vgl.  109,  27 — 29;  129,  22 — 24;  ferner  185,  19 

bis  22;  186,  18 — 25.  XXX.  29 — 34.  A.  Wolf  (Spinoza' s  [hört 

treatife  on  God,  Man,  &  his  well-being,  London  1910,  Introduction 
S.  XLIIIf.)  nimmt  an,  daß  die  Gemeinde  bei  ihrem  Vorgehen  gegen 
da  Coita  (und  ebenfo  fpäter  gegen  Spinoza)  durch  die  Rückficht 
auf  die  chriftlichen  Nachbarn  beitimmt  gewefen  fei,  denen  gegen- 
über fie  jede  Verantwortung  für  eine  Ketzerei  hätte  ablehnen  wol- 
len. Das  fcheint  mir  nicht  entfcheidend.  Die  Anfrage  an  Ja'aqob 
(0.  S.  185  ff.)  in  Verbindung  mit  dem  Refponfum  des  Joel  Sirkes 
gibt  über  das  Motiv  völlig  Auffchluß:  es  ift  der  betonte  Fanatis- 
mus defien,  der  fich  erft  durch  folchen  Fanatismus  die  Vollwertig- 
keit erwerben  muß.  Den  holländifchen  Chriften  werden  die  Reli- 
gionsftreitigkeiten  der  Juden,  die  fich  zudem  in  einer  ihnen  un- 
verftändlichen  Sprache  abfpielten,  fehr  gleichgültig  gewefen  fein. 
Sie  mußten  erft  durch  die  jüdifchen  Autoritäten  auf  die  Ketzerei 
hingewiefen,  ja  aufgehetzt  werden,  und  gingen  jenen,  wie  die  An- 
frage zeigt,  lange  nicht  weit  genug.  Wie  wir  aus  einem  bei  Grätz 
(Gefchichte  der  J"tden,  3.  Aufl.  Bd.  X,  S.  406)  angeführten  Refpon- 
fum des  Jacob  Sasportas  vom  Jahre  1683  wiffen,  verfuchten  fogar 


XXX-XXXVI      ZürEinleitung  247 

polnifche  Rabbiner  durch  Androhung  des  Banns  ihre  Jurisdiction 

auf  Amfterdam  auszudehnen.  XXXI.  8 — Ii.  Vgl.  185,  12  bis 

187,  19.  XXXI.  Ii— 15.  Vgl.  185,  23—24;  186,  25—29.  

XXXI.  20 — 23.  Vgl.  109,  30 — 110,  10;  129,  25 — 130,  8  und  Anm. 

—  XXXI.  24—30.  Vgl.  110,  10—20;  130,  8—21.  XXXI. 

30— 31.  Vgl.  in,  1—2;  131,  4— 5-  XXXI.  33— 34.  Vgl.112, 

17 —  18;  132,  30.  XXXII.  1 — 2.  Vgl.  110,  23 — 26;  130,  25 — 28. 

 XXXII.  3—5.  Vgl.  110,  26— in,  2;  130,  30—131,  5-  

XXXII.  5—7.  Vgl.  in,  2—6;  131,  6—10.  XXXII.  7—9.  Vgl. 

112,  27—31;  133,  8—13.  XXXII.  10—14.  Vgl.  in,  12— 112, 

14;  131,  17—132,  26.          XXXII.  16—18.  Vgl.  188,  3—195,  24 

und  Anm.  XXXII.  18.  Aguilars  Tratado  da  immortalidade  in 

dem  u.  S.  250  erwähnten  Band  der  Aguilar-Manufcripte  der  Biblio- 
thek des  portugiefifch-israelitifchen  Seminars  in  Amfterdam.  Mor- 
teiras Schrift  über  die  Unfterblichkeit  in  den  Obras  originaes,  einem 

Manufcript-Band  von  420  Seiten  ebendort.  XXXII.  19 — 23. 

Vgl.  195,  27 — 198,  22  fowie  u.  S.  280.  XXXII.  23 — 27.  112, 

18 —  27;  132,  31 — 133,  8;  ferner  200,  3—4;  202,  I — 2.  XXXII. 

27—29.  Vgl.  113,  18— 114,  24;  134,  6—135,  23;  ferner  200,  4—6; 

202,  2 — 5  und  203,  24 — 26.  XXXII.  29 — 32.  Vgl.  198,  24 — 27.  

XXXII.  34— XXXIII.  i.Vgl.  206,  14-18;  210,  3-8;  ferner  u.S.26of. 

 XXXIII.  2—5.  Vgl.  206,  18—25;  210,  8—17.  XXXIII. 

3—4.  Vgl.  123,  Ii— 13;  146,  18—21.   XXXIII.  5.  Vgl.  203, 

27—28.    XXXIV.  23—25.  Vgl.  42,  12—14;  74,  1—3.  

XXXIV.  25 — 29.  Vgl.  62,  15 — 34;  98,  28 — 99,  18;  ferner  120,  15 

bis  25;  142,  28—143,  8.   ■  XXXIV.  30—35.  Vgl.  64,  Ii— 17; 

101,  5 — 14.  XXXV.  12 — 19.  Vgl.  hierüber  meine  Abhandlung 

Spinoza  und  der  Piatonismus  in  Chronicon  Spinozanum  I,  S.  214 

bis  216.  XXXV.  26 — 32.  Vgl.  118,  10 — 119,  7;  140,  6 — 141,  11. 

 XXXVI.  3—4.  Vgl.  105,  22—23;  124,  26—27.  —  XXXVI. 

5— 8.  Vgl.  117,22—31;  139,  12—23.  XXXVI.  8— 11.  Vgl.  118, 

16—24;  140,  14—25.  XXXVI.  13—14.  Vgl.  117,  34;  139,  26 

bis  27.  Danach  Gutzkows:  Ins  Allgemeine  möcht  ich  gerne  tauchen, 

Und  mit  dem  großen  Strom  des  Lebens  gehn.  XXXVI.  15 — 18. 

Freudenthal  (Spinoza  I.,  S.  59)  hält  es  für  zweifelhaft,  ob  Spinoza 
das  Exemplar  kennen  konnte,  da  es  erft  zehn  Jahre  nach  feinem 
Tode  gedruckt  wurde.  Indes  befteht  die  Möglichkeit  durchaus,  daß 


248 


Anmerkungen 


XXXVI-XXXIX 


es  noch  in  Abfchriften  circulierte,  fo  wie  die  Propoftas  noch  23 
Jahre  nach  ihrer  Entziehung  in  Abfchriften  ihre  Wirkung  übten. 

 XXXVI.  27—30.  Vgl.  Cap.  XIV.  XXXVII.  21—23.  Vgl. 

107,  25—30,  Iii,  24,  117,  II— 12,  118,  I;  127,  4— Ii,  131,  30,  138, 

32—34,  139,  28—29.   XXXVII.  23—24.  So  Menafcheh  ben 

Ifrael,  De  termino  vitce,  Amfterdam  1639,  S.  19.  XXXVII.  25 

bis  26.  So  Menafcheh  ben  Ifrael,  De  refurrectione  Mortuorumy  Am- 
fterdam 1636,  S.  45,  48,  90,  91,  102.  Vgl.  0.  189,  15 — Í6,  191,  17; 

193,  1—2,  195,  23—24.    XXXVII.  26—30.  Das  hat  zuerft 

richtig  Porges  erkannt  und  nachgewiefen,  gegen  meine  eigne  fal- 
fche  Deutung  des  Begriffs  (Das  Wort  Pharifäer  bei  Spinoza  in 
Monats fchrift  für  Gefchichte  und  Wiffenfchaft  des  Judentums, 61.  Jg., 

Breslau  1917,  S.  150 — 165).    XXXVII.  31 — 34.  Jean  Brun, 

La  véritable  Religion  des  Hollandois,  Amfterdam  1675,  S.  222:  la 
fuperftition  1  Pharifaique,  à  la  quelle  ils  font  encor  attachez.   

XXXVIII.  3—5.  Vgl.  59,  24—28;  95,  14—19-    XXXVIII. 

7—20.  Vgl.  51,  19—52,  2;  85,  9—30.  XXXVIII.  26—32.  Vgl. 

TracL  Theol.  Pol.  X,  136  (nach  der  Seitenzählung  der  Ed.  pr.). 
  XXXVIII.  32—34.  Vgl.  TracL  Theol.  Pol.  VII,  83.   

XXXIX.  i — 5.  Vgl.  meine  Inédita  Spinozana  in  Sitzungsberichte 
der  Heidelberger  Akademie  der  Wiffenfchaften,  Philo fophifch-hi fto- 

rifche  Klaffe,  Jg.  1916,  13.  Abh.,  Heidelberg  1916,  S.  10 — 12.  

XXXIX.  5—6.  Vgl.  Tract.  Theol.  Pol.  VII,  102.  XXXIX.  8 

bis  11.  Vgl.  59,  16 — 61,  1;  95,  4 — 97,  2.    XXXIX.  11 — 14. 

Vgl.  Tract.  Theol.  Pol.  X,  136.  XXXIX.  15—19.  Vgl.  109, 

30—110,  6;  129,  25—130,  3  u.  Anm. 

ZU  DEN  PRO  POSTAS  CONTRA  A  TRADIÇÃO. 
Als  Abraham  Geiger  feine  Schrift  Leon  da  Modena  und  feine 
Stellung  zur  Kabbalah,  zum  Thalmud  und  zum  Chriftenthume  (Bres- 
lau 1856)  und  in  Verbindung  damit  Leons  fUXI  (Schild 
und  Tartfche)  publicierte,  nahm  er  an,  daß  die  in  diefer  Schrift  ent- 
haltenen Thefen,  die  als  Fragen  (Jn^NíT)  bezeichnet  werden,  nicht 
minder  als  die  Antworten  von  Leon  felbft  ausgehen,  und  daß  feine 
eigentliche  Ab  ficht  eben  die  Fragen  find;  Leon  habe,  um  die  Autori- 
tät des  Thalmud  und  der  Tradition  zu  untergraben,  feine  Thefen 
einem  fingierten  Autor  untergefchoben,  um  nicht  in  den  Verdacht 


Zu  den  Propostas  contra  a  tradição  249 

der  Ketzerei  zu  kommen,  und  ihnen,  um  den  Schein  zu  wahren, 
eine  Widerlegung  mitgegeben.  Noch  darüber  hinausgehend  hat 
Deutfch  (in  Menorah  VI,  S.  361)  die  ganze  Schrift  als  eine  moderne 
Fälfchung  erklärt.  Nun  hat  N.  Porges  den  Nachweis  erbracht 
{Leon  Modena  über  Uriel  da  Cofta  in  Zeitfchrift  für  hebräifche 
Bibliographie,  XV.  Jrg.  Frankfurt  a.  M.  191 1,  S.  80 — 82),  daß  die 
Thefen  von  da  Cofta  Hammen,  mit  deffen  anderweit  überlieferten 
Lehren  fie  genau  übereinftimmen,  ein  Nachweis,  der  feine  Beftäti- 
gung  dadurch  erhielt,  daß  ich  einen  Auszug  des  portugieiifchen 
Originaltextes  der  Thefen  in  der  Gegenfchrif  t  Rephael  Mofe  d'Agui- 
lars  auffand. 

Leon  da  Modena  ( 1 57 1 — 1649),  Rabbiner  in  Venedig,  ift  ein 
Beifpiel  dafür,  daß  jene  Spaltung  des  Bewußtfeins  fich  nicht  auf 
die  Marranen  befchränkte,  fondern  darüber  hinaus  Juden,  die  mit 
der  Renaiffance-Cultur  vertraut  geworden  waren,  zu  ergreifen  be- 
gann. Leon,  der  fich  um  des  Erwerbs  willen  in  vielem  verfucht, 
Polyhiftor,  in  den  Profanwiffenfchaften  wie  in  der  chriftlichen  Theo- 
logie wohl  erfahren,  ift  eine  feltfame  Mifchung  von  Aufklärung  und 
Aberglauben.  Er  ift  durchaus  Impreffionift,  die  Eindrücke  des 
Augenblicks  literarifch  formulierend,  und  dadurch  voller  Wider- 
fprüche.  Sein  Hauptwerk  ift  das  merkwürdigfte  literarifche  Docu- 
ment  jener  Bewußtfeinsfpaltung.  Erft  trägt  er  in  einer  Schrift, 
der  er  den  Titel  ^DD  blp  {Stimme  des  Toren)  gegeben,  alle  Argu- 
mente gegen  Thalmud  und  mündliche  Tradition  zufammen,  fordert 
eine  Reform  des  Judentums  durch  Vereinfachung  des  Cultus  und 
Befeitigung  der  Ritualien  und  zieht  felbft  die  Möglichkeit  in  Be- 
tracht, daß  die  Welt  nicht  Product  der  Schöpfertat  eines  perfön- 
lichen  Gottes  und  die  Offenbarung  am  Sinai  Menfchenwerk  fei; 
dann  fammelt  er  in  einer  Gegenfchrift  /T")K  ilJKt^  {Gebrülle  des 
Löwen,  mit  Anfpielung  auf  feinen  Namen)  Gegenargumente  ohne 
rechten  Ernft  und  ohne  Beweiskraft.  In  einer  anderen  Schrift 
QHJ  {Brüllender  Löwe)  bekämpft  er  den  Aberglauben  der  Qab- 
balah.  Obwohl  er  in  rtf¥l  als  Gegner  da  Coftas  auftritt,  gehört 
er  der  gleichen  Zeitftrömung  an  und  Graetz  hatte  das  Recht,  beide 
in  feiner  Gefchichte  der  Juden  im  gleichen  Capitel  Die  Wühler  zu 
behandeln. 

Das  Manufcript,  nach  dem  Geiger  T\W\  veröffentlichte, 


250 


Anmerkungen 


3-6 


war  in  feinem  Befitz.  Da  es  zur  Zeit  nicht  nachzuweifen  ift,  erfolgt 
die  Veröffentlichung  der  Propoftas  da  Coitas  in  der  Überfetzung 
Leons  nach  der  Publication  Geigers  mit  den  Emendationen,  die 
Porges  {Zur  Lebensgefchichte  Uriel  da  Coftas  in  Monats fchrijt  für 
Gefchichte  und  Wiffenfchajt  des  Judentums,  62.  Jrg.,  Breslau  1918, 
S.  114)  gegeben. 

Mofe  Rephael  d'Aguilar,  deffen  Gegenfchrift  uns  den  portu- 
giefifchen  Auszug  der  Propoftas  aufbewahrt  hat,  gehörte  zu  den 
Amiterdamer  Rabbinern,  die  da  Coita  bekämpften.  Wahrfchein- 
lich  in  Portugal  geboren,  fcheint  er  in  früheiter  Jugend  nach 
Amiterdam  gekommen,  denn  er  beherrfchte  das  Hebräifche  fo  voll- 
kommen, daß  er  darin  mit  feinen  Schülern  fich  unterhielt  und  hat 
auch  ein  Epitome  da  Grammatica  Hebray ca  (Leyden  1660)  ver- 
öffentlicht. 1642  ging  er  mit  Ifaac  Aboab  nach  Brafilien,  kehrte 
nach  dem  Zufammenbruch  der  niederländifchen  Colonie  nach 
Amiterdam  zurück,  fchloß  fich  im  meffianifchen  Jahr  1666  der  fab- 
bathianifchen  Bewegung  an  und  ift  1679  geftorben.  Ein  Folioband 
der  Bibliothek  des  portugiefifch-ifraelitifchen  Seminars  in  Amiter- 
dam umfaßt  eine  Reihe  nicht  im  Druck  veröffentlichter  kurzer 
Schriften  von  ihm,  als  erite  ein  Tratado  da  immortalidade  da  alma 
(S.  1 — 10),  der  wohl  durch  da  Coita  veranlaßt  ift,  aber  fich  nicht 
polemifch  mit  ihm  auseinanderfetzt,  als  einundzwanzigfte  der  Reihe 
die  Repofta  a  certas  propoftas  contra  a  tradição  (S.  355 — 391).  In 
diefer  Repofta  (vgl.  S.  195 — 198)  haben  wir  den  Verfuch  eines 
Rabbiners,  da  Coita  wieder  dem  Judentum  zu  gewinnen.  Daß  die 
Schrift  fich  gegen  die  23  Jahre  zurückliegenden  Propoftas  wendet, 
beweift,  daß  diefe  immer  noch  von  Wirkfamkeit  waren,  während 
da  Coita  deren  Standpunkt  fchon  längit  aufgegeben  hatte. 

Die  Handfchrift  d'Aguilars  —  es  ift  fein  Autograph  —  liegt 
unferer  Ausgabe  der  portugiefifchen  Propoftas  zugrunde. 

3.  4—5.  <  10.  14—16.  >  4.  Mofe  15,  37—41.  3.  8.  <  10.  23.  > 

2.  Mofe  13,  9.  3.  13— 14.  <  11.  1—4.  >  2.  Mofe  13,  9.   

3.  18.  <  11.  10 — 12.  >  2.  Mofe  13,  16.  3.  20 — 21.  <  11.  16 — 19.  > 

5.  Mofe  6,  6.    3.  23.  <ii.  21 — 22.)   Die  Stelle  findet  fich 

in  Wirklichkeit  5.  Mofe  4,  9.    3.  25 — 26.  <ll.  26 — 28.) 

Sprüche  3,  3.  4.  3.  <  11.  34.)  Die  Qaräer  (D^lp  von  Klp 


<io-i6> 


Zu  den  Propostas 


251 


lefen,  dh.  Feilhalten  am  Bibeltext)  ftellen  eine  fchismatifche  Bewe- 
gung innerhalb  des  Judentums  dar,  die  (im  Gegenfatz  zum  rabbini- 
fchen  Judentum,  das  nicht  nur  auf  das  Gefetz,  fondern  auch  auf 
die  Tradition  der  mündlichen  Lehre  fich  ftützt)  darauf  ausgeht, 
den  Bibeltext  allein  zur  Norm  für  Lehre  und  Leben  zu  machen. 
Im  8.  Jahrhundert  ins  Leben  getreten,  vom  10.  bis  12.  Jahrhundert 
auf  feinem  Höhepunkt,  tritt  der  Qaraismus  in  der  Blütezeit  der 
rabbinifchen  Cultur  in  Spanien  in  den  Hintergrund  und  lebt  fchon 
zur  Zeit  da  Coitas  nur  noch  in  einer  kleinen,  wenig  bedeutenden 
Secte,  vorwiegend  in  Ofteuropa,  fort.  Ein  Einfluß  des  Qaraismus, 
der  fein  abfolutes  Schriftprincip  nicht  durchführen  „konnte,  fon- 
dern fich  alsbald  eine  eigne  Tradition  bilden  mußte,  auf  da  Cofta 
ift  nicht  anzunehmen,  da  ihm  Urkunden  des  Qaraismus  kaum  zu- 
gänglich waren.  4.  18.  <  12.  29.  >  5.  Mofe  4,  6.  4.  22.  <  13. 

2 — 4.)  5.  Mofe  4,  2.  5.  i — 2.  <I3.  23 — 25.)  Nach  der  Er- 
zählung des  Midrafch  Rabba  foll  Elias  als  der  für  den  Bund  Gottes 
Eifernde  nach  Gottes  Geheiß  ftets  gegenwärtig  fein,  wo  immer  ein 

Knabe  in  den  Bund  eingeführt  wird.  5.  3.  Der  Text  bei  Geiger 

hat:  D^SIDHÖ  "inK  D}tt3E  fit  filVl  DK  Porges  möchte  den  von 
Geiger  felbft  bezweifelten  Text  verbeffern:  fityyü   fit  JTPfi  Ü$ 

D^BD^fiD  irtK  (oder  JHjD)  5-  5—6.  <  13-  31—32  >.  Da  Cofta  hat 

offenbar  das  circumcifio  der  lateinifchen  Verfion  im  Auge,  da  im 

Stamme  bbft  eine  ähnliche  Begriffsbefchränkung  kaum  liegt.  

5.  18 — 19.  <  14.  20 — 21.  >  2.  Mofe  13,  6 — 10,  eb.  23,  15,  3.  Mofe,  23, 

5 — 8.  5.  25 — 26.  <  14.  31 — 33.  >  2.  Mofe  12,  42  und  entfpre- 

chend  in  beiden  Nächten  die  Frage  des  Seder:  Was  ift  diefe  Nacht 

anders  als  alle  Nächte?  5.  29.  <  15.  5 — 6.  >  Nach  der  Erklärung 

des  Thalmud,  Tractat  Bezah  fo.  4b.  6.  6.  {15.  19 — 20.) 

3.  Mofe  20,  14.  6.  6 — 7.  <I5.  20 — 22.)  So  nach  der  Inter- 
pretation des  Thalmud,  Tractat  Sanhedrin  fo.  52  a.  6.  14 — 16. 

<  15.  32  bis  16.  4.  >  4.  Mofe  19,  1 — 10.  6.  20 — 28.  <  16.  10 — 28.  > 

2.  Mofe  21,  28 — 32.  6.  20 — 21.  <i6.  10 — 13.)  So  nach  der 

mildernden  Interpretation  des  Thalmud,  z.  B.  Tractat  Sanhedrin 

fo.  33.  6.  25 — 26.  <  16.  22 — 23.  >  2.  Mofe  21,  30.  6.  26.  Der 

Text  bei  Geiger  hat:  JTpfi5?  fiM.  Nach  Porges'  Vorfchlag  ift  "p m 

zu  ergänzen.  6.27.  Geiger  fchreibt:  [JTJDfi  V"X  •»?  '11  !]  AtKfl 

Nach  Porges  Vorfchlag  ift  hier  JTJKfi  zu  lefen  HJ-pDfi   6-  28- 


252  Anmerkungen       -  6-26 

<  16.  27 — 28.  >  2.  Mofe  21,  29.- — 6.  30.  <  ró.  31 — 32.  >  2.  Mofe  2i} 

33—34-  6.31.  <i6.  33—34->  2.  Mofe  22,  5.  7.  3—4.  <  17, 

5 — 8.  y  So  nach  der  mildernden  Umdeutung  des  Thalmud,  z.  B. 

Tractat  Baba  Kama  fo.  84.  7.  3.  Der  Text  bei  Geiger  hat  Ip^Ef 

wofür  Porges^pUtP  fetzt.  7.5 — 6.  <  17.  9 — 11.  >  3.  Mofe  24,  19 

bis  20.— — 7.  7 — 8.  <  17.  15 — 17.  >2.  Mofe  21,  18 — 20.  7.  9 — 10. 

<  17.  19 — 21.  >  2.  Mofe  21,  23 — 25.  7.  11.  <  17.  22 — 24.  >  2.  Mofe 

2i,  26 — 27. — —7. 19 — 20.  <  18.  4 — 6.  >  5. Mofe  25,  11 — 12.  8.  11. 

<I9.  12 — 14.  >  5.  Mofe  4,  i — 2.  8.  15.  <  19.  20 — 21.  >  Der  Text 

bei  Geiger  hat       und  weift  damit  auf  5.  Mofe  17,  19.  Das  Citat 

fteht  aber  5.  Mofe  27,  26,  und  danach  fit  f'S  zu  verbeffern.  

8.  18. <  19.25  >2.  Mofe  18,  26.  8.  22 — 23. <  19.  31 — 33.  >i.  Könige 

3,  9 — 12.  8.  25 — 26. <  20.  3 — 4.  >2.  Mofe  18,  21.  8.  30.  Porges 

möchte  ftatt        lefen  ""D"!,  was  an  fich  natürlich  ungezwungener 

wäre.  8.  32.  Der  Text  bei  Geiger   hat  yötfiTlbl,   wofür  mit 

Porges  zu  fetzen  ift  JPftttfnVl    9-  5 — II.  <  20.  24 — 32.  >  Welche 

Anflehten  da  Cofta  hier  im  Auge  hatte,  läßt  fich  nicht  ausmachen. 
Auch  Leon  da  Modena  weiß  nichts  damit  anzufangen,  und  d'Agui- 
lar  fchreibt:  Auf  das,  worin  er  fich  nicht  erklärt,  find  wir  nicht  ver- 
pflichtet zu  antworten;  aber  da  er  fo  im  allgemeinen  fpricht,  beftreiten 
wir  es  abfolut.  W er  dunkel  redet,  dem  kann  man  nicht  klar  antworten. 
Im  übrigen  meint  er,  wenn  da  Cofta  in  den  Glaubensartikeln,  wie 
fie  Maimonides  oder  Jofeph  Albo  ausgelegt,  derartiges  finde,  fo 
komme  es  nur  von  feiner  eignen  fchlechten,  irrigen  oder  ketzerifchen 

Anficht.  9.  20.  Für  ^KtörP,  wie  der  Text  bei  Geiger  hat,  ift  mit 

Porges  zu  fetzen  liOtsrp.  9.  20  <  21.  II.  >  Der  terminus  tech- 

nicus,  gebildet  in  Anlehnung  an  3.  Mofe  18,  30,  findet  fich  zuerft 

in  den  Pirke  Aboth  und  danach  häufig  im  Thalmud.    9.  29. 

<2I.  26 — 29.)  Das  Hallel-Gebet  wird  an  Neumonden  und  Feier- 
tagen gefprochen.  Der  Thalmud  erklärt  die  Formel  in  ähnlichen 

Fällen  unter  Berufung  auf  5.  Mofe  17,  II  oder  5.  Mofe  32,  7.  

10.  2 — 3.  <2i.  30 — 33.  >  So  in  den  S'lichoth,  mittelalterlichen  Poe- 

fien  zum  Jörn  Kippur.  10.  6.  <  22.  4 — 5.)  Geiger  verfteht: 

entweder  durch  Zuftimmung  oder  durch  eine  gründliche  Widerlegung 
aus  Schrift  und  Vernunft,  nicht  aber  mit  Streitfucht  und  Hartnäckig- 
keit, fondern  im  wahren  Bekenntnis  Gottes  und  feiner  heiligen  Lehre. 
Porges  (a.  a.  O.  S.  110)  überfetzt,  das  Mißverftändnis  Geigers  zu- 


<i6-32> 


Zu  Sobre  a  Mortalidade 


253 


rückweifend:  entweder  durch  Gegenbeweife  aus  der  Schrift  und  der 
Vernunft  und  durch  gründliche  Widerlegung  der  auf ge [teilten  Thefen 
oder  durch  Zuftimmung,  und  es  möge  mir  folches  nicht  als  eine  Art 
Streitfucht  und  Hartnäckigkeit  ausgelegt  werden,  fondern  als  Be- 
kenntnis zum  Namen  Gottes  und  zur  Ehre  feines  heiligen  Gefetzes. 

—  Vgl.  107,  23 — 25;  127,  I — 3.  26.  26.  Im  Ms.  falfch:  Outava 

propofiçàô.  30.  Im  Ms.  falfch:  ça  Propofta.  26.  33.  <32. 

18.  >  Die  Ii.  Thefe,  die  Leon  da  Modena  vorlag,  fehlt  hier  und  hat 
auch  d'Aguilar  nicht  vorgelegen  (vgl.  195,  27;  197,  6). 

ZU  SOBRE  A  MORTALIDADE  DA  ALMA. 

Wie  wenig  bis  vor  kurzem  von  einer  da  Cofta-Forfchung  die 
Rede  fein  konnte,  geht  fchon  daraus  hervor,  daß  bisher  die  eigent- 
liche Gegenfchrift  gegen  das  Hauptwerk  da  Coftas  noch  nie  einer 
genauen  Durchficht  unterzogen  wurde,  fo  daß  es  bis  heute  un- 
bekannt blieb,  daß  uns  darin  da  Coftas  Schrift  felbft  in  den  ent- 
fcheidenden  Capiteln  über  die  Sterblichkeit  der  Seele  aufbewahrt  ift. 

Semuel  da  Silvas  Tratado  da  Immortalidade  (der  genauere  Titel 
o.  S.  159)  ift  ein  klein  Octav-Bändchen  von  etwas  überhöhtem 
Format  (Satzfpiegel  7,2x13,2  cm)  von  178  Seiten.  Es  ift  eingeteilt 
in  Vorrede:  Ao  benigno  Leitor  S.  3 — 6  und  30  Capitel:  Cap.  I.  Da 
criação  do  homem  &  de  fuas  perfeiçoins.  S.  7 — 10.  Cap.  II.  Das 
opinioins  acerca  da  Alma  entre  os  Philofophos  das  gentes.  S.  IO — 12. 
Cap.  III.  Em  que  fe  refutaõ  as  opinioins  aßima  &  fe  poem  a  verda- 
deira. S.  12 — 13.  Cap.  IV.  Em  que  fe  proua  a  immortalidade  da 
alma  por  parte  do  entendimento.  S.  14 — 18.  Cap.  V.  Em  que  fe 
proua  a  imortalidade  da  alma  por  parte  da  vontade.  S.  19 — 21. 
Cap.  VI.  Em  que  fe  iluftra  a  mefma  proua  por  parte  da  juftiça 
divina.  S.  22 — 24.  Cap.  VII.  Em  que  por  paffos  da  efcritura  fe 
confirma  de  todo  efta  verdade.  S.  24 — 27.  Cap.  VIII.  Da  falfa 
definição  da  alma  do  homem  &  ignorância  do  author  delia.  S.  27 — 32. 
Cap.  IX.  Que  a  alma  do  homem  naõ  procede  da  matéria  como  a  dos 
brutos  &  repofta  do  argumento  en  contrario.  S.  32 — 37.  Cap.  X. 
Que  Deus  introdus  as  almas  nos  corpos  humanos  por  modo  a  nos  oc- 
culto.  S.  38 — 40.  Cap.  XI.  Da  imortalidade  da  alma  &  mundo  vin- 
douro refutando  a  falfa  conclufaõ  do  contrariador.  S.41 — 45.  Cap. XII. 
Confirmaffe  a  verdade  do  mundo  vindouro  refutando  mais  as  f alfas 


254  Anmerkungen 

rezoins  em  contrario  S.  45 — 48.  Cap.  XIII.  Que  os  padres  conheçeraò 
o  mundo  vindouro.  S.  48 — 52.  Cap.  XIV.  Que  as  almas  dos  bemaven- 
turados  gozam  da  gloria  de  Deus  &  o  louvaõ.  S.  53 — 59.  Cap.  XV. 
Da  impertinençia  de  [te  contrariador  em  alguas  rezois  que  alega. 
S.  59 — 68.  Cap.  XVI.  Dos  novos  argumentos  &  repoftas  do  con- 
trariador, &  confutação  da  primeira  delias.  S.  68 — 73.  Cap.  XVII. 
Que  a  alma  do  homem  tem  nome  proprio  com  que  também  fe  diftingue 
da  alma  dos  brutos.  S.  73 — 82.  Cap.  XVIII.  Que  explica  algüs  paf- 
fos  mal  entendidos  do  contrariador.  S.  82 — 87.  Cap.  XXIX.  Do  mal 
que  o  contrariador  entende  &  nega  o  paffo  da  alma  de  Semuel  vir 
falar  a  Saul.  S.  87 — 97.  Cap.  XX.  Repeteffe  o  argumento  da  juftiça 
divina,  &  moftraffe  a  falfa  explicaçam  do  adverfario  fobre  ella. 
S.  97 — 107.  Cap.  XXI.  Moftraffe  mais  a  verdade  por  outros  ver f os 
mal  entendidos  do  adverfario.  S.  107 — III.  Cap.  XXII.  Da  refur- 
reiçaô  dos  mortos  &  falfa  explicação  dos  verfos  trazidos  em  contrario. 
S.  112 — 124.  Cap.  XXIII.  Que  o  livro  de  Daniel  he  canónico  contra 
a  infolencia  do  adverfario  que  o  nega.  S.  124 — 139.  Cap.  XXV.  Que 
he  devido  fazer  bõs  officios  &  rogativas  poios  mortos  contra  a  barbaria 
do  adverfario.  S.139 — 143.  Cap.  XXV I.  Que  he  devido  humilharfe  o 
Yudeo,  &  quebrantarfe,  &  ynda  deixar  a  própria  vida  por  Santi- 
ficar o  nome  do  Senor.  S.  144 — 147.  Cap.  XXVII.  Dos  bes  que 
fe  feguem  de  efperar  pola  outra  vida  contra  a  ignorância  do  adver- 
fario. S.  147 — 149.  Cap.  XXV III.  Da  perdição  em  que  vem  dar 
quem  fe  coftuma  &  obftina  emrõisopinõis.  S.  150 — 155.  Cap. XXIX. 
Da  ley  de  boca  &  verdadeira  tradiçam.  S.  156 — 160.  Cap.  XXX. 
De  alguas  rezois  que  provam  a  verdade  da  tradiçam  &  ley  de  boca. 
S.  160 — 170.  Cap.  ultimo.  Da  verdade  de  no  ff  as  contas  nas  luas 
novas  &  folenidades.  S.  171 — 178.  Der  Text  der  Schrift  da  Coitas, 
die  widerlegt  werden  f oll,  ift  von  Cap.  VIII.  (S.  28)  ab  bis  Cap. 
XXVIII.  (S.  151)  in  den  Text  geftellt,  durch  Curfiv-Druck  von 
diefem  unterfchieden  und  jedesmal  durch  Diz:,  Diz  mais:  oder  Diz 
eile  mais:  eingeleitet. 

Wie  da  Silva  bezeugt  (vgl.  0.  S.  162,  3  bis  163,  2  bzw.  174, 
II — 18),  hat  er  von  da  Coftas  Schrift,  die  er  vor  ihrer  Veröffent- 
lichung fchon  zu  widerlegen  unternahm,  nicht  mehr  erhalten  kön- 
nen, als  ein  Heft,  das  diefe  drei  Capitel  enthielt.  Haben  wir  darin 
die  entfcheidenden  Stellen  feines  Hauptwerks  zu  fehen?  Da  Cofta 


Zu  Sobre  a  Mortalidade  da  Alma  255 


berichtet  im  Exemplar,  er  habe  ein  Buch  gefchrieben,  um  aus  dem 
Gefetz  felbft  die  Nichtigkeit  der  pharifäifchen  Tradition  und  Obfer- 
vanz,  und  den  Widerftreit  ihrer  Traditionen  und  Einrichtungen  mit 
dem  mofaifchen  Gefetz  nachzuweifen;  in  der  Ausarbeitung  felbft 
kam  er  dazu,  Lohn  und  Strafe  des  alten  Gefetzes  in  zeitlichem  Sinn 
zu  begreifen,  nicht  im  Hinblick  auf  ein  andres  Leben  und  auf  die 
Unfterblichkeit,  weil  das  mofaifche  Gefetz  völlig  darüber  fchweige  und 
denen,  die  das  Gefetz  beobachten  und  übertreten,  nur  zeitliche  Beloh- 
nung oder  Strafe  in  Ausficht  ftelle  (vgl.  S.  108,  10 — 23  bzw.  127, 
29  bis  128,  Ii).  Die  zweite  Abteilung  des  Buches,  die  Unter- 
fuchung  über  zeitliche  und  ewige  Strafe  und  über  Sterblichkeit  und 
Unfterblichkeit,  ift  uns  reftlos  in  da  Silvas  Gegenfchrift  erhalten. 
Die  erfte  Abteilung,  aus  22  Capiteln  beftehend,  eine  Vergleichung 
der  rabbinifchen  Tradition  in  Lehre  und  Cult  mit  der  Thora,  liegt 
uns  in  den  Grundzügen  fchon  in  den  Propoftas  vor,  nur  ift  zweifel- 
los vieles  weiter  ausgearbeitet  worden.  So  hat  vor  allem  die 
fiebente  Propofta  über  das  Grundfätzliche  der  mündlichen  Lehre,  die 
auch  den  gedanklichen  Kern  der  Propoftas  bildet,  als  7.  Capitel 
des  Buches  die  erfte  und  Hauptgrundlage  unferer  Thefe  (o  primeiro 
&  principal  fundamento  de  noffa  propofiçam  vgl.  S.  67,  31 — 33 
bzw.  IOI,  32 — 34)  ihre  weitere  Ausführung  erfahren.  (Da  Silva 
hat  diefes  Capitel  nicht  gekannt,  vgl.  S.  168,  I — 5  bzw.  180, 
28 — 34.)  Neben  der  in  den  Propoftas  behandelten  Frage  der 
zweiten  Fefttage  hat  fich  offenbar  da  Cofta  auch  mit  dem  Problem 
der  Fefttagsberechnung  nach  den  Neumonden  befchäftigt  (vgl. 
S.  168,  6 — 13  bzw.  181,  I — ro,  ferner,  187,  8 — Ii).  Das  Manu- 
fcript,  das  da  Silva  abfchrieb  und  uns  überlieferte,  dürfte  dann  in 
einer  vielleicht  unter  Berückfichtigung  der  Argumente  da  Silvas 
umgearbeiteten  Form  in  da  Coftas  Gegenfchrift  Examen  das  tradi- 
çoens  Pharifeas  conferidas  con  a  Ley  efcrita  übergegangen  fein,  in 
der  er  die  Unfterblichkeit  mit  aller  Macht  bekämpfte  und  in  der  er 
auf  manches  hinwies,  worin  die  Pharifäer  von  Mofes  abweichen  (vgl. 
S.  109,  14 — 20  bzw.  129,  10 — 14).  Da  Coftas  Examen  das  tradi- 
çoens  Pharifeas  ift  verfchollen,  indeß  haben  wir  die  Gewißheit,  in 
den  Propoftas  und  nunmehr  in  den  Capiteln  Sobre  a  mortalidade  da 
alma  den  wefentlichen  Inhalt  feiner  Lehre  zu  befitzen. 

Da  Silvas  Gegenfchrift  ift  von  äußerfter  Seltenheit.  Bisher  find 


2$6 


Anmerkungen 


35-50 


nur  vier  Exemplare  von  ihr  bekannt  geworden,  eines  in  der  Biblio- 
thek des  portugieiifch-ifraelitifchen  Seminars  in  Amilerdam,  ein 
zweites  in  der  Rofenthaliana  (Univerfiteits-Biblioteek)  in  Amiler- 
dam, früher  im  Befitze  von  Henriquez  de  Caftro,  ein  drittes  im 
British  Mufeum  und  ein  viertes  im  Befitz  von  Joaquim  de  Aranjo 
in  Portugal. 

Über  da  Coftas  Gegner  Semuel  da  Silva  wiffen  wir  nicht  viel 
mehr,  als  was  feine  Schrift  felbft  uns  mitteilt.  Er  ift  in  Portugal 
geboren,  offenbar  erheblich  älter  als  da  Coita,  lebte  wohl  vor  fei- 
ner Auswanderung  in  Oporto  und  veröffentlichte  1613  in  Amfter- 
dam  die  fpanifche  Überfetzung  eines  maimonideifchen  Tractats 
über  die  Buße  unter  dem  Titel:  Tratado  de  la  Tefuvah  0  Contri- 
cion.  Traduz.  Palabra  por  Palabra  de  Lengua  Hebray ca  en  Espanol. 

35.  9 — 10.  {6$.  10 — 11.  >  Da  Coita  denkt  offenbar  an  fpätmittel- 

alterliche  Daritellungen  des  jüngiten  Gerichts  u.dgl.  35.  18 — 19. 

<65.  21—23.)  Prediger  3,  19.    35.  19—20.  (65.  23—24.) 

3.  Mofe  17,  10 — 14.  35.  32.  Im  Text:  en  tendido.  36.  7 — 10. 

<66.  13 — 15.  >  1.  Mofe  1,  28.  36.  11 — 12.  <66.  17 — 18.  >  i.Mofe 

5,  3.    36.  15—17.  <66.  22—25.)  Prediger  3,  19.   36.  24. 

<66.  32.)  Vgl.  oben  S.  XXXVII— XXXIX.  37.  17—18.  {67. 

30 — 31.  >  1.  Mofe  2,  17.  37.  22 — 23.  <  68.  2 — 3.  >  I.  Mofe  3,  19. 

 37-  29—32.  <68.  12—14.)  1.  Mofe  15,  2.  38.  3—4.  <68. 

20 — 21.)  I.  Mofe  27,  28 — 29.    38.  5 — 8.  <68.  23 — 26.)  Pre- 
diger 4,  3.   38.  9.  <68.  27.  >  Hier  zeigt  der  Text  in  der  Über- 
lieferung da  Silvas  eine  kleine  Lücke.   Zur  Ergänzung  vgl.  190, 

16 — 21;  194,  12 — 18.    38.  9 — 14.  <68.  27 — 32.)  Pfalm  88, 

11 — 13.  38.  18 — 20.  <69.  4 — 6.  >  Pfalm  115,  17 — 18.  20. 

Der  Text  hat  Por  iffo  eftes,  &  outros  lugares.  Es  ift  wohl  em  ein- 
zufügen.  38.  24 — 30.  {6g.  12 — 20.)  Pfalm  39,  6 — 7,  13 — 14. 

 26.  Im  Text:  fombra.   29.  Im  Text:  enfortecermeei.  

38.  30— 34.  (69.  20—25.  >  Pfalm  78,  38—39.  38.  32.  Im  Text: 

esperatara.  38.  34 — 39.  6.  {69.  25 — 34.  >  Hiob  7,  6 — 10.  

39.  3.  Im  Text:  olho.  39.  6—8.  {6g.  33—70.  3.  >  Hiob  7,  16. 

 39.  14—21.  <70.  8—19.)  Hiob  14,  7—12.    39.  27—29. 

<70.  26 — 29.)  Pfalm  13,  4 — 5.   40.  3 — 7.  <7i.  6 — 10.  >  Hiob 

16,  22.  40.  12.  <  71.  16 — 17.  >  1.  Mofe  3,  19.  40.  34 — 41.  1. 


<65-83>      Zu  Sobre  a  Mortalidade 


257 


<  72.  10 — 11.  >  Hiob  ft  7.  41.  2 — 3.  <  72.  12 — 14.  >  Pfalm  78, 

39.  41.  5.  Im  Text:  o  corpo  tal.  41.  9 — II.  <  72.  23 — 25.  > 

1.  Mofe  18,  27.   41.  25.  <  73.  9 — 10.  >  1.  Mofe  3,  19.   41. 

28—34.  <  73-  13—19.  >  Prediger  3,  19.  42.  5—10.  <  73.  26—31.  > 

Prediger  3,  20 — 22.  — —  14.  Im  Text:  cadebal.  42.  28.  (74. 

19.  >  1.  Mofe  I,  26 — 27.  43.  i.  <  74.  24.  >  i.  Mofe  2,  7.  43. 

3—4.  <74.  26—27.)  i.  Mofe  2,  17.  43.  6—7.  <74.  30—75.  L> 

2.  Mofe  32,  32.  43.  10 — 11.  <75.  4 — 5.)  1.  Samuel  28,  3 — 20. 

  43.  12.  <75.  6.)  2.  Könige  2,  11.  43-  6—7.  {75.  7.) 

2.  Könige  4,  18—37.  43.  18—20.  <75.  14—16.)  Pfalm  16, 

10.  43.  20 — 21.  <  75.  16 — 17.  >  Pfalm  31,  20.  43.  22.  Im 

Text  fehlt  IX.  Der  Satz  ift  ohne  a  linea  an  das  Vorhergehende 

angefchloffen.  43.  22 — 23.  {75.  18 — 20.  >  Jefajas  26,  19.  

43-  25—29.  <75-  22—27.)  Hiob  19,  25—27.  43.  29—30.  <75. 

27 — 28.  >  Daniel  12,  2.  44.  15 — 17.  <  76.  14 — 16.  >  Hiob  10,  5. 

 44.  20 — 21.  <  76.  19 — 20.  >  1.  Mofe  2,  7.  44.  27.  <  76.  27 

bis  28.  >  1.  Mofe  1,  24.  44.  29.  <  76.  30.  >  1.  Mofe  2,  7.  44. 

30—31.  <76.  32—33.)  Prediger  3>  19.  45.  16—22.  {77.  22 

bis  29.  >  Pfalm  146,  2 — 4.  45.  22 — 24.  <  77.  30 — 33.  >  Prediger 

9,  10.  45-  27—30.  <  78.  2—5.  >  Hiob  34,  14L  45-  30—31. 

<  78.  5 — 7.  >  Pfalm  104,  29.  46.  10 — 11.  <  78.  22 — 23.  >  1.  Mofe 

2,  17.  46.  21— 23.  <  79.  3—4.  >  Hefekiel  33,  11.  47.  3—4. 

<  79.  23 — 24.  >  2.  Mofe  32,  32.  47.  17 — 18.  <  80.  5 — 8.  >  4.  Mofe 

11.  15.  —47-  23— 25.  <  80.  13— 16.  >  1.  Mofe  27,  46.  47.  34. 

Im  Text:  poço  filencio.  48.  3 — 5.  <  80.  30 — 32.)  Pfalm  116, 

8—15.    48.  9— 11.  <8i.  3—7.)  Pfalm  116,  1 3 f f .  48. 

15 — 16.  <8i.  10 — Ii.)  Pfalm  116,  14.  48.  18 — 19.  <8i.  15 

bis  16.)  1.  Samuelis  28,  3 — 25.  48.  27 — 28.  <8i.  27 — 28.) 

Vgl.  oben  S.  XXXVII— XXXIX  und  Anm.  zu  150,  10— 11 ;  151, 

12.   48.  30—34.  <8i.  31—82.  i.)  5.  Mofe  13,  2—6.  49. 

1 — 3.  <82.  3 — 6.)  5.  Mofe  18,  18 — 22.  49.  10.  Im  Text:  ve. 

  49.  14.  Im  Text  a  chara.  — —  49.  15 — iö.  <82.  22 — 23.) 

1.  Samuelis  28,  14.  49.  20.  <82.  27 — 28.  >  1.  Samuelis  28,  19. 

 49.  22.  Im  Text:  minofo.  49.  28 — 29.  <83.  4 — 5.  >  Jefa- 
jas 8,  19.  49.  31—50.  4.  <83.  9 — 15.  >  Prediger  9,  4—6.  

50.  5—7.  <83.  17—20.)  Hiob  14,  21.  50.  12.  (83.  25—26.) 

2.  Könige  2,  1 — 12.  50.  12 — 13.  <  83.  26.  >  2.  Könige  4,  18 — 37. 


Da  Costa  Opera. 


17 


258 


Anmerkungen 


50-64 


 50.  25—27.  <84.  10—12.)  2.  Könige  4,  34.  51.  2—9. 

<84.  23 — 31.  >  2.  Samuelis  12,  15 — 23.   51.  9 — 17.  {84,  31  bis 

85.  6.  >  2.  Könige  6,  iff.  —  51.  17.  Im  Text  milagres.  52.  10. 

Im  Text:  Refponde:  mos  que.  52.  16 — 21.  <  86.  14 — 20.  > 

2.  Mofe  20,  5  f.  53.  13 — 17.  <  87.  16 — 21.  >  1.  Mofe  15,  16.  

53.  21—23.  <87-  26—29.)  Pfalm  37,  35 — 36.   54-  2—3.  <88. 

11—13.)  Pfalm  37,  25.    84.  30—32.  <89.  13— 17.  >  Prediger 

8,  17.  55.  Ii— 12.  <89.  30—32.)  Pfalm  16,  10.    55.  14. 

<89.  32—33.  >  Pfalm  31,  20.  55.  34— 36.  <  90.  23—25.  >  Pfalm 

31,  21.  56.  4.  <90.  33— 34.  >  Jefajas  26,  19.   56.  11— 15. 

<9I.  9 — 13.  >  Hefekiel  37,  Ii.  56.  26 — 28.  <9i.  25 — 29.  >  Je- 
fajas 26,  14.  56.  31 — 32.  <9i.  34 — 92.  1.  >  Jefajas  26,  15.  

57,  6 — 7-  <92-  10 — 12.)  Jefajas  27,  6.    57.  10 — 12.  <92.  17 

bis  18.  >  Hiob  19,  25.  57.  27.  <  93.  1 — 2.  >  Hiob  19,  26.  57. 

29—30.  <  93-  3—5-  >  Hiob  2,  7.  57.  32—33.  <  93.  7—9-  >  Hiob 

7,  5-          57-  34—58.  1.  <93-  10— Ii.)  Hiob  19,  26.  58.  10 

bis  12.  <93.  23—25.)  Hiob  19,  3.  58.  12—15.  <93.  25—29.) 

Hiob  19,  20.    58.  32 — 34.  <94.  17 — 19.)  5.  Mofe  8,  16.   

59.  2.  Im  Texte:  prometeda.  59.  5 — 7.  {94.  25 — 26.)  Hiob 

42,  12.    59.  8 — 9.  <94.  29.)  Hiob  19,  26.    59.  11 — 14. 

<94-  33  bis  95.  I  >  5.  Mofe  16,  16.  59.  12».  Im  Text:  vereis. 

  59-  l7 — 20.  <95.  5 — 7.)   Daniel  12,  2.  59.  19 — 20. 

<95.  7 — 9.)  Daniel  12,  13.    60.  10 — 11.  <96.  4 — 6.)  Daniel 

12,  13.    60.  17 — 20.  <96.  13 — 16.  >    Daniel  8,  16;  9,  21; 

10,  13  und  21.  61.  12  bis  62.  7.  <97.  17 — 98.  17.)  Die 

Lehre  der  Seelenwanderung  (^Ubü)  ift  qabbaliftifch,  aber  mit 
anderen  qabbaliftifchen  Lehren  von  der  Amiterdamer  fephardi- 
fchen  Gemeinde  angenommen.  So  vertritt  fie  unter  Berufung  auf 
das  Buch  Sohar  Menafcheh  ben  Ifrael  {De  Refurrectione  Mortu- 

orum,  II,  18).  62.  15 — 34.  <98.  28  bis  99.  18.  >  Mit  Recht 

wendet  Semuel  da  Silva  hiergegen  ein:  efte  capitulo  parece  fala 
com  as  gentes  especialmente  com  os  papiftas  que  ordenaram  religiões 
&  condenaram  o  matrimonio  contra  ley  divina  &  natural  (diefes 
Capitel  fpricht  anfcheinend  mit  den  Nichtjuden,  insbefondere  mit  den 
Papiften,  die  Religionen  einrichteten  und  die  Ehe  verdammten  gegen 

göttliches  und  natürliches  Gefetz.    63.  22 — 24.  <  100.  12 — 14.  > 

5.  Mofe  14,  23.  63.  27 — 28.  <  100.  17 — 18.  >  Pfalm  19,  11.  


<84-ioi> 


Zum  Exemplar 


259 


63.  29.  <  100.  19.  >  Hiob  17,  13.  64.  33.  <  101.  34.  >  Im  7.  Ca- 
pitel hat  da  Cofta  offenbar  den  Centraigedanken  feines  Buches 
dargeftellt,  daß  jedes  Hinausgehen  über  die  Thora  nach  dem 
Rechte  mündlicher  Tradition  unzuläffig  fei,  fo  wie  er  den  gleichen 
Gedankòn  auch  in  der  7.  Propofta  verfocht. 


ZUM  EXEMPLAR  HUMANAE  VITAE 

Die  Autobiographie  da  Coitas  ift  zum  erftenmal  veröffentlicht 
in  Philippi  a  Limborch  De  Veritate  Religionis  Chriftiance  Amica 
Collatio  Cum  Erudito  Judceo.  Govdce,  Apud  Juftum  Ab  Hoeve. 
C1DIDCLXXXVIL  Limborch  (1633— 1712),  einer  der  Führer 
der  Arminianer,  der  dogmatifch  freieren  Richtung  des  hollän- 
difchen  Calvinismus,  ein  Mann,  deffen  tolerante  Gefinnung  aus 
manchem  Document  hervorgeht  (vgl.  unten  S.  199 — 202),  fetzt 
fich  hier  in  dreimaligem  Austaufch  von  Schrift  und  Gegenfchrift 
mit  dem  Amfterdamer  Marranen  Ifaac  Orobio  de  Caftro  (vgl.  über 
ihn  oben  S.  242)  über  das  Chriitentum  auseinander.  Im  Anhang 
diefer  Schrift  veröffentlicht  er  Urielis  Acofta  Exemplar  Humanes 
Vitce.  Addita  eft  Brevis  Refutatio  Argumentorum  quibus  Acofta 
omnem  Religionem  revelatam  impugnat,  per  Philippum  a  Lim- 
borch. (Prcefatio  Ad  Lectorum  S.  343 — 345.  Urielis  Acofta  Exemplar 
Humanes  Vitce.  S.  34'6 — 354.  Philippi  A  Limborch  Brevis  Refu- 
tatio Argumentorum  quibus  Acofta  omnem  Religionem  revelatam 
impugnat.  S.  355 — 364.)  Wie  Limborch  in  feinem  Vorwort  mit- 
teilt, hat  er  das  Manufcript  des  Exemplar  unter  den  nachgelaf- 
fenen  Papieren  feines  Großoheims  Simon  Episcopius,  des  einftigen 
Hauptes  der  Arminianer  gefunden,  der  1643  ftarb,  welch  letzterer 
es  feinerfeits  von  einem  ausgezeichneten  Manne  aus  diefer  Stadt  er- 
halten (vgl.  o.  S.  220f.). 

Es  ift  das  Verdienft  Sigmund  Seeligmanns,  daß  er  zuerft  darauf 
hingewiefen  (Recenfion  über  Mendes  dos  Remédios  in  Zeitfchrijt 
für  hebräifche  Bibliographie,  XV.Jrg.,  Frankfurt  191 1,  S.  42),  daß 
die  Druckvorlage  Limborchs  fich  erhalten  hat  und  zwar  in  einem 
Sammelband  der  Amfterdamer  Univerfiteits-Biblioteek,  der  125 
Stücke  verfchiedenen  Inhalts,  meift  Briefe,  Concepte  zu  Eingaben 
ufw.  vom  Ende  des  16.  bis  zum  Ende  des  17.  Jahrhunderts  ent- 

17* 


2ÓO 


Anmerkungen 


105 


hält,  die  offenbar  zum  Teil  aus  dem  Befitz  von  Epifcopius  flammen 
(Bibliotheek  van  de  Remonftr.  Kerk  t'  Am f ter  dam.  III  E.  3,  No.  83). 

Das  Manufcript  befteht  aus  4  Folio-Blättern  (8  Folio-Seiten). 
Dabei  find  fünf  verfchiedene  Hände  zu  unterfcheiden.  Der  Text 
felbft  ift  von  zwei  Händen  gefchrieben,  von  der  einen  die  erften 
beiden  Blätter  bis  nam  judicium  Legis  eft,  ut  numerus  ( 1 14,  6),  von 
der  anderen  die  beiden  letzten  Blätter.  Von  einer  dritten  Hand, 
vermutlich  der  Hand  Limborchs,  ift  zum  Titel  der  Gegenfchrift 
da  Silvas  (108,  33)  der  Zufatz  an  den  Rand  gefchrieben  Editus  eft 
hic  libellus  anno  à  creatione  mundi  5383.  uff.,  ferner  der  Name 
Gabriel  à  Co/ta  geändert  in  Gabriel  Acofta.  Von  einer  vierten  Hand, 
wohl  der  des  Correctors,  find  die  Seitenzahlen  der  Ausgabe  Lim- 
borchs an  den  Rand  gefchrieben.  Schließlich  ift  in  der  Schrift 
des  19.  Jahrhunderts  beigefügt:  Uitgegeven  in  Ph.  a  Limborch  de 
Veritate  religionis  Chr.  Amica  collatio  cum  erud.  Judaeo  Goudae 
l68y  J.  T.  Das  Manufcript  weicht  vom  gedruckten  Text,  von 
orthographifchen  Details  abgefehen,  nicht  fehr  wefentlich  ab.  Dem 
vorliegenden  Text  wurde  es  zum  erftenmal  als  Textquelle  zu- 
grunde gelegt. 

Seeligmann  hat  fchon  die  Vermutung  ausgefprochen :  es  ift  nicht 
zmhrfcheinlich,  daß  da  Cofta  diefe  Schrift  in  lateinifcher  Sprache 
verfaßt,  viel  eher  wird  er  fie  in  portugiefifcher  Sprache  gefchrieben 
haben  und  wird  das  lateinifche  eine  Über  fetzung  fein.  Das  hat  Porges 
{Zur  Lebensgefchichte  Uriel  da  Cofias,  a.  a.  0.  S.  39)  bezweifelt,  da 
Limborch  den  Titel  als  vom  Verfaffer  herrührend  und  den  Text 
als  Abfchrift  bezeugt  habe.  Eine  genauere  Unterfuchung  zeigt 
aber,  daß  Seeligmann  mit  feiner  Vermutung  im  Rechte  ift.  Die 
Handfchrift  fchwankt  an  verfchiedenen  Stellen,  indem  fie  einen 
zuerft  gewählten  Ausdruck  ftreicht  und  durch  einen  anderen  er- 
fetzt. So  hatte  fie  106,  30  ftatt  parere  urfprünglich  credere,  HO,  16 
ftatt  eorum  urfprünglich  iftorum,  in,  5  ftatt  in  quo  tunc  res  meae 
erant  urfprünglich  in  quo  tunc  eram,  III,  20  ftatt  imponebant  ur- 
fprünglich imponerent,  1 12,  5  ftatt  coram  concione  urfprünglich  foro 
(im  Sinne  eines  JTO),  115,  20  ftatt  amicos  ein  unlesbares  Wort 
117,  17  ftatt  etiam  omnes  urfprünglich  omnes  etiam  (durch  Zahlen 
umgeftellt),  117,  22  ftatt  religionem  ein  unlesbares  Wort,  118,  22 
ftatt  declinatur  urfprünglich  declinetur,    119,  5  ftatt  aliena  ur- 


<I24> 


Zum  Exemplar 


261 


fprünglich  alios.  Alle  diefe  Schwankungen  und  Änderungen  kön- 
nen keine  Verbefferungen  von  Fehlern  in  der  Abfchrift,  fondern 
nur  die  Erfetzung  eines  weniger  treffenden  Ausdrucks  der  Über- 
tragung durch  den  treffenderen  bedeuten  (am  klarften  bei  parere 
für  credere  und  bei  coram  concione  für  foro).  Dazu  kommt,  daß  wir 
von  einer  anderen  Verfion  der  Autobiographie  Kenntnis  haben. 
Der  Hamburger  Paftor  Johannes  Müller  bezeugt  1644  in  feinem 
Judaismus  (vgl.  203,  29 — 30),  daß  ihm  das  klägliche  Schreiben  da 
Cofias  zuhanden  kommen.  Nun  weicht  auch  feine  Überfetzung  in 
verfchiedenen  Stellen  von  dem  Amfterdamer  Manufcript  ab  (vgl. 
203,  33 — 204,  10  mit  123,  1 — 13).  So  hat  Müller  Judcei  für  Phari- 
zcsi,  er  fügt  vor  concionaretur  ein  hodie  ein,  hat  für  homines  fubditos 
und  vor  allem  hat  er  an  Stelle  der  Rachedrohung  nil  mirum,  fi  ipfe 
per  fe  quaerat  fe  defendere,  &  injurias  acceptas  vindicare  ein  fehr 
abgefchwächtes  quid  mifer  faciet.  Trotzdem  ift  die  Verfion  Müllers 
nicht  unabhängig  von  der  Amfterdamer  Handfchrift,  fondern  geht 
offenbar  auf  die  gleiche  nur  in  der  Abfchrift  modificierte  Über- 
tragung zurück,  fpricht  aber  auch  ihrerfeits  gegen  das  Vorhanden- 
fein eines  feftftehenden  lateinifchen  Original-Textes  und  für  die 
Tatfache  der  Übertragung. 

Auch  pfychologifch  ift  es  das  Wahrfcheinliche,  daß  da  Coita, 
als  er  feine  Not  fich  von  der  Seele  fchrieb,  fich  feiner  Mutter- 
fprache,  des  Portugiefifchen,  bediente,  wie  in  feinen  andren  Schrif- 
ten. (Unpfychologifch  läßt  Kolbenheyer  in  feinem  Roman  Amor 
Dei  von  diefer  in  tiefiter  Verzweiflung  hingewühlten  Schrift  da 
Coita  fagen:  Seht  ich  gönne  mir  den  Luxus,  meine  Biographie  zu 
fchreiben,  dazu  in  elegantem  Latein.)  Wer  hätte  ein  lnter effe  daran 
gehabt,  fie  ins  Lateinifche  zu  überfetzen?  fragt  Porges.  Sicherlich 
derfelbe,  der  genügend  Intereffe  an  ihr  nahm,  fie  nach  Hamburg 
zu  fchicken  oder  fie  Epifcopius  zu  vermitteln.  Denn  wäre  die 
Schrift  nicht  in  die  Hand  eines  am  Schickfal  da  Coitas  Interef- 
fierten  gelangt,  fo  hätten  wir  von  diefem  Schickfal  keine  Kunde. 

105.  1.  <  124.  1.  >  Porges  (a.  a.  O.  S.  206)  datiert  die  Geburt  da 
Coitas  fpäteftens  1580,  weil  fich  da  Coita  1640  als  hominem  fenem 
bezeichnet  und  weil  er  im  25.  Jahr,  während  er  Jurisprudenz 
ftudierte,  das  kirchliche  Amt  erhalten  habe.   Das  ift  ein  Irrtum. 


1 


2Ó2 


Anmerkungen 


105-107 


Da  Coita  berichtet  (107,  2 — 7;  126,  10 — 16),  daß  er  fein  kirchliches 
Amt  aufgegeben  und  fein  väterliches  Haus  verkauft  habe,  als  er 
fich  zur  Rückkehr  zum  Judentum  und  zur  Auswanderung  ent- 
fchloß.  Er  war  alfo  Schatzmeifter  einer  Stiftskirche  in  Oporto  und 
nicht,  wie  Porges  annimmt,  als  Student  Schatzmeifter  in  Coimbra. 
Daraus  ergibt  fich,  daß  er  das  Amt  erft  nach  beendetem  Studium, 
alfo  erft  nach  1609  erlangt,  und  daß  auch  nicht  (wie  Porges  der 
früheren  Anfetzung  des  Geburtsdatums  halber  will)  anzunehmen 

ist,  daß  er  schon  vor  1604  immatriculiert  gewefen  fei.   105. 

1 — 2.  <I24.  I — 2.)  O  Porto  (der  Hafen),  lateinifch  Portus  Cale 
(oder  Portus  Gallorum),  woraus  der  Name  Portugal.  105.  12. 

<  124.  13—14.  >  Vgl.  149,  1— 150,  5-  105.  28.  <  124.  33—125. 

I.  >  Unter  den  Summte  confeffariorum  ift  in  erfter  Linie  die  Summa 
theologica  des  hl.  Thomas  von  Aquino  zu  verftehen,  die  von  der 
fpanifch-portugiefifchen  Scholaftik  des  16.  Jahrhunderts  zum  Fun- 
dament ihrer  Lehre  gemacht  und  in  zahllofen  Commentaren  aus- 
gedeutet war,  und  die,  da  der  hl.  Ignatius  von  Loyola  Thomas 
zum  Ordenslehrer  erwählt,  auch  die  von  da  Cofta  befuchte  Jefuiten- 
univerfität  Coimbra  beherrfchte.  (Vgl.  Ferreira-Deusdado,  la  philo- 
fophie  thomifte  en  Portugal,  in  Revue  Néofcolaf tique,  Louvain  1898, 
S.  305  ff.)  106.  10 — 11.  <  125.  13 — 14.  ^  Ungefähr  1608,  jeden- 
falls noch  während  des  academifchen  Studiums.  106.  12. 

<  125.  14 — 15.  >  Volkmann  (Uriel  Acofta,  eine  Skizze,  S.  73)  bezieht 
die  Worte  auf  den  Glauben  ans  Fegefeuer,  während  Klaar  (Uriel 
Acofta,  S.  163)  fie  auf  den  ganzen  Complex  der  Vorftellungen  aus- 
dehnt, die  fich  an  die  Annahme  einer  Erbfünde  anfchließen.  Das 
Schwergewicht  liegt  aber  offenbar  auf  der  beängftigenden  Vor- 
ftellung  des  Lebens  nach  dem  Tode  überhaupt,  während  die  Lehre 
der  Erbfünde  gerade  in  der  Jefuitendogmatik  zurücktritt.  Darum 
liegt  auch  keine  Veranlaffung  vor,  mit  Klaar  unter  den  Summae 
confeffariorum  (105,  28;  124.  33)  die  Lehre  Auguftins  von  der  Erb- 
fünde zu  verftehen.  106.  19.  <  125.  23.)  Da  Cofta  war  1609 

noch  Student  (vgl.  149,  14;  150,  5)  und  hat  fein  Amt  wohl  1610, 
nach  beendetem  Studium  erhalten,  was  zur  Annahme  von  1 585 

als  des  Geburtsjahres  ftimmt.  106.  19 — 21.  <  125.  23 — 25.) 

Demgemäß  ift  nach  dem  Urteil  Stanislaus  von  Dunin-Borkowskis 
S.  J.  (Der  junge  De  Spinoza,  -S.  104)  anzunehmen,  daß  da  Cofta 


<  I24-I2Ó) 


Z  um  Exemplar 


263 


die  niederen  Weihen  empfangen  hat.  Ecclefia  collegiata  ift  (nach 
Du  Cange)  Ecclefia  quae  eft  Collegii  Canonicorum  oder  in  qua  eft 

Collegium  Canonicorum.  106.  27.  <  125.  32.)  Nicht  wie  Volk- 

mann  (a.  a.  O.  S.  72)  interpretiert  quae  de  Deo  dicebantur,  alfo  im 
Hinblick  auf  das  Problem  des  Monotheismus  und  der  Dreieinigkeit, 

fondern  in  der  göttlichen  Offenbarung  (a  Deo)  felbft,  106.  30. 

Vor  parere  fteht  im  Ms.  ein  a'.isgeilrichenes  credere.  106.  30 — 33. 

<  126.  3 — 6.)  2.  Mofe  3  und  4.  106.  33.  Der  Satz  in  Paren- 

thefe  fleht  im  Ms.  am  Rand.   Vgl.  dazu  unten  HO,  4 — 6  <  130, 

1 — 3.  >          106.  34 — 107.  1.  <  126.  7 — 9.  >  Vgl.  noch  Schudt,  Jü- 

di/che  Merkwürdigkeiten,  Franckfurt  und  Leipzig,  17 14,  I.  Theil 
S.  188:  Die  Portugiefifche  Inquifition  ift  die  ftrengfte  in  der  Welt  j 
und  weit  fchärfer  als  die  Spanifche  /  dahero  die  heimliche  Juden 

defto  größere  Vorfichtigkeit  gebrauchen  muffen.  107.  3.  Für 

iftud  hat  Limborch  illud.  107.  7 — 8.  <  126.  16 — 17.)  1610 

erhielt  da  Cofta  fein  Amt  in  Oporto  und  161 6  fandte  er  feine  Pro- 
poftas  von  Hamburg  nach  Venedig.  161 7  finden  wir  in  der  Toten- 
lifte der  Amfterdamer  Gemeinde  ein  kurz  nach  der  Geburt  ver- 
ftorbenes  Kind  Mordechai  da  Coitas  aufgeführt  (Henriques  de 
Caftro,  Keur  van  Graf steenen,  Leiden  1883,  S.  20ff.).  Danach  dürfte 
die  Auswanderung  etwa  um  1614  erfolgt  fein.  107.  8 — 10. 

<  126.  17 — 19.)  Der  Satz  in  Parenthefe  im  Ms.  wieder  als  Rand- 

fchrift.   107.  8 — 10.  <I26.  17 — 19.)  Das  erfte  Gefetz,  das  die 

Auswanderung  von  Marranen  von  der  königlichen  Genehmigung 
abhängig  machte,  hatte  König  Manoel  im  April  1499  erlaffen,  aber 
fchon  am  I.  März  1507  bedingungslofe  Auswanderungserlaubnis 
gegeben.  Durch  ein  Gefetz  vom  14.  Juni  1532  verbot  König 
Joaõ  III.  die  Auswanderung  von  Marranen  bei  Vermögensconfis- 
cation  und  Körperflrafe,  und  fein  Bruder,  der  Cardinal- Infant  Don 
Henrique  erneuerte  als  Regent  von  Portugal  durch  Gefetz  vom 
11.  Februar  1569  das  Verbot,  fo  daß  kein  Neu-Chrift  das  portu- 
giefifche Reich  ohne  befondere  königliche  Erlaubnis  und  vorherige 
Bürgfchaftsleiftung  verlaffen  durfte.  Auch  diefes  Verbot  wurde 
durch  König  Sebaftian  am  21.  Mai  1577  wieder  aufgehoben,  je- 
doch, als  Portugal  unter  fpanifche  Herrfchaft  kam,  durch  Phi- 
lipp II.  wieder  eingeführt.  (Vgl.  Gordo,  Memoria  fobre  os  Judeos 
em  Portugal,  S.  33  f.  bei  Kayferling,  Gefchichte  der  Juden  in  Por- 


2Ó4 


Anmerkungen 


107-108 


tugal,  Leipzig  1867,  S.  143,  154,  259,  276.)  Ein  Decret  Philipps  III. 
vom  4.  April  1601  erlaubte  den  Neu-Chriften  die  Auswanderung 
und  den  Verkauf  ihres  Befitzes,  doch  wurde  diefes  Decret  auf  Be- 
treiben der  Inquifition  am  13.  März  1610  und  von  neuem  am  9.  Fe- 
bruar 1612  annulliert.  Am  17.  November  1629  wurden  endgültig 
die  Gefetze  gegen  die  Auswanderung  der  Neu-Chriften  aufgehoben 

(Amador  de  los  Rios,  Hiftoria  de  los  Judeos  III,  5 15  ff.).   107. 

10.  <  126.  19 — 20.  >  Über  die  Mutter  da  Coitas  vgl.  185,  30 — 186,  5, 
bzw.  187,  4 — 19  und  187,  21 — 188,  I.  Über  die  Brüder  hat  Izaac 
da  Cofta,  ein  Nachkomme  Jofeph  da  Coftas,  des  Bruders  Uriels, 
aus  Familienpapieren  in  der  Zeitfchrift  De  Navorfcher  (Zevende 
Jaargang,  Amfterdam  1857,  S.  214 — 216)  Auffchluß  gegeben.  Uriel 
hatte  vier  Brüder,  Aaron,  Mordechai,  Abraham  und  Jofeph  da 
Cofta.  Aaron  ftarb  ebenfo  wie  Uriel  kinderlos.  Der  Stamm  Morde- 
chais  (in  Portugal  Miguels),  in  Hamburg  mit  den  Milanos,  Bravos 
und  Palacios  verfchwägert,  ftarb  in  der  dritten  Generation  aus. 
Jofeph  da  Cofta  (in  Portugal  Joaõ)  war,  ebenfo  wie  Abraham 
öfters  Gemeindevorftand  (Parnas),  fo  im  Jahre  1650  zufammen 
mit  Michael  d'Espirioza,  als  Menafcheh  ben  Ifrael  den  Parnafim 
feine  Esperança  de  Ifrael  widmete.  Sein  Stamm  ift  verfchwägert 
mit  den  Oforio,  de  Lemos,  Franco  Pacheco,  Jefchurun  Lopes, 
Abendana,  Ricardo,  Capadofe,  Vaz  Nunes,  Curiel  und  Belmonte. 
Diefer  Zweig  der  Familie  lebt  noch  in  den  Nachkommen  Izaac  da 
Coftas.  Drei  Söhne  Abraham  da  Coftas  ließen  fich  in  Brafilien, 
fpäter  in  Surinam  nieder;  ihre  Nachkommen,  verfchwägert  mit 
den  Cohèn  Naffy,  de  la  Parra,  de  Brito,  Pinto  da  Fonfeca  und 
Henriques  de  Granada,  bildeten  das  jüdifche  Patriciat  der  Colonie. 
Vgl.  auch  185,  25 — 29  bzw.  186,  31 — 187,  4  und  Anm.  dazu.  Daß 
Uriel  da  Cofta  auch  eine  Schweiler  hatte,  ergibt  fich  aus  110,  24 

bzw.  130,  26.  107.  21 — 22.  <  126.  32 — 33.  >  So  3.  Mofe  26,  14, 

5.  Mofe  4,  i,  5.  Mofe  27,  26.  107.  22  <I2Ó.  34)  Sapientes 

find  hier  und  im  folgenden  die  Hahamim,  die  Rabbiner.    107. 

22 — 28.  <I26.  33 — 127.  7.)  Vgl.  Basnage,  Hiftoire  des  Juifs  II, 
XVIII,  VIII;  XVIII;  III;  XIX,  XIV.  Les  Rabbins  modernes  fönt 
Pharifiens:  ils  ont  étudié  les  Sentimens  de  leur  Maitres;  ils  les  fui- 
vent  encore  ...  Iis  iomboient  dans  une  Contradiction  fenfible;  car, 
non  conténs  des  Préceptes  de  la  Lot,  ils  y  ajoutoient  des  Oeuvres  de 


<I2Ó-I28> 


Zum  Exemplar 


265 


Surérogation,  des  Jeunes,  des  Äbftinences,  et  des  Dévotions  três  morti- 
fiantes,  ausquelles  ils  donnoient  un  grand  Prix.  .  .  Cependant,  à  la 
faveur  de  ce  Zele  apparent  ils  fe  rendoient  vénérables  au  Peuple.  On 
leur  donnoit  le  Türe  di  Sages,  par  Excellence  ...  Iis  foutenoient 
qu'ouire  la  Loi  donnée  für  le  Sinai,  et  gravée  dans  les  Ecrits  de 
Moife,  Dieu  avoit  confie  verbalement  à  ce  Legislateur  un  grand 
Nombre  de  Rites  et  de  Dogmes,  qu'il  avoit  fait  paffer  à  la  Pofterité 
fans  les  ècrire.  Iis  nommoient  les  Perfonnes,  par  la  Bouche  desquels 
ces  Traditions  s'etoient  confervées:  ils  leur  donnoient  la  mente  Auto- 
rité  qu'à  la  Loi.  L'Entetement  pour  les  Traditions  a  pafft  des  Phari- 
fiens  anciens  aux  modernes.  Iis  foutiennent,  que  celui  qui  rejette  la 
Loi  Orale,  devient  Apoftat;  qu'il  mérite  la  Mort  fans  aucune  Forme 

de  Procés.    107.  29 — 30.  <  127.  8 — 10.  >  Lukas  Ii,  43:  Wehe 

euch  Pharifäern,  daß  ihr  liebt  die  Vorderfitze  in  den  Synagogen  und 
die  Begrüßungen  auf  den  Märkten.  Ähnlich  Lukas  20,  46,  Matthaeus 

23,  6,  Marcus  12,  39.    107.  33 — 108.  1.  <  127.  13 — 16.  >  Wohl 

im  Anfchluß  an  die  Proclamation  von  Venedig  (vgl.  153,  10  bis 

157,  2),  alfo  etwa  1618.  108.  6 — 7.  <  127,  24 — 25.  >  Am  15.  Mai 

1623  (vgl.  181,  21 — 183,  10).  Porges  (a.  a.  O.  S.44)  wirft  im  Hin- 
blick auf  die  Excommunication  die  Frage  auf,  zu  welcher  der  drei 
Amfterdamer  Gemeinden  da  Cofta  gehört  habe  und  denkt  an 
Neweh  Schalom.  Wenn  aber  wirklich  Beth  Jifrael  fich  16 18  als 
liberale  Gemeinde  von  den  alten  loslöfte,  fpricht  die  Wahrfchein- 

lichkeit  dafür,  daß  da  Cofta  fich  ihr  angefchloffen.  108.  8. 

<I27.  26.)  Offenbar  im  Hinblick  auf  das  107,  10 — 15  bezw.  126, 
20 — 24  Berichtete,  nicht  wie  Porges  (a.  a.  0.  S.  208)  meint,  im 
Hinblick  auf  einen  vor  da  Coitas  Studentenjahre  fallenden  Unter- 
richt.  108.  17 — 19.  <  128.  3 — 7.  >  Jofephus  charakterifiert  die 

Anficht  der  Sadducäer  (Bell.  Jud.  II,  8,  14):  ^XÍÇ  TS  Siapiovqv 
xal  xàç  xa-O-'  *'Ai$ov  Tijxwptaç  xai  Tt(i.àç  ávaipouciv  (Sie  heben 
das  Fortbeftehen  der  Seele  und  die  Strafen  und  Belohnungen  des 

Jenfeits  auf).  118.  19.  Limborch  verbeffert  animarum.  

108.  20 — 23.  <  128.  8 — ll.>  In  genauer  Übereinftimmung  damit 
erklärt  Spinoza:  In  den  fogenannten  fünf  Büchern  Mofis  wird  nichts 
anderes  verheißen  als  die  zeitliche  Wohlfahrt,  nämlich  Ehren,  Ruhm, 

Siege,  Reichtum,  Freuden  und Gefundheit  (Tr.  Theol.  Pol.  V,  56).  

108.  33.  <I28.  21 — 22.)  Das  Ms.  hat  hier  am  Rande  in  anderer 


266 


Anmerkungen  108-1 12 


Schrift,  offenbar  in  der  Handfchrift  Philipps  van  Limborch:  Edi- 
tus  eft  hic  libellus  anno  a  creatione  mundi  5383.  juxta  communem 
Judeorum  calculum;  qui  respondit  anno  Chrifti  vulgari  1623.  Diefe 
Randfchrift  bringt  danach  auch  die  Amica  Collatio.  Sie  rührt 
natürlich  nicht,  wie  Klaar  (a.  a.  O.  S.  165)  meint,  von  da  Coita 

her.    108.  34.  <I28.  22 — 23.)  Vgl.  161,  13 — 22  bezw.  172, 

13—25;  162,  16—21  bezw.  173,  27—33;    163,  3—7  bezw.  174, 

19 — 25;  166,  17 — 20  bezw.  178,  32 — 179,  2.          109.  7 — 9.  <  128. 

33 — 129.  i.>  Vgl.  162,  7 — 12;   173,  16 — 22.    109.  8.  Im  Ms. 

negabant.    109.  15 — 20.  {129.  9 — 14.)  Vgl.  183,  12 — 184,  13. 

  109.  20  .<I29.  15.)  Damit  find  nach  Porges'  Feftftellung 

(a.  a.  0.  S.  215)  die  Velhos  &  Senhores  Deputados  da  nação  ge- 
meint.  109.  23.  Limborch  verbeffert  wieder  animarum.   

109.  25 — 27.  <I29.  20 — 22.)  Vgl.  184,  15 — 185,  10.    Die  Haft 

dauert  alfo  etwa  vom  22.  bis  31.  Mai  1624.    110.  4 — 5.  <  130. 

1 — 2.  >  So  lautet  der  Text  im  Ms.  und  bei  Limborch.  Porges 
(a.  a.  0.  S.  120 f.)  möchte  verbeffern  legem  Mofis  divinam  non  effe, 
um  den  Gegenfatz  von  göttlichen  Urfprung  und  menfchlicher  Er- 
findung herauszufallen.  Damit  verkennt  er  aber  die  ganze  Trag- 
weite des  Gedankens  da  Coitas,  die  vollkommen  in  der  Richtung 
feiner  Gedankenentwicklung  liegt.  Schon  in  feiner  Schrift  vom 
Jahre  1623  bezweifelt  er  die  Authenticität  ganzer  biblifcher  Bü- 
cher, um  es  in  der  Sprache  der  Zeit  auszudrücken,  er  zweifelt,  ob 
beitimmte  Bücher  autographa  feien,  wirklich  von  den  angenom- 
menen Autoren  verfaßt  und  will  in  ihnen  Erfindungen  fpäterer 
Zeit  fehen  (vgl.  48,  26 — 28  bzw.  81,  26 — 28;  59,  20 — 60,  34  bzw. 
95,  9 — 96,  34).  Diefe  Erkenntnis  erftreckt  er  nun  auch  auf  die 
Bücher  Moíis  felbft  und  bezweifelt  ihren  mofaifchen  Urfprung,  wo- 
mit der  göttliche  Urfprung  natürlich  ohne  weiteres  hinfällig  wird. 
Darin  nimmt  er  die  Erkenntnis  La  Peyreres  und  vor  allem  die 
Feftftellung  Spinozas  vorauf:  Aus  alledem  geht  fonnenklar  hervor, 
daß  der  Pentateuch  nicht  von  Mofes  gefchrieben  ift,  fondern  von 
einem  andern,  der  viele  Jahrhunderte  nach  Mofes  gelebt  hat  (Tr. 

Theol.  Pol.  VIII,  108).  110.  16.  Im  Ms.  ürfprünglich  iftorum. 

 1 10.  17 — 18.  <  130.  18.  >  Volkmann  (a.  a.  0.  S.  77)  citiert  dazu 

einen  bei  Stobaeus  überlieferten  Vers  des  Komikers  Appolodorus 
aus  deffen  sA$£X<poi:   'Ev  &y)ç>íoiç  8s  xal  m#Y)xoiç  ovtoc  Sei 


<I28-I32> 


Zum  Exemplar 


267 


EZvat,  7U<9t)xov  &  TaXat7rá>poi)  ßiou.    110.  20 — 21.  <  1 3 1  -  21 

bis  22.)  Die  Zeit  reicht  vom  Bann  in  Venedig,  1618,  bis  zum 

Jahr  1633.  110.  25.  O30.  27.)  Volkmann  (a.  a.  O.  S.  78) 

denkt  dabei  an  Speifenbereitung  am  Sabbath,  indem  er  auf  113, 
24;  134,  13 — 14  verweift.  Wahrfcheinlicher  ift,  daß  da  Cofta  nicht 
nur  in  der  Wahl,  fondern  auch  in  der  Zubereitung  der  Nahrungs- 
mittel die  jüdifchen  Speifegefetze  infolge  feiner  abweichenden  Aus- 
legung übertrat,  da  er  über  die  Ritualien  ja  feine  eignen  Theorien 

hatte  (vgl.  185,  30—186,  1;  187,  5— 11).    í II.  2.  <  131-  5-> 

Vgl.  157.  18—158,  8.  in.   2—6.  <  131.   6— 10.  >  Da  fich 

Abraham  und  Jofeph  da  Cofta  fchon  1623  von  ihm  losgefagt  (vgl. 
182,  8 — 9;  183,  6 — 7  und  185,  28;  187,  2 — 3  und  Anm.  dazu), 
kann  er  nur  mit  Mordechai  oder  Aaron  da  Cofta  ein  gemeinfames 

Gefchäft  betrieben  haben.  Iii.  5.  Im  Ms.  nach  tunc  ein  aus 

eram  verbeffertes,  fchließlich  geftrichenes  erant.  III.  14.  Im 

Ms.  ift  vero  als  Abkürzung  v.  eingef choben.  1 1 1 .  1 6 — 18.  <  131. 

21 — 23.  >  Vgl.  Schudt,  Jüdifche  Merckwürdigkeiten,  I.  Theil  S.  272: 
Eine  allzugroße  Juden-Fr  eyheit  in  Holland  ift  es  /  daß  in  Holland  / 
fonderlich  zu  Amfterdam  /  die  Chriften  öffentlich  und  ohne  Scheu 
den  Jüdifchen  Glauben  annehmen  und  fich  befchneiden  laffen  /  wel- 
ches im  Römifchen  Reich  nicht  gelidten  /  fondern  am  Leben  geftrafft 
wird,  Fälle  folcher  Converfionen  find  indeß  nicht  bekannt,  falls 
nicht  der  Regelfall  des  Übertritts  der  Neuchriften  damit  gemeint 

fein  follte.  III.  20.  Im  Ms.  urfprünglich  imponerent.  Iii. 

25-  <  131«  31-  >  Darunter  find  zweifellos  dieParnaffim  der  Gemeinde 

verftanden.  Iii.  25.  <  131.  32.)  Petulans  turba  (nach  da  Silva 

Dias"  Hinweis)  in  Anlehnung  an  Phaedrus  h  2,  20.    Iii.  26. 

<  131.  32—33.  >  Lukas  23,  21.  Johannes  19,  6.  III.  27.  <  131. 

33.  >  Gemeint  ift  wohl  der  Mahamad.  in.  31 — 112.  I.  <  132. 

4 — 10.  >  Offenbar  bezieht  fich  da  Cofta  auf  ein  Verfahren,  das  er 
wegen  des  vorenthaltenen  Vermögens  (vgl.  Iii,  2 — 6;  131,  6 — 10) 

zuerft  bei  den  Gemeindebehörden  anhängig  zu  machen  fuchte.  

1 12.  4.  <  132.  12.  >  Von  diefer  der  jüdifchen  Tradition  fonft  fremden 
Ceremonie  berichtet  auch  Lucas'  Vie  de  Spinoza:  cette  Cérémonie, 
qu'ils  appellent  Herem,  fe  commence  par  allumer  quantité  de  Bougies 
noires  (vgl.  Freudenthal,  Lebensgefchichte  Spinoza! s  in  Quellen- 
fchriften,  Leipzig  1899,  S.  9).  Mit  Unrecht  fieht  Freudenthal  (a.  a.  0. 


26g 


Anmerkungen 


i 12-1 15 


S.  243)  darin  eine  freie  Zutat  des  Biographen.    112.  5.  Für 

coram  concione  ftand  im  Ms.  urfprünglich  joro.    112.  8.  <  132. 

18.  >  Nach  da  Silva  Dias  wäre  ligaculum  die  Latinifierung  des  alter- 
tümlichen portugiefifchen  legdlho  oder  negalho.    112.  13 — 18. 

<  132.  24 — 31.  >  Der  zweite  Bann  muß  ins  Jahr  1633  und  darnach 
die  Zeit  der  zweiten  Excommunication  in  die  Jahre  1633 — 1640 

fallen.  1 12.  24.  <  133.  4.  >  Da  Cofias  Mutter  war  1628  geftorben 

(vgl.  187,  21—188,  1).   112.  27—31.  <  133.  8—13.)  Die  Klage 

bezog  fich  wohl  gleichfalls  auf  die  Vermögenshinterziehung.  

113.  18.  <  134.  6.  >  Bis  zum  Jahre  1639  gab  es,  den  drei  Gemeinden 
entfprechend,  drei  Synagogen  in  Amfterdam.  Nachdem  diefe  fich 
1639  zur  Gemeinde  Talmud-Tora  vereinigt,  wurde  die  Synagoge 
der  Gemeinde  Beth  Jifrael  umgebaut  und  zum  Neujahrsfeft  5400 
(1639)  in  Gebrauch  genommen.  In  diefer  Synagoge  fand  alfo  die 
Execution  da  Coitas  ftatt.  Sie  ftand  auf  der  Lange  Houtgracht 
(jetzt  Waterlooplein  33 — 37),  wo  jetzt  das  Haus  De  Herfchepping 
(Feeftgebouw  Waterloo)  fteht,  wenige  Häufer  von  '/  opre'chte  Tapeyt- 
kuys  dem  Geburtshaus  Spinozas  (Waterlooplein  39).  Die  Syna- 
goge wurde  nach  der  Einweihung  der  jetzigen  neuen  Synagoge 
(1675)  Wohnhaus  und  alsdann  ftändigen  Umbauten  unterzogen. 
In  den  80  er  Jahren  des  19.  Jahrhunderts  waren  noch  Reite  des 
Mittelbalcon-Bogens  erhalten,  an  den  eine  Erinnerung  noch  in  der 
heutigen  Form  der  Faffade  fortlebt.  Vgl.  die  Abbildung  der  Syna- 
goge auf  S.  VII  und  XI.  113.  18 — 114.  24.  <  134.  6 — 135.  23.  > 

Da  der  Seibitmord  da  Coitas  in  den  April  1640  fällt  (vgl.  203,  27), 
muß  die  Execution,  wie  auch  Porges  (a.  a.  O.  S.  200f.)  annimmt, 

zwifchen  Mitte  März  und  Mitte  April  1640  itattgehabt  haben.  

113.20 — 21.  <  134.  8 — 10.  >  Gemeint  iit  der  Almemor.  113.  30. 

<I34.  20 — 21.  >  Nicht  wie  Graetz  (Gefchichte  der  Juden,  3.  Aufl. 
Bd.  X,  S.  127)  meint,  der  erite  Rabbiner  Morteira,  fondern  wie 
Volkmann  (a.  a.  O.  S.  81)  richtig  gefehen,  der  Vorfitzende  des  Vor- 
ftandes,  der  Parnas  Prefidente  des  Mahamad,  nach  Porges'  Feft- 

ítellung  (a.  a.  0.  S.  215)  Samuel  Abarbanel.    113.  32.  O34. 

24.  >  Hier  und  im  folgenden  iit  der  Samas  (t^Dttf )  gemeint.   

113.  32 — 114.  9.  <  134.  23 — 135.  2.  >  Die  Ceremonie  der  Geißelung 
(JTIpbD),  die  hier  an  da  Coita  vollzogen  wird,  iit  eine  fymbolifche 
Bußhandlung,  die  auf  die  Beitimmung  5.  Mofe  25,  1 — 3  zurück- 


<  132-136) 


Zum  Exemplar 


269 


geht.  Solche  frommen  Bußübungen  waren,  namentlich  am  Vor- 
abend des  Verföhnungstages  gebräuchlich.  Die  Ordnung  der  Geiße- 
lung, wie  fie  auch  bei  da  Cofta  beobachtet  wurde,  findet  fich  im 
Anhang  zu  Binyamin  Godines'  Orden  de  Bendiciones  (Amfterdam 
1687)  als  mpbftn  T1D  nach  einer  Handfchrift  aus  dem  Befitz 
Ifaac  Aboabs.  Daß  der  Malcut  nur  fymbolifche  Handlung  war, 
alfo  keine  Schmerzen  verurfachen  durfte,  im  Gegensatz  zu  der  als 
wirkliche  Strafvollftreckung  gedachten  Geißelung  der  Thora,  weil 
den  Juden  zur  Zeit  keine  Criminalgerichtsbarkeit  mehr  zuftehe, 
hebt  der  Hamburger,  fpäter  Venetianer  Rabbiner  Ifhac  Atias  in 
feinem  fpanifchen  Lehrbuch  der  613  Gefetzesvorfchriften,  dem 
Teforo  de  Preceptos  (Venedig  1627,  2.  Ausgabe  Amfterdam  1649) 

ausdrücklich  hervor.  (Vgl.  Porges  a.  a.  O.  S.  2l6f.)  114.  3. 

<I34.  29.)  Der  Chazan,  nach  Porges'  Vermutung  der  hochange- 
fehene  Imanuel  Abendana,  der  Sohn  der  Jufta  Pereyra  und  Neffe 

der  Maria  Nunez  (vgl.  o.  IX,  17 — 18).    114.  5 — 6.  O34.  32 

bis  33.  >  Nach  5.  Mofe  25,  3:  Vierzig  Hiebe  darf  er  ihm  geben  laffen, 
aber  nicht  mehr,  damit  dein  Volks genoffe  nicht  in  deinen  Augen  ent- 
ehrt werde,  wenn  man  ihm  noch  viele  weitere  Hiebe  ver  fetzt.  Die  Vor- 
fichtsmaßnahme,  nur  39  Hiebe  zu  geben,  ifl  alt;  vgl.  2.  Korinther 
II,  24:  Von  Juden  habe  ich  fünfmal  die  vierzig  weniger  eins  emp- 
fangen. 114.  8 — 9.  <  135.  2.)  Nach  dem  MlpböH  TD  des  Go- 
dines wurde  während  der  Geißelung  der  Vers  Pfalm  79,  38,  der 
aus  13  Worten  befteht,  dreimal  hintereinander  hergefagt,  zu  jedem 
Schlag  ein  Wort,  während  gleichzeitig  5.  Mofe  28,  58 — 59  in  dem 

üblichen  Cantilenenton  recitiert  wurde.  114.  9 — 10.  <  135.  4.  > 

Gemeint  ift  der  Rabbiner.  Porges  (a.  a.  O.  S.  215)  vermutet  dar- 
unter Menafcheh  ben  Ifrael.  Das  ift  aber  nicht  anzunehmen,  weil 
diefer  damals  feiner  gottesdienftlichen  Functionen  enthoben  war 
(vgl.  u.  Menafcheh  ben  Ifrael  im  Bann  S.  212 — 222  und  Anm.  da- 
zu). Man  wird  darum  in  erfter  Linie  an  Saul  Levi  Morteia  als  den 
rangälteften,  erft  in  zweiter  Linie  auch  an  David  Pardo  oder  Ifaac 

Aboab  zu  denken  haben.  114.  28 — 29.  <  135.  27.)  Da  Cofta 

war  bei  feiner  Execution  55  Jahre  alt.  115.  4 — 7.  <  136.  5 — 8.  > 

Die  Gemeinde  hebt  die  Frömmigkeit  Abrahams  und  Jofephs  da 
Cofta  ausdrücklich  hervor  (vgl.  185,  25 — 29  bezw.  186,  31 — 187,  4 
-  und  Anm.  dazu).   Jofeph  da  Cofta  war  1639/40  Parnas  des  neu- 


270 


An  merkungen 


115-152 


gegründeten  Lehrhaufes  'Ez  Chajim,  Abraham  da  Cofta  zur  glei- 
chen Zeit  Vorfteher  der  Hebra  Bicur  Holim  (Porges  a.  a.  O.  S.  200). 

 115.  20.  Im  Ms.  amicos  über  einem  anderen  unlesbaren  Wort. 

  115.  20 — 24.  <  136.  24 — 29.)  Nach  Volkmanns  Beobachtung 

Reminiscenz  an  Tacitus  Hift.  V.  5:  apud  ipfos  fides  obftinata, 
mifericordia  in  promptu,  fed  adverfus  omnes  alios  hoftüe  odium  (bei 
ihnen  herrfcht  ein  verftockter  Glaube,  Barmherzigkeit  im  Sichtbaren, 

aber  gegen  alle  anderen  ein  feindfeliger  Haß).  115.  34 — 116.  1. 

<  137.  8 — 10.  >  Ifokrates,  Panegyricus  95:  twv  ávSpwv  tolç  xocXoíç 
xáya&OLÇ  aípSTCOTepov  è<m  xaXcoç  a7ro&aveiv  7)  Çvjv  alc^pwç  (edlen 
Männern  ziemt  es  mehr,  fchön  zu  fterben  als  in  Schimpf  zu  leben). 

 116.  29 — 30.  <  138.  13 — 14.  >  Nach  HorazOúfen  III.  2,  12  Dulce 

et  decorum  eft  pro  patria  mori.  ■  117.  17.  Im  Ms.  omnes  etiam, 

dann  durch  Ziffern  umgeftellt.    117.  22.  Im  Ms.  religionem 

über  einem  geftrichenen  unlesbaren  Wort.  117.  27 — 31.  <  139. 

18 — 23.  >  Unter  den  noachidifchen  Gefetzen  verlieht  die  thalmu- 
difche  Tradition  die  den  Noachiden,  den  Nachkommen  Noahs  gege- 
benen Gefetze,  die  der  Gefetzgebung  auf  dem  Sinai  vorausgehen 
(vgl.  befonders  1.  Mofe  I,  27 — 30  und  9,  1 — 8).  An  fie  find  auch 
die  .Nichtbekenner  der  finaitifchen  Gefetze  gebunden.  Der  Thal- 
mud  (Sanhedrin  56a)  fagt  darüber:  Sieben  Gebote  wurden  den  Noa- 
chiden befohlen,  1.  das  des  Gehorfams  gegen  die  Obrigkeit,  ihre  Gefetze 
und  Organe,  2.  das  Verbot  der  Gotiesläfterung,  3.  das  des  Götzen- 
dienftes,  4.  das  der  Blutfchande,  Unzucht,  5.  das  des  Mordes,  6.  das 
des  Raubes,  7.  das  des  Fleifchgenuffes  von  noch  lebenden,  nicht  toten 
Tieren.  In  feiner  großen  Sammlung  der  mofaifchen  und  rabbi- 
nifchen  Gefetze  Mifchneh  Thor  a  (14.  Buch  D*O^D  JllD^n)  fagt  Mai- 
monides  über  die  noachidifchen  Gebote:  Jeder,  der  die  fieben 
Gebote  annimmt  und  gewiffenhaft  beobachtet,  gehört  zu  den  Frommen 
der  Völker  und  ift  ein  Erbe  der  zukünftigen  Welt,  und  zwar  fofern 
er  fie  annimmt  und  beobachtet,  weil  Gott  fie  im  Gefetze  vorgefchrieben 
und  uns  durch  Mofes  offenbart  hat,  daß  fie  fchon  vorher  den  Söhnen 

des  Noah  vorgefchrieben  waren.  118.  1.  <  139,  28 — 29.  >  Nach 

Matthaeus  23,  26.  118.  8 — 9.  <  140.  3 — 4.)  Anklang  an 

Apoftelgefchichte  15,  10.    118.  12.  Im  Ms.  und  bei  Limborch 

Die  igitur,  das  Braga  und  Porges  mit  Recht  in  Dico  igitur  ver- 
beffern.  Vgl.  die  parallele  Stelle  115,  29.    118.  22.  Im  Ms. 


<  I36-I52>  Zu    DEN*  REGESTEN 


27I 


urfprünglich  declinetur.    119.  5.  Im  Ms.  urfprünglich  alios. 

  120.  2 — 5.  <  142.  11 — 15.)  5.  Mofe  13,  7 — Ii:  Wenn  dein 

Bruder,  der  diefelbe  Mutter  mit  dir  hat,  oder  dein  Sohn  oder  deine 
Tochter  oder  das  Weib  an  deinem  Bufen  oder  dein  Freund,  der  dir  fo 
lieb  iß  wie  dein  Leben,  dich  heimlich  verlocken  und  fprechen  follte: 
Laß  uns  doch  hingehen  und  anderen  Göttern  dienen!  fo  follft  du  ihm 
nicht  willfahren  und  ihm  nicht  gehorchen,  auch  keinen  Blick  des  Mit- 
leids für  ihn  haben,  noch  feiner  fchonen  und  feine  Schuld  verheim- 
lichen. Vielmehr  umbringen  follft  du  ihn;  deine  Hand  foll  fich  zuerft 
gegen  ihn  erheben,  um  ihn  zu  töten,  und  darnach  die  Hand  des  ganzen 
Volkes.  Du  follft  ihn  zu  Tode  fteinigen,  weil  er  darnach  getrachtet 

hat,  dich  von  Jahweh,  deinem  Gotte,  abwendig  zumachen.    120. 

10 — 11.  <  142.  22 — 23.  >  Vgl.  Jeremias  19,  5:  fie  erbauten  die  Baals- 
höhen, um  ihre  Söhne  als  Brandopfer  für  den  Baal  zu  verbrennen. 

  120.  33 — 34.  <  143.  18 — 20.)  Nach  Matthaeus  23,  4.  

122.  29.  <  145.  32 — 33.)  Nach  Titusbrief  I,  12.  123.  6 — 7. 

<  146.  13 — 14.)  Matthaeus  23.  123.  23.  <  146.  32.)  Das  Ms. 

hat  à  Cofta.  Von  anderer  Hand,  offenbar  derfelben,  die  die  Rand- 
fchrift  zu  108,  33  (128,  21 — 22)  hinzufügte,  alfo  wahrfcheinlich 
der  Hand  Limborchs,  ift  das  abgeändert  in  Acofta.   Im  portu- 

giefifchen  Original  ftand  alfo  zweifellos  Gabriel  da  Cofta.  123. 

24.  <  146.  34.  >  Der  Name  des  Erzengels  Uriel  findet  fich  zuerft  im 
apokryphen  4.  Buch  Esra. 


Z  U  D  E  N  REGESTEN 

1MMATRICULATI0N  DA  COSTAS  149—150. 
Zuerft  publiciert  von  J.  Mendes  dos  Remédios  in  Os  Judeus 
Portuguefes  em  Amfterdam  (Coimbra  191 1),  S.  166 — 167. 

SENDSCHREIBEN  LEON  DA  MODEN  AS  150—152. 
Zuerft  publiciert  in  Leo  Modenas  Briefe  und  Schriftftücke,  ein 
Beitrag  zur  Gefchichte  der  Juden  in  Italien  und  zur  Gefchichte  des 
hebräifchen  Privatftiles  zürn  erftenmal  herausgegeben,  mit  Anmer- 
kungen und  Einleitung  verfehen  von  Prof.  Dr.  Ludwig  Blau,  Buda- 
peft  1905  (28.  Jahresbericht  der  Landes-  Rabbiner fchule  in  Budapeft 
für  das  Schuljahr  1904 — 1905),  hebräifcher  Teil  S.  146.  Zuerft  auf 
da  Cofta  bezogen  von  Porges  {Leon  Modena  über  Uriel  da  Cofta  in 


272 


Anmerkungen 


I5I-IS7 


Zeitfchrift  für  hebräifche  Bibliographie,  XV.  Jg.,  Frankfurt  a.  M. 
191 1,  S.  81). 

151.  10 — 11.  <  1 5 1 .  12.  >  Nach  den  Aboth  des  R.  Nathan  (ed. 
Schlechter,  S.  26)  waren  Zadoq  und  Boethus  Schüler  des  Anti- 
gonos,  die  deffen  Lehre  Seid  nicht  gleich  den  Knechten,  die  ihrem 
Herrn  um  einen  Biffen  dienen  auslegten,  als  gäbe  es  nicht  Be- 
lohnung und  Strafe  in  einem  künftigen  Leben  und  die  mit  diefer 
Lehre  Schule  machten.  (Die  hiftorifchen  Zufammenhänge,  wiefieiich 
der  Wiffenfchaft  von  heute  darfteilen,  find  dabei  irrelevant.)  Wäh- 
rend von  den  Boethufeern  nichts  viel  weiter  bekannt  war  als  die 
Erzählung  des  Midrafch  von  der  Härefie  des  Boethus,  war  die 
fadducäifche  Lehre  einigermaßen  in  der  Polemik  des  Thalmud 
überliefert.  Danach  erkannten  die  Sadducäer  nur  das  fchriftliche 
Gefetz,  nicht  die  mündliche  Lehre  als  traditionelle  Weiterbildung 
des  Gefetzes  an,  verwarfen  den  Glauben  an  die  Auferftehung  ebenfo 
wie  den  an  Engel  und  Geifter.  Ein  Einfluß  der  fadducäifchen 
Lehren  auf  da  Cofta  ift,  natürlich  nicht  aus  einem  Thalmudftudium, 
das  ihm  verfchloffen  war,  aber  durch  Berichte  Thalmudkundiger, 
wohl  anzunehmen,  hielt  fich  aber  wohl  nur  ganz  im  allgemeinen. 

Über  die  Qaräer  vgl.  Anm.  zu  4,  3;  Ii,  34.    150.  16.  <  151.  21 

bis  22.  >  Pfalm  85,  Ii.  — 

GEGENSCHRIFT  LEON  DA  MODEN  AS  152—153. 
Vgl.  über  Leon  da  Modenas  HJ^l  pi5  oben  S.  249. 

152.  27.  <  153.  3.  >  Porges  (a.  a.  O.  S.  108)  hat  nachgewiefen,  daß 
der  Zahlwert  der  Worte  {törichter  Mann  =431)  gleich  ift 
dem  Zahlwert  des  Namens  de  Acofta  (KD&HpN  *H  =  43 De 
Acofta  ift  die  (z.  B.  bei  de  Barrios  häufig  begegnende)  fpanifche 

Form  des  portugiefifchen  Namens  da  Cofta.  152.  28.  <  153.  6.  > 

Leon  da  Modena  wußte  alfo,  daß  da  Cofta,  der  feine  Propoftas 
von  Hamburg  aus  gefchickt,  zur  Zeit  der  Erwiderung  Hamburg 
fchon  wieder  verlaffen  hatte. 

PROCLAMATION  DER  JÜDISCHEN  GEMEINDE  IN 
VENEDIG  153—157. 

Der  Text  ift  zuerft  publiciert  in  D^iS  JDT,  Hufiatyn  1902, 
Nr.  29,  danach  von  Prof.  Dr.  Ludwig  Blau  in  Leo  Modenas  Briefe 
und  Schriftftücke,  Budapeft  1905,  S.  95 f.   Er  wurde  zuerft  von 


1 5 1 - 1 5 7  Zu   DEN  Regesten 


273 


Porgcs  auf  da  Cofta  bezogen  {Leon  Modena  über  Uriel  da  Cofta, 
a.  a.  O.  S.  8i)  und  von  einer  Reihe  von  Fehlern  befreit  (Zur 
Lebensgefchichte  Uriel  da  Coftas,  a.  a.  0.  S.  47). 

153-  II.  <  154.  24.  >  Nach  2.  Mofe  32,  18.  -—  153.  13.  bnnSl 

für  terni  nach  Porges.  153.  15.  Y\W  für  nöKl  nach 

Porges.    153.  18.  <  155.  16.  >  Sprüche  14,  15.    153.  22. 

Dinnn  für  QlpOn  nach  Porges.    153.  26.  für 

nach  Porges.  154.  6.  <  156.  6.  >  Rafchba  ift  der  fpanifche  Rab- 
biner R.  Schelomo  ben  Abraham  Adret  (1235 — 1310),  von  großer 
rabbinifcher  Autorität,  deffen  Refponfen  in  der  erften  Ausgabe  die 

angeführte  Bannformel  enthalten.  154.  7.  fltyft  für  ltyfi 

nach  Porges. 

BEITRAGSZEICHNUNG  DA  COSTAS  157. 

Das  Blatt,  das  das  einzige  auf  uns  gekommene  Autograph  da 
Coftas  enthält,  ift  eine  einzelne  Seite  aus  einem  Aufzeichnungsbuch 
über  die  Mitgliedsbeiträge  irgendeines  religiöfen  Vereins.  In  einer 
Reihe  von  Namen  der  Vereinsmitglieder  (Irmãos—  Brüder)  erfcheint 
an  148.  Stelle  Vriel  da  Cofta.  Näheres  über  den  Verein  und  den 
Zweck  der  Beiträge  ift  nicht  bekannt.  Das  Blatt  war  im  Befitze 
des  Dichters  und  Gefchichtfchreibers  Izaac  da  Cofta,  eines  Nach- 
kommen Jofeph  da  Coftas,  der  im  Navorfcher  (7.  Jg.,  Amfterdam 
1857,  S.  216)  zuerft  darauf  hinwies  (verplichtingen  van  een  Portu- 
geefch  Joodfch  Genootfchap  tot  een  weldadig  doel  in  162g)  und  danach 
ein  Facfimile  des  Autographs  brachte.  (Weitere  Facfimiles  bei 
Meinsma,  in  der  Jewish  Encyclopedia  und  bei  Klaar.)  Inwieweit 
I.  da  Coftas  Datierung  fich  auf  (uns  nicht  mehr  zugängliche)  Ur- 
kunden ftützt,  muß  dahingeftellt  bleiben;  an  fich  möchte  man 
Uriel  da  Coftas  Zugehörigkeit  zu  einer  religiöfen  Körperfchaft  vor 
die  Zeit  legen,  in  der  ihn  der  Bann  aus  jeder  religiöfen  Gemein- 
fchaft  ausfchloß.  Bei  der  Verfteigerung  des  Nachlaffes  von  I.  da 
Cofta  (1861)  ging  das  Blatt  in  den  Befitz  von  Henriquez  de  Caftro 
über,  und  in  deffen  Nachlaß- Katalog  (Catalogue  de  Vente  de  la  fuc- 
ceffion  de  feu  M.  D.  Henriquez  de  Caftro  Mz  i8çq,  S.  67)  ift  es 
folgendermaßen  befchrieben :  566.  Feuille  d'un  livre  de  contribution 
de  la  communeauté  port.  ifraél.  à  Amfterdam.  Avant  1624.  Unique. 
Aus  diefer  Nachlaß-Verfteigerung  erwarb  die  Bibliothek  des  Semi- 
nars der  portugiefifch-ifraelitifchen  Gemeinde  das  Blatt. 

Da  Costa  Opera.  18 


274 


Anmerkungen 


IS7-I83 


157.  6.  <  157.  12.  >  Mefeberah  ift  der  Segensfpruch  nach  dem 
Anfang  der  Formel  "pattf 

BEGRÄBNIS  DER  FRAU  DA  COSTAS  157—158. 

Die  Angabe  der  Lifte  zuerft  bei  Henriquez  de  Caftro,  Keur  van 
Graffteenen  op  de  Nederl.-Portug.-lfrael.  Begraafplaats  te  Oudekerk 
aan  den  Amftel,  Leiden  1883,  S.  20 ff.,  von  Meinsma  (a.  a.  O.  S.  48) 
auf  die  Frau  da  Coitas  bezogen. 

157.  24.  <  158.  7.  >  Die  chriftlichen  Namen  werden  oft  noch  neben 
den  jüdifchen  weitergeführt.  Vgl.  auch  200,  I;  201,  32. 

AUS  DA  SILVAS  TRATADO  DA  IM  MORTALIDADE  158-181. 
Vgl.  dazu  oben  S.  253 — 256. 

159.  17.  <  169.  34  bis  170.  1.  >  Die  Propoftas  contra  a  tradição.  ■ 

J59-  27-  O70-  13.)  Über  die  Anfertigung  der  Mefufah  enthalten 
die  Propoftas  in  der  uns  überlieferten  Form  nichts;  vgl.  aber  auch 

167,  5 — 6;  179,  26.  160.  Ii — 23.  <  171.  2 — 17.)  Offenbar  die 

Propoftas  und  die  Capitel  Sobre  a  mortalidade  da  alma;  indeffen 
findet  fich  die  Stelle,  in  der  da  Coíla  íich  mit  Gideon  vergleicht, 

nicht  in  dem  uns  überlieferten  Text.    161.  14 — 16.  O72.  13 

bis  16.  >  Vgl.  Anm.  zu  151,  10 — Ii;  151,  12.    161.  30 — 31. 

<  173.  I — 2.  >  Jeremias  3,  22.  162.  30.  <  174.  10.  >  Pfalm  42,  8. 

 163.26 — 27.  <  175.  14 — 16.  >  Pfalm  146,  2.  164.10 — 11. 

<  176.  3 — 5.  >  Prediger  12,  14.  165.  9 — J3-  <  177-  15—20.  > 

Vgl.  161,  14 — 16;  172, 13 — 16.  165.22 — 27.  O77.  31  bis  178.3.  > 

Die  Amidah  ift  das  dreimalige  tägliche  Gebet,  das  aus  18  Segens- 
fprüchen  befteht,  dem  nach  dem  Thalmud,  Tractat  Berakhoth  fo.  29  a 

zur  Zeit  Gamliels  jener  19.  Vers  hinzugefügt  wurde.    167.  34 

bis  168.  2.  <i8o.  28 — 30.)  Offenbar  ftimmt  das  7.  Capitel  des 
Buches  da  Coftas,  das  ja  da  Silva  nicht  kannte,  inhaltlich  voll- 
kommen mit  der  7.  Propofta  überein.  168.6 — 13.  <  r8i.  I — 10.  > 

Hier  lag  da  Silva  wieder  ein  Text  (in  den  Propoftas?)  vor,  der  uns 
nicht  bekannt  ift. 

DER  BANN  GEGEN  DA  COSTA  181— 183.  - 
Zuerft  publiciert  von  J.  Mendes  dos  Remédios  in  Os  Judeus 

Poriuguefes  em  Amfterdam,  Coimbra  191 1,  S.  159 — 163. 

181.  25.  <i82.  17 — 18.  >  Mendes  dos  Remédios  lieft  Abadot. 

Porges  erklärt  das  aus  Abadai  (*'K*T^n  der  Lügenredner)  als  ver- 


I57"I^3         Zu  den  Rlgesten  275 

ichrieben  oder  unrichtig  gelefen,  und  muß  demnach  die  Über- 
fetzung  diefer  Deutung  anpaffen:  ein  Mann,  der  [ich  den  Namen 
Uriel  beilegte,  der  bekannte  Lügenredner.  Das  erlaubt  aber  der  vor- 
liegende Wortlaut  keinesfalls.  Da  Cofta  hat  fleh  ja  den  Namen 
Uriel  nicht  beigelegt,  fondern  nach  der  Befchneidung  legitim  ge- 
tragen. Es  kann  fich  alfo  nur  um  einen  Namen  handeln,  den  da 
Cofta  nach  der  Meinung  der  Gemeinde  fich  anmaßte  oder  jeden- 
falls fich  zulegte.  Die  Form  Abadat  fteht  feft.  Man  wird,  fchon 
wegen  der  fprachlichen  Schwierigkeit,  kaum  anAbadad  (n^H  der 
Einfame)  denken  (wozu  man  163,  13  bezw.  174,  32  ziehen  könnte), 
denn  abgefehen  davon,  daß  da  Cofta  kaum  Hebräifch  verftand, 
wäre  diefe  Pofe  mehr  im  Stile  Gutzkows  als  des  17.  Jahrhunderts. 
Nun  wiffen  wir  allerdings  von  einem  Namen,  den  da  Cofta  fich  bei- 
legte: er  nannte  fich  Uriel  Jurifta  Hebreo  (183,  21;  184,  7),  was 
allerdings  der  Gemeinde  als  Anmaßung  erfchienen  fein  muß.  Dar- 
um ift  man  verfucht,  hinter  dem  geheimnisvollen  Namen  etwa 
T"        (p  zu  fuchen  und  Uriel  Abadat  mit  Uriel 

Jurifta  zu  überfetzen.    181.  30  <  182.  24.)  Rabbiner  (Haha- 

mim,  D^DSn,  eig.  Weife)  zur  Zeit  des  Bannes  waren  Saul  Levi 
Morteira  von  Beth  Ja'aqob  (feit  161 6),  David  Pardo  von  Beth 
Jifrael  (feit  161 8)  und  Menafcheh  ben  Ifrael  von  Neweh  Schalom 

(feit  1622).    181.  30 — 31.  <i82.  25.)  Die  Älteften  der  Nation 

find  die  ehemaligen  Parnaffim.    182.  11 — 12.  <  183.  9 — 10.  > 

Offenbar  je  zwei  Vertreter  der  drei  Amfterdamer  Gemeinden.  Sa- 
muel Abarvanel  gehörte  zur  Gemeinde  Beth  Ja'aqob,  Jofeph  Aben- 
iacar  zur  Gemeinde  Neweh  Schalom  (Porges,  a.  a.  O.  S.  42  f.). 

TITEL  DER  HAUPTSCHRIFT  DA  COSTAS  183—184. 

183.  17.  O84.  2.)  Dort  heißt  es  KtöDlpK  biOTlK  Uriel  Acofta: 
librum  ejus  tum  adhüc  Ms.  de  mortalitate  animee  confutavit  Samuel 

da  Silva,  Medicus,  de  quo  fuo  loco.  183.  20 — 22.  <  184.  5 — 8.  > 

Der  Titel  wird  beftätigt  in  Müllers  Judaismus  (vgl.  203,  4 — 7.). 

 183.  23 — 24.  O84.  9 — 10.  >  Diefer  Katalog  ift  ebenfowenig 

mehr  aufzufinden  wie  da  Coftas  Buch  felbft.  183.  26.  <  184.  12.  > 

Dort  berichtet  Wolf  über  da  Cofta  auf  Grund  des  Exemplar  und 
nach  Joh.  Müllers  Judaismus.  (Dabei  macht  er  darauf  aufmerk- 
fam,  daß  der  bei  Müller  angeführte  Text  des  Exemplar  von  dem 
Text  Limborchs  abweicht  und  daß  da  Cofta  fich  in  Hamburg  auf- 
gehalten hat. 

i8* 


276 


Anmerkungen 


184-185 


URKUNDE  DER  HAFTENTLASSUNG  184—185. 

Die  Urkunde  wurde  aufgefunden  von  Izaac  da  Cofta,  der  ihren 
wefentlichen  Inhalt  in  De  Navorfcher  (Zevende  Jaargang,  Amfter- 
dam  1857,  S.  216)  mitteilte.  Eine  Abfchrift,  die  er  davon  nahm, 
befindet  fich  bei  dem  Blatt  aus  dem  Beitragsbuch  der  Gemeinde, 
das  das  Autograph  da  Coitas  bewahrt  (vgl.  157,  4 — 16),  früher  im 
Befitz  von  Henriquez  de  Caftro,  jetzt  im  Befitz  der  Bibliothek  des 
Seminars  der  portugiefifch-ifraelitifchen  Gemeinde  in  Amfterdam. 
(Es  ift  nicht,  wie  Porges  a.  a.  O.  S,  212  in  Verwechflung  mit  diefem 
Beitragsbuch  meint,  eine  fpätere  portugiefifche  Überfetzung  des 
Urteils  mit  einer  Namensunterfchrift  da  Coitas.)  Nach  den  Hin- 
weifen Izaac  da  Coitas  hat  Meinsma  die  Urkunde  nach  dem  Juftiz- 
buch  von  1623-24  publiciert  (Spinoza  en  zijnKring,  's  Gravenhage 
1 896,  Bij läge  I).  DerAbdruck  folgt  einer  neuen  Collation  des  Original- 
textes. Dabei  ergab  fich  mir,  wie  fchon  Meinsma  (a.  a.  O.  S.  50) 
vermutet,  daß  weiteres  über  das  Verfahren  gegen  da  Cofta  vor  dem 
Amfterdamer  Gericht  fich  nicht  feftitellen  läßt,  weil  die  entfchei- 
denden  Protocoll-Bücher  fehlen.  In  diefer  Zeit  find  die  Verhöre 
protocolliert  in  den  Confeffie- Boecken,  die  Urteile  in  den  Juftitie- 
Boecken.  Im  Amfterdamer  Stadtarchiv  finden  fich  die  Confeffie- 
Boecken  vom  8.  April  1623  —  2.  Januar  1624  (Nr.  295)  und  vom 
4.  Juni  1624  bis  17.  Januar  1642  (Nr.  296 — 304).  Das  entfchei- 
dende  vom  Frühjahr  1624,  das  wahrfcheinlich  da  Coitas  Verhör 
enthielt,  fehlt;  die  vorhandenen,  die  ich  durchfah,  haben  nichts 
über  ihn.  (Auch  bei  den  Secret  Confeffie- Boecken  fehlen  die  Pro- 
tocolle  der  fraglichen  Zeit;  erhalten  find  die  vom  Ii.  April  1618 
bis  26.  Mai  1620  <  Nr.  533  >  und  vom  II.  Juni  1624  bis  22.  Januar 
1660  <  Nr.  534  >).  Von  den  Juftitie- Boecken  find  erhalten  das  vom 
8.  Juli  1623  bis  27.  November  1624  (Nr.  574),  das  die  hier  wieder- 
gegebene Urkunde  enthält,  und  die  vom  6.  Februar  1627  bis 
7.  September  1644  (Nr.  575 — 579),  die  nichts  über  ihn  enthalten; 
auch  hier  fehlen  alfo  die  Juftitie- Boecken  vom  27.  November  1624 
bis  5.  Februar  1627,  in  denen  vermutlich  das  Urteil  über  da  Cofta 
ftand.  (Eine  Durchficht  der  Bücher  der  50er  Jahre  blieb  ebenfo 
ergebnislos  hinfichtlich  des  Verfahrens  gegen  Spinoza.) 

184.  17.  <  184.  30.  >  Im  Amfterdamer  Algemeen  Handelsblad  vom 
15.  November  1881  (Nr.  16  131)  fpricht  ein  Einfender,  der  Santa- 


184-185 


Zu    DEN  REGESTEN 


277 


naca  unterzeichnet,  in  Wirklichkeit  Henriques  de  Caftro,  anläßlich 
eines  Gaftfpiels  Ludwig  Barnays  als  Acoita  über  da  Cofta,  und 
deutet  das  Adam  Romez  der  Akte  van  borgtocht,  deren  Abfchrift 
de  Caftro  aus  dem  Nachlaß  Izaac  da  Coftas  erworben,  als  hebräifch 
de  menfch  die  een  worm  is,  de  kruipende  menfch,  alfo  als  Schimpf- 
wort, aus  tPEH  DTK.  Mit  Recht  weifen  Meinsma  (a.  a.  O.  Bijl.  II), 
Seeligmann  (a.  a.  0.  S.  41)  und  Porges  (a.  a.  O.  S.  213)  diefe  Er- 
klärung zurück.  Die  portugiefifchen  Juden  in  Amfterdam  trugen 
meift  zwei  Namen,  den  alten  portugiefifchen  und  einen  neuen  jüd- 
fchen,  zuweilen  auch  drei,  nämlich  dazu  einen  angenommenen 
portugiefifchen  Namen,  um  im  Hinblick  auf  Handels-  und  Fami- 
lienverbindungen mit  der  alten  Heimat  ihre  Identität  zu  ver- 
fchleiern.  Es  war  vorgekommen,  daß  die  Inquifition  Nachforfchun- 
gen  anftellte,  welche  Portugiefen  oder  Spanier  in  Holland  als 
Juden  lebten,  um  an  ihren  Verwandten  und  Freunden  Rache  zu 
nehmen.  Im  Hinblick  darauf  hatten  die  Staaten  den  Juden  aus- 
drücklich zugeftanden,  daß  fie  nicht  gehalten  wären  eenige  verkla- 
ringe  of  getuigeniffen  der  waarheid  te  geven  op  vraggen  de  Joodfche 
Godsdienft  concerneerende  (vgl.  Voornaamfte  letterkundige  Producten 
van  wijlen  M.  Roeft  Mz.,  door  J.  M.  Hillefum,  Overdruk  uit  de 
1  fraelitifche  Nieuwsbode  van  24.  Januari  en  j  Februari  i8ço,  Nos.  32 
en  34,  S.  4,  fowie  Transactions  of  the  Jew.  Hiß.  Society  of  England, 
Vol.  IV.  1903,  S.224ff.  undWätjen,  Die  Niederländer  im  Mittelmeer- 
gebiet, Berlin  1909,  S.  356 f.).  Danach  haben  wir  zweifellos  in 
Adam  Romez  einen  Doppelnamen  da  Coftas  zu  fuchen,  ohne  daß 
wir  unbedingt,  wie  Seligmann  will,  Romez  als  Hörfehler  des  Schrei- 
bers für  Gomez  zu  nehmen  hätten.   184.  22.  <  185.  4 — 5.  >  Die 

beiden  find  nicht,  wie  Porges  (a.  a.  O.  S.  212)  annimmt,  zwei  chrift- 
liche  Portugiefen  in  Amfterdam,  fondern,  wie  Izaac  da  Cofta  (a.  a.  0. 
S.  216)  aus  der  Übereinftimmung  der  Handfchrift  und  aus  notariel- 
len und  andern  Documenten  feftgeftellt  hat,  Uriels  Brüder:  Miguel 
Eftevez  de  Pina  ift  Mordechai  da  Cofta  und  Juan  Perez  da  Cunha 
Jofeph  da  Cofta,  nach  dem  Frauen-  oder  Mutternamen,  den  fie  zur 

Verdeckung  des  eignen  gebrauchten.    184.  25.  <  185.  8.) 

Meinsma  lieft  den  eerften  May,  und  Mendes  dos  Remédios  (a.  a.  O. 
S.  162)  hat  II  de  Maio  de  162 1.  Es  muß  aber,  wie  Seligmann 
(a.  a.  O.  S.  41)  mit  Recht  hervorhebt,  den  leften  gelefen  werden. 


278 


Anmerkungen 


185-187 


ANFRAGE  AN  R.  JAKOB  BEN  ISRAEL  HA-LEVI  185—187. 

Gedruckt  in  R.  Jakobs  JTDIttfm  filbKIP  1SD,  Venedig  1632. 
Die  Anfrage  wurde  zuerft  auf  da  Cofta  bezogen  durch  Perles  (Eine 
neuer fchlo ff  ene  Quelle  Über  Uriel  Acofta  in  Monatsfchrijt  für  Ge~ 
fchichte  und  Wiffenfchaft  des  Judentums,  26.  Jg.,  Krotofchin  1877, 
S.  193 — 213),  dem  aber  fogleich  Güdemann  (ebend.  S.  327 — 329) 
widerfprach.  Auch  Grätz  (ebend.  S.  329)  und  Seeligmann  (Zeit- 
fchrift  für  kehr äif che  Bibliographie,  XV.  Jg.  S.  41)  haben  die  Be- 
ziehung auf  da  Cofta  abgelehnt,  während  fie  Porges  (a.  a.  O.  S.  115 
bis  I2l)  mit  durchfchlagenden  Gründen  für  ihn  in  Anfpruch 
nimmt.  Bis  in  die  kleinfte  Einzelheit  ftimmen  die  in  der  Anfrage 
mitgeteilten  Lehrmeinungen  und  Lebensfchickfale  des  ungenann- 
ten Ketzers  mit  denen  da  Coitas  überein;  fie  bringt  in  dem,  was 
über  fein  Verhalten  den  Ritualien  gegenüber  und  über  das  Ver- 
hältnis feiner  Mutter  zu  ihm  gefagt  wird,  wichtige  Ergänzungen  zu 
feiner  Biographie.  Die  Anfrage  fällt  in  die  Zeit  zwifchen  der 
gerichtlichen  Verurteilung  und  den  Tod  der  Mutter,  alfo  zwifchen 
1624  und  1628. 

185.  24  <  186.  28 — 29.)  Daß  man  ihn  von  Amfterdam  zu  ent- 
fernen f uchte,  bezeugt  auch  da  Silva  160,  9 — Ii  bzw.  170,  34  bis 
171,  2.  Da  Cofta  fcheint  nicht  lange  in  der  Verbannung  gewefen 

zu  fein,  da  er  in  feiner  Lebensbefchreibung  davon  fchweigt.  

185.  25.  Wegen  des  *ttöJt2f  (eigentlich  welcher  verendet  ift)  lehn- 
ten Güdemann  und  Grätz  es  ab,  die  Anfrage  auf  da  Cofta  zu  be- 
ziehen, der  ja  zu  diefer  Zeit  noch  am  Leben  war.  Aber  man  wird 
wohl  '"iJDJt^  faffen  dürfen  als  daß  er  verendet,  wenn  man  es  nicht 
vorzieht,  mit  Porges  zu  verbeffern  ^JD^  (welcher  verenden  möge). 
Daß  der  Ketzer  am  Leben  ift,  ergibt  fich  für  jeden  Fall  daraus, 
daß  alles  von  der  Mutter  Berichtete  in  der  Gegenwartsform  fteht. 

 185.  25 — 29.  <  186.  31  bis  187.  4.  >  Über  die  Brüder  da  Coftas  ' 

vgl.  Anm.  zu  107,  IO  bzw.  126,  19 — 20.  Die  beiden  frommen  Brü- 
der find,  wie  Porges  (a.  a.  O.  S.  198)  nachweift,  Abraham  da  Cofta, 
der  1646  Mitglied  des  Mahamad,  und  Jofeph  da  Cofta,  der  1650 
Parnas  war  und  die  beide  zahlreiche  andere  kirchlichen  Amter 
begleiteten,  während  Aaron  und  Mordechai  da  Cofta  nie  ein  Ehren- 
amt in  der  Gemeinde  begleiteten.  185.  31  bis  186.  1.  <  187. 

7 — 10.  >  Daß  da  Cofta  auch  in  der  Speifebereitung  feiner  eigenen 


185-191 


Zu    DEN  REGESTEN 


279 


Gefetzesinterpretation  folgte,  ergibt  fich  aus  HO,  25  bzw.  130,  27. 

 186.  I — 5.  <  187.  1 1 — 19.  >  Die  Mutter  da  Coftas  fcheint  wieder 

zur  Gemeinde  zurückgekehrt  zu  fein.  Damit  erklärt  Porges  (a.  a.  0. 
S.  204 f.)  auch  die  Tatfache,  daß  da  Cofta  in  feiner  Lebensbefchrei- 
bung  die  Mutter  nicht  weiter  erwähnt.  Jakob  ben  Ifrael  ha-Levi 
verneint  übrigens  ein  Recht,  der  Gebannten  das  Begräbnis  auf  dem 
jüdifchen  Friedhof  zu  weigern,  und  will  nur  ausnahmsweife,  um 
ein  Exempel  zu  flatuieren,  geftatten,  daß  die  geplante  Strafe  über 
die  Frau  verhängt  werde. 

BEGRÄBNIS  DER  MUTTER  DA  COSTAS  187—188. 
Die  Angabe  der  Lifte  zuerft  bei  Henriquez  de  Caftro,  Keur  van 
Graffteenen,  Leiden  1883,  S.  20ff.,  von  Meinsma  (a.  a.  O.  S.  51)  auf 
die  Mutter  da  Coftas  bezogen.  Die  Infchrif t  des  Grabfteins  teilte 
mir  Herr  Adam  Querido,  der  Begrafenisplaatsbewaarder  des  Ouder- 
kerker  Friedhofs,  freundlichft  mit. 

MENASCHEH  BEN- ISRAELS  SCHRIFT  ÜBER  DIE  AUF- 
ERSTEHUNG  188—195. 
188.  17 — 20.  <  192.  I — 5.  >  Auch  hieraus  fpricht  offenbar  das  Be- 
ftreben,  die  Amfterdamer  Obrigkeit  gegen  da  Cofta  mobil  zu  machen 

vgl.  185,  23 — 24;  186,  25 — 29.  189. 20.  <  193.6 — 7.  >Menafcheh 

recapituliert  im  folgenden  die  Argumente  der  Capitel  da  Coftas 

Sobre  a  mortalidade  da  alma.  189.  24 — 26.  <  193.  12 — 14.  >  Vgl. 

35,  10—14;  65,  li— 16.          189.  26— 29.  <  193.  14— 19.)  Vgl.  35, 

14—22;  65,  17—26.    189.  30—34-  <  193-  20—25.)  Vgl.  37, 

1 — 16;  67,  11 — 28.  190.  1 — 5.  <  193.  26 — 31.  >  Vgl.  37,  27  bis 

38,  3;  68,  8—20.  190.  5—6.  <  193.  30—33.  >  Vgl.  38,  3—5;  68, 

20—23.  190.  6—9.  <  193-  33—194.  3->  Vgl.  38,  1—3;  68, 

18 — 20.  190.  11 — 16.  <  194.  6 — 12.  >  Vgl.  51,  2 — 9;  84,  23 — 31. 

 190.  16 — 19.  <  194.  14 — 15.  >  Pfalm  6,  6;  in  dem  von  da  Silva 

überlieferten  Text  nicht  citiert,  vielleicht  in  der  Lücke  38,  9;  68, 

27.  190.  19 — 21.  <  194.  15 — 18.  >  Pfalm  30,  10,  ebenfalls  wohl 

in  der  fehlenden  Stelle  38,  9;  68,  27  citiert.  190.  21 — 22. 

<  194.  18—20.  >  Vgl.  38,  9—14;  68,  27—32.  190.  22—23.  <  194. 

20—22.)  Vgl.  38,  18—19;  69,  4—5.  190.  24—25.  (194.  22 

bis  24.)  Vgl.  38,  33—34;  6.9,  23—24.  190.  27—34.  <I94. 

26—34.  >  Vgl.  41,  30—34;  42,  5—8;  73,  15—19,  22—29.  191. 


28o 


Anmerkungen 


191-204 


1—3-  <  195-  1—4-  >  Vgl.  49,  32—50,  1;  83,  10—12.  191.  3—6. 

<  195.  4—8.  >  Vgl.  45,  22—24;  77,  30—32.          191.  9—14.  <  195. 

12—19.)  Vgl.  39,  2—6;  69,  27—33.  191.  14—16.  <  195.  19 

bis  22.)  Vgl.  39,  19 — 21;  70,  16 — 19. 

DIE  REPOSTA  D'AGUILARS  195—198. 
Vgl.  oben  S.  250. 

l9S-  27.  <  197.  6.)  Vgl.  Anm.  zu  26,  33  bzw.  32,  18.    196. 

12 — 15.  <  197.  23 — 27.)  Der  Ton  ift  hier  und  im  folgenden  nicht 
der  der  Streitfchrift  wie  bei  da  Silva  und  Menafcheh  ben  Ifrael, 
offenbar  im  Beilreben,  eine  in  Ausiicht  ftehende  Unterwerfung  zu 
erleichtern.  197.  2 — 3.  <  198.  18 — 20.  >  Pfalm  113,  2. 

CESSIONSURKUNDE  DA  COSTAS  198. 
Diefe  Notiz,  offenbar  von  der  Hand  Izaac  da  Coftas  gefchrieben, 
fand  ich  der  Beitragszeichnung  da  Coftas  (f.  o.  S.  157)  in  der  Biblio- 
thek des  portugiefifch-ifraelitifchen  Seminars  beiliegend.  Wenn 
fich  auch  nicht  feftftellen  läßt,  woher  die  Notiz  gefchöpft  ift,  fo 
kann  an  ihrer  Authenticität  kein  Zweifel  fein. 

BRIEF  PHILIPPS  VAN  LIMBORCH  198—202. 

Zuerft  veröffentlicht  in  Meinsma,  Spinoza  en  zvjn  Kring  ('s  Gra- 
venhage  1896,  Bijlage  IL).  Das  Original  befindet  fich  im  Befitz 
der  Univerfiteits-Biblioteek  zu  Amfterdam.  Der  Empfänger  Theo- 
dor Graswinckel  war  Jurift  und  Theologe  und  bis  zu  feinem  Tode 
1666  Advocat  des  Fiscus  im  Haag  (vgl.  Porges,  a.  a.  0.  S.  124). 

199.  20 — 200.  10.  <20i.  14 — 202.  io.>  Limborch  macht  fich 
hier  völlig  die  Argumentation  da  Coftas  zu  eigen,  der  in  der  Ver- 
längerung des  Bannes  einen  Eingriff  in  die  weltliche  Jurisdiction 
fieh'c.  Danach  wurde  den  Juden  in'  Amfterdam  die  Verhängung 
des  Bannes  verboten,  wie  wir  aus  einem  Refponfum  des  Jacob 
Sasportas  von  1683  (Nr.  76,  bei  Graetz,  Gefchi'chte  der  Juden, 
3.  Aufl.  Bd.  X,  S.  406)  erfahren.  200.  5.  <  202.  4.  >  Nach  2.  Ko- 
rinther 11,  24. 

JOHANNES  MÜLLERS  JUDAISMUS  202—204. 
Johannes  Müller  ift  1598  in  Breslau  geboren,  ftudierte  in  Witten- 
berg Theologie  und  wirkte  vorübergehend  als  Geiftlicher  in  Lübeck, 
dauernd  in  Hamburg,  wo  er  Paftor  der  Petrikirche  und  Senior 


202-2I  I 


ZU    DEN  REGESTEN 


28l 


Minifterii  fowie  Infpector  der  Schulen  wurde.  Er  ift  1673  geftorben. 
In  feine  Amtszeit  fällt  das  Aufblühen  der  fephardifchen  Gemeinde 
in  Hamburg,  das  er  mit  allen  Mitteln  zu  hindern  fuchte.  Anftoß 
nehmend  an  dem  Wohlleben  der  Hamburger  Marranen,  an  ihrem 
Verkehr  mit  Chriftenmädchen  und  an  einigen  über  den  Kreis  der 
Gemeinde  hinaus  bekannt  gemachten  antichriftlichen  Schriften, 
fuchte  er  in  feinem  Judaismus,  dem  Monument  eines  gelehrten 
Antifemitismus,  auf  1500  Seiten  alles  zufammenzutragen,  was 
gegen  die  Juden  und  damit  auch  gegen  ihre  Zulaffung  in  Hamburg 
fprechen  konnte,  womit  er  allerdings  bei  dem  Hamburger  Senat 
nicht  durchdrang. 

203.  4—7-  Vgl.  183,  19—22;  184,  4—8.  203.  15—18.  Vgl. 

188,  18 — 19;  192,  4.   203.  18 — 22.  Wie  aus  181,  27 — 28  bzw. 

182,  20 — 21  hervorgeht,  wurde  der  in  Venedig  ausgefprochene 
Bann  auch  in  Hamburg  verkündet.  Im  Archiv  der  portugiefifch- 
jüdifchen  Gemeinde  in  Hamburg  findet  fich  leider  nichts  über  da 
Cofta,  weil  das  Gemeindebuch  erft  mit  dem  Jahr  5411-12  (165 1) 
beginnt,  während  die  Protocollbücher  der  früheren  drei  Gemein- 
den bei  dem  großen  Brande  von  1842  untergingen  (nach  freund- 
licher Mitteilung  des  Gemeindevorílands).  2Ò3.  29  bis  204.  Ii. 

Vgl.  123,  I — 13;  146,  6 — 21,  wofelbft  der  Text  nicht  unwefentlich 
abweicht  (f.  o.  S.  261). 

L1MB0RCHS  WAHRHEIT  DER  CHRISTLICHEN 
RELIGION  204—211. 

Vgl.  oben  S.  259.  Das  im  folgenden  Mitgeteilte  bildet  die  Prce- 
jatio  ad  Lectorem,  mit  der  Limborch  den  Abdruck  des  Exemplar 
einleitet. 

206.  4.  <  209.  25—26.  >  Ifaac  Orobio  de  Caftro.  206.  18—22. 

<2I0.  8 — 13.  >  Klaar  (Uriel  Acofta,  Berlin  1909,  S.  50 — 54)  möchte 
in  dem  Beilreben,  da  Cofta  als  Edelmenfchen  zu  idealifieren,  das 
Attentat  in  Abrede  ftellen.  Er  überfieht  aber  dabei,  daß  da  Cofta 
in  feinem  Exemplar  ganz  unverhüllt  die  Rachedrohung  ausfpricht 
(123,  12 — 13;  146,  19 — 21),  eine  Stelle,  die  feltfamerweife  in  der 
Verfion  Müllers  (204,  10 — 11)  ins  Nichtsfagende  gemildert  ift.  Es 
kann  danach  nur  die  Frage  fein,  an  wem  da  Cofta  das  erlittene  Un- 
recht zu  rächen  fuchte,  d.  h.  wen  er  in  erfter  Linie  für  das  erlittene 
Unrecht  verantwortlich  machte.  Das  kann  aber  nach  HO,  21  bis 


282 


AN  MEHRUNGEN 


20Ó-222 


Iii,  8  bzw.  130,  22  bis  131,  Ii  kein  anderer  als  jener  Vetter  ge- 
wefen fein,  den  er  den  erbittertften  Feind  feiner  Ehre,  feines  Lebens, 
feines  Vermögens  nennt.   Keinem  anderen  als  ihm  wird  alfo  das 

mißglückte  Attentat  gegolten  haben.  206.  25 — 26.  <2io.  17 

bis  18.  >  Vgl.  204,  18 — 19.   206.  26 — 28.  <2io.  18 — 21.  >  Lim- 

boreh  zeigt  fich  über  die  Herkunft  des  Manufcripts  wohlunterrichtet 
und  hat  wohl  auch  gewußt,  wer  der  ausgezeichnete  Mann  ans  diefer 
Stadt  war,  der  Episcopius  offenbar  fehr  bald  nach  da  Coitas  Tod 
(Episcopius  ift  felbft  fchon  1643  geftorben)  die  Abfchrift  ver- 
fchaffte,  wollte  aber  wohl  den  Namen  nicht  nennen.  Da  er  mit 
offenbarem  Refpect  von  ihm  fpricht,  kann  er  kaum  ein  Ketzer 
oder  Freigeift  gewefen  fein.  Man  möchte  in  erfter  Linie  an  ein 
Mitglied  der  portugiefifchen  Gemeinde  denken  und  von  diefer  war 
Menafcheh  ben  Ifrael  mit  Episcopius  befreundet  (vgl.  Kayferling, 
Menaffe  Ben  Ifrael  in  Jahrbuch  für  die  Gefchichte  der  Juden,  I.  Bd. 
Leipzig  1860,  S.  116).  Wenn  es  auch  nicht  unmöglich  ift,  daß 
diefer  dem  Episcopius  die  Abfchrift  beforgte,  fo  wird  man  doch 
den  Mann,  der  die  Überfetzung  herilellte  und  fie  nach  Hamburg 
fchickte,  wohl  unter  den  marranifchen  Freigeiftern  zu  fuchen  haben. 
ZUM  ANHANG:  M  EN  ASCH  EH  BEN  ISRAEL  IM  BANN. 

212 — 222. 

Die  Urkunden  über  die  Excommunication  Menafcheh  ben  Ifraels 
werden  hier  ihres  allgemeinen  Intereffes  halber  zum  erften  Male 
mitgeteilt,  obgleich  der  Vorfall  felbft  mit  der  Gefchichte  da  Coftas 
keinen  Zufammenhang  hat.  Wenn  die  Suspenfion  Menafchehs  von 
feinen  gottesdienftlichen  Functionen  Mitte  Februar  ftattfand,  fo 
könnte  fie  für  ihn  ein  Alibi  hinfichtlich  der  Execution  da  Coftas 
bedeuten,  und  Menafcheh  wäre  dann  durch  einen  zufälligen  Um- 
ftand  ebenfo  verhindert  gewefen,  daran  mitzuwirken,  wie  ihn  1656 
feine  Miffion  nach  England  verhinderte,  an  der  Excommunication 
Spinozas  mitzuwirken.  (Irrig  ift  Volkmanns  Annahme,  a.  a.  0. 
S.  60,  Menafcheh  fei  am  Verfahren  gegen  da  Cofta  nicht  beteiligt 
gewefen,  weil  er  zur  Zeit  in  England  weilte.)  Die  Documente  212,  5 
bis  217,  Ii  finden  fich  im  Archiv  der  portugiefifch-ifraelitifchen 
Gemeinde  in  Amfterdam,  der  Manufcriptband,  der  das  Document 
217,  14  bis  222,  22  enthält,  im  Befitz  des  portugiefifch-ifraelitifchen 
Seminars  in  Arr  fterdam. 


212-222 


ZU    DEN  REGESTEN 


283 


212.  6.  (214.  18.  >  Die  Tevah  oder  Tebah  (fDfl  =7=  Lade)  ift  der 

Sepher  Thora- Schrank.    212.  10.  <2I4.  23.)  Die  Ashamah, 

Ascamah   oder  Escamah  (TOptK)   ift  ein  Gemeindeftatut  oder 

Gemeinderegulativ.    212.  12.  <2I4.  25.)  Mahamad  (ID^D) 

ift  der  Gemeindevorftand.   212.  18.  <2I4.  31.)  Cherem  (Din) 

der  Bann.    213.  1.  (215.  19.)  Gabay         =  Einnehmer)  ift 

der  Collectenfammler,  Schatzmeifter,  Verwaltungsbeamte  der  Ge- 
meinde.  213.  2.  <2I5.  20.)  Chazan  (}tn)  Vorfänger.   

213.  11.  <  215.  32.  >  Vgl.  Anm.  zu  157,  6.  217.  16.  <  219.  27.  > 

Worum  es  fich  bei  diefem  Streit,  bzw.  bei  dem  Pasquillen  handelt, 
habe  ich  noch  nicht  feftftellen  können.  Es  ift  die  Zeit,  in  der  ein 
Teil  der  Gemeindemitglieder  fich  zur  Auswanderung  nach  der  1624 
von  Holland  eroberten  und  1640  formell  von  Portugal  abgetretenen 
Colonie  Brafilien  entfchloß  (1642  find  Aboab  und  d' Aguilar  aus- 
gewandert) und  mit  diefen  Plänen  oder  Vorbereitungen  wird  wohl 

die  Affaire  im  Zufammenhang  geftanden  fein.  217.  31 — 32. 

<  220.  17.)  Beracha  (rDH),  Segen  bzw.  Fluch,  bedeutet  hier  den 

Bann.  219.  5.  <22i.  34.)  Der  Name  der  1639  geeinigten 

Gefamtgemeinde.  219.  19 — 22.  <222.  18 — 22.)  Die  fragliche 

Seite  im  Livro  dos  Acordos  da  Nagam  ift  mit  einem  weißen  Blatte 
zugeklebt,  auf  dem  folgendes  fteht:  Em  8  de  Ylul  foy  refoluido 
pelos  Sr  es  do  Mahamad  que  por  bons  ref peitos  fe  cubriffe  efta  folha 
e  ifto  firmarão.  Jehuda  Touro  —  Jacob  Gabay  Faro  —  Selomoh 
Curiel  —  Abraham  Aboaf  —  Jofuah  de  los  Rios  —  Mofeh  de  Mes- 
quita —  Selomoh  Salom.  {Am  8.  September  1647  wurde  durch  die 
Herren  des  Mahamad  befchloffen,  aus  Ehrerbietung  diefe  Seite  zu- 
zudecken und  dies  -unterzeichneten  ufw.). 

NACHTRÄGE  UND  BERICHTIGUNGEN. 
Zu  XXV.  1 — 12.  Auf  den  Häretiker  von  1618  bezieht  fich  ohne  Zweifel 
auch  ein  Brief  in  einem  Sammelband,  aus  dem  Brody  (in  Jewish  Quarterly 
Review  XIII,  1922,  S.  96)  eine  Stelle  veröffentlicht.  Auch  hier  ist  der  libe- 
rale Kritiker  der  Tradition  und  Rafchis  Arzt.    Da  von  zwei  Amfterdamer 

Gemeinden  die  Rede  ift,  fällt  der  Brief  zwifchen  1608  und  161 8.  Zu 

40.  4 — 7.   Von  acabarfeam  bis  def andar  nicht  curfiv.  Zu  45.  18 — 22. 

Von  que  despois  bis  cantar  und  von  que  he  neffe  dia  bis  raciocinara  nicht 

curfiv.  Zu  71.  6.   Lies:  eine  Zahl  von  Jahren  wird  vergehen.  Zu 

71.  7 — 10.   Von  vollenden  bis  werde  nicht  curfiv.  Zu  77.  24 — 29.  Von 

denn  dann  bis  können  und  von  an  dem  Tage  bis  fchließen  nicht  curfiv.  

Zu  89.  13 — 17.  Lies:  und  ich  fah,  daß  der  Menfch  das  ganze  Tun  Gottes 
nicht  ergründen  kann,  das  Tun,  das  unter  der  Sonne  gefchieht;  aus  Liebe 
dazu  wird  der  Menfch  fich  mühen  es  zu  fuchen  und  wird  es  nicht  ergründen. 


284 


NACHWORT. 
Wenn  es  möglich  geworden  ift,  in  diefem  Buche  Uriel  da 
Cofias  Lehrmeinungen  zum  erfien  Male  unmittelbar  und  im 
Zufammenhang  zur  Darftellung  zu  bringen  und  fein  Leben 
aus  den  geficherten  Urkunden  erfiehen  zu  laffen,  fo  ifi  dies 
abge/ehen  von  einigen  glücklichen  Funden  vor  allem  der 
bereitwilligen  Unter fiützung  und  dem  fördernden  Inter ef Je 
zu  danken ,  die  die  je  Arbeit  während  ihrer  Entfiehung 
gefunden  hat.  Der  Dank  gebührt  zunächfi  vier  Infiituten, 
die  ihr  Material  in  der  liberalfien  Weife  zur  Ver- 
fügung /teilten:  der  Rofenthaliana  in  Amfterdam,  deren 
Sammlung  fephardifcher  Drucke,  vor  allem  deren  Exemplar 
des  Tratados  da  Silvas  der  Unter fuchung  die  Grundlage 
boten;  der  Bibliothek  des  Seminars  der  portugiefijch-ijrae- 
litifchen  Gemeinde  in  Amfterdam,  der  traulichfien  Bücherei 
der  Welt,  deren  noch  unerfchloffene  Handfchriftenfchätze 
mannigfach  Auffchluß  gaben,  fo  wie  fie  der  Forfchung  für 
die  Zukunft  noch  reiche  Belehrung  verheißen;  dem  Archiv 
der  portugießfch-ifraelitifchen  Gemeinde  in  Amfterdam,  das, 
in  feinem  Beftande  wohl  zuweilen  überfchätzt,  hier  in  der 
freundlichften  Weife  off  enge/teilt  eine  Nachprüfung  der  Ur- 
kunden aus  der  da  Cofta-Zeit  ermöglichte;  fchließlich  der 
Frankfurter  Stadtbibliothek  mit  ihrer  reichen  Judaica- 
Sammlung  alter  und  neuer  Zeit  als  fiets  bereiter  Material- 
fammlung.  Darüber  hinaus  gebührt  der  Dank  den 
Männern,  die  diefe  Inftitute  lebendig  machen  und  die  ihr 
reiches  Wiffen  jederzeit  die f er  Arbeit  liehen:  Herrn  Prof. 
Dr.  A .  Freimann  in  Frankfurt,  deffen  umf äff  ende  Sach- 
kenntnis ftets  zu  jedem  Rate  bereit  war;  Herrn  J.  S.  da 
Silva  Roja,  der  in  der  Übermittlung  und  Sicher ßellung 
der  handjchrijtlichen  Texte  unermüdlicher  Heljer  war; 
Herrn  J.  M.  Hillejum  als  kundiger  Wegweijer  durch 
die  Amfier damer  Literatur  des  ij.  Jahrhunderts;  Herrn 


285 


Mendes  da  Cofia  als  bereitwilligen  Erfchließer  und  Deuter 
der  Urkundenbücher  des  portugieftfch-ifraelitifchen  Archivs. 
Auch  dem  umf äff  enden  Kenner  der  Gefchichte  der  jüdifchen 
Gemeinden  in  Amfierdam,  Herrn  Sigmund  Seeligmann, 
dankt  die  Arbeit  mannigfachen  Rat.  Herr  Adam  Querido  in 
Ouderkerk  forfchte  nach  den  da  Cofia -Gräbern,  nachdem 
er  IÇ20  mit  dem  Verfaffer  zufammen  die  Spinoza-Gräber 
aufgedeckt.  Ferner  ifi  Herrn  Jacob  S.  Pofen  in  Frankfurt 
zu  danken,  der  den  Über  fetzungen  aus  dem  Hebräifchen 
die  Sicherheit  feiner  Sprachbeherrfchung  und  ihrer  Com- 
mentierung  feine  Sachkunde  lieh.  In  gleicher  Weife  hat 
die  befie  Kennerin  des  Portugiefifchen  in  Deutfchland, 
Frau  Lector  Luife  Ey  in  Hamburg,  deren  Grammatik 
den  Weg  in  den  Geifi  der  portugiefifchen  Sprache  weift 
und  deren  Lebensarbeit  der  Annäherung  deutfchen  und  por- 
tugiefifchen Geifies  gilt,  die  Überfetzungen  aus  dem  Portu- 
giefifchen überprüft  und  manche  dunkle  Stelle  klar-,  manche 
zweifelhafte  ficher gefeilt.  Und  nicht  zuletzt  gebührt  der  Dank 
zwei  Männern,  deren  förderndes  Inter effe  die  Amfierdamer 
Unter fuchungen  erleichtert:  Herrn  Kurt  H.  Schmidt  in 
Amfierdam  und  weiland  Herrn  Heinrich  Hüttenbach  in 
Amfierdam. 


\ 


INHALT. 


Einleitung :  Da  Cofta  und  das  Marranenproblem    .  V 
Die  Gründung  der  fephardifchen  Gemeinde  in 

Amfterdam  VIII 

Die  Spaltung  des  Bewußtfeins  XIX 

Das  Schickfal  da  Coitas    .   .  .   XXVI 

Da  Cofta  und  Spinoza   XXXIII 

Propoftas  contra  a  Tradição  /  Thefen  gegen  die  Tra- 
dition   i 

Sobre  a  Mortalidade  da  Alma  /  Über  die  Sterblichkeit 
der  Seele  '  33 

Exemplar  Humanae  Vitae  /  Ein  Beifpiel  menfchlichen 
Lebens  .103 

Regelten  147 

Anhang:  Menafcheh  ben  Ifrael  im  Bann    .  .  .  .212 

Anmerkungen  223 

Zur  da  Cofta-Literatur  225 

Zur  Einleitung  233 

Zu  den  Propoftas  contra  a  Tradição  248 

Zu  Sobre  a  Mortalidade  da  Alma  253 

Zum  Exemplar  Humanae  Vitae  259 

Zu  den  Regeften  271 

Nachwort   ,  284 


CURIS  SOCIETATIS  SPINOZANM 
BIBLIOTHECA  SPINOZANA 


TOMUS I:  Spinozana  1897-1922  /  Bevattende 
Uittrekf eis  uit  de  Jaarverf lagen  van  den  Secre- 
taris  derVereeniging  Het  Spinozahuis  /  Bene- 
vens  een  Levensbericht  omtrent  Dr.  W.  Meijer 
en  eene  Lijft  van  diens  Gefchriften / geb.  fl.  4.- 

*  ❖ 

TOMUS  II:  Die  Schriften  desUriel  daCofta/ 
Mit  Einleitung,  Übertragung  und  Regeften 
herausgegeben  von  Carl  Gebhardt  /  geb.  fl.  7.- 

*  * 

Sequitur  T  0  m  u  s  III :  Leone 
E  b  r  o   I   Dialoghi  d  i  Amore 


University  of  Toronto 
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